Ein neues Jahr beginnt und mehr weiß ich auch nicht. Eine Standortbestimmung. 

Als ich über einen Blogartikel als eine Art öffentliche, persönliche Selbstreflexion nachgedacht habe, wollte ich zunächst mit einer alten Raumschiff-Enterprise-Folge starten: „Geheime Mission auf Celtris III, Teil II“, eine spannende Folge, in der Captain Picard nach dem Beispiel von George Orwells „1984“ gebrochen werden soll, indem ihm immer wieder dieselbe Frage gestellt wird: Wie viele Lichter sind zu sehen? Die Antwort, die er dem echsengleichen Wesen, einem Cardassianer namens Gul Madred geben soll, ist 5, obwohl es nur 4 Lichter sind.

Dann dachte ich, wieso nicht das Original nehmen, also Orwells „1984“. Hier wird dasselbe Spiel mit Fingern gespielt. Der Protagonist Winston Smith soll seinem Verhörer sagen, dass er vier Finger sieht, obwohl es fünf sind. Er soll gebrochen werden, was am Ende auch geschieht, indem er eingesteht, dass er seinen Peiniger, Big Brother, liebt.

“He gazed up at the enormous face. Forty years it had taken him to learn what kind of smile was hidden beneath the dark moustache. O cruel, needless misunderstanding! O stubborn, self-willed exile from the loving breast! Two gin-scented tears trickled down the sides of his nose. But it was all right, everything was all right, the struggle was finished. He had won the victory over himself. He loved Big Brother.”

Dann dachte ich, dass ich vielleicht mit dem lustig-tragischen Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“ beginne. In diesem Film wacht der geniale Bill Murray jeden Tag auf, zieht eine Miene, die mir seit dem letzten und diesem Schuljahr auch bekannt ist, und durchlebt einen einzigen Tag viele Male. Ihn deprimiert das zunächst so, dass er viele Suizidversuche begeht, bis er sich dann entschließt, das beste aus dem Tag zu machen. So ungefähr.

Aber passt das alles, um einen Artikel zu beginnen, in dem es eigentlich nur darum geht, dass sich nichts an einer Situation ändert, die sich immer ändert? Das Kultusministerium als Folterknechte, die immer wieder auf die vier Lichter deuten und fragen: Erkennst du an, dass Präsenzunterricht das Wichtigste ist? Oder als Behörde, die eine Dauerüberwachung durchführt? Oder die immergleichen Tage, als ironische Deutung darauf, dass die Meldungen wie in einem schlechten Zeitreisefilm sind? Nein, irgendwie passt das nicht oder höchstens, um zu zeigen, wie schwierig mir gerade die Orientierung fällt.

Am Anfang des letzten Jahres bzw. zu Beginn der Pandemie hatte ich noch so etwas, was man einen Tunnelblickpragmatismus nennen könnte. Dann folgten die ersten Irritationen, Frustrationen, Resignation, immer wieder im Wechsel.

In den letzten Tagen meine ich bemerkt zu haben, dass diese Überforderung bei gleichbleibender Orientierungslosigkeit bei mir (trotz der vielen Versuche, kollektive Aufschreie zu erzeugen, alles humoristisch zu verarbeiten oder Hilfsangebote herzustellen) eine Starrheit erzeugt hat. Und das empfinde ich bei anderen auch. Es scheint, als habe die Zeit zu einer Art verständlichem Tribalismus geführt, bei dem jeder nur auf sich und seine Gruppe schaut. Nachvollziehbar, ja. Aber auch einseitig. Besonders bemerkte ich das bei dem Artikel von Jan Martin Wiarda, der differenziert über eine Eisenmann-Aussage schreibt. Ich habe das Gefühl, diese Form von Differenziertheit ist mir abhanden gekommen.

Und jetzt? Vorgestern fragte mich mein Vater, wie es denn weitergehe mit den Schulen? Und ich kann gar nichts mehr sagen. Ob sich die Kultusminister treffen oder nicht – es scheint irgendwie egal, irgendwie belanglos. Denn schon im Vorfeld scheren die ersten aus. Und in Baden-Württemberg hat man das Gefühl, dass auch ein Übereinkommen nach einer Woche wieder wie aus dem Nichts gekippt werden kann. Was soll ich vorbereiten? Und worauf soll ich mich vorbereiten?

Ich beneide gerade jene Leute, die einfach weiterschreiben, weitermachen, weitertweeten, Ideen überlegen, Konzepte gestalten, Ideen wechseln. Nicht dass ich das nicht wollte, aber ich weiß gerade nicht, wozu.

In Baden-Württemberg beginnt am 11. die Schule wieder. Vielleicht. Vielleicht auch nicht oder ganz anders. Bis dahin werde ich wohl jeden Tag ein wenig dieses und jenes machen und weiter darüber nachdenken, wie viele Lichter ich denn sehe oder Finger und welche Vergleiche sich eigentlich anbieten würden für diese Situation der Orientierungslosigkeit.

4 KOMMENTARE

  1. Oh man, was musste ich gerade schmunzeln. Ich nehme mir vor, zu planen und zu umorganisieren und dann sitze ich am Schreibtisch – schaue auf den Kalender, schlage die Hände vorm Gesicht zusammen und frage mich wozu? Selbst wenn ich wollte, ich kann nichts planen – für wen denn? Ich weiß ja gar nicht, was ab dem 11.1.2021 ist. Wirklich planen kann man dann wieder ganz spontan ab dem 9.1.2021. Man erfährt ja sehr gut durch die Presse, wie es mit den Schulen weitergeht. Meine SuS entgleiten mir immer mehr – das Wissen, was ich mühsam in die Köpfe bekommen habe, sehe ich zusehends über den Jordan gehen, weil die Übungs- und Wiederholungsphasen weg sind. Der Mensch ist nun mal zum Faulenzen programmiert und ich sitze hier und ahme „Der Schrei“ von Edward Munch nach, wenn ich nur an das Danach denke – mir graut es einfach vor allem und der Enthusiasmus kann auch nicht alles wettmachen, was von obersten Stellen versaubeutelt wird. Ich denke mit Grauen an meinen letztes Szenario B zurück – die meisten SuS hatten so eine instabile Internetleitung, dass sie an meinem Onlineunterricht nicht teilnehmen konnten. Ich bin schon wieder am Überlegen, ob ich YouTube Videos drehe, so wie an meiner alten Schule, um so halbwegs etwas wie Unterricht gewährleisten zu können … ich liebe Schule, aber so kann ich nicht (auf Dauer) arbeiten 😉 …

  2. Es wird dir kein Trost sein, aber hier, etwas weiter oben im Norden, sieht es drinnen und draußen ähnlich aus.
    Eigentlich schien für die Zeit nach dem 11. alles geregelt und klar, heute gerät alles ins Wanken, und irgendwie ist es einem schon fast egal. Was immer kommen mag, hält ja doch nur von Zwölf bis Mittag.
    Etwas humorvoller Fatalismus hilft tatsächlich , aber Unterricht vorbereiten kann man gerade entweder nur sehr knapp und pragmatisch oder sehr aufwändig für vier verschiedene Szenarien. Die vier können auch fünf sein, ist aber in jedem Fall zum Brechen.

    • Ein wenig Trost ist es schon. Man ist nicht alleine. Aber auf der anderen Seite: Schade, dass genau das nicht zu mehr geführt hat oder führt.

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