Immer mehr Lehrerinnen und Lehrer tummeln sich auf Social-Media, besonders auf Instagram und Twitter unterhalten dort eigene Kanäle, vernetzen sich und diskutieren über aktuelle Themen der Bildungspolitik. Dabei kommt es zwangsläufig zu Fragen nach Datenschutz, Kommunikation und ethisch-moralischen Aspekten. Der Versuch einer Einordnung. 

Eine Anmerkung

Gerade in den letzten Wochen habe ich immer wieder Anfragen bezüglich Social-Media bekommen. Hauptsächlich ging es um die Frage, wie ich mit Schüler*innen umgehe, die folgen, wie ich auf Reaktionen reagiere und wie ich überhaupt zu Social-Media-Auftritten stehe. In diesem Artikel versuche ich, soweit möglich, darauf einzugehen. Es sei aber direkt auf zwei Defizite hingewiesen: Der rechtliche Aspekt, den ich einbringe (wie immer ohne Gewähr) bezieht sich auf Verwaltungsvorschriften aus Baden-Württemberg, die zu allem Überfluss auch noch gerade überarbeitet werden. Inwiefern der in den letzten Wochen so lieb gewonnene Bildungsföderalismus hier länderspezifische Überraschungen bereit hält, weiß ich nicht. Ich würde mich diesbezüglich über Kommentare mit dazugehörigen Links freuen.

Die kürzeste Regel

Leider weiß ich nicht mehr, wer auf Twitter vor kurzem diese Aussage tätigte (bitte melden), aber ich schließe mich dieser „Regel“ für Instagram an: Poste nichts, was du nicht auch deiner Großmutter zeigen würdest – zumindest, wenn du einen offenen Account hast.

Es wird schon hier deutlich, dass dies eher vage ist, aber eine Orientierung liefert es allemal. Das Problem ist: Hier haben wir nur eine Dimension eines möglichen Verhaltens. Ich würde nämlich vorschlagen, Social-Media-Nutzung von Lehrer*innen vor dem Hintergrund von zwei Aspekten zu betrachten: Rechtlich und normativ. Beide Aspekte liefern zwar Handlungsspielraum, aber vor allem bei Zweiterem ist das Urteil sicherlich noch nicht gesprochen, weil die Nutzung von Medien, die allzu oft noch als „neu“ gelten, noch nicht abgeschlossen ist.

Allgemeines

Bevor wir auf einige rechtliche Aspekte schauen, sei darauf hingewiesen, dass das baden-württembergische Kultusministerium den „Umgang mit Medien“ als Schlüsselkompetenz ausgemacht hat. Einen Umgang zu erlernen ist also auch von Seiten des Diensträgers gewünscht (auch wenn es nicht explizit erwähnt wird: Aber wie kann man zum Experten werden, außer selbst den Umgang zu erleben?).

Rechtliches – allgemein

Das Wichtigste, aber auch Offensichtlichste zuerst: Die dienstliche Verarbeitung personenbezogener Daten ist verboten. Das heißt also, dass man, grob gesagt, keine Noten auf Instagram bekannt machen dürfte. Andererseits ist allerdings die generelle Nutzung im Unterricht nicht verboten:

Im Rahmen des Unterrichts dürfen Soziale Netzwerke jedoch dazu genutzt werden, um Funktionsweise, Vorteile, Nachteile, Risiken usw. pädagogisch aufzuarbeiten.

Eine Nutzung von Instagram als Impuls für den Unterricht ist also in der Regel erlaubt. Andrerseits ist es verboten, Schüler*innen die Aufgabe zu geben, einen Account zu erstellen. Auch wenn es an dieser Stelle eher um die individuelle Nutzung von Instagram geht, sei hier angemerkt, dass ein Schulaccount unter diesen Bedingungen (siehe oben) erlaubt ist:

Obgleich auch die Nutzung von sogenannten Fanpages zur Selbstdarstellung von Schulen derzeit rechtlich umstritten ist, können solche Fanpages von Schulen genutzt werden.

Es sei der Hinweis gestattet, dass ich den Begriff „Fanpage“ noch von keiner anderen Instanz gehört habe außer dem Kultusministerium und dass im selben Absatz davon abgeraten wird, solche Accounts zu nutzen. Die Begründung verkennt allerdings den Unterschied von Homepages und sozialen Medien und ist somit, aus meiner Sicht, veraltet.

Rechtliches – privat

Momentan werden die gesetzlichen Grundlagen der privaten Nutzung von Instagram und anderen sozialen Medien in Baden-Württemberg überarbeitet. Bis vor kurzem gab es jedoch (nachvollziehbare) Leitsätze, die für die private Nutzung von sozialen Netzwerken wie Instagram galten. Dort hieß es: 

ACHTEN SIE BEI DISKUSSIONEN IN SOZIALEN MEDIEN AUF ANGEMESSENE UMGANGSFORMEN UND BE- HANDELN SIE ANDERE MIT RESPEKT . DAZU KANN ES AUCH GEHÖREN, ÄUSSERUNGEN ZU REVIDIEREN UND FEHLER EINZUGESTEHEN . AUCH BEI EMOTIONALEN AUSEINANDERSETZUNGEN SOLLTEN SIE SICH BEMÜHEN, SACHLICH UND HÖFLICH ZU BLEIBEN. BERÜCKSICHTIGEN SIE, DASS ÄUSSERUNGEN, DIE IM EIFER DES GEFECHTS GEMACHT WERDEN, FÜR EINEN UNBESTIMMTEN ZEITRAUM ÖFFENTLICH NACHZULESEN UND AUFFINDBAR SIND .

Das bedeutet also – zumindest für die bisher geltenden Bestimmungen für Baden-Württemberg – das eine Nutzung von Instagram als Lehrer*in erlaubt ist, soweit dies angemessen und vernünftig geschieht. Es zeigt sich also, dass das viel größere Problem ist, was genau unter „vernünftig“ fällt.

Normative Betrachtung

Unter einer „normativen Betrachtung“ verstehe ich, wie man selbst und/ oder andere die Nutzung von Social-Media beurteilen. Und hier tun sich natürlich die größten Unterschiede auf. An dem Fall einer Lehrerin, die sich auf Instagram im Badeanzug zeigte, lässt sich am besten ablesen, welche Kontroversen die Nutzung auslösen kann. In diesem konkreten Fall zeigte sich die Kontroverse an der Frage, ob nicht genau jene Darstellung eines „normalen“, also nicht modellmäßigen Körpers eine Vorbildfunktion deutlich machen würde. Andere Stimmen verwiesen genau aus dem gleichen Grund darauf, dass es eben nicht ginge – eine Frage der moralischen Beurteilung also.

Solcherlei fälle lassen sich nicht lösen, sondern allenfalls aushandeln. Ist es in Ordnung, dass ich als Lehrer*in mit einem offenen Kanal meine privaten Hobbys zeige? Sollte ich den Kanal schließen? Sollte ich Schüler*innen verbieten zu folgen? Wie reagiere ich darauf, auf meinen Auftritt angesprochen zu werden?

Persönliche Beurteilung

Die oben genannten Punkte sind sicherlich jene, die am schwierigsten zu beantworten sind. Das liegt nicht nur aber auch an der Tatsache, dass Instagram zum einen ein Netzwerk ist, dass das Visuelle in den Vordergrund stellt. So ist die eigene Inszenierung dort zentral. Für Schüler*innen kann eben jene Inszenierung aber zu Problemen, Neid und Schuldgefühlen führen (nebenbei: Auch Erwachsene sind vor solchen Gefühlen nicht völlig immun).

Zum anderen, und dies habe ich erst durch eine zeitweise sehr intensive Nutzung erfahren, legen gerade bei Lehrer*innen die Bildunterschriften auch sehr private Gedanken offen. Beides, Inszenierung und Offenlegung kann bei einem offenen Account natürlich Auswirkungen haben, mit denen umgegangen werden muss.

  • Schüler*innen können auf Posts reagieren
  • Sie können diese sogar thematisieren oder darüber lachen, sich darüber lustig machen
  • Auch Kolleg*innen können alles sehen und sich ihren Teil denken
  • Und natürlich können sie dies auch ablehnen, was auch für die Schulleitung gilt

Eigene Erfahrungen

Bis jetzt, und ich klopfe auf Holz, habe ich noch keine großartig negativen Erfahrungen außerhalb von Instagram gemacht (innerhalb von Instagram und auch crossmedial über Twitter schon, aber auch dies sind Risiken, denen man sich stellen muss). Was allerdings in der Tat passiert, ist, dass Posts thematisiert werden (natürlich sowieso dann, wenn sie den Social-Media-Bereich verlassen und auf öffentlichen Nachrichtenseiten zu sehen sind). Konkret: Eine liebe Kollegin spricht mich immer mal an, sagt, dass sie sehr gelacht habe über einen Post. Eine Schülerin sprach mich auf ein Video an, ein anderer Schüler diskutierte mit mir über eine öffentliche Diskussion, die ich hatte. Meiner Schulleitung habe ich meinen Account auch schon gezeigt. Außerdem bekomme ich immer wieder Nachrichten von Eltern, die sich über die Einblicke freuen.

Bis zu diesem Zeitpunkt, und das sage ich nach fast 10-jähriger Nutzung von Social-Media, läuft es für mich darauf hinaus, dass eine öffentliche Nutzung dann funktioniert, wenn man mit sich und dem, was man tut, im Reinen ist. Denn kann hält sich die Verunsicherung über jene, die das Ganze kritisch sehen, in Grenzen. Das ist, zugegeben, aber schwerer als man meint.

Was also tun?

Ein englisches Sprichwort sagt, dass man den Keks nicht gleichzeitig haben und essen kann. Will sagen: Mit einem offenen Account muss man ab einer bestimmten Größe, die natürlich variieren kann, mit Reaktionen rechnen. Ablehnende Haltungen können damit zu tun haben, dass eine gewissen Verunsicherung ob der Nutzung von Social-Media besteht. Die Sozialisation zeigt sich dementsprechend sehr deutlich. Der Umgang mit Kritik oder Befremdung variiert natürlich, aber ich persönlich finde den offenen Austausch immer am besten, wenngleich natürlich klar ist, dass jene, die einen öffentlichen Auftritt dieser Art ablehnen, dies meist nicht offen tun.

Dennoch sollte jedem, der einen offenen Account hat, klar sein, dass dies thematisiert werden kann und wird. Aussagen, dass beispielsweise Schüler*innen von einem Account vollständig geblockt sind, laufen ins Leere, da die Übersicht spätestens ab einer vierstelligen Zahl problematisch, ab einer fünfstelligen unmöglich wird. Denn letztlich können sich ja zwischen den Followern auch Fake-Accounts verstecken.

Am Ende läuft es also auf die Kürzestregel hinaus. Und darauf, ob man hinter dem steht, was man tut, und in der Lage und willens ist, es vor Kritiker*innen zu verteidigen.

FAQ

Am Ende noch ein FAQ. Ganz im Sinne eines offenen Austausches sind alle Leser*innen eingeladen, sich an der Diskussion zu beteiligen, sei es nun hier oder auf Instagram. Denn trotz meiner Beurteilung aus der Sicht eines langjährigen Nutzers bleibe ich dabei, dass die Aushandlungsprozesse noch nicht vorbei sind. Und nebenbei ist es leider so, dass diese Erfahrungen sich auch erheblich zwischen den Geschlechtern unterscheiden. Die Erfahrungen mit Mobbing, Abwertungen, Shitstorms und Beleidigungen, die ich vor allem auf Twitter mitbekomme, sind bei Frauen ungleich ausgeprägter. Dies ist übrigens ein gesamtgesellschaftliches Problem, dass es unbedingt anzugehen gilt.

Würdest du dich mit Schüler*innen auf Facebook befreunden? 

Auf was? Da ist ja keiner mehr. Scherz beiseite: Ich habe hier nur so ein „vages Gefühl“, dass mir sagt, dass ich bis nach dem Abitur warte. Aber grundsätzlich spricht für mich (klar, solange der Datenschutz und die Dienstgeheimnisse angeht) eigentlich nichts dagegen. Auch hier ist der wichtigste Punkt aber, wie man das Netzwerk nutzt: Wenn man es tatsächlich „privat“ nutzt, dann muss man selbst entscheiden, wie tief die Öffentlichkeit und damit auch die Schüler*innen Einblick in das Seelenleben haben.

Würdest du dich mit Schüler*innen auf Twitter befreunden? 

Soll ich den dummen Scherz wiederholen? Auf was? Twitter ist ein teilweise elitäres Nischennetzerk. Also: Nichts dagegen. Ich liebe mein Twitter. Aber Schüler*innen sind dort sehr wenige zu finden. Und die, die dort sind, haben auch „ihr“ Twitter. Also ¯\_(ツ)_/¯

Würdest du als Lehrer*in auf TikTok posten? 

Ich habe es schon probiert und bin kläglich gescheitert. Vielleicht probiere ich es nochmal. Grundsätzlich haben wir es, neben einem, das muss man sagen, höchst problematischen Umgang mit Datenschutz, mit einem Netzwerk zu tun, das neben einer anderen Ästhetik und Erzähl- und Präsentationsweise, aus meiner Sicht auf der Grundlage derselben Überlegungen wie oben beurteilt werden kann. Insofern: Man kann den Keks nicht haben und essen.

Wie gehst du mit Schüler*innen um, die dich nach einem Post fragen?

Ich rede mit ihnen.

Wie gehst du mit Kolleg*innen um, die dich nach einem Post fragen?

Vor allem sachlich. Nicht jeder muss jede Entwicklung mitmachen. Und nicht jeder muss sie verstehen. Noch wichtiger aber: Nicht jeder kann etwas verstehen, was er oder sie nicht selbst gemacht hat. Deshalb bin ich zunächst einfach offen, sachlich und versuche zu erklären, was für mich der Gewinn an einer Nutzung von Social-Media ist. Mir geht es dabei aber weniger darum, Überzeugungsarbeit im Sinne einer privaten Nutzung zu leisten, sondern höchstens auf das Argument hinzuweisen, dass die Nutzung von Social-Media sogar bildungsplantechnisch implementiert ist.

Sonst noch was? 

Oben habe ich es angedeutet: Social-Media kann einen Sog auslösen. Likes und Kommentare können für gute Gefühle sorgen, die man immer wieder haben möchte. Sich davon nicht abhängig zu machen, ist bei einer regen Nutzung nicht einfach, aber wichtig. Ich empfehle Pausen, wenngleich es auch Stimmen gibt, die den digitalen Detox für falsch halten. 

 

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