Der folgende Analyseteil eines Werkvergleichs zwischen „Faust“ und „Steppenwolf“, der sich ausschließlich auf die Analyse der Studierzimmer-Szene bezieht, ist eine Ausführung einer Schülerin aus dem Kurs, die in Heimarbeit geleistet wurde. Nach einem Feedback von mir wurde der Text an einigen Stellen überarbeitet. Herzlichen Dank Carina Schell, dass Sie andere von Ihrer Arbeit profitieren lassen. 

Aufgabenstellung

  1. Interpretieren sie den Textauszug (Studierzimmer I)
  2. Beziehen Sie Wesentliches aus der vorangehenden Handlung ein.

Außentext:

„Nicht Erkenntnis ist das Ziel der (…) dargestellten Lebenskrise, sondern erst die zur Erfahrung gewordene Erkenntnis kann lebensverändernd Wirken“ (Aus Helga Esselborn-Krummbiegel, Hermann Hesse. Der Steppenwolf, S.83)

Vergleichende Betrachtung Steppenwolf/ Faust

„Nicht aus Büchern, sondern durch lebendigen Ideenaustausch, durch heitere Geselligkeit müsst ihr lernen“

Dieses Zitat, aus Goethes Aufzeichnungen, enthält einen Ratschlag, den sein wohl bekanntester Protagonist, Faust aus dem gleichnamigen Werk „Faust, die Tragödie erster Teil“ (1808) anfänglich nicht zu beherzigen weiß.

Bei Heinrich Faust handelt es sich um einen nach absoluter Erkenntnis strebenden Renaissancegelehrten, der in weitest gehender sozialen Isolation lebte. Im Mittelpunkt dieses Dramas steht nun die Entwicklung Fausts, der durch manipulativen Akte des Teufels, welcher sich dessen existenzielle Krise zunutze machen will, neue Dimensionen des Lebens kennenlernt.

In der vorliegenden Passage aus der Szene „Studierzimmer“ (V.1530-1605) erreicht Faust-mithilfe erster Manipulationen Mephistos- den Nullpunkt der fundamentalen Lebensabsage, der den darauffolgenden Teufelspakt (bzw. Wette) erst ermöglicht, und damit die gesamten Geschehnisse des Dramas erst katalysiert.

Schon in der Rahmenhandlung des Werkes, wird der spätere Teufelspakt angekündigt und verhandelt, denn Teil der Rahmenhandlung ist die Szene „Prolog im Himmel“, in welcher Mephisto und Gott, auf Grundlage deren unterschiedlicher Menschenbilder, eine Wette abschließen. Während Mephisto den Menschen als triebgesteuertes Tier sieht, ist er für den Herren ein vernunftgesteuertes Wesen, was nach Höherem strebt. Die Wette besteht darin, dass Mephisto Faust auf seine Seite ziehen muss, Faust wird ist folglich ein Repräsentant der Menschheit, beide probieren anhand seines Verhaltens ihr gesamtes Menschenbild zu beweisen.

Am Anfang der Binnenhandlung befindet sich der Mann im mittleren Alter in einer schweren Lebenskrise, ausgelöst durch die Begrenztheit seiner Erkenntnismöglichkeiten. Es folgen zahlreiche Entgrenzungsversuche, beispielsweise die Beschauung des Makrokosmus (V.430-460), die Beschwörung des Erdgeistes (V.461-513). Alle diese Versuche scheitern. Als Faust dann einen Pudel mit nach Hause nimmt, entpuppt sich dieser als Mephisto. Nach einmaligem Vertagen des Paktes, spielt sich die vorliegende Szene ab.

Faust ist tiefen Depressionen verfallen, als ihn Mephisto besucht, ihn umkleiden will und mit ihm los in die Welt ziehen möchte. Faust entgegnet darauf nur Missmut über sein gesamtes Leben, das von Entbehrung und Enttäuschung geprägt ist. Nachdem Faust den Wunsch äußert zu sterben, erinnert ihn Mephisto an seinen abgebrochenen Suizidversuch, was Faust eine Fluchtriade entlockt, die eine fundamentale Lebensabsage enthält.

Die ersten Verse sind Stichomythien und zeigen dadurch abermals die Begrenztheit der Macht Mephistos auf: Er kann erst in das Studierzimmer, wenn Faust ihn- ganz nach beschwörungstechnischer Manier- drei Mal „herein“ (1530, 1532,1534) bittet. Dies, verbunden mit  dem ausgeglichenen abwechselnden Wortwechsel der Stichomythien vermittelt ein Gefühl von Augenhöhe, welche später für die Umformung des Paktes in eine Wette, auf welche diese Szene hinausläuft, essenziell ist.

Mephisto tritt verkleidet auf, mit „Goldverbrämten Kleide“(V.1538), was einen hohen symbolischen Wert hat, grenzen sich doch zur damaligen Zeit verschiedene Gesellschaftsgruppen über ihre Kleidung ab. Mit der Aufforderung Fausts zum Anlegen der gleichen Kleidung  geht also ein Erheben über bürgerliche Normen und Sitten einher. Gleichzeitig sind „Hahnenfeder“ und Kleidung der Farbe Rot (vgl. V.1536) klassische Insignien des Teufels, die Befreiung aus den standesgebundenen Grenzen der Gesellschaft wird also mit einer Art „Einteufelung“ gleichgesetzt.

Faust jedoch reagiert auf diesen Vorschlag abweisend, er entsagt regelrecht dem materialistischen (man erinnere sich hier an Mephistos triebgeprägtes Menschenbild) Wunsch der schönen Kleidung, indem er ihm die metaphorische „Pein des engen Erdenlebens“ (V.1544-1545) entgegensetzt. Hier zeigt sich schon das Missverständnis Mephistos, er versteht Fausts komplexe zwei Seelen-Problematik nicht. Einem realen, physischen Gegenstand setzt er eine Metapher über seinen Konflikt entgegen.

Im folgenden Monolog verschafft Faust seiner Verzweiflung über seine momentane Lebenssituation Ausdruck. Sein Leben sei von einem Gefühl permanenter Entbehrung geprägt, eine Tatsache, die sich auch in seiner Rhetorik wiederspiegelt. Er verwendet auffällig viele verabsolutierende Ergänzungen, der Gesang der Entbehrung währt „ewig“ (V.1550), klingt „jedem“ (V.1551) in den Ohren und verleitet ihn dazu „nur“ (V.1554) mit Entsetzen aufzuwachen. Hier zeigt sich, wie ernst die Lebenskrise, in der er steckt, doch ist.

Es folgt die Beschreibung eines Tages, von morgens bis abends, was auch auf den gesamten „Lebenstag“ übertragen werden kann, dass jeder Tag seines Lebens so abläuft. Dies wird durch eine rhetorische Kniffe noch verstärkt, beispielsweise die Repetitio, dass ihm der Tag „nicht Einen“ Wunsch erfüllen wird und auch der parallele Aufbau der darauffolgenden Verse unterstützt die Monotonie, derer er überdrüssig geworden ist.

Außerdem wird hier ein Konflikt zwischen innerer Gefühlswelt und äußerer Handlungswirklichkeit etabliert: der „Ahnung“ (V.1558) einer Gefühlsregung wird der, nicht nur onomatopoetisch harte, „Krittel (V.1559) entgegengesetzt, genau wie der „Regen Brust“ (V.1560) die onomatopoetisch harten „Lebensfratzen“(V.1561) entgegengesetzt werden. Durch die versweise Gegenüberstellung von Innen und Außen wird diese Diskrepanz noch mehr verstärkt.

Zusammenfassend lässt sich also festhalten, dass Faust in diesem ersten Abschnitt über die Grenzen seiner Existenz klagt, die in Kontrast zu seiner nach mehr lechzenden Gefühlslage steht.

Ferner erinnert das Ende des Monologes stark an die Situation der biblischen Figur Hiob. Faust klagt, dass nicht mal der Schlaf ihm Friede bringt, weil ihn „ wilde Träume schrecken“, genau wie Hiob: „Mein Bette soll mich trösten, mein Lager mir erleichtern, so erschreckst du mich mit Träumen“ (Hiob) und Hiob hat ebenfalls aufgegeben: „Ich begehre nicht mehr zu leben“ (Hiob), wie Faust, der im Gegensatz zum verhassten Leben den „Tod erwünscht“(V.1571).

Zum einen findet sich hier ein Rückbezug auf die Szene „Prolog im Himmel“, wo Faust ebenfalls Hiobs Rolle einnimmt (vgl. V.1571). Hiob ist eine biblische Figur, die von Gott mit schweren Schicksalsschlägen geprüft wird, die von Satan ausgeführt werden. Letztendlich stellt Gott sein Glück wieder her und erlöst ihn. Ähnlich verhält es sich mit Faust. Kurz bevor Faust die Wette eingeht, wird nochmal auf Hiob verwiesen, was in gewisser Weise die Erfolgschancen Mephistos hinter negative Vorzeichen stellt.

Zum anderen ergibt sich aus diesem biblischen Verweis eine Antithetik mit dem Teuflischen, verkörpert durch Mephisto, der in Teufelsinsignien aufwartet und mit Beschwörungsformel hereingelassen werden muss. Diese Antithetik verhindert zunächst auch das Zustandekommen des Paktes, Faust ist von dem teuflischen Angebot schlichtweg nicht überzeugt.

Nun findet allerdings eine erste Manipulation durch Mephisto statt, die Faust die Gegensätze ausblenden lässt und die zu dem Höhepunkt der Verzweiflung.

Die Manipulation Mephistos besteht darin, dass er zuerst andeutet, dass „der Tod (nie) ein ganz willkommener Gast“(V.1571) ist, woraufhin Faust aber immer noch am Todesgedanken  festhält (vgl. V.1572-1578). Als Mephisto dann aber konkret auf den abgebrochenen Suizidversuch hinweist, kommt Faust von diesem Gedanken ab, die Erinnerung bringt die nun folgende Fluchrede erst ins Rollen. Hier zeigt sich die eigentliche Macht Mephistos, die darin besteht, das Wissen, welches er über andere hat, so einzusetzen, dass sie in seinem Interesse handeln.

Die bedeutendste Passage der vorliegenden Textstelle, die Verfluchung von allem, lässt sich in sechs Quartette untergliedern. Die jugendlichen Gefühle, die beim Hören der Osterglocken aufgekommen sind, haben sich für Faust als Betrug herausgestellt, und so verflucht er nun alles andere auch, „was die Seele mit Löck- und Gaukelwerk umspannt“(V.1588). Im dritten und vierten Quartett wird dies nun konkretisiert: Besitz, Stolz und Ruhm gehören dazu, (vgl. V.1591ff) und insbesondere auf Gier wird eingegangen, ihr wird ein eigenes Quartett gewidmet: Die Für die Gier gewählte Metonymie „Mammon“ ist deswegen auffällig, weil es sich hierbei um einen biblischen Charakter handelt, und er wortwörtlich schon einen Teil der Bibel verflucht, ein erster Hinweis auf die Auflösung der Antithetik und der Hinwendung zum Teuflischen.

Verwendet Faust bist zu diesem Zeitpunkt „Verflucht“, so wechselt er im letzten Vers zu der verkürzten Form „Fluch“, was in einem schnelleren Sprechtempo resultiert und die erregte, verzweifelte Gefühlslage Fausts unterstreicht.

Das letzte Quartett zeichnet sich durch metrische Besonderheiten aus, die ebenfalls die verzweifelte Gefühlslage und die Bereitschaft des Absagens von allem unterstreicht. So wird, entgegen dem jambischen Versmaß „Fluch“ am Anfang jedes Verses gestellt, was den Redefluss bei jedem „Fluch“ ins Stocken geraten lässt und es damit hervorhebt. Erst im letzten Vers liegt die rhythmische Betonung wieder auf „Fluch“, was zusammen mit der männlichen Kadenz am Ende sprachlich den letzten Höhepunkt der Verzweiflung ermöglicht.

Inhaltlich rückt der Konflikt zwischen Mephisto und Faust, durch das Verfluchen der drei christlichen Kardinaltugenden Liebe, Hoffnung und Glaube (vgl. V.1604-1605) in umgekehrter Reihenfolge, mehr in den Hintergrund, und die „Einteufelung“ in den Vordergrund. Dies öffnet ihn für den Pakt mit dem Teufel, besonders weil Fluchen ein traditioneller Teil des Teufelspaktes ist. Bei dem Verfluchen von allem Materiellen und Spirituellen schimmert auch ein gewisser Nihilismus durch, der gut vereinbar ist mit der Weltansicht Mephistos, der sich selbst als „Geist der stets verneint“(V.1349) bezeichnet. Zuletzt wird noch die Grundhaltung aller Christen, die Geduld, verflucht. Das Warten auf Erlösung (nach dem Tod erst) und das damit verbundene passive ausharren in Leid steht in einem starken Kontrast zu der drängenden, stets um Tatkraft bemühte Natur Fausts.

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass Faust (neben der inneren zwei Seelen-Problematik) ein Konflikt zwischen innerem Gefühl und äußerer Welt mit sich trägt, die seinem Empfinden nach nur begrenzt Handlungsspielraum gibt. Angestachelt durch Mephisto verdammt Faust nun vollständig sein bisheriges Leben und alles in der Welt und ist deswegen, in dieser höchsten Verzweiflung, bereit für den Teufelspakt.

 

 

 

 

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