Nach meinem Vortrag über digitale Ordnungsstrukturen beim ASTA-Campus der Universität Paderborn, in dem es nebenbei auch um Dimensionen der digitalen Bildung ging, wurde ich gefragt, ob es denn einen Artikel zu guter Recherche gebe. Da ich dies verneinen musste, nahm ich die Frage als Impuls, um mich diesem wichtigen und unterschätzten Thema zu widmen. 

Kleine Vorrede

Es ist geradezu erstaunlich, dass die Recherche in der Schule oftmals nicht als Prozess angesehen wird, der Begleitung benötigt, sondern geradezu als irgendwie automatisch vorhandene Grundlage. Das führt zu der paradoxen Situation, dass sich Lehrer*innen darüber echauffieren, dass ein Vortrag, ein Referat oder eine GFS schlecht war, die Technik, die zu einem besseren Ergebnis führen könnte, aber nicht eingeübt wurde. Insofern ist auch die Recherche ein wichtiger Teilbereich dessen, was man digitalen Bildung oder genauer Bildung unter den Bedingungen der Digitalität nennen kann.

Dazu eine Anekdote: Seitdem eine Schülerin ein Gedicht aus dem Jahre 1904 auf den 1. Weltkrieg bezog (bzw. dahingehend „übersetzte“, was per se für ein problematisches Verständnis von Interpretation spricht), lasse ich in Deutsch Daten auswendig lernen (auch in Geschichte). Dies tue ich aus der tiefen Überzeugung, dass ein Referenznetz, also ein grobmaschiges Netz aus einigen Fakten unerlässlich ist, um überhaupt etwas mit Netzfunden anzufangen. Insofern finde ich die Aussage, heutzutage ließe sich alles googeln, grundfalsch. Denn etwas zu finden und damit etwas anzufangen, sind zwei sehr unterschiedliche Dinge.

Auf dieser Grundlage aufbauend ließ ich eine 9.Klasse googeln. Und zwar erzählte ich ihnen die Geschichte der Gedichtinterpretation, sagte aber nichts weiter, als dass sie doch bitte herausfinden sollten, was das Problem der Schülerin, die versucht hatte, das Gedicht so zu interpretieren, gewesen sein könne. 90% der Schüler*innen suchten nach einem Gedicht aus dem Jahre 1904, das sich auf den ersten Weltkrieg beziehen lasse könnte. Nur einer suchte zielgenau nach den Daten des 1. Weltkriegs und schlussfolgerte, dass eine solche Interpretation nicht gelingen könnte.

Richtige Recherche

Was ist die Erkenntnis daraus? Zunächst einmal muss man also die richtige Frage oder die richtigen Begriffe haben. Denn mit der falschen Suche, kann man nur zufällig das Richtige finden. Eine gute Recherche könnte man in drei Teile teilen.

  1. Die Vorarbeit
  2. Die Suche
  3. Die Bewertung und Systematisierung

1. Die Vorarbeit

Die Vorarbeit bedeutet zunächst einmal, sich darüber klar zu werden, aus welchen Aspekten ein Thema bestehen könnte. Natürlich kann die Recherche ergeben, dass man etwas vergessen hat oder dass man etwas als gegeben angenommen hat, das eigentlich nicht dazu gehört. Aber eine solche Vorbereitung ist wichtig. Sie kann zum Beispiel aus einem freien Assoziogramm bestehen – also aus lose miteinander verbundenen Begriffen und Aspekten oder schon aus einer strukturierteren Mindmap.

Man kann auch mit Wikipedia anfangen, jedoch ist ein kleines Problem der unterschwellige Einfluss, den ein solcher Artikel auf die eigene Arbeit haben kann. Dabei geht es nicht um falsche Informationen – Wikipedia hat ein starkes Netzwerk im Hintergrund, das teilweise in Sekundenschnelle korrigiert. Es geht um die dort vorgeschlagene Struktur. Denn das bei einem Artikel A vor B kommt, ist ja nicht gegeben, sondern die Gewichtung des Autors. Wenn ich also ein Thema habe und mir dies zunächst mit einem Grundlagenartikel aneigne, kann das bedeuten, dass ich eine Struktur übernehme, die meiner eigentlichen Schwerpunktsetzung zuwider läuft (bei geübten Nutzern oder Wissenschaftlern ist das nicht mehr der Fall, da diese meist schon wissen, welchen Aufbau sie nutzen wollen).

Für die Schule scheinen drei Aspekte der Vorarbeit also maßgeblich:

a) Das Thema sollte lose strukturiert werden, damit man sich klar wird, welche Aspekte entscheidend sein könnten.

b) Man muss sich bewusst sein, dass auch die Struktur dessen, was man findet, eine Schwerpunktsetzung ist.

c) Man sollte mehr lesen als nötig ist.

Der letzte Punkt bedarf einer Erklärung. Viele Schüler fragen vor allem vor dem Hintergrund der von mir (und vielen anderen Lehrern) geforderten Leitfrage oft nach einer Leitfrage, bevor sie sich eingelesen haben. Das funktioniert (meist) aber nicht. Denn um zu wissen, was mich an einem Thema interessiert, muss ich das Thema – zumindest ein wenig – kennen. Redundanz ist also nicht nur lästig, sondern nötig. Erst wenn ich in ein Thema vordringe, kann mich etwas so interessieren, dass ich dann dort weitermache. Erst dann bin ich am eigentlichen Ausgangspunkt für eine zielgerichtete Recherche.

2. Die Recherche

Bevor ich suche, muss mir klar sein, was ich vorhabe zu finden. Wenn es um eine „normale“ Internetsuche geht, kann ich Google oder DuckDuckGo verwenden. Wenn mich ein Aspekt interessiert, der so speziell ist, dass ich wenig finde, kann auch die Google-Buch-Suche helfen. Hier kann ich in wissenschaftlicher Literatur schauen, ob es was über meine Frage gibt (was meistens der Fall ist). Zwar kann man nicht alles sehen, aber oftmals reichen schon die hier zu findenden zusätzlichen Informationen. Es gibt auch wissenschaftliche Suchmaschinen, mit denen universitäre Bestände abgesucht werden können. Diese werden hier aber vernachlässigt, um nicht den Rahmen zu sprengen.

Googlesuche

Für die „normale“ Googlesuche (mit der besprochenen Vorarbeit) gilt zunächst einmal die Information, dass die Liste, die von Google präsentiert wird, auf einem Algorithmus beruht. Auch sie ist also nicht gottgegeben (was viele zu denken scheinen). Wenn ich also einen Begriff wie „Reisen“ suche, finde ich a) unter den ersten Beiträgen „Anzeigen“, also Ergebnisse, bei denen jemand dafür bezahlt hat, so weit oben zu landen. Und b) finde ich zahlreiche Blogs und Seiten, die aus verschiedenen Gründen oben stehen können. Ein Grund ist, dass viele Leute die Information dort gefunden haben. Das wäre gut.

Auf der anderen Seite zeigt das auch, wie leicht manipulierbar solche Listen sind. Denn dass nicht alles, was viele gut finden, auch gut ist, zeigen, mit Verlaub, die vollen Hallen bei Auftritten von Mario Barth. Eine gute Recherche ist sich also den Fallstricken der Ergebnisse bewusst.

Was viele allerdings nicht wissen, ist, dass man die Suche stark verfeinern kann.

Vielen ist bekannt, dass man mittlerweile zwischen „Web“ und „Bild“ oder „Ton“ unterscheiden kann. Das birgt allerdings auch Gefahren. Denn die Bilder, die man hier findet, sind meist urheberrechtlich geschützt, was zwar angemerkt ist, aber leicht überlesen werden kann. Damit man nicht in Teufels Küche kommt, bietet es sich an, direkt lizenzfreie Bilder zu suchen.

Nun gibt es aber zahlreiche weitere Suchoptimierungsmöglichkeiten. An dieser Stelle seien nur einige genannt.

  1. Mit Anführungszeichen kann man die Recherche verfeinern. Hier wird die Wortfolge berücksichtigt. Unter „Reisen im Mittelalter“ findet man also tatsächlich solche Titel. Das kann wichtig sein, denn wenn man Reise und Mittelalter als separate Begriffe eingibt, könnte es sein, dass man auf kommerzielle Angebote trifft.
  2. Man kann das * nutzen, wenn einem ein Begriff nicht mehr einfällt.
  3. Man kann mit einem Minuszeichen – Begriffe ausschließen. Nehmen wir den Begriff „Kreidezeit“ oder „Das Ende der Kreidezeit“. Da momentan sehr viele Artikel so heißen, in denen es um digitale Klassenräume geht, gehen Artikel, die die Weltgeschichte beleuchten, unter. Man könnte den Begriff „digital“ also mit einem Minus ausklammern, um zu besseren Ergebnissen kommen.
  4. Mit dem Begriff OR, also Englisch für oder, findet man Seiten, die entweder den einen oder den anderen Begriff anzeigen.
  5. Mehrere Begriffe: Obwohl es sehr deutlich sein sollte, ist es das oft nicht. Man kann Begriffe kombinieren, um zu besseren Ergebnissen zu kommen.

Was sich nicht anbietet, ist, Fragen einzugeben. Denn meistens landet man auf Seiten in Foren, in denen Leute, nicht keine Ahnung haben, Leuten, die keine Ahnung haben, genau diese Fragen beantworten. Die können zwar richtig sein, aber das ist dann Glückssache.

Wenn wir diese einfachen Aspekte berücksichtigen, haben wir einen viel deutlicheren Fokus. Wir haben uns zuvor Gedanken gemacht, was wir eigentlich suchen, haben uns eingelesen und dann eine Frage gefunden, die wir beantworten wollen. Mit dieser Frage machten wir uns auf die Suche nach Begriffen, schlossen andere aus und recherchieren so zielgenau den Inhalt, den wir brauchen.

3. Die Bewertung und die Systematisierung

Innerhalb unserer Recherche nehmen wir schon Beurteilungen vor (zum Beispiel, indem wir überprüfen, wer in der Seite publiziert, ob es sich um seriöse Informationen handelt etc.). Am Schluss bewerten wir jedoch nochmals, ob das, was wir gefunden haben, auch tatsächlich für unsere Frage oder das Problem sinnvoll ist.

Es gibt nun verschiedene Wege, dies systematisch zu tun.

Eine Möglichkeit ist es, mithilfe eines digitalen Systems die Ergebnisse, die man findet und die zur Frage passen (könnten) zu archivieren – zunächst chaotisch. Wenn alle Informationen, die wichtig sind, archiviert sind, kann in einem nächsten Schritt das Material gesichtet werden.

Nun kann ich also schauen, ob der ein Artikel wertvolle Informationen für meine These bildet, ob sich hier wichtige Grundlagen finden oder ob es nun, da ich durch die zielgerichtete Suche ein besseres Verständnis vom Thema habe, keine Rolle mehr spielt.

Ich mag mich hier wiederholen: Während einer Recherche Informationen zu finden, bei denen sich später rausstellt, dass sie nicht gebraucht wurden, ist das Zeichen für eine gute Recherche, nicht für eine schlechte. Denn meist bedeutet das schlicht, dass derjenige, der die Informationen gesucht hat, nun in der Lage ist, zu bewerten, was wirklich vielversprühend ist und was nicht.

Abschluss

Dieser Artikel gibt nur grundlegende Informationen. Eine Recherche kann immer verfeinert werden. Was allerdings deutlich geworden ist, ist, dass ein „Ich geb eine Frage ein, nehme willkürlich den ersten oder dritten Artikels schreibe den ab und mache ein Referat daraus“ nichts mit Recherche zu tun hat.

Diese Kompetenz zu entwickeln ist aber eine Grundlage für vieles mehr. Digitale Bildung, wissenschaftliches Arbeiten und sogar gesellschaftliche Partizipation. Denn nur wer weiß, wie man recherchiert, bewertet und beurteilt, weiß auch, wann Informationen falsch, manipuliert und so potenziell schädlich sind.

Ergänzungen

Mein geschätzter (Online-)Kollege Andreas Kalt hat in einem Kommentar auf ergänzende Artikel hingewiesen, die ich sehr empfehlen kann.

Die Materialien finden sich hier:

Erfolgreich für ein Referat recherchieren(Methodik für Schüler/innen)
Eine Recherche organisieren (eher technisch orientiert)
Noch mehr Recherche-bezogene Arbeitsmethoden

Interessante Impulse gibt es in der Handreichung zur Medienrecherche – insb. im Kap. 6 („Wikipedia und andere Lexika – ihre Bedeutung für die Unterrichtspraxis“) sowie im Kap. 7 (enthält u.a. ein „Interview mit einem Mitarbeiter der Wikipedia“)

An dieser Stelle bedanke ich mich für die Anregungen.

Für weitere Fragen, Anmerkungen und Feedback bin ich, wie immer, offen.

 

6 KOMMENTARE

  1. Danke für die Anregung. Ich erlebe es ähnlich: „Recherchiert mal zu …“ bringt in der Regel Wikipedia-Informationen und kaum mehr. Wenn ich den Kommentar als Linkschleuder missbrauchen darf … ich habe zu diesen Fragen schon einige Materialien erstellt:

    Erfolgreich für ein Referat recherchieren(Methodik für Schüler/innen)
    Eine Recherche organisieren (eher technisch orientiert)
    Noch mehr Recherche-bezogene Arbeitmethoden

    (wenn Dir das zu viele „Werbungslinks“ sind, gern reduzieren, aber ich dachte, dass die Materialien evtl. hilfreich sein könnten)

    Und: Bezüglich Faktenwissen sehe ich es so wie Du. Ohne Wissensrahmen lässt sich nichts einordnen. Ich komme dann oft noch nicht mal auf die Idee, dass ich etwas googlen könnte.

    • Ach was, Linkschleuder. Das sind supergute Ergänzungen, die ich gerne in den Artikel aufnehme. Liebe Grüße

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