Wer diesen Blog in den letzten Jahren aufmerksam verfolgt hat, der hat mitbekommen, dass Rap im Unterricht immer wieder eine Rolle spielt. Der Ausgangspunkt dieser Verbindung war meine Zulassungsarbeit, die „modernen Sprechgesang“ mit expressionistischer Lyrik verbunden hat. Es folgten Plädoyers dafür, bestimmte Rapper und deren Lieder im Unterricht zu behandeln oder schlicht Interpretationen einiger Songs. In einer neuen YouTube-Reihe mit dem Namen „Rap und Rhetorik“ stelle ich nun rhetorische Figuren mithilfe von (von den Zuschauern ausgewählten) Songs vor. Die Idee: Infotainment, das zum Lernen anregt. 

Anmerkung zum Work in Progress 

Am Ende des Artikels ist eine Liste mit rhetorischen Figuren angehängt, die noch in weiteren Videos erläutert werden. Zunächst einmal ist es aber so, dass immer nur jene rhetorische Figuren auch hier erwähnt werden, die in einem Video erklärt werden. Dieser Artikel ist also ein „Work in Progress“. Wer wissen möchte, was als nächstes kommt, dem ist zu empfehlen den Kanal zu abonnieren. Los geht es mit Paradoxon und Oxymoron. 

Das erste Video zu Rap und Rhetorik

 

Das Problem der rhetorischen Figuren 

Rhetorische Figuren sind in Klassenarbeiten immer das erste, was erkannt wird. Und das kann zum Gegenteil dessen führen, was eigentlich gewollt ist. Denn anstatt diese sprachlichen oder syntaktischen Besonderheiten als Teile einer Interpretation zu sehen, was diese dann aufwerten würde, kommt es zu einer Auflistung, mit der keiner etwas anfangen kann. Man kann sich das Problem ungefähr so vorstellen, als solle man einem Blinden ein Sportwagen beschreiben und würde die einzelnen Schrauben erklären. Klar, die sind auch wichtig, aber ein Bild vom Wagen hat der Blinde dadurch nicht. 

Konkret handelt es sich hier um zwei Probleme: 

  1. Es fehlt eine Deutungshypothese, der Interpret weiß also gar nicht, wo er hin will. Stattdessen beginnt er damit, das aufzuzählen, was er sieht. Und das sind meist die Rhetorischen Figuren. 
  2. Wenn die rhetorischen Figuren erkannt worden sind, dann bleibt es meist bei diesem Erkennen. Oder es wird ganz allgemein vermittelt, was die allgemeine Bedeutung der Figur ist. Das reicht aber nicht. Um eine rhetorische Figur in den Gesamtzusammenhang der Interpretation zu bringen, muss erklärt werden, inwiefern sie den Inhalt und dessen Wirkung beeinflusst. 

Während Und während im Netz bei Erklärungen rhetorischer Figuren meist diese allgemeine Bedeutung erklärt wird, geht es hier und vor allem in den Youtube-Videos darum, diese Wirkungen konkret an Beispielen zu verdeutlichen. 

Folge I: Paradoxon und Oxymoron 

In der ersten Folge starte ich mit Benjamin Griffey alias Casper. Allein mit diesem (Emo-)Rapper könnte man nahezu das gesamte Spektrum rhetorischer Figuren abdecken. 

In dem Song „Der Druck steigt“ zeigen sich zwei interessante Verwendungen von Pradoxa und Oxymora. 

Paradoxon 

Ein Paradoxon ist ein Scheinwiderspruch, also eine Gegensätzlichkeit, die sich bei genauerer Betrachtung als möglich erweist. 

So beschreibt das lyrische Ich (wir gehen auch hier von einem Sprecher oder lyrischem Ich aus, obwohl Lieder viel häufiger mit dem Sänger assoziiert werden) seine Generation mit den Worten: 

„[…] wir scheitern immer schöner, sind Versager mit Stil.“ Dies ist ein Paradoxon. Ein Scheinwiderspruch. Denn obwohl es sich zunächst widersprüchlich anhört, gibt es durchaus Szenarien, in denen diese Diagnose vorstellbar ist. 

In einem Dreischritt der Interpretation könnte man die Ergebnisse nun folgendermaßen festhalten: 

Das Paradoxon im ersten Vers charakterisiert die Zerrissenheit einer Generation zwischen Anspruch und Wirklichkeit: „[…] wir scheitern immer schöner, sind Versager mit Stil.“ Sowohl das erste Paradoxon, dessen Wirkung zusätzlich durch eine Alliteration verstärkt wird, als auch das zweite, markieren diese Zerrissenheit durch den scheinbaren Widerspruch zwischen Erfolg und Misserfolg. Damit weisen die rhetorischen Figuren im Kleinen auf den Themenkomplex des gesamten Liedes im Großen. 

Oxymoron 

Ein Oxymoron ist ein oftmals aus zwei Wörtern, die sich gegenseitig ausschließen, bestehender Widerspruch. 

In dem Song beschreibt das lyrische Ich den Kleidungsstil einer Jugend, die es zuvor als zerrissen und traurig (bzw. unter Druck stehend) beschrieben hat. 

„[…] tragen schwarz jeden Tag, bis es was Dunkleres gibt.“ Dies ist ein Oxymoron. Es gibt nichts, das dunkler als schwarz ist. 

In einem Dreischritt der Interpretation könnte man die Ergebnisse nun folgendermaßen festhalten: 

Die Verwendung des Oxymorons verdeutlicht den Wunsch des lyrischen Ichs, seine nach außen zur Schau gestellte Traurigkeit als besonders zu erhöhen: „[…] tragen schwarz jeden Tag, bis es was Dunkleres gibt.“ Dadurch-, dass es nichts gibt, das dunkler als schwarz ist, ergibt sich so ein Widerspruch, der zudem übertrieben dargestellt ist. Er verdeutlicht die Extreme der Generation, von der hier die Rede ist. 

Abschluss 

Auf diese Weise wird es weitergehen. Die Hoffnung ist, dass dadurch nicht nur die rhetorischen Figuren verständlicher werden (und nebenbei vielleicht die Schönheit und Brillanz der Kunstform Rap steigt), sondern das an diesen konkreten Beispielen auch deutlich wird, was es bedeutet, rhetorische Figuren innerhalb des Textzusammenhangs zu interpretieren. 

Fortsetzung folgt. 

Rhetorische Figuren 

Stilfiguren

Allegorie: Verbildlichung von etwas Abstraktem (z.B. einer Idee), komplexe Metapher; A. auch als Personifikation

Alliteration (Stabreim): gleicher Anlaut der betonten Silben mehrerer Wörter (z.B. Mann und Maus)

Anapher: Wiederholung desselben Wortes (derselben Wörter) am Anfang aufeinander folgender Verse

Bild: Bildlichkeit als Wesensmerkmal poetischer Texte; Bilder veranschaulichen und verdichten, verschleiern und verdeutlichen; Bild als Überbegriff für Metapher, Symbol, Chiffre, Emblem

Chiasmus: Kreuzstellung von Satzgliedern (z.B. „Was dieser heute baut, reißt jener morgen ein“)

Chiffre: symbolhaftes „Zeichen“; im Unterschied zur allgemeineren Bedeutung des Symbols von begrenzter, spezifischer Bedeutung (z.B. innerhalb eines Textes). Vor allem Mittel der modernen Lyrik, wo Chiffren die Wirklichkeit verfremden

Ellipse: Auslassung; syntaktische Unvollständigkeit, Satzfragmente

Enjambement (Zeilensprung): Satz und Vers sind syntaktisch nicht identisch, Satz setzt sich im folgenden Vers fort

Hyperbel: übertreibender Ausdruck

Inversion: Abweichung vom üblichen Satzbau

Klimax: Steigerung (häufig dreigliedrig)

lyrisches Ich, auch lyrisches Subjekt oder lyrischer Sprecher: fiktives, sprechendes Ich / Subjekt in Gedichten (nicht mit Autor identisch)

Metapher: Übertragung eines Wortes (Wortgruppe) in einen anderen Bedeutungszusammenhang; bildhafter Vergleich ohne „wie“

Oxymoron: Verbindung widersprüchlicher Vorstellungen, auch in einem Ausdruck („bittersüß“)

Parallelismus: Wiederholung gleicher Wortfolgen oder des Satzbaus

Paradoxon: Scheinwiderspruch, der scheinbare Gegensätze auf Wort- oder Satzebene miteinander verbindet. 

Personifikation: Darstellung von etwas Abstraktem oder Dinglichem in menschlicher Gestalt

Pleonasnus: überflüssige Anhäufung von Wörtern gleicher oder ähnlicher Bedeutung (z.B. weißer Schimmel); auch: Tautologie

Rhetorische Frage: unechte Frage; es wird keine Antwort erwartet, sondern etwas mitgeteilt

Symbol: anschauliches, bildhaftes Zeichen, das über sich hinausweist und etwas Abstraktes, eine Idee vermittelt (z.B. Taube als Symbol des Friedens)

Synästhesie: Verschmelzung zweier Sinnes- bzw. Wahrnehmungsbereiche (z.B. Farben hören)

Synekdoche: Ein allgemeinerer Begriff wird durch einen besonderen ersetzt (Segel für Schiff); auch Pars pro toto

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here