Es gibt eine Vielzahl von Artikeln, Büchern, Berichten, Studien und anderen Formaten, deren Ziel es ist, guten Unterricht zu erklären. Das hier ist ein weiterer. Einer jedoch, der sich auf ein, wie ich meine, zentrales und oftmals nicht berücksichtigtes Element bezieht. 

Klammer auf

Wenn es um Unterricht oder um Lernen geht, dann spielt eine solche Vielzahl von Aspekten eine Rolle, dass man eigentlich unter 120 Seiten gar nicht anfangen muss. Damit diese Erwartungen hier keine Rolle spielen, hier diese Anmerkung. Es geht explizit nicht um verschiedene Sozialformen, Beziehungen, Klassensituation und so weiter und so fort. Vielleicht überraschender Weise geht es auch nicht um den Aufbau von Unterricht. Oder darum, ob es nun digital sein muss oder nicht. Und zuletzt geht es auch nicht darum, welche Themen nun unterrichtet werden sollen und welche nicht. Das bedeutet freilich nicht, dass all dies keine Rolle spielt. Im Gegenteil: Ich bin mittlerweile so weit zu sagen, dass es ohne eine funktionierende Beziehungsebene nicht geht. Diese könnte man so übersetzen: Du vertraust mir, dass ich weiß, wie ich dir helfen kann und lässt dir helfen. Und ich vertraue dir, dass du mir sagst, wie ich das tun kann. Klar, vereinfacht. Aber als Randbemerkung dennoch wichtig. Klammer zu.

Black-Box-Unterricht

Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, was in einem Unterricht, der die Schüler „besser macht“ oder genauer: der ihnen die Chance gibt, sich zu verbessern, anders läuft als in einem, in dem das nicht der Fall ist. Daran musste ich denken, als ich einen Kommentar einer Kollegin auf YouTube sah, der etwas verzweifelt klang.

Kommentar unter dem YouTube-Video: Deutschabitur 2019: Wie war’s?

Was sich hier zeigt, kennen viele Lehrerinnen und Lehrer. „Man bespricht“ etwas sehr lange und „man kommt zu Ergebnissen“, die dann doch „eigentlich alle wissen“ müssten. Oder so ähnlich.

Was aber hat „man“ gemacht? Nehmen wir als Beispiel Literaturunterricht. Wenn man mit den Schülern etwas „erarbeiten“ lässt, dann bedeutet das oftmals Folgendes:

  • Es werden Fragen gestellt (die vielleicht in einem Lehrerband stehen)
  • Diese Fragen werden beantwortet (innerhalb einer Gruppe)
  • Die Antworten werden geteilt und durch den Lehrer selektiert (vielleicht mit Suggestivfragen)
  • Es entsteht ein Tafelbild, das vielleicht sehr dem ähnelt, das der Lehrer haben wollte.
  • Alle schreiben es ab

Man könnte meinen, dass doch nun alle alles wissen. Das ist natürlich Quatsch. Im besten Fall sitzt in jeder Gruppe ein Talent, das die Antworten herleiten kann. Die vier Talente erklären dann im Plenum die Antworten. Oder vielleicht können die anderen beitragen, was sie von den Talenten gehört haben. Wie auch immer.

Der Unterricht funktioniert hier wie eine Blackbox. Am Anfang steht der Impuls und am Ende das Produkt. Dazwischen ist eine Black Box. Aber dazwischen ist genau das, was Lernen ausmacht. Und guten Unterricht.

Die Frage nach dem Wie

Das, was hier ausgeklammert wird, ist die Frage nach dem Wie. Am häufigsten kann man dies bei GFS oder Referaten beobachten. Die Schüler sollen ein Referat halten und werden kritisiert, weil sie die falschen Informationen gegoogelt haben. Sie werden also dafür kritisiert, etwas nicht zu können, was erst im Prozess zu einem Ergebnis führt, das gut ist.

Genau das tun wir als Lehrer aber oft. Selbst in Rückmeldungen beziehen wir uns auf das Ergebnis, ohne mitzuteilen, was denn der Prozess ist. Konkret:

Wenn ein Schüler wie in dem Kommentar oben angegeben, meint, dass rhetorische Figuren aufzählen muss, dann liegt dem ein falsches Verständnis davon zugrunde, was Interpretation ist. Das bedeutet in der Konsequenz zwar auch, eine Meta-Diskussion darüber zu führen, was eine Interpretation ist und natürlich auch, Beispiele zu lesen. Insbesondere bedeutet das aber, angeleitet jene Schritte zu tun, die in einer Deutung eine Rolle spielen. Und das Schritt für Schritt und immer wieder.

Ein riesiger Schritt ist dabei oftmals (gerade bei Interpretationen) die Schritte in Kleinteile aufzuteilen: Ich markiere etwas. Ich überlege mir, was es bedeutet, worauf es verweist. Ich formuliere einen Satz. Ich zitiere nach dem Satz die Stelle. Ich erkläre, inwiefern die zitierte Stelle zeigt, was ich zuvor behauptet habe.

Das mag sehr kleinschnittig klingen. Aber es bedeutet, dass eine konkrete, fassbare, nachvollziehbare Annäherung an die Methode der Interpretation entsteht. Und genau das füllt die oben genannte Black-Box.

Guter Unterricht

Guter Unterricht ermöglicht es also Schülern, die Methoden anzuwenden, die nötig ist, um eine Kompetenz zu erlernen (und nicht, im Gegensatz dazu, aufgefordert zu werden, eine Antwort auf etwas zu finden, ohne zu verstehen, wie der Weg geht, der es ermöglicht, auf diese Antwort zu kommen).

Guter Unterricht ist also prozessorientiert. Immer!

Denn erst wenn der Prozess als solcher erkannt wird, kann er dazu führen, dass ein Produkt entsteht, dass in seiner Ganzheit von dem erkannt wird, der es gemacht hat (und in letzter Konsequenz von demjenigen, der es betrachtet oder beurteilt).

Das bedeutet freilich nicht, dass Produktorientierung falsch ist. Sie ist nur dann falsch, wenn sie den grundlegenden Kern von Lernen ignoriert.

All das ist natürlich dann hinfällig, wenn jemand in der Lage ist, seine Erschließungsmethoden so genau zu reflektieren, dass er oder sie eine besondere methodische Zugangsweise auch ablehnen und eine andere nutzen kann. Deshalb ist Meta-Lernen so wichtig. Lernen also, dass es ermöglicht, die Handlungsschritte zur Erschließung zu verstehen, um sie dann zu vertiefen oder abzulehnen.

All diese Dinge, die ich hier schreibe, sind wahrscheinlich weder neu noch innovativ. Die Begriffe selbst kenne ich schon viel länger. Jedoch wird mir ihre Relevanz erst nach einigen Jahren unterrichtlicher Tätigkeit klar.

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