Der Werkvergleich wird ab diesem Abitur deutlich schwerer. Das liegt vor allem an den Außentexten, die zwar eine Deutungsperspektive aufzeigen, gleichzeitig aber auch so genau verstanden werden müssen, dass sie dann auf die Textstelle bezogen werden können. Und dies wiederum kann auch nur dann funktionieren, wenn die Textstelle sehr genau analysiert wird. Das bedeutet aber auch, dass das methodische Vorgehen aufgewertet wird. 

Einleitungen

Viele Schülerinnen und Schüler suchen nach Einleitungen, die man quasi als Allzweckformel in jeder Arbeit nutzen kann. Diese könnten folgendermaßen lauten.

Faust

In Goethes „Faust, der Tragödie erster Teil“ (1808) wird die Zerrissenheit eines nach Erkenntnis strebenden Wissenschaftlers im Rahmen eines Pakts mit dem Teufel deutlich gemacht. In Fausts Drang nach ganzheitlicher Erkenntnis spiegelt sich ein Menschenbild, das erst im Streben zu seiner Erfüllung gelangt.

Der goldne Topf

In E.T.A. Hoffmanns „Der goldne Topf“ (1814) wird der Prozess des Erwachsenwerdens anhand eines Studenten verdeutlicht, dessen Entwicklung anhand seiner Beschäftigung mit der magischen Welt der Poesie nachvollziehbar gemacht wird. Vor dem Hintergrund einer verstandesmäßigen Philistergesellschaft erscheint diese Entwicklung als Prozess der Selbstermächtigung.

Der Steppenwolf

In Hermann Hesses Roman „Der Steppenwolf“ wird die Gespaltenheit des modernen Menschen und dessen Ringen nach Lebenssinn anhand einer vielschichtigen Künstlergestalt deutlich gemacht, die in der ständigen Ambivalenz zwischen seinem Trieb und seiner Intellektualität aufgerieben wird.

Das große Aber

Je allgemeiner solche Einleitungen sind, desto weniger können sie auf eine konkrete Textstelle angewendet werden. Ja, es mag einen Einstieg bieten, aber er ersetzt nicht den Teil, der nun folgen sollte: Die Deutungshypothese.

Erst mit der Deutungshypothese wird eine Perspektive eröffnet, die auf die Textanalyse hindeutet. Deshalb ist das Wissen um die Methodik, die zu der Deutungshypothese führt, so wichtig.

Einleitungen wie oben können also tatsächlich genutzt werden, aber nur dann, wenn ihnen eine spezielle, textspezifische Deutungshypothese folgt. Und wenn dem so ist, dann kann die Deutungshypothese auch direkt in die Einleitung selbst eingearbeitet werden.

Beispiel

Beispielhaft sieht man das an der Interpretation der Textstelle, die hier auf diesem Blog zu finden ist:

E.T.A. Hoffmanns „Der goldne Topf“  wurde erstmals 1814 veröffentlicht und wird im Untertitel „Ein Märchen aus der neuen Zeit“ genannt (Basissatz). Im Mittelpunkt der Erzählung (auch Novelle) steht der Student Anselmus, der im Konflikt zwischen der realen Welt und dem Reich der Phantasie lebt (Thema des Werkes).

Im vorliegenden Textauszug aus der zweiten Vigilie sucht Anselmus nach seinem Erlebnis unter dem Holunderbusch am Nachmittag des Himmelfahrtstages nach Orientierung.

Zusammenführung

Nehmen wir die hier vorliegende Textstelle als Beispiel, um zu verdeutlichen, wie man den oberen Basissatz mit einer Deutungshypothese verbinden könnte.

Beispiel I: Isoliert

In E.T.A. Hoffmanns „Der goldne Topf“ (1814) wird der Prozess des Erwachsenwerdens anhand eines Studenten verdeutlicht, dessen Entwicklung anhand seiner Beschäftigung mit der magischen Welt der Poesie nachvollziehbar gemacht wird. Vor dem Hintergrund einer verstandesmäßigen Philistergesellschaft erscheint diese Entwicklung als Prozess der Selbstermächtigung.

In der vorliegenden Textstelle nimmt Anselmus im Gegensatz zu seiner Umwelt Alltägliches als fantastische Erscheinung  wahr und erlebt somit eine Romantisierung im Sinne von Novalis (Deutungshypothese).

Beispiel II: Verbunden

In E.T.A. Hoffmanns „Der goldne Topf“ (1814) wird der Prozess des Erwachsenwerdens anhand eines Studenten verdeutlicht, dessen Entwicklung anhand seiner Beschäftigung mit der magischen Welt der Poesie nachvollziehbar gemacht wird. Vor dem Hintergrund einer verstandesmäßigen Philistergesellschaft erscheint diese Entwicklung als Prozess der Selbstermächtigung. Dieser Selbstermächtigung geht eine Entwicklung voraus, die sich an der Wahrnehmung des Studenten nachvollziehen lässt und ihn schon von Beginn an als Außenseiter erscheinen lässt. Die vorliegende Textstelle verdeutlicht die Diskrepanz zwischen der Wahrnehmung von Anselmus und der Reaktion seiner Freunde.

Abschluss

Es zeigt sich also, dass das Auswendiglernen eines Basissatzes allenfalls eine Hilfestellung sein kann, mit dem Schreiben zu beginnen. Es kann eine Analyse mit dem Ergebnis einer Deutungshypothese nicht ersetzen.

 

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