Silizium Tal Bottrop-Kirchhellen. Der kurz vor der Pension stehende Lehrer Manfred Stumpfer hat per WhatsApp-Gruppe einen Aufruf gestartet, in dem er gegen die seiner Meinung nach von bezahlten Jugendlichen und ahnungslosen Junglehrern in die Debatte gebrachte Medienbildung wettert. Es gäbe wirklich Wichtigeres, schrieb er auch auf Facebook in einer sehr schönen roten Vorlage. 

Die automatisierte Ampelschaltung geht gerade auf grün, da macht das Redaktionsteam die Musik aus dem Stream aus, um besser auf die Google-Maps zu schauen. Das kleine Haus von Stumpfer (seine Freunde auf WhatsApp nennen ihn „Manni“) liegt direkt zwischen dem Handymast und Media-Markt. Wir sind hier um zu hören, inwiefern die Digitalisierung überbewertet wird.

Stumpfer empfängt uns mit einem hellauf begeisterten Blick, deutet aber an, kurz zu schweigen. Er spricht eine Sprachnachricht in sein iPhone, legt dieses neben das Tablet auf dem Fliesentisch und bietet einen Kaffee aus einer Maschine an, die er per App bedienen kann. „Siri, spiel das Steigerlied“, brüllt er zufrieden und setzt sich an den Tisch.

„Mittlerweile habe ich zehntausende Unterschriften als Online-Petition gegen Medienbildung gesammelt“, erklärt er stolz. „Alle meine Freunde bei Gewerkschaften und im Lehrerzimmer teilen fleißig den Aufruf, diese vermaledeite Medienbildung in die Schule zu bringen. Schauen Sie mal hier!“ Er öffnet Youtube und zeigt ein Video, das ein Kind zeigt, das auf ein Handy starrt. Er starrt auf das Video und lässt sich auch nicht durch unsere freundlichen Bitte, das Interview weiterzuführen, aus der Ruhe bringen.

„Gucken Sie sich das an“, sagt Manni, während sein Wecker auf dem Handy klingelt, um ihn an einen weiteren Termin zu erinnern. „Gleich kommt auch noch der Philologenverband; die wurden auf Twitter aufmerksam.“ Was er uns denn sagen wollte, fragen wir vorsichtig nach. „Die Aufmerksamkeit der Kinder wird immer weniger“, sagt er. „Außerdem… Oh, der Kaffee ist fertig“.

„Kinder müssen den Stoff lernen, das können Sie so schreiben!“, sag Manni. „Und das sehe nicht nur ich so. Ich werde bald ein Buch darüber verfassen und selbst rausbringen, das ist ja mittlerweile total einfach“, so der Experte. „Bei Amazon habe ich das komplette Know-How aus total einfach zu verstehenden Büchern. Die sind alle auf meinem Kindle. Außer eines, das dauert wohl noch. Diese verdammten Auslieferer brauchen immer ewig.“

Nach einem gemeinsamen Kaffee verabschieden wir uns. Wir sind überzeugt: Allein das Youtube-Video von dem anonymen Mensch, der sagt, dass Medienbildung nur wieder so eine fixe Idee ist, hat uns überzeugt. Und Manni?

„Ihr hört von mir, Freunde“, ruft er uns hinterher, bevor sein Gesicht hinter einem riesigen iPad verschwindet.

Disclaimer

[1]Wer was lustig findet, ist eine schwierige Sache. Ich bitte dennoch darum, dass sich jene, die zu Bluthochdruck neigen, ein wenig gelassen zeigen oder bei allzu brachialen Gemütsausbrüchen den Postillon kontaktieren und dort den ihre Wut ablassen.

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