Warum Lyrik? 100 Gründe

Da war es also wieder, mein Lieblingsargument. Man solle keine Gedichte mehr in der Schule analysieren, weil „ich das später nie wieder gebraucht habe.“ Schwierig. Für mich als ehemaligen Waldorfschüler ist das natürlich ganz anders. Ich koche, backe, nähe und stricke und ab und zu in der Mittagspause treibe ich Kupfer zu einem Becher, den ich dann ins Meer fallen lasse. Kleine Referenz am Rande. Dann fälle ich jeden Tag Bäume. Das tun alle Waldorfschüler. Und ich binde alle meine Bücher, die ich schreibe selbst. Der Punkt ist gemacht, oder?

Wenn wir Schule auf das aufbauen, von dem jeder einzelne sagen kann, dass er es später braucht, wird es sehr eng.

Aber bleiben wir bei der Lyrik.

Hier sind 100 Gründe, warum Lyrik (in und außerhalb der Schule) sinnvoll ist.  

  1. Um nicht nur mit, sondern auch über die Sprache zu sprechen
  2. Um zu verstehen, was ein einzelnes Wort bedeuten kann
  3. Um teilzuhaben an der Mannigfaltigkeit der Sprache
  4. Um Kulturen in Wort und Wortbildern kennenzulernen
  5. Um zu verstehen, dass sich Menschen mit mehr beschäftigen, als mit dem Unmittelbaren
  6. Um zu erkennen, was man mit Sprache alles machen kann
  7. Um zu verstehen, was man mit Sprache nicht machen kann
  8. Um das Mehr von Worten wahrzunehmen
  9. Um die Musik der Sprache wahrzunehmen
  10. Um selber Worte und Verse zu versuchen
  11. Um andere Zeiten in anderen Worten als den bloß funktionalen kennenzulernen
  12. Um beeindruckt zu sein von dem Klang der Welt
  13. Um beeindruckt zu sein von dem Klang des Wortes
  14. Um zu verstehen, dass es oft mehrere Ebenen gibt als die erste scheinbare
  15. Um zu verstehen, dass man Farben schmecken kann
  16. Um zu sehen, wie Menschen miteinander umgehen
  17. Um zu sehen, wie Menschen miteinander umgingen
  18. Um die Kulturen in der kleinstmöglichen Form wiederzuerkennen
  19. Um die Sprache als eine lebendige Form zu sehen
  20. Um den Beruf des Schriftstellers zu würdigen
  21. Um Namen derer kennenzulernen, die mithilfe der Lyrik versuchten, die Welt zu erfassen
  22. Um zu erkennen, wie schwierig es für den Menschen ist, die Welt zu erfassen
  23. Um zu erkennen, dass die Position eines Wortes alles sein kann
  24. Um zu erkennen, dass die Position eines Wortes nichts sein kann
  25. Um so genau zu schauen, dass die Augen angestrengt sind
  26. Um so genau zuzuhören, dass nichts mehr anstrengend ist
  27. Um Schönheit im Kleinsten zu erleben
  28. Um sich gemeinsam zu erinnern
  29. Um Worte zu finden, wenn man keine Worte mehr hat
  30. Um ein Repertoire zu haben, wenn man jemandem mehr sagen will, als man sagen kann
  31. Um ein Repertoire zu haben, wenn man jemandem beistehen will
  32. Um zu erleben, wie die Sprache einen in andere Welten führt
  33. Um zu versuchen zu reimen
  34. Um darüber zu lachen, was ein Reim mit einem anstellen kann
  35. Um mit seinen Kindern später spannende Verse zu sprechen
  36. Um mit seinen Kindern über lustige Verse zu lachen
  37. Um bei sich zu sein
  38. Um bezeichnen zu können
  39. Um das Repertoire kennenzulernen, das nötig ist, um bezeichnen zu können
  40. Um aufmerksam zu sein für das Unerforschte
  41. Um sich darüber aufzuregen, wenn man etwas nicht versteht
  42. Um sich darüber zu freuen, was mit einem passiert, wenn man plötzlich versteht
  43. Um Worte kennenzulernen, die man vorher nicht kannte
  44. Um Worte in ganz anderen Kontexten kennenzulernen
  45. Um Worte ganz neu sehen zu können
  46. Um zu verstehen, was Worte mit anderen anrichten können
  47. Um zu sehen, dass ein paar Verse selbst mächtige Staatsmänner treffen können
  48. Um zu sehen, dass ein paar Verse den Liebsten berühren kann
  49. Um zu sehen, woher die Worte kommen, von denen wir denken, dass sie schon immer da sind
  50. Um zu sehen, was Betonungen auslösen können
  51. Um den Sprachstreit kennenzulernen
  52. Um die zahlreichen Referenzen auf heutige Schrift und Wörter zu verstehen
  53. Um also mehr zu verstehen
  54. Um tiefer zu verstehen
  55. Um zu verstehen, wie Verse ganze Kulturen überliefern können
  56. Um im Kleinen zu sehen, dass man ein Kleines ist
  57. Um zu beeindrucken
  58. Um beeindruckt zu sein
  59. Um sich gegenseitig vorzulesen
  60. Um andere hinschmelzen zu lassen wie Honig
  61. Um Metaphern zu verstehen und wie sie alles schmücken
  62. Um zu sehen, wie Sprache manipuliert werden kann
  63. Um zu erkennen, wie man Manipulation erkennt
  64. Um mitgerissen zu werden
  65. Um zu sehen, wie aus Worten Bilder werden
  66. Um Lieder noch gründlicher zu verstehen
  67. Um zu erkennen, was Lieder und Lyrik gemeinsam haben
  68. Um sich zu trösten
  69. Um andere zu trösten
  70. Um seine Angst zu bekämpfen
  71. Um den Rhythmus kennenzulernen
  72. Um das Metrum kennenzulernen
  73. Um dann, schließlich, das einzige Mal, wenn man trotz seiner eigenen Ablehnung in der Zeitung für seinen Sohn oder seine Tochter ein Gedicht schreibt, nicht diese hohlen Phrasen auf das Papier zu klatschen
  74. Um die Dynamik der Sprache kennenzulernen
  75. Um seine Sprache als Ganzes besser kennenzulernen
  76. Um zu verstehen, dass jede Zeit eine andere Form hat
  77. Um zu verstehen, dass jede Form eine andere Zeit hat
  78. Um andere Menschen besser verstehen zu können
  79. Um ein Gedicht kennenzulernen, dass das eigene ist
  80. Um ein Gedicht kennenzulernen, dass für jemanden anderen ist
  81. Um sich in der Welt zu orientieren
  82. Um zu sehen, was mit Menschen passiert, die nur die Sprache haben
  83. Um zu sehen, was mit der Welt passiert, in der Sprache verboten ist
  84. Um auszuruhen
  85. Um miteinander ins Gespräch zu kommen
  86. Um die Größe derjenigen schätzen zu lernen, die mit wenigen Worten das beschreiben, was mehr ist als die Summe der Worte, aus denen die Schrift besteht
  87. Um nachzudenken
  88. Um angestrengt nachzudenken
  89. Um nach der Anstrengung eine Idee zu haben
  90. Um schreiben zu lernen
  91. Um beschreiben zu lernen
  92. Um sich schreibend kennenzulernen
  93. Um Worte zu haben, um Worte zu beschreiben
  94. Um aufmerksam zu sein
  95. Um vorsichtig zu sein
  96. Um zu wissen, welche Struktur dieser Artikel hat
  97. Um zu wissen, warum dieser Artikel diese Struktur hat
  98. Um zu erkennen, das Nutzen nicht nützt, wenn die Zeit nach dem Nutzen nicht glückt
  99. Nein, nicht um einen Aufsatz zu schreiben
  100. Um, wenn man dies alles nicht will und wenn man die Worte und Reime und Strophen und Verse und Metaphern und Vergleiche kennengelernt hat, sagen zu können: Damit möchte ich mich nicht weiter befassen. Aber ich weiß nun, warum.

Ich bin mir sicher, dass das nicht alle waren. Falls euch noch welche einfallen, dann schreibt sie gerne in die Kommentare. Ich werde nun ein wenig lesen. Vielleicht ein schönes Gedicht.

Dieser Beitrag wurde unter B-Logbuch veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Kommentare zu Warum Lyrik? 100 Gründe

  1. Axel Frieling sagt:

    Stark!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.