Und täglich grüßt das Murmeltier

Es hatte gerade zur dritten Stunde geläutet und ich schlurfte in meine Klasse. Während ich die Unterrichtsmaterialien ordnete, schaute ich auf und beobachtete die Schüler. Während die meisten noch in Gesprächen vertieft waren, schauten mich ein paar von ihnen mitleidig an. Ich konnte mir vorstellen, was sie sahen. Sie sahen nicht ihren neuen Klassenlehrer, sondern sie sahen den Teufel persönlich.

Den Teufel, der ihnen immer wieder zu verstehen gab, sie müssten Dinge lernen und der sie jeden Tag aufs Neue mit neuen Blättern malträtierte.

Eigentlich hätten wir sofort anfangen müssen, den die nächste Arbeit stand schon vor der Tür – sozusagen als letzte große Hürde vor den lang ersehnten Ferien. Aber anstatt sofort einzusteigen sagte ich: „Ich habe euch einen Text mitgebracht. Möchte ihn jemand lesen?“ Stille. Wenn ich mal alt und gebrechlich bin und neuen Lehrern einen Rat geben will, wie die Schüler ruhig zu stellen sind, werde ich einfach sagen: „Frag’, ob jemand freiwillig lesen möchte. Dann hast du Ruhe.“

„Dann lesen ich den Text eben selber“, sagte ich und sah, wie viele Schüler gedanklich abschalteten. Ich konnte förmlich die Gedanken lesen: „Immerhin müssen wir dann nichts machen“, dachten sie wohl. Was ja auch stimmte, obwohl ich es ihnen einfach nicht übel nehmen konnte, dass sei keine Lust hatten, Einleitungen von Erörterungen zu besprechen.

Dann fing ich an zu lesen. Es war schon interessant zu sehen, wie sich manche Schüler wohl fragten, ob der Text gerade wirklich über sie war, oder ob ich ihn aus dem Internet gezogen hatte, nur um keinen wirklichen Unterricht machen zu müssen. Als ich fertig mit dem Lesen war, schaute ich in fragende Gesichter. „Kein Wunder“, dachte ich. So würde ich wahrscheinlich auch schauen.

Bevor mich die Schüler fragen konnten, warum ich eigentlich meine Freizeit damit verbringe, Texte über sie zu schreiben, war auch schon wieder Schluss mit lustig. „So“, sagte ich, wie es wohl alle Deutschlehrer sagen, um darauf hinzuweisen, dass der Ernst des Lebens wieder beginnt. „So, jetzt geht es aber an die Einleitungen.“ Und begleitet vom Stöhnen der Schüler, das einem sagt, dass man aber auch wirklich überflüssig ist und sie eigentlich ihre Ruhe haben wollen, begann ich damit, über die ach so tolle Einleitung einer Schülerin zu sprechen, die eine besonders gute Note für ihren Aufsatz bekommen hatte.

„Zumindest freuen sie sich ein wenig, dass ich einen Text über sie geschrieben habe“, dachte ich noch. Aber der Gedanke ging schon wieder im Stöhnen unter.

Diesen Text lese ich meiner Klasse vor. Ich bin gespannt, ob die erwarteten Reaktionen auch eintreffen. Ansonsten muss ich den Text natürlich nochmals umschreiben.

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