Immer wieder wird gefragt, inwiefern es Merkmale von Reiselyrik gibt. Im engen Sinne müsste man sagen: Nein, die gibt es nicht. Es gibt in unterschiedlichen Epochen verschiedene Motive, die sich auf die Interpretation auswirken. Allgemeine Merkmale zu finden, ist problematisch. Allerdings gibt es einige hilfreiche Koordinaten. 

Was sind Merkmale?

Zunächst einmal zu der Frage, warum es so schwierig ist, von allgemeinen Merkmalen von Reiselyrik zu sprechen. Merkmale einer Textform sollen ja gleich oder zumindest ähnlich sein. Aber selbst bei Textformen wie Gedichten trifft das nicht immer zu. Reim? Manche Gedichte sind ungereimt. Metrum? Manche Gedichte haben kein Metrum. Strophen? Manche Gedichte haben nur eine Strophe.

Allgemeine Aussagen über ein Merkmal zu machen, bringt also nur bedingt weiter, vor allem bei einem thematischen Rahmen wie dem Reisen. Und ein Allgemeinplatz wie die Aussage, dass Reiselyrik sich mit dem Reisen befasst, ist allenfalls trivial.

Thematische Blöcke

Ein Ausweg sind thematische Blöcke, wie es beispielsweise Vanessa Greiff in dem   Reclam-Buch „Reisen. Gedichte“ (Stuttgart 2018) macht.

Sie gliedert das Büchlein in vier verschiedene Abschnitte: 

  1. Aufbruch 
  2. Unterwegssein 
  3. Kompass 
  4. Grenzen und Horizonte 

Hier kann man erkennen, dass es sich zwar nicht um Merkmale im engeren Sinne handelt, aber um thematische Blöcke bzw. Schwerpunkte (Kompass steht hierbei für Orientierung, alles andere ist mehr oder minder selbsterklärend).

Koordinaten

In dem unten angegebenen Schülerband habe ich unterschiedliche Koordinaten herausgearbeitet, die ich hier kurz beschreiben möchte (ohne sie in ihrer ganzen Länge auszuführen). Dazu aber zunächst die Überlegung zu den Koordinaten.

Dadurch, dass Merkmale, wie gesagt, problematisch sind, stellt sich die Frage, wie man – gerade bei einem Gedichtvergleich – die Gedichte fassen soll. Formal ist das immer möglich, aber der Formvergleich gibt nicht besonders viel her.

Ein Koordinatensystem leistet dies, indem es Gedichte an bestimmten Punkten „festmachen“ kann und so die Möglichkeit gibt, diese allgemeinen Koordinaten als Vergleichsaspekte fruchtbar zu machen. An dieser Stelle also nur eine Kurzbeschreibung dieser Koordinaten.

Ich und die anderen 

In der Reiselyrik geht es oftmals um den Unterschied des Reisenden oder Weggehenden und denen, die zurückbleiben.

Innen oder außen 

Reisen verändern die Wahrnehmung desjenigen, der von einem Punkt zum anderen geht. In der Veränderung der Wahrnehmung zeigt sich die Relevanz für das Individuum.

Verortung in der Zeit 

Reisen kann aus einer vergangenen Perspektive betrachtet werden, man kann Sehnsucht danach haben oder sich gerade (also gegenwärtig) auf dem Weg befinden.

Weitere Aspekte 

Sehnsucht/ Wunsch und Erinnerung/ Nostalgie 

Gerade in romantischen Gedichten spielen die starken Wunschvorstellungen des lyrischen Ich in Bezug auf das Reisen immer wieder eine besondere Rolle.

Wege 

Die Art und Weise, wie eine Reise angegangen wird, verändert sich durch die Zeit. Kein Wunder: Reisen werden stark davon beeinflusst, wie jemand reist. Mit der Veränderung des Reisemittels verändert sich die Wahrnehmung der Reise.

Schlussfolgerung

Von Merkmalen der Reiselyrik kann man nicht unbedingt sprechen. Jedoch kann man ein Koordinatensystem zu Hilfe nehmen oder Motive betrachten, die für diese Themensetzung häufig ist.

Weitere Ausführungen zum Thema Reiselyrik gibt es in dem Band „Reiselyrik verstehen“. Dabei handelt es sich um eine Schülerhilfe, mit vielen Deutungsansätzen, Interpretationshilfen, vollständigen Interpretationen und einem großem Methoden- und Fachglossar.

Dieser Beitrag erschien das erste Mal auf dem Blog https://bobblume.de

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