Aus den Ausläufern einer Diskussion, die ich während meiner Social-Media-Pause verpasst habe, entstand gestern eine Frage, die mich nicht mehr losgelassen hat. „Was soll/ kann Deutschunterricht heute leisten?“, fragte Schulleiter Tobias Schreiner. Ausgegangen davon war die Frage, wie man wegkomme von Floskeln, die Schüler*innen kopieren oder falsch anwenden. Der Versuch einer Antwort. 

Anmerkung

Bevor ich ein wenig aufschreibe, was mich gestern nicht schlafen ließ, eine kleine Vorwarnung: Die Frage danach, was ein Fach oder einzelne Fächer sollen oder können, lässt sich sehr vielschichtig beantworten und wurde dementsprechend auch oft und in verschiedensten Arten und Weisen beantwortet. Anders als in einem wissenschaftlichen Aufsatz soll hier bloß ein unfertiger Gedanke aus dem Ärmel geschüttelt werden, dessen Unabgeschlossenheit gerne Anlass für weitere Gedanken sein kann.

Zwei Begriffe, drei Ebenen

Als ich gestern über die von Tobias gestellte Frage nachdachte, anstatt in Träumen zu versinken, ergaben sich mir zwei Begriffe, die für mich in der Kombination und auf drei Ebenen das ausmachen, was Deutschunterricht heute leisten kann und soll.

Er ist, und das nicht ausschließlich, aber doch besonders, die Befähigung zur Teilhabe an Kultur.

Die Definition des Begriffes möchte ich in der Variante von Lisa Rosa fassen, die diesen um Zuge der Beschreibung des Handys als „Kulturzugangsgeräts“ wie folgt definiert: „Kultur nenne ich das Bündel, die Gesamtheit der Gegenstände bzw. Artefakte (materiell, physisch wie ideell, geistig), die zu dem jeweiligen „Betriebssystem“ gehören, vermittels dessen sich die Menschen (bzw. Menschheit) zu einer gegebenen Zeit (historisch) an einem bestimmten Ort (räumlich) ihre notwendige Gesellschaftlichkeit organisieren.“

Vieles muss an dieser Stelle weggelassen werden. Aber werden wir ganz konkret, und zwar mit den von mir im Titel angegebenen Ebenen.

1. Basale Grundfertigkeiten

Deutschunterricht ist von der Grundschule bis hinein in die Unterstufe egal welcher Schulform (deren Existenzberechtigung an dieser Stelle ignoriert wird) das Erlernen eben jener basalen Grundfertigkeiten, die es braucht, um die wichtigsten Symbole unserer Kultur zu entziffern: Die Sprache. Und damit das Erlernen von Sprechen, Schreiben, Lesen und Hören. Natürlich wäre diese zweckorientierte Definition auch in den ersten Schuljahren schon zu wenig. Denn Sprechen und Schreiben befähigt zur Äußerung über sich und andere und lehrt damit auch die Selbstreflexion, die Beziehung zu anderen und zur Welt. Aber um es konkret zu machen: Wenn nach sechs oder sieben Schuljahren das Grundgerüst für die klare und verständige Artikulation gelegt ist, dann hat der Deutschunterricht seinen Beitrag zu eben jener Befähigung zur Teilhabe geleistet. Inwiefern diese Grundfertigkeiten auf verschiedene Gegenstände übertragen werden sollten – also auf Kindernachrichten, Bushaltestellenpläne oder die Speisekarte – ist eine andere Diskussion. Der Punkt ist, dass eben jene basalen Fertigkeiten die Grundlage für jede weitere Form der Teilhabe sind. Privat, in der Gesellschaft und im weiteren Bildungsverlauf. Dies ist der Grund, weshalb man die „Lernlücken“, die zu Recht auch in der Kritik sind, in dieser Phase dennoch ernst nehmen sollte.

2. Alltagskultur

Den Begriff der zweiten Ebene habe ich nach konstruktiven Rückmeldungen verändert.  Gemeint sind jene Phänomene, die, im Gegensatz zu den basalen Grundfertigkeiten und der noch folgenden Hochkultur dem stärksten Wandel unterzogen sind. Hier setzen die meisten Transformationen an. Hier ermöglicht der Deutschunterricht die Beschäftigung mit Zeitung und Blog, Meme und Forum, Social-Media, Film und Computerspiel. Hier findet die größte Erweiterung statt, da die Veränderungen gravierend sind. Nochmals als Gegensatz: Auch innerhalb einer digital vernetzten Kultur kann ich (noch) nicht auf die Grundfertigkeiten wie lesen und schreiben verzichten (wenngleich natürlich die Frage bleibt, inwiefern dies über bestimmte Techniken wie Schreibschrift oder eben über die Tastatur geschehen kann und sollte). Oder anders: Auch wenn die Digitalisierung durch Möglichkeiten wie Sprachnachrichten oder Sprache-zu-Text-Automatismen neue Möglichkeiten zulässt, die auch ein Leben ohne die Werkzeuge der „Gutenberg Galaxis“ möglich machen, ergeben sich durch die Fähigkeiten des Lesens und Schreibens Vorteile, die das Weiterlernen erheblich erleichtern. Diese Form der Teilhabe an (digitaler) Gesellschaft, die eine weitere Ebene des modernen Deutschunterrichts darstellt, führt genauso wie die zuvor genannte Ebene zurück zum Individuum und seinem Platz in der Welt. Je komplexer die Formen der Äußerungen, desto sicherer muss der Umgang mit dieser Komplexität sein – was nebenbei für schülerzentriertes Handeln steht.

3. Hochkultur

Deutschunterricht wird insbesondere mit einer als nicht nützlich empfundenen Hochkultur in Verbindung gebracht. Und inwiefern das Ausmaß von älterer Literatur in den Lehrplänen gerechtfertigt ist, muss in der Tat immer wieder kritisch hinterfragt werden. Dennoch spielt auch hier die Perspektive der Teilhabe an Kultur eine zentrale Rolle. Die vielleicht etwas unterkomplexe Auffassung, die ich hier habe, ist jede der Erweiterung der eigenen Möglichkeiten: In der Lage zu sein, die Schönheit von etwas zu erschließen, das sich im ersten Blick der Entschlüsselung versperrt, bedeutet auch eine zusätzliche Dimension für die eigene Welt. Deshalb ist Literatur so wichtig. Es bedeutet, das kennenzulernen, das man dann ad acta legen und vielleicht erst sehr viel später wieder hochholen kann. Dabei soll Hochkultur selbstverständlich kein aus sich selbst heraus entstehender Zwang sein, sondern bildet vielmehr die Beschäftigung mit jenen Erzeugnissen schlauer Geister, die uns heutzutage auch noch viel über uns, die anderen und die Gesellschaft zu sagen vermögen.

Fazit

Dies alles führt zugegebener Weise weit weg von der eigentlichen Stoßrichtung, nämlich der der Ausgangsfrage, wie man Floskeln vermeidet, die in bestimmten Aufsatzformen heruntergespult werden. Dann aber auch wieder nicht. Denn auch wenn ich die Meinung teile, dass Deutschunterricht fernab von Prüfungen ermöglichen sollte, nicht in Floskeln zu sprechen, sehe ich das Erlernen bestimmter Muster und Strukturen als Schritt in das Verständnis der Funktionsweise von Sprache. Oder kurz: Man kann ablegen, was man nicht mehr braucht. Es zu überspringen, ist schwierig. Dennoch bleibt es ein großes Unterfangen – und das macht den Deutschunterricht auch so spannend – ohne anbiedernde Alltagsbezüge, aber dennoch mit dem Blick für eine sich zunächst nichtersichtliche Relevanz einzuladen, die Facetten der Sprache als Schlüssel für die Teilhabe an der Kultur kennenzulernen.

2 KOMMENTARE

  1. Gefällt mir: Es ist immer wieder mal anregend, sich über Sinn und Zweck des eigenen Tuns zu unterhalten. Deiner Dreiteilung kann ich zustimmen. Für den zweiten Themenbereich schlage ich vor: „Alltagskultur“.
    Beim dritten muss ich sagen, dass ich „Hochkultur“ als problematischen Begriff empfinde. Er suggeriert (durch die „Höhe“) eine Ansiedlung im Elfenbeinturm (sehr hoch) und gleichzeitig damit eine gewisse Unerreichbarkeit. Außerdem auch eine gewisse Geringschätzung für alles andere. Ich habe auch keine Ideallösung dafür, aber man könnte in Betracht ziehen: „Literatur als Kunst“ oder auch „Literarische Tradition“. Beim letzteren wäre schon die historische Dimension enthalten und es bedürfte keiner zusätzlichen Rechtfertigungen, warum es in diesem Bereich sinnvoll ist, Gedichte von Gryphius, Dramen von Lessing und Schiller, Novellen von Eichendorff und Gottfried Keller zu lesen. Diese Tradition setzen Durs Grünbein, Christa Wolf, Wilhelm Genazino und Anne Weber fort. Nicht weil sie es unbedingt darauf anlegten, eine Tradition fortzusetzen, sondern weil es gar nicht anders geht.
    Als weiteren Begriff statt „Hochkultur“ wäre mir noch eingefallen: „ernst gemeinte Literatur“, aber das würde zuviele Missverständnisse auslösen, denn in meinem Sinne wäre ja auch Heimito von Doderers „Merowinger“ oder Robert Gernhardts Gedichte „ernst gemeint“, auch wenn solche Werke wunderbar komisch sind.
    Ist es nicht ein weites Feld? 😉

    • Das ist es, Peter. Danke für deine Einschätzung. Den Begriff der „Alltagskultur“ höre ich schon das zweite Mal. Ich habe aus anderen Gründen Bauchschmerzen, sehe aber ein, dass er auf jeden Fall besser passt als der von mir vorgeschlagene Hybrid. Was die Hochkultur angeht: Da bin ich konservativ und finde, dass gerade der Elfenbeinturm in diesem Sinne doch gut ist. Denn Ziel ist es ja, dass alle daran teilhaben können. Eine Umbenennung ändert ja nichts an dem Anspruch. Weißt du, wie ich meine?

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