Wenn man Kurzgeschichten analysiert, gibt es zahlreiche Aspekte, auf die man achten kann, sollte oder muss. Dieses Analyseschema versucht viele dieser Aspekte nachvollziehbar zusammenzufassen und einige Hinweise mit auf den Weg zu geben. 

Analyse_Kurzgeschichte

Je öfter das Thema Kurzgeschichte im Unterricht vorkommt, desto mehr wird klar, wieso auch jene SchülerInnen, die sich zunächst gut mit einer Kurzgeschichte zurecht finden, bei manch anderer Kurzgeschichte (bzw. bei manch anderem Kurzprosatext) verzweifeln. Vor allem in der Oberstufe wird nämlich eine aspektorientierte Interpretation erwartet.

Das bedeutet, dass es zu wenig ist, jeden einzelnen Aspekt einfach chronologisch zu erwähnen. Auch die chronologische Erarbeitung des Inhalts ist oft zu wenig, da diese Texte oftmals in Nacherzählungen münden.

Es ist also nötig, nachdem man die Kurzgeschichte gelesen, den Sinn und den Konflikt verstanden und erste Markierungen und Ergänzungen vorgenommen hat, den Aspekt zu suchen, der bei der Kurzgeschichte am wichtigsten ist. Man könnte davon sprechen, dass dieser sie „ausmacht“.

Während also bei der einen Kurzgeschichte (man denke an Sibylle Bergs „Nacht“) die Gegenüberstellung zwischen einer passiven Menge auf der einen und aktiven Individuen auf der anderen Seite eine große Rolle spielt (also die Figuren, die Figurenkonstellation und nicht zuletzt die Reflexion des Erzählers darüber), kann bei einem anderen Text (man denke an Edgar Polgars „Auf dem Balkon“) die symbolische Bedeutung von Nähe und Distanz (also der Ort) eine entscheidende Rolle spielen. Oder die Gegenüberstellung verschiedener Perspektiven („Das Bild der Schlacht am Isonzo“).

Dies kann man nicht „lernen“. Den analytischen Blick zu schärfen bedeutet, ein Auge dafür zu bekommen, welcher Aspekt besondere Aufmerksamkeit verdient.

Erst wenn dies geschehen ist, kann das Thema erfasst und eine Deutungshypothese erstellt werden – ein für die Analyse zentrales Element. Wenn die Deutungshypothese die Hauptproblematik und die diese Thematik unterstützenden Aspekte erfasst, ist die Interpretation eine beschreibende „Beweisführung“ der schon durchgeführten Analyse. Sie hat so „automatisch“ einen roten Faden, eine nachvollziehbare Kohärenz.

Sehr gerne würde ich an dieser Stelle mit den Leserinnen und Lesern des Blogs zusammenarbeiten und – wenn auch vage – zusammentragen, welche Kurzgeschichten auf besonderen Aspekten aufgebaut sind.

Bei welchen Kurzgeschichten, Parabeln oder Erzählungen spielt die Syntax eine besondere Rolle? Bei welchen die Motive (ich denke hier beispielsweise an „Schwarzfahren für Anfänger“)? Bei welchen die Figurenperspektive?

Ich freue mich dieses Mal also ganz besonders über Ergänzungen.

4 KOMMENTARE

  1. Ich unterrichte Kurzprosa anhand klassischer Kurzgeschichten und stelle jede von denen unter das Motto eines Interpretationsansatzes, entweder inhaltlich oder formal. So erarbeiten die SuS im Lauf der Einheit einen „Werkzeugkasten“, den sie dann nutzen können:
    Inhaltlich
    – Fremdbild vs. Selbstbild (Der Milchmann, Die Tochter)
    – Gender (Ich bin ein Kumpel)
    – Kommunikation (Augenblicke, Schönes Goldenes Haar)
    – Politische Dimension (Fünfzehn)
    – Ideologie (Wanderer kommst du nach Spa)

    Formal
    – Erzählperspektive (Happy End)
    – Satzstruktur (Schlittenfahren)
    – Leerstellen (Schlittenfahren)
    – Aufbau (Unverhofftes Wiedersehen)
    – Stimmung durch Adjektive (Brudermord im Altwasser)
    – Raffung und Streckung (Wanderer kommst du nach Spa, Unverhofftes Wiedersehen)
    – Geographie (Brudermord, Wanderer kommst du nach Spa)

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