Obwohl das Vorgehen bei Interpretationsaufsätzen normalerweise durch die verschiedenen Klassenstufen sehr ähnlich funktioniert, ist die Arbeit in der Oberstufe doch eine besondere. Die Aspekte der Kurzgeschichte müssen sehr genau beachtet, die fachspezifischen Grundlagen so genau beherrscht werden, dass sie ohne große Bedenkzeit angewendet werden können. Aus diesem Grund sollen hier die verschiedenen Schritte, die vor und während eines Interpretationsaufsatzes ausgeführt werden, dargestellt und teilweise kommentiert werden.

Bevor die einzelnen Schritte aufgegriffen werden, hier noch einige sehr wichtige Tipps für die Umsetzung.

a) Man sollte jeden Aufsatz durch Absätze strukturieren. Pro Absatz sollte nur ein Gedanke verfolgt werden. Dies zu beachten hilft, nicht den Faden zu verlieren. Und es ist gar nicht so einfach. Es bedeutet nämlich beispielsweise, dass man tatsächlich nur einen einzigen Aspekt der Kurzgeschichte (oder der Parabel oder Erzählung) sehr ausgiebig bespricht.

b) Es ist grundlegend zu wissen, wie man zitiert. Die falsche Zitationstechnik macht im schlimmsten Fall den gesamten Text unlesbar.

Nun zu den verschiedenen Schritten.

Aufgabenstellung beachten!

Bei Kurzprosa ist der Operator meist lediglich „interpretieren“. Dies schließt freilich zahlreiche Schritte ein. Dennoch sollte man darauf achten, dass man die Aufgabe auf jeden Fall liest, versteht und ggf. markiert.

Textvorlage sorgfältig mit Stift in der Hand durcharbeiten

Um es kurz zu machen: Einen Text zu lesen, ohne dass man ihn markiert, Pfeile zeichnet und Gedanken hineinschreibt, geht in der Oberstufe eigentlich nicht mehr. Warum? Letztlich ist es ein Weg, mit dem Text zu arbeiten und an alles zu denken. In einem weiteren Schritt können die vielen Teile dann zu einem stringenten Konzept verfasst werden. Erst dann geht die Verschriftlichung los.

Einige Anregungen:

  • Welche Textstellen sind Schlüsselstellen?
  • Wichtiges unterstreichen (vor allem sprachliche und erzählerische Mittel, aber auch Charakterisierungen von Personen etc.)
  • Notizen am Rand machen
  • Um was für eine Textsorte handelt es sich (Kurzgeschichte, Parabel, Anekdote …)

Gerade der letzte Punkt kann wichtig für einen Schluss sein, der nicht vage gehalten wird. Wenn einem das Konzept der Kurzgeschichte beispielsweise geläufig ist, kann man am Ende beschreiben, inwiefern der Text sich diesem Konzept verweigert, welche strukturellen Feinheiten und Kniffe es gibt oder wo es Leerstellen gibt, die sich einer genauen Interpretation widersetzen (man denke an Kafka).

Deutungshypothese aufstellen

Die Deutungshypothese sollte erst aufgestellt werden, wenn der gesamte Text analysiert worden ist. Sie ist das Kernstück der Interpretation. Zu wissen, wie man diese erstellt, ist deshalb für die gesamte Klausur sehr wichtig. Zuvor sind jedoch noch einige Schritte nötig.

  • Stoffsammlung erstellen

Es geht darum, dass man die Aspekte, die wichtig sind, sammelt, Verbindungen herstellt, Fragen formuliert und Interpretationsansätze aufschreibt.

  • Gliederung anfertigen (vom Vordergründigen zu einer vertiefenden Interpretation)

Einleitung überlegen, welche zum Thema hinführt, den Inhalt und Gehalt aber nicht vorwegnimmt; in die Einleitung gehören Autor, Titel, Textsorte und evtl. zeitlicher Kontext. Die Einleitung kann z.B.
– das Thema des Prosatextes in allgemeiner Form oder in seiner Aktualität aufgreifen oder
– Assoziationen im Zusammenhang mit der Überschrift zum Ausdruck bringen oder
– über den Autor informieren (falls bekannt!)
– …

Wichtig ist, dass die Hinführung erst dann erstellt wird, wenn die Deutungshypothese erstellt worden ist. Denn ansonsten führt die Hinleitung am eigentlichen Thema vorbei und das ist als Einstieg schlecht, da dies der erste Moment ist, in dem der Leser mit dem Text in Berührung kommt.

Hinweise zur textimmanenten Analyse und Interpretation

Generell schreiben wir in der Schule textimmanente Analysen. Das bedeutet, dass wir alles, was wir über die Figuren, den Ort, die Zeit etc. wissen nur innerhalb des Textes deuten. Es gibt zahlreiche andere Wege, eine Deutung zu erstellen: Psychologisch, marxistisch, poststrukturalistisch und so weiter. Dadurch, dass wir in der Schule nur mit dem Text arbeiten, wertet dies den Text als Analysegegenstand extrem auf. Aus diesem Grund sind einige Schritte nötig, ohne die man nicht starten sollte.

  • Kurze Zusammenfassung der vorgelegten Textstelle: zentrale Hinweise auf Handlung und Ereignis, Figuren, Entwicklung, Ergebnis
  • Deutungshypothese (Thema/Gesamteindruck): „In dieser Textstelle geht es um …“
  • Darstellung der Analyseaspekte in strukturierter Form
  • Bau/Aufbau der ausgewählten Textstelle (Abschnittgliederung, Sinn­einheiten)
  • Handlung: Gliederung der „histoire“, Handlungsschritte, äußere/inne­re Handlung, steigende/fallende Handlung, episodische Handlungen
  • Figurenkonstellation, Figurengestaltung, Figurenkonzeptionen
  • Raumgestaltung; Elemente des Raums: charakterisierende/symbo­lische Funktionen des Raums oder von einzelnen Raumelementen; Innenräume/Außenräume
  • Zeitgestaltung: Erzählzeit und erzählte Zeit: zeitdeckend/-raffend/-dehnend
  • Erzähler: Erzählform, Erzählverhalten, Erzählperspektive, Zuverläs­sigkeit des Erzählers; szenisches oder panaromatisches/berichtendes Erzählen; Vermittlung von Gedanken handelnder Figuren
  • Erzählung: Darstellungsform, Vokabular, Satzbau/Satzart, rhet. Figu­ren, Stilregister, Bildlichkeit (Motive, Bildlichkeit: Metaphern, Perso­nifikation, Vergleich, Symbole, Allegorien, Chiffren)

Am Ende wird die Deutungshypothese überprüft und die Ergebnisse werden gewichtet. Wenn man die Deutungshypothese gut entwickelt hat, dürfe die Bestätigung nicht zu schwer sein. Schwieriger wird es freilich, wenn die Deutungshypothese ein Schuss ins Blaue war. Aus dem Grund sollte man sie erst am Ende der Analyse formulieren, sodass man danach mit dem Schreiben der Interpretation beginnen kann.

Kontextwissen nutzen

Auch wenn die Interpretation, wie oben gesagt, textimmanent ist, kann der Kontext eines Textes, sofern bekannt, helfen, ihn zu deuten. Beispiele dafür sind:

  • Wissen über den Autor in Zusammenhang mit der Erzählung bringen
    Prägung der Erzählung durch Zeit und Ort im Text nachvollziehen
  • Den Text in eine ideengeschichtliche Auseinandersetzung einordnen
  • Die literarische Gattung reflektieren (am Text gattungstypische Merkmale nachweisen können)
  • Das Poetologisches Konzept am Text nachvollziehen (z.B. „Eisberg-Theorem“ Hemingways)

Man muss auch hier aufpassen, dass man es sich nicht zu einfach macht und versucht, eine 1:1-Übertragung zwischen Autorenleben und Text anzunehmen. Es sind allenfalls Impulse, die man einfließen lassen kann.

Schluss

Der Schluss ist für den Leser oftmals eine Qual, weil die Schüler (oder die Interpreten) vage vor sich hin schwafeln, ohne dass man das Gefühl hätte, dass hier wirklich ein Schluss verfolgt wird. Aus diesem Grund sollte man sich gut überlegen, was man am Ende nochmals in den Blick nimmt. Das kann sein:

  • Die Beurteilung des epischen Textes unter Gesichtspunkten wie: Aktualität des angesprochenen Themas; Übertragbarkeit, Bezug auf die eigene Erfahrung mit diesen Problemstellungen (familiärer Umkreis, Schule, Stadt, TV, Netz), evtl. auch Aufgreifen der Überschrift oder Weiterführung der Gedanken in der eigenen Einleitung.
  • Die Zusammenfassung der wichtigsten Aspekte und Ergebnisse vor allem in Bezug auf die Deutungshypothese des Beginns.

Man sollte dringend darauf achten, keine Allgemeinplätze aufzuschreiben. Dass der Text „gut“ ist und der Autor die Kurzgeschichte „schön“ geschrieben hat, spielt keine Rolle.

Hinweise zur Überarbeitung des Aufsatzes

Zum Abschluss noch einige Hinweise, wie man den Aufsatz in Eigenarbeit überarbeiten kann.

In der Sache:

Sind die Ausführungen …

– im Ergebnis ergiebig und überzeugend?

– wichtig / unwichtig in Bezug auf die Deutungshypothese?

– differenziert oder undifferenziert und oberflächlich?

– an Textstellen belegt?

Sind die Analyseergebnisse in ihrer Funktion für die Aussage erschlossen?

In der Struktur

Ist die Entfaltung der Gedanken im Aufsatz

In der Gliederung klar und schlüssig (Abschnitte)?

Klar/unklar in der gedanklichen Entwicklung?

Unangemessen lang/kurz (bezogen auf zentrale und eher nebensächliche Aspekte)?

Gibt es orientierende Leserlenkung („Zentral wichtig scheint mir …“/„In den Mittel­punkt stelle ich …“/„Besonders hervorheben möchte ich …“)?

In der Sprachgebung

Wirkt der Aufsatz

– flüssig und klar formuliert?

– in Wortwahl und Ausdruck flüssig und angemessen?

Erkennt man den gedanklichen Zusammenhang auch in der sprachlichen Darstellung (Konnektoren wie: weil/deshalb/jedoch/aber/…)

Sind Wiederholungen vermieden (z.B. Satzanfänge, gleiche Wörter)?

Stimmen die Anforderungen an die Textnorm und an den Text:

– Präsens, Sachlichkeit im Stil, Fachbegriffe, korrekte Zitierweise

– Sprachrichtigkeit: Satzbau, Grammatik (z.B.: Konjunktiv bei der indirekten Rede)?

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