Obwohl mich Johannes Paßmann per Direktnachricht ermahnte, dass seine Twitter-Ethnografie „am Ende des Tages eine Doktorarbeit“ ist, liest sich dieses zwischen subjektiven Erfahrungswirklichkeiten in wissenschaftlicher Rahmengebung situierte Buch vor allem für langjährige Twitterer sehr unterhaltsam und vor allem erkenntnisreich. Eine kurze Rezension. 

Vorab sei angemerkt, dass ich die Arbeit nicht, wie zunächst gewollt, mit dem Marker gelesen habe. Dafür war sie mir schlicht zu spannend. Eine Abend- und keine Schreibtischlektüre also. Da die Spannung aber auch daher kommt, das Gefühl zu haben, eine Art heimliche eigene Plattform-Biographie gelesen zu haben, ist die Distanz der Betrachtung nicht gegeben. Zu ulkig, nett und wunderbar lesen sich die absichtlich subjektiv gehaltenen Treffen mit Twitterern, in denen die Diskrepanz zwischen digitaler und tatsächlicher Person in konflikt- und erkenntnisreichen persönlichen Dissonanzen deutlich wird.

Was will diese Arbeit? Grob gesagt ist es ein Versuch, das Spezielle des Twitterns und seiner (nach und nach implementierten) „Gesetzmäßigkeiten“ zu verstehen und in einen theoretischen Rahmen zu gießen. Dabei geht es nicht nur um das Like, sondern auch um die (historisch-technische) Implementierung des Retweets und des darauffolgenden Buttons.

Diejenigen, die eine Kommunikationsanalyse des Netzwerks erwarten, werden allerdings enttäuscht werden. In dieser Ethnographie geht es um das frühe, oder sagen wir es, wie es ist: das wahre Twitter. Dieses nämlich, bei dem „Favstar noch Gesetz“ (Titel eines Kapitels) war und es darum ging, mit einer auf kollektiv verstehbare Peinlichkeit Bezug nehmenden Aussage möglichst viele Sterne abzugreifen.

Vor diesem Hintergrund wird der Weg von User, der den Rausch des Twitterns erlebt und (zunächst) Follower sammelt erklärt. Dabei erfolgt eine Art Typologisierung der (damals und heute) präsenten Twitter-Persönlichkeiten zwischen dem „Rechner“ und dem „Skalpjäger“, wobei letzteres wie im gesamten Buch keine „einfache“ Metapher, sondern einen gleichsam soziologischen Rahmen bildet.

Besonders erhellend ist die aus den erfahrbar gemachten Techniken und deren Beobachtungen abgeleitete „Entstehung der Plattformeinheit“, in der den Entstehungsprozessen technischer Neuerungen durch User-Praktiken nachgegangen wird.

Für mich persönlich ist das Fazit gerade vor dem Hintergrund scheiternder Kommunikation auf der Plattform besonders spannend. Dort heißt es:

[Die unterbestimmten Medien werden] ständig einer bestimmung unterzogen. meist ist das ergebnis, dass man es bei der vagheit belässt. in besonderen fällen hingegen wird die totale vermischung von medien und personen herausgefordert.  (…) die plattform reduziert die mit ihr möglichen aktivitäten sehr stark, und erzeugt dadurch nicht ein hoch standadisiertes verhalten ihrer nutzerinnen und nutzer, sondern erzeugt ganz im gegenteil eine hohe interpretative flexibilität. (…) Es geht nicht um medien und praktiken, sondern um medien-praktiken. (Paßmann, S.365ff.)

Das, was hier als „interpretative Flexibilität“ neutral formuliert erscheint, kann durch plattformspezifische Einseitigkeit dann in ein kommunikatives Desaster führen. Die Diskrepanz zwischen Person und Handlung, einer auf thematischer Einseitigkeit aufbauender Medienpraktik, erklärt so, warum ein über das Netzwerk entstandener Eindruck trügen kann.

Insgesamt ist das Buch ein sehr spezifischer, aber gerade deshalb so interessanter Einblick in das Twittervölkchen (wenn man dies so pejorativ sagen darf). Eben nicht „nur eine Doktorarbeit“, sondern am Ende des Tages meine bisher spannendste Ethnografie.

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