In mal kürzeren, mal längeren Abständen drängt sich mir eine Frage auf, die ich bisher nicht beantworten konnte. Knapp formuliert ist diese: Wie schaffen wir es, miteinander zu reden? Und damit meine ich nicht, wie und ob wir mit Rechten reden sollten.In zahllosen Diskussionen im Netz habe ich die Hoffnung darauf verloren, dass der Austausch zwischen Fremden funktioniert – oder sogar zwischen Freunden. 

Der Impuls dafür, warum ich mich wieder mit der Frage beschäftige, ist das letzte Gespräch auf Twitter mit einem Freund von mir, nach dessen Verlauf er – für mich überraschend – seinen Account löschte. Nun ist nicht das Löschen an sich überraschend, ich selbst habe dies in einem emotionalen Moment getan, sondern die Tatsache, dass wir eben befreundet sind. Lose zwar, aber doch eben so, dass wir uns wunderbar unterhalten und uns widersprechen können – wenn wir uns sehen.

Ausgangspunkt des Disputs war ein Tweet von mir.

Der Tweet selbst ist natürlich nur halb Ernst gemeint. Vieles, das sich in ihm verbirgt, kommt nicht aus den Worten hervor, sondern aus dem Wissen des Kontexts. Der Tweet selbst ist – neben der typischen Gegenüberstellung, die für eine gewisse Punchline sorgen soll (die hier nicht besonders gut gelungen ist) eine Nachricht an die Filterblase, quasi eine liebevolle Umarmung. Man könnte auch schreiben: „Schön, dass ihr da seid. Schade, dass gerade so viel Mist von den Verantwortlichen in der Politik passiert.“ Aber das schreibt keiner in einen Tweet. Dieses Wissen braucht man aber – vielleicht auch die Sozialisation in einem Twitter, in dem es zunächst nicht um Vernetzung und Sachgespräche ging, sondern um Wortspiele.

Jedenfalls regte mich die Reaktion meines Freundes auf, der polemisch-anklagend fragte, ob ich das ernst meine (vielleicht übrigens auch nicht anklagend). Dies wiederum nahm ich als ein Angriff auf meine Intelligenz wahr. Glaubt da wirklich jemand, dass ich alle Menschen, die auf Twitter sind, für vernünftig halte? Natürlich nicht!

Hätten wir an einem Tisch gesessen, wäre die Aussage nicht nur eindeutig gewesen, sondern ein Missverständnis hätte sich sehr einfach klären lassen können. Mit Betonungen, Blicken, Gesten und der Möglichkeit der direkten Reaktion. All das ist online nicht möglich.

Da Sprecher und Hörer nicht anwesend sind, muss man ein vielfältiges Spektrum verschiedener Grundlagen haben, damit ein Gespräch funktionieren kann:

  • Der Sender nimmt den Empfänger als gleichwertig wahr.
  • Der Empfänger geht davon aus, dass der Sprecher ihn nicht zurechtweisen will.
  • Beide Diskussionspartner sind an einem friedlichen Verlauf interessiert.
  • Beide Diskussionspartner versuchen, den Verlauf des Gesprächs friedlich zu halten.
  • Beide Diskussionspartner sind gewillt, dem anderen zuzuhören und seiner Meinung Raum zu lassen – vor allem dann, wenn sie nicht zustimmen.

Ohne diese Grundlagen sind Gespräche entweder schwierig oder gar unmöglich. Das ist vielfach zu beobachten, und zwar immer dann, wenn die Sprecher dem Widersprecher nicht nur seine Meinung absprechen, sondern die Person als Ganzes.

Wer so etwas sagt, ist kein Journalist/ Lehrer/ Forscher/Demokrat, heißt es dann. Das kann mitunter stimmen. Und natürlich müssen rote Linien markiert werden.

Was ich jedoch immer wieder bemerke, gerade in einer Zeit, in der ich in den Kommentarspalten von Facebook, solange die Kraft reicht, versuche zu widersprechen: Wenn die Grundlagen nicht vorhanden sind, kann man nicht sprechen. Wenn der zweite Kommentar schon die Abwertung ist – egal ob ironisch, polemisch, zynisch oder sogar sachlich – dann bleibt nichts übrig von dem, was man Diskussion oder Diskurs nennen könnte. Es ist ein Hinstellen der eigenen Meinung, ein paralleles Schreien.

Auf Twitter hat diese Art des Parallelmonologs durch die Zitatfunktion zusätzliche Schärfe bekommen. Ich habe den Eindruck, dass die Textposition etwas mit den Aussagen macht. Es ist (je nach Kontext) ein visuelles Über-dem-anderen-Stehen. Jede Aussage kann als lächerlich-naive Aussage anmoderiert werden. In den meisten Fällen ist diese Art von Zitation schon das Ende des Gesprächs.

Und es stimmt: Warum sollte ich mir die Mühe machen, jemandem zuzuhören, wenn er eine völlig andere Meinung hat als ich? Und selbst wenn der eine Gesprächspartner sich Mühe gibt, nachzuvollziehen, was der andere sagt: Es muss von beiden kommen.

Innerhalb der Filterblasen ist das einfacher. Entweder, weil tatsächlich Reparaturmechanismen zum Tragen kommen – also das Zurückrudern, um das Gesicht des anderen zu wahren. Oder – und das ist nur eine persönliche Wahrnehmung – weil Gebiete markiert sind. Schon öfter las ich in meiner Filterblase den Beginn eines Gespräches, dann einen Widerspruch und dann den abrupten Abbruch. Warum? Weil man eher nicht weiterspricht, als das Risiko einzugehen, in einen Strudel gezogen zu werden, in dem man Schaden nehmen kann (Schaden im Sinne von einer Beschädigung der „Reputation“). Manchem wird auch nicht mehr widersprochen und eine Mutmaßung ist, dass dies deshalb nicht geschieht, weil keiner Lust hat, mit der Horde des anderen zu diskutieren. Das kann aber auch ein falscher Eindruck sein.

Wenn also ein Gespräch zwischen zwei Menschen, die sich außerhalb der Netzwerke verstehen, online scheitert (unbenommen, dass dies subjektive Gründe haben kann), wie zum Teufel soll er dann zwischen Fremden funktionieren, die unterschiedliche Auffassungen haben? Ich weiß keine Antwort und wenn ich ehrlich bin, finde ich das beängstigend.

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