Axel Krommer hat mit seinem zu Recht viel beachteten Text Paradigmen und palliative Didaktik. Oder: Wie Medien Wissen und Lernen prägen viel Zuspruch erhalten. Der Text ist für den digitalen Diskurs deshalb wichtig, weil er der Diskussion um die Methoden des Lernens einen kulturhistorischen Rahmen gibt, der den schwammigen Medienbegriff genauer fasst und so die oberflächlichen Argumente digitalkritischer Perspektiven als anachronistisch zurückweist. Einigen Annahmen möchte ich, soweit auf dem Blog möglich, einer kritischen Betrachtung unterziehen. 

Grundsätzliches

Zunächst einmal grundsätzlich: Der Text ist deshalb wichtig, weil er nochmals darauf hinweist, dass Medien keine neutralen Übertragungskanäle sind. Mit dem Verweis auf McLuhan heißt es also: Das Medium ist die Nachricht. Die Veränderungen der Leitmedien bedeutet so auch eine Veränderung des Paradigmas innerhalb dessen argumentiert, geforscht, gelernt wird. Das ist wichtig, um zu verstehen, warum man es schwer hat, aus dem einen Paradigma das andere zu beurteilen (dies erklärt Krommer am Beispiel der Oralität auch im Podcast).

Als Paradigma bezeichnet er ein etabliertes Theoriegebäude, das die anerkannten Probleme und Methoden eines Forschungsgebietes bestimmt. Paradigmen legen fest, welche Fragen sinnvollerweise gestellt werden können, welche Methoden erlaubt sind, um diese Fragen zu untersuchen, und welche Antworten als akzeptabel gelten. (Krommer 2019)

Vielleicht könnte man sagen, dass dies die größtmögliche Art des Framings ist: Mit meiner Frage nach dem Mehrwert digitaler Medien kann die Antwort nur eine sein, die sich dem größeren Blick sperrt, weil sie nur meinen angenommenen Rahmen einschließt.

Hier ist ein weiterer Vergleich sinnvoll: Das Navigationssystem von Autos (und Mobiltelefonen) hat es obsolet gemacht, physische Karten auf eine ganz bestimmte Weise lesen zu müssen. Die Kompetenz hat sich verlagert. Verlagert deshalb, weil ich nun wissen muss, wie ich die Navigation (bei Stau) oder die Perspektive verändere (vom Ziel zum Abfahrtort) und so weiter. Was gleich bleibt, ist die grundlegende Fähigkeit, Straßen zu unterscheiden (Autobahnen, Landstraßen), Staus zu erkennen (Symbole der jeweiligen Navigation) und basale Informationen zu verstehen (Tankstellen, Städte etc.).

Die kulturpessimistische Perspektive, die aus dem überkommenen Paradigma Urteile fällt, trauert nun sowohl den Karten selbst als auch der „guten alten“ Fähigkeit hinterher, Karten zu lesen, vergisst (oder verdrängt) dabei aber die zahlreichen Umstände, in denen man sich verfuhr oder an den Rande einer Scheidung getrieben wurde, weil einer der beiden Partner die Karte nicht lesen konnte oder der andere meinte, er könne es besser.

Bis dahin ist das absolut plausibel.

Eine Unschärfe, die ich in Krommers Artikel zu erkennen meine, kommt wahrscheinlich aus der Verdichtung des Blogartikels. Es ist eben kein Buch, das ein breites Spektrum jeder einzelnen Phase medialer Paradigmen ausführen kann. Deshalb wirkt die Auflistung deterministisch. Mit jedem neuen Paradigma ist das alte obsolet. Beim Lesen erscheint es, als lese man in der Tat „Standardsituationen des Paradigmawechsels“ und in der Tat wiederholt sich die Kritik an Neuerungen ständig (wie Kathrin Passig in ihrem wichtigen Artikel hinsichtlich technischer Neuerungen gezeigt hat).

Der Verweis auf Stalders Begriff der „Kultur der Digitalität“ (2016) ist insofern konsequent, weil der Autor damit auf ein neues Paradigma verweist. Interessant ist bei Stalder, dass die von ihm konstatierte Kultur der Digitalität als Katalysator von Prozessen vorgestellt wird, die schon seit Jahrzehnten im Gang sind. Das ist in dem Zusammenhang, in dem wir uns befinden, extrem wichtig, weil die von ihm konstatierte „Kulturalisierung der Welt“ (Stalder, 2019, S.58) erst als zweiter Schritt nach der Erweiterung der sozialen Basis (Ebd. S.22) zu einer gesellschaftlichen Transformation führt, die dann durch die Digitalität massiv an Geschwindigkeit gewinnt.

Kurz: Die Technologisierung der Kultur geschieht erst unter den Bedingungen, die schon zuvor hergestellt worden sind. Die Digitalität wird zum Katalysator des neuen Zeitalters der „Gesellschaft der Singularitäten“ (Reckwitz, 2018). Dieser Übergang ist interessant. Denn in ihm zeigt sich, inwiefern Paradigmen tatsächlich dann überkommen sind, wenn sie von  anderen Paradigmen abgelöst werden.

Eine kritische Anmerkung

Und damit kommen wir zu dem Punkt, an dem ich mich am meisten Reibe.

Die Beschränkung auf Mündlichkeit, Gedächtnis, Handschrift und das einzelne Individuum kann jedoch die Lernwirklichkeit der Kultur der Digitalität nicht angemessen repräsentieren. Hier knüpft man auf sozialen Plattformen wie Twitter persönliche Lern-Netzwerke, um von der Expertise anderer zu profitieren. (Krommer, 2019)

Hier sind wir beim Kern. Hier setzt die Kritik an den sogenannten Skinner-Apps an. Denn auch wenn man diese Apps, die Wissen nurmehr reproduzieren verteidigen kann, wie es Philippe Wampfler in seiner Replik auf Krommers Beitrag tut, geschieht das nur in dem Bestreben, dass die Arbeit mit den Apps zu Grenzen führt, die dann mithilfe anderer Apps durchbrochen werden. Der Grundkonsens bleibt: Es geht nicht mehr um „starres Wissen“, sondern um die Fähigkeit, Informationen zu systematisieren (Stalder redet deshalb von Algorithmizität) und diese gemeinsam (Gemeinschaftlichkeit) zu verändern und zu bearbeiten (Referentialität).

Und genau hier vermeine ich zu erkennen, dass auch wir (Axel Krommer als Wissenschaftler mehr als ich) in einem Paradigma verhaftet sind, das es uns erlaubt, bestimmtes Wissen anzunehmen und dabei zu übersehen, dass eben jenes Wissen erst in einem Prozess erarbeitet worden ist, der heutzutage nicht mehr reproduzierbar ist. Damit meine ich, dass bestimmte von „uns“ (Personen in Bildung, Forschung und Lehre) angenommenen Fähigkeiten, nicht mehr als Fähigkeiten (oder Wissen) reflektiert werden.

Krommer wird (der Autor mag mir widersprechen) die Zitate, die er in seinem Text nutzt, nicht gegoogelt haben, sondern markiert. Er wird den Zusammenhang seines Artikels aus den zahlreichen möglichen Informationen heraus gewonnen haben, die sich ihm durch sein vorhandenes Wissen ergeben haben. Oder noch deutlicher: Nichts entsteht aus nichts.

Unterrichtspraxis

Der Titel suggeriert eine Trennschärfe, die so nicht existiert. Der Vorwurf vermeintlicher Praktiker, theoretische Artikel wie jener Kommers haben mit dem „realen Leben“ oder dem „realen Unterricht“ nichts zu tun, verkennen, dass eben solche Theorien das Fundament für unterrichtspraktische Umsetzungen sind.

Die Unterrichtspraxis soll dennoch gleichsam als Beispiel für das Problem gelten, das ich bei einem fundamentalen Paradigmenwechsel in der Schule sehe. Vor einigen Jahren schrieb eine Schülerin eine Interpretation (auch das mag dem einen oder anderen überkommen vorkommen), die ein Gedicht von 1904 auf den ersten Weltkrieg bezog. Kann passieren.

Interessanter war, was passierte, als ich dies Schülerinnen und Schülern in einer Stunde mitteilte, in dem es um das richtige Recherchieren ging. Die Schüler sollten prüfen, inwiefern die Interpretation der Schülerin richtig sein konnte. 90% der Schüler suchten nach Gedichten von 1904, die sich auf den ersten Weltkrieg beziehen lassen. Der kleine Rest überprüfte einfach die Zeitspanne des ersten Weltkriegs.

Den Unterschied der Vorgehensweisen, bei der eine zum richtigen Ergebnis führt und eine andere nicht, mag man in der Methodik sehen oder in der Fähigkeit, richtige logische Schlussfolgerungen zu ziehen. Ein Unterschied liegt aber auch oft in jenem Wissen, dass der Einzelne im Gedächtnis trägt. Der nur ein Referenznetz, von dem zumindest angenommen werden kann, das es auf verifizierbaren Wahrheiten beruht, kann dem Einzelnen erlauben, überhaupt etwas mit all jenen Informationen anzufangen, die er oder sie findet.

Konsequenz

In meinen Augen ist dies das Problem der Standardsituationen. Wir gehen (zu Recht) davon aus, dass die 4K wichtige, grundlegende Kompetenzen im 21. Jahrhundert sind. Gleichzeitig wären wir ohne die Fähigkeiten des 20. Jahrhunderts verloren (und zwar konkret, weil ich die handschriftliche Botschaft des DHL-Mitarbeiters nicht entziffern kann und mein Paket nirgends mehr finde und auch abstrakt, weil ich nicht nach etwas suchen kann, von dem ich nicht weiß, dass es das gibt, beispielsweise so etwas wie den Holocaust).

Ich weiß, dass es den Verfechtern einer zeitgemäßen Bildung auch nicht darum geht, „Wissen abzuschaffen“ oder nur noch digital zu arbeiten. Letztlich sehe ich mich auch in einer Position, die für die Normalisierung digitaler Methoden und zeitgemäßer Umgangsformen kämpft.

Aber eine Absage an jenes starres Wissen und eben jene Formen, die ein solches Wissen „erzeugen“ geht mir da zu weit, wo es verkennt, dass es erst jene unverrückbaren Gewissheiten sind, die überhaupt eine Orientierung in der Kultur der Digitalität erlauben. Darauf zu verweisen war mir ein Anliegen.

Literatur 

Stalder, Felix (2016): Kultur der Digitalität. Frankfurt am Main: Suhrkamp (=edition suhrkamp 2679).

Krommer, Axel (2019): https://axelkrommer.com/2019/04/12/paradigmen-und-palliative-didaktik-oder-wie-medien-wissen-und-lernen-praegen/, aufgerufen am 15.4.2019.

Andreas Reckwitz Buch: „Die Gesellschaft der Singularitäten“ (Buchcover: Suhrkamp Verlag, Foto: picture alliance / Sven Hoppe/dpa)

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