Digitalpakt, digitale Bildung, Tabletklassen – über digitale Technologien zu reden, ist modern (was sich allein daran zeigt, dass große Medienhäuser auf den Zug aufspringen). Was genau das Ziel ist, scheint dabei zweitrangig oder eben als Weiterführung des Jobwunsches von Kindern der 90er: „Irgendwas mit Medien“. Dabei kann man es abkürzen: Digitale Bildung hat wenig mit iPads zu tun. Es ist eine Bildung, die dem von Technologie umrahmte, teilweise eingeengte Individuum das Instrumentarium gibt, die gesellschaftlichen Prozesse der digitalen Gesellschaft zu verstehen. Es ist eine in höchstem Maße reflektierte, man könnte auch sagen „reflexive Bildung“.

Erster semi-interessanter Beginn

Einen Artikel über digitale Bildung oder Bildung unter den Bedingungen der Digitalität könnte man auf sehr verschiedene Arten beginnen. Man könnte technische Unterstützung fordern, das konservative Schulsystem beschreiben (im wahrsten Sinne des Erhaltens von Althergebrachten) oder ein gelungenes Projekt beschreiben. Welches Bild (für den modernen Leser, der ohne ein Artikelbild gelangweilt die nächste Schlagzeile bemüht) würde man nutzen? Eines jener Hochglanzbilder, instagramgeglättet, die technische Produktpalette auf einem Eichenholztisch, den Café-Latte-Macchiato griffbereit? Oder eine Klasse von lachenden Kindern, die durch die moderne Technik endlich einen Unterricht erleben, der für sie „zeitgemäß“ ist (ganz im Gegenteil zu dem verstaubten Unterricht, der alte Themen und Kulturtechniken bemüht, um, wie es heißt, eine „Bildung von gestern“ aufrecht zu erhalten). Ein schöner Beginn eines Wohlfühlartikels. Aber ist es das, woran wir denken, wenn wir von Digitalisierung sprechen? Ist ein solcher Fokus nicht die Umkehrung dessen, das bemängelt wird, wenn wir davon sprechen, dass die Klassenräume sich öffnen müssen? Wir öffnen sie und bleiben gleichsam hocken, haben aber andere Geräte in der Hand.

Zweiter semi-interessanter Beginn

Ein solcher Artikel könnte anders öffnen. Mit Nazis in Charlottesville, die über neurechte Netzwerke endlich die Möglichkeit haben, sich zu organisieren, sich zu formieren und ganz real „Flagge zu zeigen“. Eben eine mit Hakenkreuz. Oder wir beginnen mit der Inkarnation des wutschäumenden Shitstorms, Donald Trump, den diverse Chan-Foren als ihre Figur betrachten. Eine Meme als Präsident. Oder wir starten reißerische mit Videos, auf denen Menschen verbrennen, die der IS gefangen genommen hat. Welch eine mediale Wirkung! Aber nein, das würden wir nicht tun. Denn wir wollen die Menschen – vor allem Kinder – schützen vor den Eindrücken der digitalen Wutgesellschaft, der explosiven Sprengkraft, der Abstumpfung durch Tagtäglichkeit. Deshalb reden wir so wenig über reale Gefahren.

Dieser Artikel startet (und tut dies doch nicht, da schon der dritte Absatz geschrieben wird) anders. Wir schauen in den Tagesablauf eines Jugendlichen (oder wahlweise eines jungen Erwachsenen Berliner-Hipsters; [das frühe Aufstehen ist dann allerdings wegzudenken]).

Wirklich interessanter Beginn (der keiner ist)

Das Telefon klingelt. Also das Handy. Dieses Ding, das dafür sorgt, dass der Eigentümer es schwer hat, aufzustehen. Er hat gestern noch bis drei Uhr nachts mit seinen Freunden gechattet. Oder geschrieben. Oder sagen wir: Kommuniziert. Oder er ist eine sie. Sie hatten sich verabredet, sind dann noch auf diesen Typen gekommen. Wie das so ist, wenn man nebeneinander im Bett liegt. Nun kann man aber immer nebeneinander im Bett liegen,  auf der anderen Seite des Handys ist das Bett zu Ende. Das Handy klingelt, es leuchtet im Dunkeln. Es wird stressig: Obwohl sie oder er weiß, dass die Pushnachrichten ausgeschaltet werden müssten, sind sie an. Ist halt wichtig. Es wird gecheckt:

  • Instagram: 82 neue Likes für das Foto gestern. Eigentlich nicht schlecht, aber es war am See und hat lange gedauert. Dazu schöne Sonne. Hätte eigentlich mehr verdient. Nur 12 Kommentare. Jenny hat noch nicht mal was drunter geschrieben. Oder Leon. Wieso Leon nicht? WhatsApp an Björn, der weiß doch immer, was mit dem ist.
  • WhatsApp: 44 neue Nachrichten. Nichts besonderes. Hausaufgaben. Meme-Schlacht mit schlechten Frauenwitzen. Sexismus-Scheiße. Müsste raus aus der Gruppe, aber ab und zu sind interessante Sachen drin. Kann also nicht. Oder will nicht. Weiß nicht.
  • Snapchat: Alter, wie fertig war die gestern! Drei Mal ein Streak! Jetzt heißt es dran bleiben. Aber erst nach dem Frühstück. Die Augen sehen gerade aus wie bei einem Boxer.
  • Mails. Als wenn das auf dem Handy ist!
  • Facebook: Nur ganz kurz!

JA, MAMA! ICH KOMME JA GLEICH! (Bei den Wohnungspreisen können Sie sich dieses Beispiel auch für einen Berliner Hipster vorstellen).

  • Pinterest: Wurde vernachlässigt. Nur kurz. Ja, schön, schön, schön. Was noch?

ERINNERUNG! (Ja, gleich!)

Anziehen. Aber was? Wenn die oder er oder es sieht, dass ich das Zeug wieder anhabe, dann wird es bitter. Zumal die 82 getoppt werden müssen. Also: Das hier und das und das. Frühstück: Neue Videos:

  • Youtube: Challenge (brauch ich nicht). ALTAH! Das geht ja gar nicht.
  • WhatsApp: Guck mal bitte hier!
  • Snap: Ich, wenn ich das neue Video von dem sehe (Filter 1 ist doof, anderer Filter, anderer Filter, ja der ist geil).
  • WhatsApp: Was bitte? Leon ist noch sauer wegen neulich? Und deshalb kommentiert er nicht?
  • Maps: Da und da hin. Gleich los.
  • Netflix: Kurz gucken. Ach was, die kommen bald.
  • WhatsApp: Sollen wir die neue Serie starten?

Aus dem Haus. Schule. Schule. Schule. Push-Nachricht von

  • Twitter: Was soll das denn? Da war ich ewig nicht mehr. ACH DU SCHEISSE! GEIL! 4000 Likes für den Tweet zu Flüchtlingen! Aber, was schreiben die da drunter? Geht es noch? Im Postfach: Dich müsste man totf…
  • WhatsApp: Guck mal auf den Screenshot! Was geht denn mit denen?

Zu Hause. Hausaufgaben. YouTube. WhatsApp. Spiel. Hausaufgaben sind doof. Push-Nachricht. Erdbeben. Pech. Pushnachticht. Mann rast in Menge. Was bitte? WhatsApp, Twitter. Was sollen diese Nachrichten? Instagram vergessen! Fuck! Warum immer mit dem Auto. YouTube, WhatsApp, WhatsApp: Ja lieber wann anders? Wer? Leon? FUCK, DIE ERINNERUNG. Hausaufgaben machen oder lassen? Und:

WIESO IST ES SCHON WIEDER DREI UHR NACHTS?!

Zurück zu wirklich wissenschaftlichen Einordnung

Wie beurteilen Sie den Artikel? Übertrieben? Untertrieben? Was findet hier statt? War das schon immer so? Wie gehen wir damit um, als Gesellschaft, als einzelne Person? Die Überforderungsmaschinen scheinen normal zu sein. Aber für viele sind sie das nicht. Die Rückzugsorte gehen aus.

Bildung, reflexive Bildung, bedeutet auch, sich selbst und seine Handlungen zu verstehen, sie einordnen zu können, damit umzugehen, ohne den Verstand zu verlieren. Schule ist also nicht nur dafür da, den Verstand zu gewinnen, sondern ihn zu erhalten. Digitale Bildung ist Bildung in einer digitalen Welt, ist Bildung, die unterstützt, die Sachverhalte sichtbar und verständlich macht, die den einzelnen befähigt, die Weltaneignungsassistenten zu nutzen und dazu befähigt, diese nicht zu nutzen und zu entscheiden, wann das eine und wann das andere gut ist. Kann man mit iPads machen. Und ohne.

  • Blog: Artikel geschrieben.
  • Twitter: Artikel weitergeleitet.
  • Facebook (ja, so alt schon): Artikel weitergeleitet.
  • WhatsApp: Ja, ich komme gleich. Artikel ist zwar komisch, mir aber wichtig.
  • Twitter: Diskutiert.
  • Facebook: Diskutiert.

Aufgestanden. Weggegangen. Durchgeatmet.

 

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here