Ich freue mich über diesen Gastbeitrag von Michael Asmussen und Christoph Schröder, die auf ihr „Onlinelabor“ und das dort bestehende Projekt zu Fake News aufmerksam machen. Nach meiner Besprechung von Asmussens Beitrag über „Bildung als produktive Verwicklung“, der auch im Artikel zu „New Learning“ eine besondere Rolle spielt, konnten wir uns austauschen, was letztlich zu diesem Gastbeitrag führte. Ich freue mich, an dieser Stelle Lehrprojekten die Möglichkeit zu geben, von Leser*innen außerhalb des (literarischen) Campus wahrgenommen zu werden. 

Ein didaktischer Einstieg in das Phänomen Fake News

von Michael Asmussen & Christoph Schröder

Durch die Corona-Pandemie hat die CAU Kiel kurzfristig beschlossen, dass die Lehre komplett online stattfinden soll. Wie in jeder anderen Bildungsinstitution auch, mussten wir an der Kieler Uni sehr schnell einen Planen erstellen, mit dem wir das Lehrangebot aufrechterhalten können.

Zum Glück konnten wir, die Lehrenden der Abteilung Medienpädagogik/Bildungsinformatik, auf eine wirklich gute Ressource zurückgreifen: Derzeit läuft bei uns ein Drittmittelprojekt, in dem eine Plattform namens ‚Onlinelabor‘ entstanden ist. Wir – Michael Asmussen (Lehrender in der Medienpädagogik) und Christoph Schröder (Mitarbeiter im Projekt) – möchten im Folgenden kurz das Projekt vorstellen, das daraus entstandene Seminarsetting erläutern und dann auf die Behandlung des Phänomens Fake News eingehen. Vielleicht können unsere Vorschläge und Anregungen anderen Lehrenden während der Pandemie ebenso hilfreich sein.

Das Onlinelabor ist ein Ort zum aktiven Miterforschen von Soziale Medien. Jeder, der über 16 Jahre alt ist und Erfahrungen mit Sozialen Medien gemacht hat, kann sich hier registrieren, eine Art digitales „Tagebuch“ zu verschiedenen Aufgaben rund um Soziale Medien anlegen und seine Erkenntnisse mit anderen teilen. Technisch basiert die Seite auf Mahara, einem Portfoliosystem, mit dem schnell eigene Seiten erstellt und mit anderen Nutzer*innen geteilt werden können.

Im Onlinelabor werden in regelmäßigen Abständen sogenannte „Forschungsimpulse“ veröffentlicht, die Teilnehmer*innen eine bestimmte Beobachtungs- oder Experimentieraufgabe an die Hand geben. Es kann zum Beispiel darum gehen zu beschreiben, wann man sich das letzte Mal in einem sozialen Medien „influenced“ gefühlt hat, welche Rolle Soziale Medien in Freundschaften spielen oder ob es eigentlich möglich ist, seine eigene Biographie mit nur 160 Zeichen zu beschreiben.

Wenn man einen spannenden Forschungsimpuls gefunden hat, auf den man reagieren möchte, kann man hierzu einen Beitrag anlegen, drauf los schreiben oder Bilder und andere Medien als Beweis- oder Fundstücke einfügen. Wenn der Beitrag fertig ist, kann man diesen mit anderen Nutzer*innen der Plattform teilen. Und wenn andere auch etwas ausgearbeitet haben, kann man sich anschauen, was ihnen zu einem Forschungsimpuls für Gedanken gekommen sind. Man kann auch die Erforschung von Sozialen Medien unterstützen, indem man den Beitrag an ein Forschungsarchivspendet – dort wird dieser unter einem Pseudonym aufbewahrt und kann von Wissenschaftler*innen und Interessierten eingesehen und untersucht werden.

Für das Seminar haben wir im Onlinelabor einen Seminarraum erstellt, in dem verschiedene bereits erstellte Forschungsimpulse und ein gemeinsames Diskussionsforum die wesentlichsten Funktionen waren. Im Drei-Wochen-Takt haben wir (die Studierenden und Lehrenden) uns dann jeweils im Wechsel von Impulsbearbeitung und Lektüre wissenschaftlicher Texte mit Themen wie ‚Kommunikation und Ausdruck im Netz‘, ‚Influencing und Nudging‘, aber eben auch mit dem Thema ‚Fake News‘ auseinandergesetzt. Da es zu letzterem Themenbereich im Onlinelabor noch keinen Forschungsimpuls gab, erstellten wir – die Lehrenden der Abteilung in Zusammenarbeit mit den MitarbeiterInnen des Onlinelabors – einen Impuls zum Thema Fake News – diese Möglichkeit besteht übrigens bei Interesse prinzipiell für ‚Externe‘…einfach anmelden und nachfragen ;).

Nach kurzer Diskussion der möglichen inhaltlichen Ausprägungen und Facetten, entschieden wir uns dafür keinen Impuls in Richtung Faktencheck oder Medienkritik zu formulieren, sondern die Studierenden selbst Fake News produzieren zu lassen. Die Idee dahinter war, dass wir so in einer gemeinsamen Diskussion der erstellten Beiträge auf sprachlich-rhetorische und visuell-rhetorische Mittel der Überzeugung stoßen würden und gleichzeitig eine eigene Verwobenheit erzeugen können, die neben einer distanziert-reflektierten Perspektive weitere Facetten in die anschließende Diskussion bringen kann. Das alte Thema von Genesis und Geltung von ‚Wissen‘ (die Anführungszeichen sind hier besonders wichtig) wurde so ganz verschieden besprechbar. Statt sich lediglich aufklärerisch mit dem Thema auseinander zu setzen (im Sinne von Faktenchecks, die hier nicht diskreditiert werden sollen; wir halten diese für sehr sinnvoll), mussten sich die Studierenden in die Denkweise von Fake News-Produzierenden versetzen und auch das Produzieren von Falschnachrichten ein Stück weit aushalten und genau diesen Mechanismus (irgendwie erzeugte das Produzieren der Falschnachrichten negative Emotionen) auch hinterfragen.

Als Ergebnis sind eine Vielzahl von verschiedenen Fake-News-Beiträgen (natürlich in einer geschlossenen Gruppe veröffentlicht) entstanden, die zum Großteil direkt von den ErstellerInnen reflektiert wurden. Auf dieser Basis kamen wir mit Hilfe des Forums und in Kombination mit der Seminarlektüre wunderbar in die Diskussion und waren in der Lage auf verschiedenen Ebenen zu diskutieren: auf einer sachlich-distanzierten Ebene (welche rhetorischen Mittel wurden eingesetzt? Wie wurde die Zielgruppe angesprochen?) und einer emotional-verwobenen Ebene (Wie fühlte es sich an, bewusst Falschnachrichten zu verfassen? Welche sozialen Praktiken stecken hinter der emotionalen Bewertung?). Gerade letzterer Punkt machte den eigenen akademischen Standpunkt deutlich: Vielen Studierenden fiel auf, dass das Erstellen der Fake News von negativen Emotionen begleitet war. Es fühlte sich wie Lügen an, wie Betrügen oder Hinters-Licht-Führen. Viele Studierende haben sogar trotz der geschlossenen Gruppe am Ende des Beitrages betont, dass es sich um eine selbst-erstellte Falschmeldung handelt.

Das mag jetzt für einige banal klingen, aber darin verbirgt sich eine sozialisierte und anerzogene erkenntnistheoretische Grundhaltung, die vielleicht nicht alle Menschen innerhalb einer Gesellschaft teilen. Diese Grundhaltung wurde – so die These – durch die Verwobenheit, durch das bewusste Erstellen von Falschnachrichten sichtbar und diskutierbar. Neben der eigenen Überzeugung (wie richtig und wichtig sie auch sein mag), gibt es andere Grundhaltungen, die vielleicht ebenso durch Sozialisation und Erziehung so sehr in den Köpfen verwurzelt sind, dass ein Leitfaden zum Gegenchecken von Informationen, kaum ein Umdenken bewirkt. Und damit sind wir auch schon bei den Einschränkungen unserer Idee: Was wir mit unserem Vorgehen, was ebenso beim Vermitteln von Medienkritik gilt, nicht erreichen konnten – und das muss bei dem Vorgehen reflektiert werden – ist die pädagogische Ansprache derjenigen, die bereits innerhalb der Fake-News- und Verschwörungs-Communities den Erkenntnis-Ideologien verhaftet sind. Waldmann (2020, S. 106f.) hat einen gelungenen Überblicksartikel verfasst und unter Bezugnahme auf die Arbeiten von Michael Seemann herausgestellt, dass es in Fake News-Communities weniger um Wissensmanagement, als vielmehr um Identitätsaufbau geht. Damit greifen gerade bei Menschen, die in solchen Online-Gemeinschaften verhaftet sind, aufklärerische Angebote wie Faktenchecks oder aber die verwickelte Auseinandersetzung im Sinne der eigenen Produktion von Fake News zu kurz.

Was wir aber gemeinsam erreichen konnten – und das ist ja auch ein klassischer Bildungsgedanke – ist, die eigene Weltsicht zu relativieren (nicht unbedingt zu negieren) und ein Verständnis für den Problemkontext zu erzeugen. Auch wenn das noch keine Lösung ist, so wird zumindest das Problem besser verstanden und wir kommen dem Ganzen vielleicht ein Stückchen näher.

Literatur

Waldmann, M. (2020): Fake News als Herausforderung für ein politisches Verständnis von Medienbildung. In: V. Dander, P. Bettinger, E. Ferraro, C. Leineweber,& K. Rummler (H.g.), Digitalisierung – Subjekt – Bildung, Kritische Betrachtungen der digitalen Transformation. Budrich: Opladen. S. 97-117.

 

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