Schulclouds stehen in der Kritik. Davon abgesehen, dass sie nicht so funktionieren, wie sie sollen, würden sie zeitgemäßes Lernen verhindern und seien traditioneller Unterricht mit digitalen Mitteln. Das sehe ich nicht so. Im Gegenteil: Funktionierende Schulclouds wären endlich ein Schritt in die richtige Richtung.

Immer wenn ich im letzten halben Jahr darüber geredet habe, was ich gerne an der Schule hätte, umriss ich eine Plattform, die man gut und gerne mit Schulcloud bezeichnen könnte. Das liegt daran, dass meiner Meinung nach drei Dinge gegeben sein müssen.

  1. Man muss Inhalte miteinander teilen können
  2. Man muss kollaborativ arbeiten können
  3. Man muss rechtssicher arbeiten können

Der letzte Punkt ist nicht verhandelbar, egal welche Perspektive man einnimmt, da es ein Gesetzeswerk gibt, das das Arbeiten mit digitalen Geräten und Plattformen ansonsten unmöglich macht.

Bisher bin ich davon ausgegangen, dass eine solche Schulcloud allgemein als positiv gesehen würde. Kritisch wurde, so dachte ich, die Schulcloud Ella beispielsweise gesehen, weil sie weniger ein Instrument war, miteinander zu arbeiten, als eine erweiterte Ablagefläche für Lehrer. Das ist natürlich nicht Sinn der Sache. Wobei ich sagen muss: Auch eine Nextcloud, wie sie bei uns an der Schule implementiert ist, bietet Möglichkeiten der Weiterentwicklung. Denn zumindest Lehrer können miteinander arbeiten, Inhalte teilen, kurz: Sich vernetzen (innerhalb des kleinen, aber wichtigen Rahmens des Kollegiums).

Die Diskussion auf Twitter und die daraus resultierenden Artikel skizzieren aber ein anderes Bild. Dort wird Kritik laut, die ich teilweise nachvollziehen kann, teilweise aber auch nicht.

So analysierte Axel Krommer ein Video, in der er Unterricht sehen konnte, der mittels einer Schulcloud ablief. Die wichtigsten Punkte in Krommers Artikel: 

Die Stunde ist nicht schüler-, sondern lehrerinnenzentriert. Das lässt sich schon an einem technischen Detail erkennen: Nur die Lehrerin hat ein Headset, während alle Schüler(innen) mit einem einzigen Handmikro auskommen müssen. Entsprechend verteilt sind die Redeanteile, entsprechend einseitig sind die Kommunikationsrichtungen.

Und weiter:

Das Schul-Cloud-Interface gibt der Stunde einen festen Rahmen, der den Kontrollverlust minimiert, der auf der Seite des Lehrenden normalerweise mit dem Einsatz digitaler Medien verbunden ist.

Diese Kritik ist für mich nachvollziehbar, wenngleich sie sich auf eine einzelne Situation beschränkt, denn: Die Frage, die sich für mich stellt, ist, ob diese spezielle Nutzung die einzig mögliche ist. Wenn die Antwort auf die Frage Ja ist, dann kann man in der Tat fragen, ob dies zeitgemäß ist. Wenngleich ich auch dann eine Ergänzung vornehmen würde (im späteren Verlauf). Wenn aber ein anderer Lehrer mit der gleichen Lernumgebung anders umgehen kann, spricht das nicht gegen die Cloudumgebung, sondern gegen diese spezielle Nutzung.

Sprich: Wenn ich einen Unterricht besuche, indem der Lehrer mit iPads Quizze durchführt, spricht das nicht zwangsläufig gegen iPads, sondern gegen die Nutzung als Testgerät.

In diese Richtung argumentiert Axel Krommer auch, indem er kritisiert, dass das Problem eine Default-Einstellung ist, die eine bestimmte Nutzung suggeriert (die zur Folge hätte, dass nur jene die Cloud anders nutzen würden, die wüssten, dass es eben diese anderen Möglichkeiten überhaupt gibt).

Weiter geht Dejan, wenn er schon titelgebend festhält:

Digitale Platt­formen konservieren eine überholte Lern­kultur

Zunächst zu einem Punkt, der auch in der Online-Diskussion unbestritten scheint:

Wenn nämlich der notwendige Wandel im Bildungswesen darin bestehen soll, die bisherigen Strukturen und Inhalte lediglich zu digitalisieren, dann ist das kein erster Schritt in das Zeitalter der digitalen Transformation, sondern das digitale Konservieren einer bereits überholten Lernkultur.

Diese Aussage passt beispielsweise wunderbar auf sogenannte Smartboards, denn: Der Frontalunterricht bliebt erhalten, die Schüler konsumieren passiv, der Lehrer bleibt in der Rolle des Instrukteurs. Hier aber geht es im Clouds. Angemahnt wird, dass „das Lernsetting weiterhin unverändert bleibt“, die Lehrkräfte weiter die Kontrolle hätten, aber nun Admins hießen und das Lernen lediglich optimiert und effizienter gestaltet werde.

Daraus ergibt sich für mich eine Frage und eine generelle Anmerkung: Zunächst einmal zur Frage: Ist das ein systemimmanenter Fehler? Da bin ich mir unsicher.

Nehmen wir das Beispiel aus meinem eigenen Deutschunterricht, der vor dem Abitur offen gestaltet war. Kurz skizziert: Alle Gruppen arbeiteten an anderen Schwerpunktthemen, überlegten sich Vorgehen und Inhalte selbst und konnten die Lehrperson um Impulse und Hilfestellungen bitten (all das würde ich, mit Ausnahme des vorgegebenen Rahmens, als zeitgemäß betrachten). Nun kam es vor, dass Schüler beispielsweise Probleme bei der Interpretation von Kurzgeschichten erkannten, umschrieben und für die anderen zur Verfügung stellen wollen. Genial! Eine Gruppe lernt, erkennt etwas und lässt die anderen teilhaben.

Dafür eignet sich eine Schulcloud in hohem Maße, denn: Die Schüler können die Inhalte teilen, gegenseitig davon profitieren, ja, im besten Fall weiterarbeiten. Und ja: Als Lehrer könnte ich Anmerkungen machen oder weitere Tipps geben. Die 4K sind hier umgesetzt.

Nun zur Anmerkung: Wenn dies alles geschieht, indem der Lehrer als Administrator fungiert, was ist das Problem? Ich bin ganz klar bei Dejan, wenn er sagt:

Wer junge Menschen schützen möchte, sollte sie dazu befähigen, sich selbst zu schützen.

Aber ich finde das Bild des Fahrrad-Testgeländes etwas zu kurz gegriffen. Ein Bild das, wie ich finde, etwas besser auf die Cloud passt, wäre das des Meerschwimmbades. Es sind jene Zonen im Meer, die durch Bojen gekennzeichnet sind. Das heißt: Die Schwimmer schwimmen im Meer, aber in einem Bereich, in dem der Bademeister sie schützen kann.

 

Nicht nur als Junge aus dem Ruhrpott gibt ist der Bademeister ein für mich passendes Bild für das Lernen mit und in der Cloud. Ja, ich habe die Übersicht. Ja, ich kann helfen. Aber ich stehe eben nicht am Rand und halte Händchen, sondern ich werde im besten Fall gar nicht gebraucht.

Wieso sollte eine Cloud nicht dazu befähigen, jene Kompetenzen zu lernen, die es braucht, um im Netz zu interagieren?

Kurz: Ich verstehe, dass eine bestimmte Nutzung der Cloud oder der Schulcloud Anlass zur Kritik oder sogar zur Sorge gibt. Dies spricht für mich für zwei Forderungen: Der, dass Lehrpersonen einen Umgang mit der Cloud erlernen sollten, die eben nicht auf diese Nutzung hinausläuft. Und die, dass Schulclouds eben keine systemimmanente Vorgabe der Nutzung haben.

Wenn beides gewährleistet ist, würde ich mich sehr darüber freuen, endlich in einem datenschutzrechtlichen Rahmen ein Lernen zu ermöglichen, das zeitgemäß ist, wenngleich es nicht sofort in einer Öffentlichkeit stattfindet, in der die Lehrperson nicht gewährleisten kann, dass (Daten-)Sicherheit und Schutz vor Missbrauch gewährleistet ist.

 

 

 

4 KOMMENTARE

  1. Ich beziehe mich vorerst auf die ersten vier Anschnitte und:
    1. Abschnitt: absolut gleicher Meinung
    2. Abschnitt: Habe ich spätestens vor 10 Jahren immer wieder verlangt
    3. „Man muss rechtssicher arbeiten können“ – selbstverständlich. Nur ist dies fürs Lernen kein Parameter

    „Der letzte Punkt ist nicht verhandelbar, egal welche Perspektive man einnimmt, da es ein Gesetzeswerk gibt, das das Arbeiten mit digitalen Geräten und Plattformen ansonsten unmöglich macht.“

    Leider werden nach wie vor das „Lernen unter digitalen Bedingungen“ und „digitale Schülerverwaltung“ durcheinander gebracht.
    „Lernen unter digitalen Bedingungen“ findet vornehmlich webbasiert, d.h. orts- und zeitunabhängig statt. Hier gibt es nichts zu verheimlichen – die Daten sind absolut unsensibel.
    „Digitale Schülerverwaltung“ kann vermutlich auch webbasiert stattfinden (ich verstehe nichts davon). In jedem Fall handelt es sich um hochsensible Daten, die entsprechend geschützt sein müssen.

  2. Danke für diesen Beitrag. Ich habe zwei kurze Anmerkungen:

    1. Ich war nicht live bei der Vorführung anwesend, sondern habe nur das Video gesehen, das in meinem Beitrag verlinkt ist.

    2. Ich bin nicht grundsätzlich gegen Bildungs-Clouds. Mein Argument gegen die HPI SchulCloud ist, dass die DEFAULT-Nutzung wohl so aussehen wird wie in dem Video (s. Fazit meines Textes). Der Rahmen der HPI SchulCloud begünstigt eher Formen des Unterricht(en)s, die wir nicht als zeitgemäß bezeichnen würden.

    Das schließt nicht aus, dass man TROTZ der Nutzung der SchulCloud auch offene, an den Schüler(inne)n orientierte Projekte realisieren kann.

    • Sehr gerne. Die Nr.1 hatte ich tatsächlich falsch verstanden, das ändere ich. Ja, das ist ein Unterschied, da hast du Recht (wenn ich dich richtig verstehe, ist ja schon die Default-Einstellung ein Problem, da viele dies als gegeben hinnehmen werden/ würden)

  3. Entscheidend für eine Cloud, von der persönlichen Lernumgebung eines jeden Schüler bis zur landesweiten, digitalen Lernlandschaft, ist deren Offenheit, Durchlässigkeit, Interaktions- und Kollaborationsfähigkeit. Tatsächlich gibt es eine Handvoll LehrerInnen, welche in ihrem persönlichen Blog ziemlich offen und auch interaktiv (man darf kommentieren) über dies und das berichten – aus ihrer Schule erfahren wir hingegen nichts, absolut rein gar nichts. Besucht man deren Schulwebsites, werden einem die üblichen Klassenfotos und Kontaktmöglichkeiten präsentiert. Die Schulen sind digital total in sich geschlossene Filterblasen.

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