Wenngleich mittlerweile deutlich präzisere Kompetenzmodelle den Weg in die bildungspolitische Diskussion gefunden haben, ist auf zahlreichen Konferenzen, in denen die digitale, zeitgemäße Bildung besprochen wird das 4K-Modell des Lernens der kleinste gemeinsame Nenner. In einer Kritik an diesem Modell wies ich auf die teilweise flache Deutung der dort zusammengefassten Begriffe. Das für das Verständnis des Ist-Zustand unserer Gesellschaft exzellente Buch „Die Gesellschaft der Singularitäten“ gibt eine Beschreibung für ein K, die für die Diskussion hilfreich sein kann. 



Das Buch von Andreas Reckwitz begreift den gesellschaftlichen Wandel, sehr holzschnittartig ausgedrückt, als eine Veränderung von der Verallgemeinerung aller Gesellschaftsbereiche, die im Zuge der Rationalisierungsprozesse der Industrialisierung folgten, hin zu der titelgebenden Gesellschaft der Singularitäten. Von jedem Kapitel, das diese Singularisierung für verschiedene Bereiche beschreibt – unter anderem die Arbeitswelt, die Digitalisierung, die Lebensführung, die Lebensstile und Klassen – kann man sehr viel lernen.

Für die 4K ist eine Passage sehr interessant, in der es um den Begriff der „Kollaboration“ geht. Gerade weil er in seiner deutschen Übersetzung oftmals fehlgedeutet wird. Entweder, er wird mit Kommunikation gleichgesetzt oder er hat den üblen Geschmack einer militärischen Kooperation mit dem Feind. Bei Reckwitz heißt es in einem Unterkapitel, in dem es um „Projekte als heterogene Kollaborationen“ geht zu dem Begriff kollaborative Pluralität (Reckwitz, S.194): „Die Projekte liefern damit ein Beispiel für eine Form des Sozialen, die ich heterogene Kollaboration nennen will.“ Und weiter:

Die Begriff der kollaboration meint eine gemeinsame praxis, in der zielgerichtet und zugleich mit kulturellem eigenwert und affektiver dichte zusammengearbeitet wird. kollaboration, verstanden als praxis des zusammenwirkens, ist damit ein stärkerer und spezifischer begriff als soziologisch traditionsreiche konzepte wie interaktion, kommunikation oder kooperation.

Alleine dieser Hinweis ist für eine Beschreibung dessen, was der Idealzustand eines zeitgemäßen Lernens geschehen soll, hilfreich – wenngleich es hier nicht um ein „Produkt“ geht, das für ein gedachtes oder bestehendes Publikum erstellt wird. Aber auch die weiteren Ausführungen sind interessant.

zugleich haben die teilnehmer im moment des tuns einen wert an sich: sie bilden eine im starken sinne kulturelle praxis mit narrativen, gestalterischen, ethischen, ludischen (spielerisch, expressiv, d.v), und auch ästhetischen qualitäten. als heterogene kollaboration ist das projekt jedoch auf die heterogenität der einzelnen mitglieder angewiesen, auf die pluralität der singularitäten. heterogene kollaborationen spielen gewissermaßen mit der einzigartigkeit und diversität iher temporären mitglieder. 

Natürlich ist Einzigartigkeit und Diversität hier verstanden innerhalb eines professionellen Arbeitskontexts, in dem beispielsweise ein Teamleiter das Team nach genau diesen Stärken aussucht. Auf der anderen Seite wird jedoch im weiteren Verlauf ausgeführt, warum es eben nicht mehr um eine verallgemeinerbare Leistung geht, sondern um Performanz im Sinne individueller Stärken.

Insofern ist diese Beschreibung eine, wie ich finde, sehr hilfreiche, um den Begriff der Kollaboration im Kontext der Bildung nicht nur besser zu verstehen, sondern auch zu erklären und ihn hinsichtlich einer digitalen Erweiterung des Lernens fruchtbar zu machen.

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