Ob man als Lehrer offene Social-Media-Accounts haben sollte oder nicht, ist immer wieder eine Frage für diejenigen Personen, die in der digitalen Welt angekommen sind, sich dort aufhalten und kommunizieren, aber befürchten, dass Schülerinnen und Schüler sie finden und Schindluder mit dem Account treiben können. Dabei ist das genau die Art von Austausch, die wir brauchen. 

Jens Kessler, ein Lehrer, mit dem ich schon seit einiger Zeit auf Twitter verbunden bin, postete folgendes Problem auf Twitter:

Genau richtig ist schon die Frage, wie er damit umgehen sollte, ohne seine Accounts auf „privat“ zu stellen. Warum? Genau das würde bedeuten, Türen dort zuzumachen, wo sich Chancen ergeben. Dennoch möchte Jens dieses Thema nicht in die Klassenzimmer tragen.

Neben meiner Meinung, dass eigentlich alle Lehrer auf Social-Media sollten, die der Überzeugung sind, dass das Digitale eine wichtige Rolle in Bildung und Gesellschaft spielt, zeigt sich hier ein Konflikt, dessen Auflösung für alle Beteiligten von großem Nutzen sein kann. Phillippe Wampfler bringt den Ansatz dafür auf den Punkt:

Bei der Frage nach dem öffentlichen Umgang mit Schülern und ihren (kindlichen) Reaktionen auf offene Accounts, geht es um mehr als darum, die eigene Person zu schützen. Es geht darum, den eigenen Umgang in der Sphäre der Digitalität offen darzulegen und sich so als handelndes Mitglied der digitalen Gesellschaft zu präsentieren.

Das kann anstrengend sein. Sowohl auf Twitter als auch auf Instagram oder auf YouTube war ich bereits mit Kommentaren konfrontiert, bei denen ich überlegen musste, welche Reaktionen angemessen sind. Die Antwort darauf ist differenziert: Beleidigungen oder Trollverhalten muss keine Plattform gegeben werden (darauf ging ich ein Mal auf YouTube ein. Danach gab es keine weiteren Beleidigungen). Was ansonsten durch diverse WhatsApp-Kanäle geht, kann ich nicht beurteilen. Ich weiß beispielsweise von einem Schüler einer anderen Schule, der meine Tweets in seiner Snapchat-Story bösartig kommentierte. Dies weiß ich aber vor allem deshalb, weil Schüler, denen ich vertraue und die mir vertrauen können, mir dies mitteile.

Will sagen: Wenn mich andere Lehrer fragen, ob man mich denn auf Twitter öffentlich sehen könnte, dann antworte ich, dass die Schüler (oder wer auch immer mir folgen möchte), jemanden sehen, der

  • sich für das Weltgeschehen und Literatur interessiert
  • scherzt und Freude an Sprache und Worten hat
  • sich mit anderen Austauscht, sachlich diskutiert und neue Themen aufnimmt
  • selbst schreibt und versucht, anderen zu helfen
  • die digitale Welt als Teil des alltäglichen Lebens akzeptiert
  • durch einen im weitesten Sinne professionellen Umgang neue Kontakte knüpft, Fragen beantworten oder weitergeben kann und versucht, Neues zu lernen
  • seine Ansichten über die Welt mit anderen teilt

Bedeutet das, dass alle Schüler den Account gut oder lustig oder bedeutend finden müssen? Natürlich nicht.  Es bedeutet lediglich, dass hier das Spielfeld einer Gegenwart ist, die viele noch für die Zukunft halten.

Sich und seine Gedanken zu gesellschaftlichen Themen vor hunderten oder tausenden Menschen preiszugeben ist sicherlich nichts für jeden. Und mit Sicherheit bedeutet dies, dass man vor Problem stehen kann, die man nicht hätte, würde man sich nichts exponieren. Aber es entstehen auch Möglichkeiten:

Seitdem ich auf Twitter und über den Blog und als Multimediaberater der Schule „bekannt“ bin, rede ich nahezu in jeder Vertretungsstunde mit Schülern über für sie alltägliche Probleme, bei denen sie ansonsten wenig Unterstützung erfahren.

Wie man sich digital präsentiert, ist natürlich ein Aspekt, den jeder für sich reflektieren muss. Aber eben einen solchen Umgang zu finden und diesen zu thematisieren, mit Schülern zu besprechen und vielleicht sogar in die Klassen tragen, ist etwas, das Lehrer und alle, die Verantwortung für Jugendliche tragen und von ihnen fordern, zunehmend in Angriff nehmen sollten. Dabei kann es zu Schwierigkeiten kommen. Diese sind jedoch nichts, da bin ich mir sicher, gegen jene Schwierigkeiten, die aufkommen, wenn es keine Ansprechpartner gibt, an die man sich wenden kann.

Insofern: Hau rein Jens! Du machst genau das Richtige!

 

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