Der erlaubte Nationalstolz

Skulptur in Offenburg, Platz der Verfassungsfreunde

Es gibt Texte, die schreiben sich von selbst, Themen, die einfach zu fassen sind, Worte, die einfach herauskommen. Das ist hier nicht der Fall. Alles in allem habe ich schon mehrere Male versucht, diesen Text zu schreiben. Ich versuche es ein weiteres Mal.

Freiburg, irgendwann im Jahre 2004. Ich studiere drei geisteswissenschaftliche Fächer. In dem Kurs „British Newspapers“ kommt das Thema Nationalstolz auf, das von konservativen Zeitungen transportiert wird. Jemand aus der hinteren Reihe meint, dass das in Ordnung sei, er würde auch bei der deutschen Nationalhymne aufstehen. Das gehöre sich so. Ich verstehe das nicht, schieße dagegen, es kommt zu einer hitzigen Diskussion, deren Ende ich nicht weiß.

Der nördliche Schwarzwald, ungefähr zehn Jahre später. Es gibt eine Klasse, mit der ich immer wieder kämpfen muss. Diese Klasse jubelte, als sie herausfand, dass alle ihre Mitglieder Deutsche sind. Kommt es zum Thema 1. Weltkrieg, glühen die Augen. Nicht vor Erschrecken, sondern vor Eifer. Das Wort „Jude“ ist, wie ich später herausbekomme, Schimpfwort. Geflüsterte Kommentare bieten alles, was es an Ressentiments gibt: Antisemitismus, Sexismus, Rassismus – alles. Ich stemme mich dagegen und greife zu ungewöhnlichen Mitteln.

Berlin, ein paar weitere Jahre später. Ich sitze in einer Studenten-WG. Alte Zeitungen liegen über schmutzigen Tellern, die Möbel sind von allen möglichen Sperrmüllaktionen zusammengeklaubt. Ein Marx-Plakat aus den Worten des Kapitals hängt im Flur neben einer Karte von Berlin-Mitte. Kurz: Es ist sehr gemütlich. Wir haben uns aus dem Späti Bier geholt. Man versteht sich, mein alter Klassenkamerad und ich. Nur eins versteht er nicht: Wie ich denn bitte Nationalismus gutheißen könnte? Ich versuche zu erklären, was ich da mache, im nördlichen Schwarzwald und dass ich mit meiner konstruktivistischen, anti-nationalen Theorie, die ich in Freiburger Seminarsälen verteidigt habe, nicht weiterkomme.

Zurück im Schwarzwald, vor ein paar Wochen. Ich bin auf einer Party; die Diskussionen aus Berlin sind ebenso vergessen wie die vielen Kämpfe, die ich mit der einen oder anderen Klasse geführt habe. Es kommt zu einer Diskussion zwischen mir und jemandem, der sich als „Scheiß-Nazi“ outet. Ich kapiere nicht ganz, wie er sich so nennen kann, da man ja nicht dazu gezwungen wird, etwas zu sein, wenn man es nicht will. Aber die Argumente in Dauerschleife lassen mich langsam verstehen. Da ist jemand verzweifelt (was nicht nur am Alkoholkonsum liegt). Er ist aufrichtig verzweifelt, dass er seine Heimatgefühle nirgendwo äußern darf, dass er nicht stolz sein kann. Er redet mir Wörtern, die mir fremd sind. Ich reagiere so, dass ich mir sicher bin, dass mein Freund aus Berlin und auch einige linke Follower auf Twitter wohl mit dem Kopf schütteln würden (falls die Frage kommt: Ja, ich habe auch konservative Follower. Die schüttelten den Kopf bei diesem Text wahrscheinlich schon vorher).

Die Frage, die dieser vor mir stehende selbst ernannte Nazi mir stellte, war: Gibt es denn einen erlaubten Nationalstolz? Und die Antwort, die ich ihm gab, war: Ja.

Die Offenburger Forderungen

Wer mich ein wenig besser kennt, weiß, dass ein solcher Nationalstolz nichts ist, für das ich brennen würde. Ich brauche ihn nicht, oder sagen wir: Ich bin unverkrampft, soweit das heutzutage möglich ist. Denn es gibt bei diesem Thema natürlich hunderte Abers, die ich nicht alle besprechen kann. Die erste Frage, die aus meiner Filterblase (oft in einer abgehobenen, besserwisserischen Form) gestellt würde, wäre: Warum braucht man denn überhaupt Nationalstolz? Darauf folgend, substantieller: Wir wissen, wohin der Nationalismus geführt hat. Deshalb muss er bekämpft werden.

Ich kann sowohl die Frage als auch die Aussage durchaus unterschreiben, nur: Was heißt das in letzter Konsequenz? Das würde bedeuten, dass man 12 – 26% derer, die in dem Raum Schwarzwald, über den ich gerade spreche, entweder als Nazis abstempelt, weil sie die AfD gewählt haben, oder dass man sich darüber lustig macht bzw. in Frage stellt, dass sie einem veralteten Glauben an „die Heimat“ anhängen. Meines Erachtens kann das nicht der richtige Weg sein.

Da wir uns aber genau so verhalten, und uns insofern selbst widersprechen, als dass wir zwar Minderheitenrechte fordern, diese Forderung aber für uns nicht nahe Bevölkerungsgruppen schlicht unter den Tisch fallen lassen (in diesem Falle die arbeitende Landbevölkerung) wird uns unsere Arroganz auch weiterhin um die Ohren fliegen. Dabei ist es gar nicht so schwer. Man bräuchte eine Geschichtsoffensive, die sich neben der absolut wichtigen Grundlage, der Vergangenheitsaufarbeitung, mit den positiven Aspekten der deutschen Geschichte befasst.

Und wenn man dies im Hinterkopf hat, ist sowohl der zuvor gestellten Frage als auch der Aussage plötzlich nicht mehr so schnell zu begegnen. Zu fragen, warum jemand Nationalstolz braucht, ist in etwa so, als würde man fragen, warum jemand findet, dass Rot die Lieblingsfarbe ist. Soziale Umstände, gesellschaftliches Erlernen, Familie, Milieu und viele weitere Faktoren führen dazu, dass jemand am Ende – man verzeihe mir diesen Vergleich – Fan von Borussia Dortmund wird. Versuchen Sie mal, einen Fan davon zu überzeugen, dass sein Glaube an einen Fußballclub Verschwendung ist. Dies ist keine Resignation vor Verwirrung. Sondern es ist die Frage danach, ob man einer Einstellung dort Raum geben kann, wo sie keinen Schaden anrichtet (und dabei spreche ich nun von Nationalstolz, nicht von dem Revierklub in der Nähe von Lüdenscheid).

Das Problem ist, dass diejenigen – warum auch immer – den tiefen Wunsch haben, sich mit ihrer Heimat zu identifizieren, nur die Alternative derer sehen, die sie in noch rechtere Gefilde bringt. Dort, wo man sagt, man wolle den Begriff „völkisch“ wieder neu besetzen (Petry), anstatt den Begriff „demokratisch“. Dort, wo man sagt, man wolle wieder stolz auf die „Helden des 1. Weltkriegs“ sein (Gauland), anstatt auf jene der Wiedervereinigung.

In Offenburg gibt es neben dem Platz der Verfassungsfreunde auch den Aushang der Offenburger Forderungen. Sie sind zentral in der Stadt zu besichtigen und ein Stück deutsche Geschichte, auf die man stolz sein kann. Als ich vor ein paar Monaten beim Offenburger Freiheitsfest war, liefen dort neben vielen Menschen, die sich in Biedermeier-Schale geworfen haben, auch einige mit Deutschlandfahnen herum. Oder mit Steckern an ihren Hüten, die an den Freiheitskämpfer Hecker erinnerten. Es fühlte sich nicht schlecht an, im Gegenteil. Man schmauste, redete, freute sich über die Parade und feierte miteinander. Unverkrampft. Ist das alles unproblematisch? Sicher nicht. Aber es zeigt eben auch, dass der Fokus auf demokratische Traditionen Stolz ohne rassistische Tradition ermöglicht.

Teilnehmer des Offenburger Freiheitsfests mit Friedrich-Hecker- Kostüm.

Ich kann mir nur vorstellen, dass die Einwände, die gegen einen solchen Text erhoben werden (oder würden, denn wahrscheinlich versinkt er recht schnell im Äther) vielfältig sind, deshalb nochmals: Es geht hier nicht um eine „Wende“, wie der an die NS-Tradition anknüpfende Björn „Bernd“ Höcke gefordert hat. Ganz im Gegenteil: Es geht darum, dass denen, die einen wie auch immer entstandenen Wunsch nach Identifikation oder Stolz haben, aufgezeigt wird, dass es auch in der deutschen Geschichte Anknüpfungspunkte gibt, die ihnen diesen Raum geben: 1815, 1848, 1919, 1925, 1945, 1969, 1989 – um nur einige zu nennen. Ich weigere mich, all jene verloren zu geben, die sich in ihrem Wunsch jetzt schon verloren fühlen.

Stationen der deutschen Demokratie, Offenburg

Zurück auf der Party. Es eskaliert nicht. Es ist verwunderlich: „Ich darf also stolz sein?“, fragt mich der selbst ernannte Nazi. „Ja“, sage ich und erkläre ihm meinen Punkt. Wenn ich bei der SPD wäre, würde er mich wählen, sagt er. Und jetzt bin ich ein wenig stolz, obwohl es wahrscheinlich nur am Alkohol liegt, der das braune Blut meines Gesprächspartners getrübt hat.

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