Digitale Bildung: Warten auf Godot

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Estragon: Komm, wir gehen!
Wladimir: Wir können nicht.
Estragon: Warum nicht?
Wladimir: Wir warten auf Godot.
Estragon: Ah!

(Samuel Beckett, Warten auf Godot, 1952)

 

Nachdem ich das Exposé für den Vortrag an der Universität Krems fertiggestellt hatte, musste ich ein ums andere Mal darüber nachdenken, ob das Thema der Überwindung von Grenzen zwischen Verfechtern und Gegnern digitaler Arbeit nicht vielleicht mittlerweile redundant ist. Es braucht nur ein kleines Gespräch außerhalb meiner Filterblase digitaler Enthusiasten, damit klar wird: Nein. Es ist ein sehr aktuelles Thema. Leider.

Das Problem der deutschen Bildungslandschaft kann man exemplarisch an diesem kleinen Eintrag erfahren. Diejenigen, die ihn lesen, werden mit Sicherheit (von ein paar Einwänden abgesehen) zustimmen und vielleicht (was sich jeder Blogger wünscht) den Artikel weiterleiten an weitere Menschen, die ihm auch zustimmen werden. Warum? Weil schon die Machart dafür sorgt, dass diejenigen, die ihn eigentlich lesen müssten, gar nicht erst zu Gesicht bekommen. Von wem rede ich?

Das typische Argument, das ich von denjenigen Lehrern wie Eltern höre, die digitalen Geräten kritisch gegenüberstehen, ist: Die jungen Leute sind doch sowieso schon immer damit beschäftigt, es gibt so viele Gefahren, da sollte man das Digitale doch wenigstens aus der Schule heraushalten. Und man muss für klare Regeln sorgen, da es ansonsten zu einer Überforderung führt.

Das Problem ist: Man kann nicht über das eine reden, wenn man das andere ausschließt. Es gibt wahrscheinlich keinen Unterstützer einer „digitalen Revolution“, der nicht der Meinung wäre, dass es Zeiten geben sollte, in denen man seine Aufmerksamkeit einem Gegenüber oder einer Sache widmen sollte. Beispielsweise dem gemeinsamen Essen, einem Gespräch oder Spiel. Die Meinungen gehen jedoch dort auseinander, wo immer mehr elterliche Kontrolle und der Schutz der Kinder eingefordert wird, ohne ein kleines Maß an Grundwissen darüber, welche positiven Möglichkeiten in digitaler Arbeit stecken.

Bevor Sie, die das hier lesen und eben weil sie das tun und diesen Blog lesen, ein Mindestmaß an Erfahrung im Umgang mit digitalen Medien und Strukturen besitzen, den Einwand bringen, der auf der Zunge liegt: Dies ist kein Strohmann-Argument. Machen Sie den Test: Wenn Sie auf Twitter sind, fragen Sie die Menschen außerhalb, was Twitter ist und was man damit macht. Oder nutzen Sie andere, in der Welt der Social Media alltägliche Begriffe. „Flipped Classroom“, „OER“, „LdL“, „MOOC“, „Etherpad“ – diese Liste ließe sich beliebig verlängern. Die Begriffe werden den meisten Menschen, die das Digitale an sich verteufeln, nichts sagen. Gar nichts.

Man könnte natürlich sagen, dass dies nicht so schlimm sei, denn: Nicht jeder muss seinen Unterricht nach neuartigen oder innovativen Prinzipien ausrichten. Das ist jedoch auch nicht das Problem. Das Problem ist ein fundamentaleres. Auch diejenigen, die niemals die positiven Möglichkeiten digitalen Arbeitens oder sozialer Medien erlebt haben, meinen, ihre Wirkungen zu überblicken, und reagieren auf die von ihnen wahrgenommenen negativen Aspekte – entweder mit Kontrolle oder mit Verbot.
Der einzige Schnittpunkt, den diese – entschuldigen Sie diese harte Formulierung – „unwissenden Kritiker“ mit den Befürwortern haben, ist die reine Existenz einer (nicht unbedingt verstandenen) digitalen Welt.

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Das wäre nicht weiter schlimm, wenn es nicht in dem Problem münden würde, das die Gräben immer tiefer werden lässt. In der gefolgerten Konsequenz nämlich, sich abzuschotten – sowohl durch Handlungen als auch verbal – und dadurch eben nicht dafür zu sorgen, dass diejenigen, die es vor tatsächlichen Gefahren zu schützen gilt, zu verantwortungsvoll Handelnden werden, sondern zu schutzlos Ausgelieferten, die natürlich trotzdem mit all dem konfrontiert werden, vor dem ihre Eltern oder Erzieher sie zu schützen trachten.

Und während die einen im isolierten Raum Schutz suchen und alles verteufeln, was diesen aufbrechen könnte, haben die anderen (ich, wir, Sie – die soziale Community) keine Lust mehr darauf, auf eine Erscheinung zu warten, die sowieso nicht kommt und machen sich auf, in komplizierten Diskussionen theoretische Folgen einer angenommenen Zukunft zu diskutieren, bei der keiner auf der anderen Seite des Grabens noch folgen könnte.

Dabei gibt es nur zwei grundlegende Dinge, die es zu berücksichtigen gilt, und die jeder, der das digitale Arbeiten und Leben befürwortet und nach vorn zu bringen gedenkt, den Skeptikern klarmachen müsste:

  1. Kinder und Jugendliche werden in eine Welt geboren, in der sie zwangsläufig über kurz oder lang mit den Möglichkeiten (guten und schlechten) des weltweiten Netzes konfrontiert werden.
  1. Möchte ich, dass Kinder und Jugendliche damit in Berührung kommen, nachdem sie die Kompetenzen erworben haben, damit umzugehen, oder sollen sie ohne Vorbereitung damit zurechtkommen?

Was sich sehr einfach anhört, ist es anscheinend nicht. Denn es beinhaltet anzuerkennen, dass man in der Schule mit digitalen Medien arbeiten muss, um auf etwaige Probleme zu stoßen, die man dann gemeinsam besprechen kann. Ein Arbeitsblatt, in dem die Schülerinnen und Schüler Gefahren als kleine Begriffe eingeben müssen, bringt rein gar nichts.

Schule kann diese Aufgabe aber erst dann auf sich nehmen, wenn sie sowohl von der Institution als auch von den Eltern als solche anerkannt wird. Und genau da haben wir die Arbeit vor uns. Denn es wird – so befürchte ich – noch über Jahre Grundlagenarbeit benötigen, um denjenigen, die (zu Recht) vor den Problemen warnen, klarzumachen, dass diese Probleme nur in einem gemeinsamen Diskurs angegangen werden können und eben nicht, indem man sich einschließt und hofft, dass das alles wieder so wird, wie es einmal war.

Wir können in der Tat nicht weitergehen, wenn wir die anderen nicht dort abholen, wo sie sind. Und das heißt zunächst einmal: die positiven Dinge, die das Internet und seine Bewohner bieten, hervorzuheben und auf die selektive Wahrnehmung der (durchaus vorhandenen) Gefahren hinzuweisen.

Und? Stimmen Sie mir zu? Leiten und twittern Sie es weiter? Stellen Sie es in eine Facebook-Gruppe?

Man sollte mit denjenigen darüber sprechen, die diesen Text ansonsten nicht zu sehen bekommen würden. Sonst ergeht es uns wie den armen Landstreichern, die warten, bis das Drama vorbei ist.

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Fotos: Thomas Clemens

Danke an Peter Ringeisen für die Anregungen zur Korrektur.

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2 Kommentare zu Digitale Bildung: Warten auf Godot

  1. Nils sagt:

    Spannend und leider oft sehr zutreffend.aus diesen Bildern resultieren Unterrichte die mit dem realen Surfen nichts mehr zu tun haben und digital angehauchte unterrichte bei denen man sich den Frontalunterricht zurückwünscht.

    Zu der Argumentation „Schutzraum“ fiel mir allerdings ein Vergleich ein den ich wenigstens da lassen wollte: wir wissen das die Kinder mit Neonazis zu tun bekommen werden, die gibt es leider. Wir sehen die Aufklärung und das beschäftigen damit aber als wichtig an damit sie nicht darauf hereinfallen. Genau so sehen wir viele Dinge die die Schüler lernen, etwa über Sekten, Drogen oder Sexualität, als Schutz an. Dazu muss man offen darüber reden und natürlich auch über den Reiz den so etwas ausmacht. Ansonsten gibt es keine adäquate Gegenwehr, denn man hat die Schüler nicht vorbereitet.
    Wieso sollte das Internet eine Ausnahme darstellen, wenn man nicht glaubt alles dort sei gut ist es sogar die Pflicht einer Schule sich im Sine der Schüler offen damit auseinanderzusetzen und die Schüler dabei zu begleiten und mit Vorzügen und Nachteilen erleben zu lassen.

    Lg Nils

  2. Danke für diesen wichtigen Blogpost, mit dem ich sehr einverstanden bin. Ich habe das vor einer Weile etwas allgemeiner ausgedrückt, weil ich denke, dass diese Vorurteile für viele Menschen auch gravierende Nachteile mit sich bringen: http://schulesocialmedia.com/2013/03/25/wie-vorurteile-die-internet-erfahrung-uberlagern/
    Nur ein Beispiel: Ich habe auch jüngere Lehrerkolleginnen und -kollegen (so um die 30), die »das Internet« zwar irgendwie ganz interessant finden, aber mit einem kaum versteckten Dünkel das Lesen des Feuilletons oder Büchern dem »Surfen« vorziehen. Sie tun mir immer Leid – weil sie sich mit dieser Haltungen so viele Möglichkeiten nehmen, die sie zwangsläufig brauchen werden im Laufe ihrer beruflichen Karriere. Hier geht es noch nicht mal um die Jugendlichen, die dann diesem Dünkel ebenfalls ausgesetzt sind: Mit dem Resultat, dass sie sich entweder irgendwie dafür schämen, was sie täglich tun, oder sich klar machen können, dass das, was an der Schule läuft, mit der Realität eben wenig zu tun hat.

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