Es ist doch immer wieder schön, sich mit Menschen auszutauschen, die etwas Überraschendes, Substantielles oder schlicht Erfreuliches zu sagen haben. So ging es mir, als ich gestern Dr. Simon Maria Hassemer traf. Uns verbindet ein gemeinsames Seminar in der Universität Freiburg, das den sprechenden und treffenden Namen „Monster im Mittelalter“ trug. Später promovierte Simon und gibt einen Einblick darin, wie man die dadurch erworbenen Erkenntnisse auch in den Unterricht übertragen kann. 

Gestern habe ich mich mit Bob Blume in einem Offenburger Café getroffen und wir haben fast alles mal angerissen, was mit Bildung in Zeiten der digitalen Transformation zu tun hat. Bob fragte mich beim Verabschieden, ob ich nicht Bock hätte, mal einen Gastbeitrag für seinen Blog zu verfassen. Thema: meine Dissertation, die sich mit dem medialen Einfluss populärer Geschichtskultur auf unser Geschichtswissen (genauer: Mittelalter) beschäftigt. Ich sagte gerne zu, hielt mich aber aufgrund Abiturkorrekturen und zahlreicher Schulprojekte bedeckt, was einen Termin anging. Am nächsten Morgen sah ich dann einen Tweet von Björn Hennig vom 28. April mit Link zu einem (schon recht alten) Interview des ZDF mit Matthew Zagurak, dem Narrative Director der Assassin’s Creed-Reihe von November 2017, in dem es vor allem um den neuen Lernmodus in Assassin’s Creed Origins geht. Seit Lektüre dieses Interviews habe ich wieder einige Antworten auf die Frage, was ich im Geschichtsunterricht falsch mache. Vor allem ein Satz Zaguraks gegen Ende des Interviews spukt seitdem in meinem Kopf herum: „Geschichte ist per se einfach faszinierend. Wenn etwas Langweiliges daraus wird, hast du etwas falsch gemacht.“

Geschichtslehrern die einigermaßen selbstreflexiv sind und sich und ihren Unterricht kritisch in Frage stellen können stockt der Atem. Und mir fällt ein Zitat aus einem anderen Interview ein, einem mit Bundesbildungsministerin Anja Karliczek, die im März gegenüber der Zeit sagte: „Ich habe mich immer geärgert, wie schwer es Geschichtslehrern fällt, Schüler für ihre Themen zu interessieren. Wenn ich mir moderne historische Dokumentationen mit nachgestellten Szenen anschaue, denke ich dann: Wow!“

Fassen wir zusammen: Geschichtsunterricht ist langweilig. Mediale Produkte der öffentlichen Geschichtskultur, egal ob fiktional oder semi-dokumentarisch, sind es nicht. Ich habe bereits öfter historiographische Doku-Dramen im Unterricht analysieren und dekonstruieren lassen, was natürlich mit Arbeit verbunden war – das reine Konsumieren einer Folge „Die Deutschen“ (schon wieder ZDF) fanden die Schülerinnen und Schüler natürlich besser und ein Schüler meinte in der sich an den Film anschließenden Diskussion sinngemäß: „Das ist eh das einzigste [sic!], wie man mich für Geschichte begeistern kann.“ Doch viele wissenschaftlich gelehrte Geschichtslehrer stören sich an den genannten Formaten, weniger an den Computerspielen (die sind den meisten eher unbekannt) als an den „nachgestellten“ Szenen: Erstens, weil man historische Realität niemals rekonstruieren kann und zweitens weil die Sachlichkeit der historiographischen Darstellung zugunsten eines viel emotionaleren Zugangs zu Geschichte flöten geht. Die Bundesbildungsministerin scheint damit kein Problem zu haben. Und das ist bei dem von mir subjektiv empfundenen Überproblematisieren vieler Bildungsfragen auch mal was erfrischend Neues. Denn: Die diskursmächtigen medialen Produkte der populären Geschichtskultur wie z.B. Assassin’s Creed sind längst da und sie prägen wirkmächtig das Geschichtsbewusstsein vieler Jugendlicher. Ein langweiliger Geschichtsunterricht, der unter der Prämisse der politisch-demokratischen Erziehung steht und also gänzlich andere Ziele verfolgt als zu unterhalten, kann da natürlich nicht mithalten. Aber statt nur zu Problematisieren kann man zur Abwechslung auch mal die vorhandenen lebensweltlichen Tatsachen als Chance begreifen statt sie zu verteufeln oder zu ignorieren oder noch schlimmer: Sie nicht zu kennen (wie die Kultusministerin Baden-Württembergs am Donnerstag auf einer Veranstaltung auf die Frage eines – schon wieder ZDF-Moderators – eindrucksvoll bewies).

Die Chance für den Geschichtsunterricht besteht darin, unsere Schülerinnen und Schüler zu narrativen Regisseuren (narrative directors wie Mr. Zagurak) zu machen. Geschichte muss erzählt werden, um Geschichte zu sein und narrative Kompetenzen aber auch methodische Dekonstruktion bestehender Geschichtserzählungen gehören zum festen Bestandteil der Geschichtsdidaktik. Schülerinnen und Schüler müssen selber Geschichte erzählen, gerne auch in digitalmedialer Form (ob nun das Video oder das Videospiel als Leitmedium anzusehen ist, wird hier nicht diskutiert. Dass es nicht das Schulbuch ist, wissen auch die Schulbuchverlage). Im ersteren Fall müssen sie kreativ sein, können gerne auch anachronistisch werden, können Mythen kreieren, so lange sie ihr Tun reflektieren und begründen können. Im zweiten Fall müssen sie zwangsläufig kritisch sein, denn das Vetorecht der Quellen macht jede Propaganda, jede Halbwahrheit, jeden Mythos, jeden Fake zunichte – in der Vergangenheit wie in der Gegenwart. Gerade bereite ich Unterricht zur Revolution von 1848 vor. Ich habe das ursprüngliche Konzept (Flipped Classroom mit einem YouTube-Erklärvideo von Mirko Drotschmann, im Klassenzimmer dann Diskussion über die Errungenschaften der Revolution) über den Haufen geworfen. Nicht jede*r der 25 Schüler*innen ist freitags in der letzten Doppelstunde noch fit zum Diskutieren, ist aber für andere Zugänge offen: Ich mache also fünf Vorschläge zur Bearbeitung. Eine Gruppe diskutiert mit mir die Bedeutung der politischen Errungenschaften der Revolution für die Bundesrepublik Deutschland, eine zweite erstellt einen Stop-Motion-Film zum Verfassungsschema der Paulskirchenverfassung, eine dritte erstellt ein Konzept für ein DLC zu Assassin’s Creed Unity, das die März- und die Badische Revolution zum Inhalt hat (Friedrich Wilhelm IV. gibt einen super Templer ab!), eine vierte untersucht einen zehnminütigen Ausschnitt aus „Robert Blum und die Revolution“ (ZDF 2008), dekonstruiert dessen Kompositionsprinzipien und eine fünfte Gruppe macht etwas Eigenes zum Thema, an das ich nicht gedacht habe. So werden – nach persönlichen Vorlieben gewählt – unterschiedliche überfachliche (Kreativität, kritisches Denken, Kollaboration) und fachliche (narrative, methodische Dekonstruktion, geschichtskulturelle) Kompetenzen trainiert. Das zu Hause anzueignende Wissen um die Ereignisse der Revolution ist in jedem Fall notwendig (und daher fällt auch der Frontalunterricht des Mirko Deutschmann nicht weg; man könnte natürlich auch einen Schulbuchtext verwenden). Was aber das Wichtigste ist: Die Geschichtsstunde hat große Chancen, nicht langweilig zu werden.

3 KOMMENTARE

  1. Könntest du eventuell einen Artikel über geeignete Themen für die Präsentationprüfung in Geschichte machen?

    • Ich weiß nicht ganz genau, worauf das hinausläuft. An welchen Inhalt dachtest du? Wie man es aussucht? Welche Themen sich anbieten?

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