KRITIK: In freiem Fall – Zur Premiere des Stückes „Enron“ im Theater Heilbronn

Bildschirmfoto 2014-01-26 um 14.38.13
Copyright© 2014 Theater Heilbronn

 

„Nun wird sich gleich ein Gräulichstes eräugnen,
Hartnäckig wird es Welt und Nachwelt leugnen.“ Plutus, Weitläufiger Saal (Faust II)

Wir befinden uns im Jahre 2014, einer Zeit, in der sich allerorts die Hoffnung breit macht, die wirtschaftlichen Krisenjahre, die die Welt an den Rand des Finanzkollaps brachte, hinter sich zu lassen. Vor drei Jahren hatte der Wirtschaftswissenschaftlicher Joseph Stiglitz in dem Buch „Im freien Fall“ die Problematik des Wirtschaftskapitalismus mit der Überschrift zu Kapitel 6 auf den Punkt gebracht:  Habgier triumphiert über Besonnenheit. Und während schon der nächste Ökonom das Platzen einer Blase prophezeit, spielt sich die dramatische Realität vor unseren Augen ab: Das Theater Heilbronn inszeniert mit dem Stück „Enron“ den Siegeszug und den Fall einer milliardenschweren Firma, deren oberen Akteure das Geld scheffeln, während 20.000 Menschen ihren Job, ihre Krankenversicherung und ihre Existenzgrundlage verlieren.

„Wer jetzt will seinem Nachbar helfen?
Jeder hat für sich zu tun.“ Schatzmeister, Saal des Thrones

Als ich das Theater betrete, habe ich ein komisches Gefühl. Mit dem wenigen Vorwissen zu dem Stück erscheinen die zum Anlass gekleideten Menschen wie eine verlängerte Staffage mit ihren heraus geputzten Kleidern, dem Parfüm und den umgehängten Schals. Wahrscheinlich bin ich aber einfach underdressed. Meine erste Freikarte (nach der #blogparade wurde ich als Blogger eingeladen) führt mich nah an die Bühne – ein weiter Raum, eine große Leinwand. Stille. Dann in großen Lettern: DIE KRISE HEISST KAPITALISMUS. Die riesige LED-Leinwand wird uns über das gesamte Stück begleiten. Das Stück beginnt mit einer direkten Ansprache. Erster Auftritt von Jeffrey Skilling, jenem Mann, der mit unbändigem Willen zu Geld und Macht jede Hintertür nutze, um eine Blase gigantischen Ausmaßes zu kreieren: „Jeder steht rum und feiert seine Ignoranz.“ Ich denke: Auch wir sind gemeint. Im Hinteren Bühnenbereich gaffen die grünlippigen Buckler in ihren Schampus. Grüne Münder – der Schleim der seelenlosen Nachredner. Sie sind weit im hinteren Raum der Bühne, tippeln, marschieren. Die drei Elemente dieses Stückes: Raum, Leinwand, Überzeichnung.

„Der Satan legt euch goldgewirkte Schlingen:
Es geht nicht zu mit frommen, rechten Dingen.“ Kanzler, Saal des Thrones

Die Möglichkeiten der 90er Jahre schleudern ihre Bilder über den Display. Clintons Lüge über seine Sexualbeziehungen legt sich als Schlinge um das Stück. Alles ist möglich, alles erlaubt. Ken Lay, Enron Vorstandsvorsitzender (Stefan Eichberg) regiert über sein nochüberschaubares Imperium mit dunkler, sonorer Stimme eines dallasähnlichen Ignoranten. Das Was ersetzt das Wie. Macht ist Geld, ist Geld, ist Geld.

„Der Narr ist klug, verspricht was jedem frommt;
Fragt der Soldat doch nicht woher es kommt.“ Heermeister, Saal des Thrones

Die Bühne verschiebt sich schnell. Von der Größe des Raumes zur engen Schlucht, in der Jeffrey Skilling (Nils Brück) die Enron-Managerin Claudia Roe (Sylvia Bretschneider) verführt. Angeheizt durch die Macht, alles innerhalb von einer Sekunde zu besitzen, geht die Menschlichkeit im Strudel der Wallstreet unter. Dann die ewig auf die Tastatur hackenden Broker. Der eine verliert 21 Millionen. Skilling lobt, denn: Wer kein Risiko eingeht, kann auch nichts gewinnen. Dazu Fahrstuhlmusik – die seichte Beschallung für die menschlichen Moralverräter.

„Am Ende hängen wir doch ab
Von Kreaturen die wir machten.“ Homunkulus, Laboratorium

Die geniale Idee des Enron-Präsidenten, der den stark spielenden Oliver Firit (als Enron-Finanzchef) dazu bringt, firmeneigene Schulden in immer kleiner werdende Tochterfirmen zu übertragen, bringt einen riesigen Erfolg. Und während die hochfahrende Bühne die komplexen Finanzzusammenhänge als unüberschaubare Drähte und Zettel in einem unaufgeräumten Keller präsentiert, in dem die Finanzbetrügereien als Raptoren gehalten werden, die das Geld verspeisen, stehen die Mächtigen Zigarre rauchend darüber und loben sich selbst: „Wir spielen nicht nur das Spiel. Wir sind das Spiel.“ Und wieder überkommt mich der Gedanke, dass die Mächtigen nicht nur sich, nicht nur sich als Schauspieler, sondern auch uns meinen könnten. Die symbolische Bühnenkonstruktion überträgt so das Bild des Kapital-Darwinismus in seiner reinsten Form ins Konkrete.

„Mit Augen schaut nun was ihr kühn begehrt,
Unmöglich ist’s, drum eben glaubenswert.“ Astrolog, Rittersaal

Das Konzept der Firma ist wie ein sozialpsychologisches Experiment. Die Menschen investieren in das, von dem sie glauben, dass viele glauben, dass man investieren sollte. So kann den Banken, die 3% Fremdkapital in die Müllhalde von Tochterfirma werfen, auch geraten werden, sie sollen doch bitte dafür sorgen, dass weitere Investoren investieren. Denn dadurch würde sich die Empfehlung von selbst retten. Der Teufelskreis der modernen Marktwirtschaft in reinster Form. Nicht nur Skilling selbst, der zunehmend zu einer modernen Sonnenkönig mutiert („Ich bin Enron“), wird bewusst überzeichnet. Analysten-Zwillinge, Barbie-Modell-Reporterinnen und ADHS-Anwälte zeigen in der Bewertung der Situation, dass ihre Selbstbestimmung unter einem Berg von Dollarzeichen vergraben ist. 2000 Jahre müsste man zählen, erklärt Skilling seiner vernachlässigten, völlig verzogenen Tochter auf dem Schirm, um den Wert der Firma Zahl für Zahl zu zählen: 60 Milliarden Dollar. Von solchen Summen sind auch den Wirtschaftsprüfer so beeindruckend, dass das Bild der Handpuppe, mit der er kommt,  stellvertretend für die Arschkriecherei der hierarchisch Niederen ist.

„Ich suchte nach verborgen-golndem Schatze,
Und schauerliche Kohlen trug ich fort.“ Mephistopheles, Gotisches Zimmer

Als Enron auch noch in die breitbandabhängige Fernsehübertragung einsteigen will (welch geniales Spiel der Firmennerds, die stark davon abraten – so Guido Schikore und Joachim Foerster) und Kalifornien nach der Deregulierung des Stroms von Enron durch risikoreiche Transaktionen an den Rand des Ruins getrieben wird, müssen die Beteiligten erkennen, dass ein System, das auf Annahmen aufgebaut ist, nicht bestehen kann. Die Vervielfältigung der Bittsteller auf dem Videowürfel treibt Skilling fast in den Wahnsinn. Doch die Rettung naht als Katastrophe des 11. September. Die Verantwortung kann an die anderen abgegeben werden, auch wenn, „der moralische Kompass“ verloren wurde. So bleibt die Gerichtsverhandlung eine Farce. Skilling kann sich mit 40 Millionen Dollar aus Boni-Zahlungen seine Haftstrafe freikaufen. Er wird 2017 das Gefängnis verlassen. Es bleiben rote Zahlen auf der riesigen Leinwand. 20.0000 Menschen verlieren den Job. Zwei Milliarden Dollar wurden vernichtet. 55 Millionen Dollar kurz vor der Insolvenz ausgeschüttet. 116 Millionen Dollar an Aktien verkauft. Die Angestellten nur noch arme Schweine, arme Ameisen auf dem Haufen, der einmal eine Vision darstellte. Eine Vision von einer Wertsteigerung ex nihilo.

„Mich langweilt’s, denn kaum ist’s abgetan,
So fangen sie von vorne wieder an.“ Mephistopheles, Laboratorium

Dem Theater Heilbronn ist mit Axel Vornams Inszenierung von Lucy Prebbels Stück eine aufwändige Spiegelung dessen gelungen, was ein normaler Bürger heute nur noch in winzigen Teilen versteht. Die Wirkungs- und Handlungsweisen der in einem System von Geld und Macht gefangenen Akteure werden gerade in ihrer deutlichen Überzeichnung zu einer Allegorie ihrer selbst. Der Zuschauer bleibt wie Alice im Wunderland gefangen in einem Alptraum der von den Beteiligten gefeiert wird. Die nachträgliche Reflektion, dass dies auf Tatsachen, auf echten Ereignissen beruht, schmerzt im Nachhinein wie das schweißgebadete Aufwachen. Trotz Überzeichnung, Leinwandtechnik und Bühne: Vor allem die präzisen schauspielerischen Charakterstudien machen dieses Stück sehenswert. Und wenn man dann aus dem Theater hinausgeht hofft man, dass man es schafft, selbst die Schminke loszuwerden und zumindest das zu tun, was das Stück bewirken muss: Über seine eigene Rolle als Rädchen im System nachzudenken.

 

Zum Weiterlesen:

Artikel der zur Einladung führte: „Zieh dich aus Theater.“
Erfahrungen zur theaterpädagogischen Arbeit: „Ein Reh, ein Baum, ein Menschenfeind.“
Interview mit dem Schauspieler und Tatort-Forensiker Peter Espeloer: „Niemand ist ja schon vorher gestorben.“

Dieser Beitrag wurde unter B-Logbuch, Bildung abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Kommentare zu KRITIK: In freiem Fall – Zur Premiere des Stückes „Enron“ im Theater Heilbronn

  1. Pingback: KRITIK: Eine inszenierte Frechheit. „Danton. Tod?“ Ein Verriss | Bob Blume

  2. Lieber Bob, das Lesen Deines Blogbeitrags war das Highlight am Sonntagabend. Wunderbar, was Du Dir für Gedanken zum Stück und zur Inszenierung gemacht hast und wie Du sie formulierst. Wir hoffen, dass Du Deine alte Geliebte, das Theater, langsam wiedererkennst … (Wer jetzt nicht versteht, was hier gemeint ist, der lese den Beitrag „Zieh dich aus Theater“). Da wir uns wünschen, dass möglichst viele Menschen Deine Gedanken über „Enron“ lesen, werden wir den Artikel weitertwittern und posten. Bis hoffentlich bald mal wieder im Heilbronner Theater.
    Herzliche Grüße von Silke Zschäckel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.