Schuld und Sühne: Rezension zu Sascha Bisleys „Zurück aus der Hölle“

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„Es lebt sich einfacher, wenn man mit dem Finger auf jemanden zeigen kann und weiß, dass man ihn bloß hassen muss, um selbst richtigzuliegen. Es ist einfacher, wenn man die Schule am eigenen Versagen und der falschen Art zu leben auf die Fehler anderer abwälzen kann.“

Ein wichtiger Satz. Ein Satz, der leider in unsere Zeit passt wie die Faust aufs Auge. Ein Satz, geschrieben von einem – wie es heißt – „gefeierten Lesebühnenautor“. Ein Satz von jemandem, der es wissen muss, wie schmerzlich es ist, Verantwortung zu übernehmen. Verantwortung für das Leiden anderer.

Als ich Sascha Bisley das erste Mal las, war ich bewegt von der schieren Gewalt seiner Worte, die er in seinem mittlerweile überregional bekannten Blog www.dortmund-diary.de zum Besten gab. Ich bezeichnete ihn einst als meinen persönlichen Schweinehund, der dort den Finger hereinsteckte, wo es dreckig war und eklig roch. Und solcherlei Orte gibt es viele im Ruhrgebiet. Als ich auf den ersten Seiten über die Stadt Hagen, in der ich groß geworden bin, lesen musste, sie sei scheiße, brachte das das Lebensgefühl, das man zumeist erst in der Retrospektive hat, ziemlich genau auf den Punkt.

Aber Sascha Bisleys Buch ist keine Abhandlung über die hässlichsten Orte Deutschlands, sondern das Bekenntnis eines Menschen, dessen Geschichte auch anders hätte verlaufen können. Einem Menschen, der trank, kokste – und am liebsten anderen auf die Fresse schlug. Einem Menschen, der die Kontrolle verlor bis zu dem Punkt, an dem er zusammen mit einem Freund einen anderen Menschen so sehr schlug und trat, dass dieser später an seinen Verletzungen starb. Einem Menschen, der erst spät – gerade noch nicht zu spät – bemerkte, wie sehr er sein eigenes Leben verschissen hatte. Und der nochmals neu anfangen wollte. Anfangen, nicht enden, wie in den detailliert beschriebenen Selbstmordversuchen.

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Sascha Bisley redet mit dem Leser von seinen Gewaltexzessen, von seinem Leben am Rande der Gesellschaft und von seinen Sauftouren wie mit einem Freund. Er versucht nichts zu beschönigen. Er ist nicht verliebt in seine Vergangenheit. Er sagt, wie er es spürte und spürt nach, was ihn antrieb bis zu dem Punkt als er einen Menschen so schwer misshandelte, das er später an den Folgen starb. Aber er schreibt auch über seine Dämonen, darüber, wie es sich anfühlt vor der totalen Resignation zu sein und über die Hoffnung, die ihm selbst nach einem unglaublichen Ereignis im Gerichtssaal das eigene Leben rettete.

Ich kann nicht objektiv über dieses Buch schreiben und weiß nicht, ob es jemand kann. Die Seiten saugen sich in den Kopf und man hat das Gefühl, mit einem alten Bekannten, ja, einem Freund auf der Couch gesessen zu haben, der einem die Geschichte seines Lebens erzählt – eine Geschichte, die sich im letzten Augenblick zum Guten wendet.

Man kann Sascha Bisley vorwerfen, überhaupt erst dieser Mensch gewesen zu sein, dem andere egal waren, der sich an der Macht ergötzte, über anderen zu stehen, sie zu verletzen und Straftaten aus Freude zu begehen. Aber man kommt nicht umhin, sein Umdenken zu bestaunen. Sascha Bisleys Buch ist kein Höllenritt, weil es wahr ist. Es ist nicht gut, weil es überlegt ist, sondern weil es an eine Wahrheit kommt, die nur derjenige haben kann, der sich und sein gesamtes Leben in Frage gestellt hat. Ein Buch wie geschaffen für eine Zeit, in der es wieder Mode ist, anderen die Schuld zu geben.

Vielleicht kann es dem einen oder anderen Hoffnung geben. Ich glaube, es kann.

 

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