ESSAY: Die unbeschreibliche Leichtigkeit des Scheins

Bochum_Westpark_20141102_0026_1280pxGräbt man sich tief genug in die Materie der Auffassung „innovativer“ Bildungsexperten und verweilt gleichzeitig in der gelebten Realität deutscher Schulen, kommt man nicht daran vorbei, die geistige Spaltung zu bemerken, die scheinbar immer größer wird und auf mehreren Irrtümern beruht. Der Größte Irrtum ist auch der gravierendste: Die Beurteilung aus Unwissenheit.

Wenn man ein bestimmtes Alter erreicht hat, es kann früher oder später sein, weiß man, was einen glücklich macht. Glücklich in einem Sinn, den der Psychologe Mihály Csíkszentmihályi als „Flow“ beschrieben hat, also einem Zustand, der sich der Reflexion des Glücks entzieht. So ist man paradoxer Weise in dem Zustand glücklich, indem man vom Gedanken an das Glück weit entfernt ist.

Obwohl jeder seine eigene Form von Flow erreichen kann – und das eben mit den unterschiedlichsten Handlungen – so weiß doch jeder, dass es einen großen Unterschied zwischen der Ausführung der Handlung und der Handlung selbst gibt. So würde niemand ernsthaft behaupten, dass die Beschreibung einer Handlung ihn glücklich machen könnte (obwohl es immer noch Deutschlehrer gibt, die meinen, dass Monologe über Schriftsteller Glückgefühle bei Schülern evozieren können. Quelle: Internet.) Die Handlung kann nachvollzogen werden, wenn sie durch den eigenen Körper oder Geist vollzogen wurde. Mal ist das einfacher (Bungee-Jumping), mal schwieriger (Lustgewinn bei dickem Buch).

So wenig, wie man aber einen Lustgewinn erzielen kann, indem man über seine Flow-Handlung referiert, so wenig würde einem der Gedanke kommen, dass man jemandem anderen das personale Glück dieser Handlung abspräche; einfach, weil das Urteil unreif oder unangemessen wäre. Und selbst wenn die Handlung vollzogen wäre und die Glückgefühle nicht die von der anderen Person beschriebenen wären, könnte man ihr Empfinden nicht dadurch schmälern, dass man es verurteilte.

Dennoch ist es sehr einfach und wohl auch deshalb vielfach praktiziert, eine Handlung innerhalb des eigenen Rahmens der Unwissenheit zu verurteilen und dann im eigenen Blickwinkel zu verharren: Die unbeschreibliche Leichtigkeit des Scheins.

Denn einen anderen Blickwinkel zu erlangen, würde gleichsam Arbeit bedeuten, zum einen direkter, ausführender Natur und was die eigenen Argumentationsstrategien angeht.

Diese Vorrede beschreibt, was gerade zwischen den Unterstützern und Ablehnern der digitalen Arbeit (geschweige denn „digitalen Revolution“) vor sich geht. Während diejenigen, die durch ihre Social-Media-Kontakte tagtäglich mit den Vorteilen digitaler Vernetzung und Arbeit konfrontiert sind, meinen, dass das ewige Wiederholen der grundlegenden Thesen zu digitalem Arbeiten sie selbst in der Entwicklung aufhält, urteilen die anderen auf der Grundlage des Scheins, den sie heutzutage zwangsläufig wahrnehmen, wie sie sich zu verhalten haben.

Das wäre, wie das Beispiel oben zeigt, eigentlich auch kein Problem. Es muss nicht das Ziel eines jeden sein, ein eigenes Youtube-Video zu erstellen, sich bei Twitter anzumelden oder sich über Google + zu unterhalten.

Es wird jedoch dann zu einem handfesten Problem, wenn diese ablehnende Haltung gerade aus jenem Klientel kommt, die dafür verantwortlich ist, dass junge Menschen sich in einer zunehmend komplexer werdenden Welt zurechtfinden.

Ob „Erwachsene“ (oder eben jene, die nicht mehr SchülerInnen sind) es wollen oder nicht: Das Leben vieler Menschen findet heutzutage in einem „erweiterten Raum“ statt, den man mit einer einfachen Dichotomie zwischen „realem“ und „digitalen“ Leben nicht mehr fassen kann. Youtube-Stars sind gerade deshalb so berühmt, weil sie den Eindruck vermitteln können, authentisch zu sein und ihren Fans eine Nähe suggerieren, die sie an sie bindet (Eine Schülerin erzählte, dass sie von dem Youtuber Sami Slimani angerufen worden sei; ein für sie unglaubliches Erlebnis, dass nicht nur sie, sondern auch ihre Freundinnen weiter an ihn bindet).

Wenn man sich nun fragt, was denn an einem Youtube-Star so schlimm sein soll und sich bereit dafür macht, gegen den Trend zu wettern, dem sei gesagt: Nicht nur die materiellen und ökonomischen Gelüste der Stars 2.0, deren Videos inzwischen reinste Produktschauen sind, sollten zum Nachdenken anregen, sondern auch naiv-politische.

Wenn ein Youtuber, den 90% der Jugendlichen und 10% der Social-Media-Verweigerer kennen, dann kann eine offen geäußerte Meinung, die AfD wählen zu wollen, mehr Eindruck machen, als einem lieb sein sollte. Denn der betreffende Youtuber hat, wie der Abendunterhalter Böhmermann jüngst herausstellte, mehr Abonnenten als alle bestehenden deutschen Tageszeitungen zusammen (!). Man stelle sich vor, welchen Aufschrei diese Äußerungen haben würden, wenn sie in einem analogen Medium geäußert würden.

So aber bedeutet Unwissen an Gefährlichkeit grenzende Ignoranz.

Dafür, einige dieser Zusammenhänge zu erkennen, braucht es keine dreitägige Fortbildung. Es reicht eine einfache Anmeldung bei Twitter. Schon nach einiger Zeit werden die Potentiale und Schwierigkeiten sichtbar, die sich aus dem – für viele immer noch neuen – digitalen Leben ergeben.

 

Die Zeit, in der man scheinbar unbeschwert über das urteilen kann, dessen Schein man nur am Rande mitbekommt, ist vorbei. Zumindest für diejenigen, die sich nicht vorwerfen lassen wollen, den Anschluss an die Lebensrealität vollends verloren zu haben. Auf diesem Weg dahin kann es helfen, einige wenige Dinge vorzunehmen:

  1. Für viele Menschen ist die digitale Sphäre Teil der Lebensrealität. Das ist eine Tatsache, die man akzeptieren sollte.
  2. Viele Menschen empfinden bei den unglaublich abwechslungsreichen Möglichkeiten der digitalen Welt Glück und fühlen einen „Flow“. Dies sollte man anerkennen.
  3. Um herauszufinden, was denn diese Menschen dazu bringt, ihr Leben ins Digitale hin zu erweitern, sollte man zwei Dinge tun:
    1. Mit ihnen sprechen und sie mit Fragen löchern.
    2. Selbst einen Sprung ins kalte Wasser wagen.

Es geht an dieser Stelle ganz bewusst nicht darum, dass irgendein festgestelltes Eines ein Anderes ersetzen soll. Sondern schlicht darum, den Mut zu haben, sich einer schon bestehenden Erweiterung der Lebensrealität zu stellen.

Dann können wir reden.

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