No-Gos in der Lehrprobe

Nachdem mittlerweile einige Texte zu Dauerbrennern bei Referendaren geworden sind – so der Text über die Sachanalyse oder zur Vorbereitung einer Unterrichtsstunde – habe ich in letzter Zeit weniger über Referendarsthemen geschrieben. Nach einer kurzen Diskussion in der Facebook-Gruppe, dachte ich, dass das in der Überschrift etwas drastisch formulierte Thema vielleicht den einen oder anderen interessieren kann. Unter den jeweiligen No Gos finden sich Tipps, wie man den jeweiligen Fehler vermeidet oder sich präventiv vor ihm schützt.

Am Ender des Artikels steht eine Anmerkung zu meiner Person und den hier gelieferten Informationen. Der Junglehrer @mufflkuchen steuert die genialen Comics zu den Themen bei, die man sich bei Bedarf herunterladen kann.  

  1. Überfrachtung

 

 

 

 

 

Neben der unrealistischen Vorbereitung ist die thematische oder inhaltliche Überfrachtung ein No-Go in einer Lehrprobe. Der zu prüfende Referendar will natürlich zeigen, was er oder sie kann, stellt sich jedoch so selbst eine Falle. Jeder, der schon ein paar Unterrichtsstunden gemacht hat, weiß, wie viele Variablen so eine Stunde hat. Diese werden schier unbeherrschbar, wenn man sich durch eine zu große inhaltliche Variation das Leben schwermacht. Die Fachleiter wissen aufgrund von zahlreichen Besuchen und Lehrproben, dass man das gesamte Schuljahr nicht in eine Stunde kriegt. Die Regel lautet: Lieber ein klar definiertes Ziel tiefgehend, präzise und mit klarer Struktur behandeln, als zu versuchen, alles auf einmal zu machen.

Tipp: Eine gute Vorbereitung des Inhalts und die genaue Sezierung der Kompetenzen mithilfe einer guten Sachanalyse ist alles! Je klarer für einen selbst ist, was genau der Gegenstand ist, den man in der Stunde aufbereitet und mit den Schüler/Innen erarbeitet, desto mehr Zeit hat man für die wichtigeren Dinge.

 

  1. Zu enge Zeittaktung

Der Wunsch danach, alles, aber auch wirklich alles unter Kontrolle zu haben, ist absolut nachvollziehbar, aber utopisch. Denn der Reiz von Schule ist, dass alles passieren kann (jeder weiß, wie unterschiedlich ein und dieselbe Klasse ist, wenn sie ausgeschlafen ist, eine Mathearbeit geschrieben hat, oder freitags in einer Randstunde unterrichtet wird). Aus dem Wunsch nach Kontrolle erwächst schnell das Verlangen, jede Sekunde genau zu takten. Aber das ist nicht nur gefährlich, sondern bringt einen auch in Drucksituationen. Und da man sowieso schon Druck hat, ist das nicht besonders förderlich, zumal man ja meist noch relativ anspruchsvolle kognitive Aufgaben vor sich hat, die man beispielsweise an der Tafel visualisiert. Ein Nährboden für Fehler.

Tipp: Auch wenn es sich einfacher anhört, als es ist: Die Ruhe bewahren und realistische Zeiten einplanen, ist alles. Die Erfahrung zeigt, dass man eher zu wenig als zu viel Zeit einplant. Ich würde so weit gehen und sagen, dass eine Zeitangabe unter 5 Minuten unrealistisch ist. Eine gute Planung lässt genügend Zeit für die Erarbeitung und das Sicherungsgespräch oder die Präsentation. Auch hier gilt: Da man sowieso nicht alles „beherrschen“ kann, sollte man seine Energie auch nicht dafür aufgeben. Ein über mehrere Jahrzehnte erfahrener Studiendirektor meiner ersten Schule erklärte die zu enge Zeittaktung zu seinem persönlichen No-Go, weil er es hasste, dass den Schülern keine Zeit blieb, ihre Gedanken zu äußern. 

  1. Falsche Prioritäten

Oft hörte ich in meinem eigenen Referendariat die Klage, dass eine Klasse, die dieser oder jener hätte, „so schlecht“ sei, dass man unmöglich den eigenen Plan in der Lehrprobe umsetzen könne. Bei mir war es andersherum. Als ich hörte, dass ich in einer schwachen Kursstufe Lehrprobe haben würde, freute ich mich. Denn gut die Hälfte der Zeit war damit schon mit Vorentlastung und Einübung verplant. Anders gesagt: Die Klasse kommt zuerst, nicht der eigene Plan. Vor allem aber heißt die falsche Priorität, dass man sich auf seine Prüfung konzentriert. Was sich komisch anhört, ist bei näherer Betrachtung nachvollziehbar. Lehrproben sind ja vor allem deshalb so stressig, weil man anders als in anderen Prüfungen nicht konzentriert schauen und gestochen antworten kann, sondern so tun muss, als würde man nicht so tun, dass man eine Prüfung hat. Eine Lehrprobe wird aber nur dann richtig gut, wenn man sich (neben der inhaltlichen Richtigkeit und der methodischen Vielfalt etc.) auf das konzentriert, was am wichtigsten ist: Die Kinder. Keiner wird einem einen Strick darauf drehen, dass man sich um ein Kind kümmert, das Nasenbluten hat, obwohl man gerade eine neue Phase beginnen wollte. Aber sich nicht zu kümmern und seinen Schuh durchzuziehen, ist ein absolutes No-Go.

Tipp: Schon in den Unterrichtsbesuchen lohnt es sich zu üben, die Fachleiter zu ignorieren. Natürlich kann man sie vorstellen oder sie sich vorstellen lassen – je nachdem, wie es vereinbart ist. Aber man kann es nicht genug sagen: Der Fachleiter will nicht sehen, ob man eine Ein-Mann-Show vor ihm hinlegt, sondern ob es der zu prüfenden Person gelingt, mit jungen Menschen umzugehen und ihnen ein Thema näherzubringen.

 

  1. Unrealistische Vorbereitung

Ich erinnere mich mittlerweile gerne an den Schock den ich bekam, als ein Mitreferendar mir sagte, dass er eine ein Meter große Guillotine gebaut habe – und zwar nur für den Einstieg einer Besuchsstunde! Was, so dachte ich, soll ich denn bitte bauen, damit ich dagegen ankomme? Ein Atomkraftwerk in Miniatur?

Mittlerweile ist auch bei den Fachleitern – die übrigens meistens durch ihre Tätigkeit viel weniger Stunden haben als ein Lehrer mit vollem Deputat – angekommen, dass es nicht darum geht, wer in zwei Wochen mehr basteln kann. Es geht neben der Umsetzbarkeit auch um die Angemessenheit. Das sollte man nicht falsch verstehen. Natürlich laminiert man im Referendariat ein Blatt mehr als im Job, macht eine schöne Zeichnung oder eine Powerpoint. Aber es gibt durchaus Fälle, in denen eine unrealistische Vorbereitung angeprangert wurde. Wenn man sich unsicher ist, sollte man diesbezüglich auf jeden Fall seine Fachleiter fragen.

Tipp: Das Zauberwort ist Funktionalität. Ich erkläre es an einem Beispiel: In meiner Lehrprobe in der 6. Klasse im Fach Geschichte sollten die Schülerinnen und Schüler das ägyptische Totenritual beschreiben und verstehen. Ich stellte ein Blatt her, dass an unterschiedlichen Stellen Löcher hatte, so dass die verschiedenen Gruppen zunächst nur das sahen, was sie sehen sollten. Dies ließ sich didaktisch begründen, obwohl die Herstellung eine Arbeit war, die viel Zeit in Anspruch nahm. Aber: Es war funktional begründbar. Wenn ich stundenlang damit beschäftigt bin, etwas herzustellen, dass dann nicht oder nur eine Minute zum Einsatz kommt, ist das nicht begründbar und somit ein No-Go.

 

  1. Ständige Methodenwechsel

Hier mag der eine oder die andere stutzen: Ist es nicht eher andersherum? Klar, auch einen einstündigen Lehrervortrag zu halten, ist mit Sicherheit ein No Go. Aber dies ist allzu offensichtlich. Was nicht ganz so offensichtlich ist, ist der zu häufige Methodenwechsel. Und zwar entweder dann, wenn sich nicht erschließt, warum überhaupt ein Wechsel stattfindet. Und auch dann, wenn die Wechsel zu schnell aufeinander folgen und im schlimmsten Fall gar nicht eingeübt sind. Die Folge ist dann wie im Punkt der Überfrachtung eher Chaos.

Tipp: Abspecken und Einüben. Auch hier gilt, dass man auf die Funktionalität achten muss. Warum bietet sich eine Partnerarbeit, warum eine Gruppenarbeit gerade für diese Erarbeitung an? Warum sollten die Schüler im Raum herumgehen? Aber vor allem: Hier kann man richtig üben. Mittlerweile übe ich sogar in jedem Schuljahr mindestens 15 Minuten mit den jüngeren Schülern, wie man schnell in Gruppen geht. Oft mache ich ein Wettbewerb daraus. Denn diese Minuten lohnen sich. Wenn ich nur zur Gruppenarbeit bitte, schaffen es die Schüler in unter einer Minute. Und sind noch stolz auf sich. Dies gilt natürlich auch für andere Gruppenformen. Während der Inhalt einer Stunde niemals geübt werden sollte (tut es nicht, es geht ins Auge!), sollte jede Arbeits- oder Methodenform schon einmal eingeübt worden sein, bevor die Lehrprobe startet.

 

  1. Sachliche Fehler

Ein Punkt, der mich auch betrifft, da ich beim schnellen Denken gerne mal den einen oder anderen Fehler mache (hat schon jemand einen in diesem Artikel entdeckt?). Fachleiter reagieren unterschiedlich auf sachliche oder fachliche Fehler, je nachdem, wie schwerwiegend sie sind. Aber mir wurde in meiner Funktion als Mitglied des APR-Freiburg von einer Lehrprobe in einer Sprache berichtet, in der die Note 4 mit zwei Betonungsfehlern gerechtfertigt wurde. Das ist extrem. Aber trotzdem bleibt es dabei, das vorzubereiten, was man kann, um eben nicht in diese Falle zu laufen.

Tipp: Je vorbereiteter man ist, desto mehr kann man sich auf das Wichtige konzentrieren. Deshalb ist es hier so, dass die Performanz geübt werden sollte. Nicht nur schriftlich, sondern quasi als Rollenspiel. Egal in welchem Fach. Denn oft macht man die Fehler, die man später machen würde, auch dann schon. Und in der Vorbereitung kann man sie noch angehen.

 

  1. Unpersönliches Auftreten

Die sagenumwobene Lehrerpersönlichkeit ist das, von dem alle sprechen, von dem sie sagen, dass es das Wichtigste ist, aber keiner genau weiß, wie man es nun genau definieren soll. Egal, wie man sich selbst sieht, ob man eher jugendlich oder ernst, lustig oder seriös auftritt: Die Verbindung zu den Schülerinnen und Schülern ist das A und O – auch in der Lehrprobe. Denn zum einen werden sie bei einer guten Beziehung alles dafür tun, dass man gut aus der Sache rauskommt. Und zum anderen wird jedem guten Fachleiter schnell ersichtlich, welche Beziehung man zu den Schülerinnen und Schülern unterhält. Ein „Fachidiot“, der zwar ohne Fehl und Tadel ist, aber sein Programm ohne Rücksicht auf die Schüler runterspult, kann noch so fehlerfrei sein. Eine gute Bewertung wird er aller Voraussicht nach nicht erlangen.

Tipp: Schüler merken ziemlich schnell, ob man sie ernst nimmt, sie respektiert und Interesse an ihnen hat. Diese Offenheit kann man schlecht einüben. Man sollte nur darauf achten, um wen es eigentlich geht. Wenn man Schüler ernst nimmt, mit ihnen in Kontakt tritt und weiß, was sie beschäftigt, hat man schon ganz viel dazu gewonnen.

 

  1. Uneinsichtiges Reflexionsgespräch

 

Selbst wenn die Lehrprobe nicht perfekt war, kann sie noch sehr gut werden. Und zwar dann, wenn man seine eigenen Fehler oder Unzulänglichkeiten nachvollziehbar reflektiert und Alternativen aufzeigt (aber Achtung: nicht solche Alternativen, von denen sich dann jeder fragt, warum man nicht früher darauf gekommen ist). Sie kann aber auch schlechter werden, vor allem dann, wenn man keine Verantwortung für sein eigenes Handeln übernimmt, oder, ein absolutes No Go, die Klasse beschuldigt, für das Misslingen verantwortlich zu sein.

Tipp: Ins Referendariat zu gehen ist immer auch eine Reise ins eigene Ich, denn: Nur wer es schafft, sich als Persönlichkeit selbst genau wahrzunehmen, kann es auch schaffen, sich zu verbessern – nicht nur als Referendar, sondern auch später als Lehrer. Alle Möglichkeiten des Feedbacks sollten also ausgeschöpft werden. Und zwar nicht nur in einer vagen „Was war gut, was war schlecht?-Tour, sondern möglichst genau. Sucht euch die Kollegen, von denen ihr ein gutes Feedback erhaltet und vor allem: Fragt eure Schüler! Sie sind wahre Experten auf dem Gebiet.

Hat euch dieser Artikel was gebracht? Bleiben Fragen offen? Einfach in die Kommentare. Für weitere Informationen könnt ihr dem Autor auf Facebook oder Youtube folgen. 

Hier das neueste Video mit dem Thema „Referendariat“:

 

Anmerkung: Ich bin Gymnasiallehrer für die Fächer Englisch, Deutsch und Geschichte am Windeck-Gymnasium in Bühl. Dieser Blog besteht seit 2012 und verzeichnet jeden Monat etwa 10.000-20.000 Aufrufe. Obwohl ich sowohl in Online- als auch in Offline-Publikationen zum Thema digitale Medien und Referendariat publiziert habe, sollte bei Unklarheiten der Fachleiter kontaktiert werden. Obwohl auch zertifizierte Fachleiter und Mentoren positive Rückmeldungen zu dieser Seite und den Artikeln gaben, sind die Informationen ohne Gewähr.

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4 Kommentare zu No-Gos in der Lehrprobe

  1. Nele Abels sagt:

    „Aber mir wurde in meiner Funktion als Mitglied des APR-Freiburg von einer Lehrprobe in einer Sprache berichtet, in der die Note 4 mit zwei Betonungsfehlern gerechtfertigt wurde.“

    Das ist nicht extrem, das ist Bullshit.

    • Bob Blume sagt:

      Bezogen auf was? Die Begründung oder den Bericht? Das beruht auf der Erzählung eines damals guten Kollegen, der diese Note der Fachleiterin noch nicht einmal übel nahm. Er besprach nach der Prüfung diese Zensur und ihm wurde mitgeteilt, dass er Meyers 10 Punkte des guten Unterrichts nahezu perfekt umgesetzt hatte. Die Fehler in der Betonung waren jedoch bei Worten, bei denen es „nicht passieren dürfte“. Es ist ein Extremfall, der aber so passierte.

  2. Danke für diese Zusammenstellung. Ich habe für die von mir betreuten Referendar*innen eine Checkliste für die »Prüfungslektion« (= Lehrprobe) zusammengestellt: http://fd.phwa.ch/wordpress/wp-content/uploads/2015/05/Checkliste-Pru%CC%88fungslektion-2.0.pdf Sie ist etwas anders ausgerichtet, aber ich sehe vieles ähnlich (auch wenn die Prüfungsmodalitäten in der Schweiz etwas anders sein mögen).
    Für mich ist als Beurteilender wichtig, dass das Lernen der Schülerinnen und Schüler im Mittelpunkt steht, dass sie sich äußern können, ernst genommen werden, der Unterricht zu ihnen passt. Das ist – wenn ich das richtig verstehe – ja auch der Tenor deines Artikels.
    (sind bei der Nummerierung der Cartoons 7 und 8 vertauscht worden?)

    • Bob Blume sagt:

      Hallo Philippe. Danke für den Kommentar. Ich schaue mir deine Zusammenstellung einmal an. Ja, in der Tat ist das der Tenor. Danke für den Hinweis mit den Kommentaren. Das müssen wir mal ändern… Es wäre einmal sehr interessant, die beiden Prüfungssysteme im Vergleich zu sehen.

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