Auf Twitter erklärte ein geschätzter Lehramtsstudent, ob es normal sei, die Texte anzugeben, die in einer Unterrichtsreihe unterrichtet werden. Er kenne doch nicht einmal die Klasse. In dieser Frage ist die Kritik schon angelegt, die auf den ersten Blick verständlich erscheint. Ich denke jedoch, dass sowohl die konventionelle Lehrprobe als auch eine so spezifische Reihenplanung sinnvoll sind. Ein kurzer Kommentar. 

Lehrprobenkunststücke

Die Standardkritik an Lehrproben ist jene, dass etwas geprüft würde, was später nie wieder so sein werde. Es gibt sogar Videos, auf die ich hier nicht verlinke, in denen der Tipp tatsächlich ist, man solle Zirkus veranstalten. Das glaube ich nicht, oder nur unter bestimmten Bedingungen. Es sollte klar sein, dass eine Lehrprobe nicht dafür da ist, dass man beweist, wie schön man Metaplankarten ausschneiden kann. Dennoch finde ich die Herstellung von qualitativ hochwertigem Material nicht verkehrt. Zum einen hat es eine motivierende Wirkung, was jeder weiß, der in „besonderen Einheiten“ mal wieder an die Laminiermaschine gewandert ist. Schülerinnen und Schüler wertschätzen Engagement und Ästhetik – auch in diesem Bereich.

Viel wichtiger ist aber, dass sich – hinsichtlich der Materialien – der Aufwand funktional begründen lassen muss. Beispiel: Bei einer Lehrprobe in Geschichte, in der es um das Ägyptische Totengericht ging, schnitt ich Blätter so aus, dass bestimmte Schüler zunächst nur einen einzigen Ausschnitt des Totengerichts sahen. Ganz schön Arbeit, die ich, Hand aufs Herz, in normalen Stunden nicht durchführen würde. Ich sah in dieser Aufbereitung aber eine klare Funktion, die physische Isolierung des Gegenstands der Betrachtung und insofern der Mühe wert.

Diese Überlegungen habe ich auch im Hinblick auf Lehrproben. Solange der Unterricht funktional geplant ist, können Einzelteile auch viel Zeit in Anspruch nehmen. Ich sehe Lehrproben kritisch, finde aber die Begründung eines sehr guten Freundes einleuchtend. Es geht darum, dass man zeigt, was man zu leisten im Stande ist. Dass dies dann nicht in jeder weiteren Stunde so sein muss, ist genauso wenig ein Argument, wie zu fordern, Flugschüler*innen sollten keine Loopings  üben oder Gefahrensituationen testen, weil sie später doch sehr wahrscheinlich nicht in die Verlegenheit kommen. Drastischer Vergleich, ja, aber es geht eben nicht darum, Zirkus zu machen, sondern zu zeigen, dass man in der Lage ist, Unterricht funktional zu planen, dramaturgisch aufzubereiten, den Umständen entsprechend zu gliedern und in eine Reihe zu verankern.

Selbst wenn man danach den Unterricht komplett anders macht, agil sogar, oder in Projekten, ist das Wissen um einen so strukturierten Mikroaufbau enorm wichtig.

Unterrichtseinheit

Ist die einzelne Unterrichtsstunde die Mikroebene, ist die Einheit die Makroebene, die übergeordnete Ebene. Meines Erachtens ist der „Leistungsnachweis“ hier genauso, wenn nicht wichtiger. Denn die, meines Erachtens, schwierigste Form der Erstellung einer Einheit ist jene, die aus nichts eine progressive Einheit macht. Und es ist schwer, sich gegen Material, Musterlösungen oder von Verlagen erstellten Reihen zu positionieren. Das ist aber im späteren Verlauf wichtig, wenn es um einen sukzessiven Kompetenzaufbau geht.

Wer sagt zum Beispiel, ob in einer Einheit zur Kurzprosa erst Merkmale thematisiert werden sollten? Oder nur die Geschichten? Oder ob die Schüler*innen zuerst mit einzelnen Sätzen arbeiten sollten? Oder kreativ starten? Und so weiter.

Der Punkt ist: Sich darüber Gedanken zu machen, welche Texte auf der Makroebene nacheinander folgen, lässt einen sehr genau in die Materie einsteigen. Was ist mein übergeordnetes Thema? Passt „Nacht“ von Sibylle Berg in den Komplex „Kommunikation“? Ist es günstig, „Kompakt“ von Wohmann vor oder eher nach „Weidmanns Nachtgedanken“ zu positionieren?

Die Antworten auf diese Fragen lassen einen sehr genau mit der Progression von Unterricht befassen. Auch und gerade, wenn noch sprachliche Betrachtungen dazu kommen (Natürlich sollte der Konjunktiv beherrscht werden, wenn eine Kurzgeschichte diesen nutzt, um die Möglichkeiten einer Figur auszuloten. Oder nicht? Sollte über die Kurzgeschichte das sprachliche Thema erst eingeleitet werden?).

Dass es keine einheitliche Antwort auf die Frage nach einer „richtigen“ Reihe gibt, ist klar. Aber darum geht es auch den Fachleiter*innen nicht. Es geht um eine begründbare Progression, eben auf der Makroebene.

Insofern ist der Einwand, die Klasse nicht zu kennen, zwar wichtig. Dieser bedeutet aber nicht, dass es unmöglich ist eine Reihe zu planen, die inhaltlich aufeinander aufbaut. Denn die Mikroplanung, also das Wie des Unterrichts, kann dann immer noch an die Gegebenheiten und jungen Menschen angepasst werden.

Fazit

Die Erstellung einer möglichst perfekten Lehrprobe zwingt einen all das, was man in der Ausbildung lernt, möglichst präzise anzuwenden. Die Erstellung einer Reihe, die wohl bedacht aufeinander aufbaut, erzwingt die Recherche, Systematisierung und Durchdringung nicht nur der Einzeltexte (oder Themen), sondern deren Bezug. Beides, aber vor allem zweiteres, ist für den späteren Unterricht auch dann relevant, wenn man „zeitgemäße“, offenere Formen von Unterricht bevorzugt. Insofern ist es klar, dass man von der Arbeit, die das bedeutet, geschockt sein kann. Sie als massive Vorbereitung auf den späteren Job zu sehen, hilft aber vielleicht, diesen schweren Weg zu gehen.

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