LITERATUR: Menschen

Bevor das freundliche Wesen den Blick von meinem Gesicht abwandte, als wolle es mit aller Kraft von mir lassen, um alles, was es gesehen hatte, vergessen zu können, war es, als würde eine dicke Träne aus den pechschwarzen Augen über die nässliche Haut rollen.

Es lief zum sich ächzend öffnenden Eingang des rostfarbenen Frachters und drehte sich nicht mehr um. Ich stand da.

Zuvor war das Unglaubliche passiert. Im Dunklen war ich noch um den Block gegangen, um einem Streit zu entkommen. Über Nichtigkeiten. Die Fenster der Häuser starrten viel zu hell in die Nacht, als dass man die Geborgenheit hätte vermuten können, die die Familien, die eng beieinandersaßen, einen Tee tranken, von ihrem Tag erzählten und zusammen lachten, miteinander erlebten. Im Park angekommen waren fast keine Lichter mehr zu sehen. Man hörte nichts, nur eben jenes Knarren und Knarzen, das aus der Nähe der Lichtung kam, die am Tage die Picknicker anzog. Dann ein heller Schein, zu hell, um zur Nacht und den Menschen zu gehören. Und dann nur die schauenden Augen, keine Form.

Erst munkelnde Geräusche, dann ein leises Wispern. Und wieder die Augen – wie flehend. Als würden sie eine Frage formulieren, die beantwortet werden müsste. Diese Augen waren nicht von hier.

Starr vor Angst konnte ich mich nicht bewegen, aber die beiden schwarzen Punkte wurden größer, als sie mich als ein Geschöpf unserer Welt erkannten. Das Wesen schien eine Antwort zu suchen. Aber auf welche Frage?

Es besah mich, schaute und machte zuckende Bewegungen auf und ab, als würde es auf einem Gummiball sitzen. Aber es war kein Körper zu erkennen. Etwas kam auf mich zu und ich machte mich bereit zu sterben.

Aber es war nur ein Finger, der wie ein Windhauch an meine Brust tippte, sich zuckend zurückzog, nur um dann auf den eigenen Körper zu zeigen. Dann auf die Umgebung, weiter wie suchend, die Augen weit aufgerissen.

„Erde“, sagte ich. „Planet Erde.“

Das Wesen zog seine Augen zusammen, schien nicht zu verstehen. Ich machte eine ausladende Bewegung und wiederholte. „Erde“, dieses Mal fast tanzend, tippelte mit den Füßen auf dem Boden und zeigte um mich.

Aber das Wesen schien ängstlich zurückzuweichen. Ich hatte Angst, dass es gehen würde, ohne zu verstehen, streckte meine Hand aus und sagte ruhig: „Warte.“

Dann setzte ich mich, ganz ruhig und sachte, auf den Boden. Ich wartete ab und tatsächlich, die großen Augen kamen näher. Ich zog meine Briefbörse heraus und holte ein Bild meiner Tochter, die auf dem Schoße meiner Frau saß. Ich bemerkte das Wesen gar nicht mehr. Ich besah das Bild, streichelte meiner Tochter erst über die eine, dann über die andere rötliche Wange. Sah ihre Augen, wie sie mich anschauten, als wolle sie auf den Arm. Sah ihre wenigen, luftigen Haare. Ihre kleinen Hände. Schaute auf meine Frau und ihre eindringlichen Augen, ihren freundlichen Mund, ihre weichen Wangen und ihre struppigen Haare. Streichelte über das Bild, als wären sie gerade da.

Dann drehte ich das Bild um. Die schwarzen Augen kamen ganz nah, so nah, dass ich meinte, eine ganze Welt dort zu erblicken, wo eigentliche die Pupille sein müsste.

„Liebe!“, sagte ich. „Liebe.“

Es war, als würde ein Windhauch das Bild wieder zu mir zurückwehen. Erst jetzt bemerkte ich das Krächzen, das von der Lichtung kam. Die Finger des Wesens kamen noch einmal in meine Richtung. Ich strecke meine Hand aus. Zu einer Berührung kam es nicht.

Dann kam ein Wind auf und Motoren waren zu hören. Langsam und sachte erhob sich die Maschine in den Himmel.

Ich habe diese Augen nie wiedergesehen. Aber ich war dankbar. Dankbar dafür, dass sie mich daran erinnert hatten, dass ich ein Mensch bin. Dass wir Menschen sind.

 

Dieser Text nimmt Bezug auf den Wettbewerb mit Katja Scholtz, Autorin von »Mein Buch«, und dem Self-Publishing-Verlag TWENTYSIX. 

Die gestellte Schreibaufgabe ist: Erkläre einem Alien, was Liebe ist. 

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LITERATUR: Abenteuerland

Die Drohung bahnte sich an, bevor sie mich in einem verschlang. Es hatte lange gedauert. Zwischen den Ritzen des Dickichts hatte das Monstrum gewartet und dann, in einem Moment des Innehaltens, zugeschlagen.

Es begann als Reise aus Neugierde. Die Wellenlinien versprachen ein Meer. Die Gedanken vor mir auf dem Tisch – ein Traum in Schichten von Blau. Ab und zu ein Schwarz, das dahin über den Tisch huschte. Ab und zu ein Ton, dann ein Gefühl von Leichtigkeit – huschend über die Stirn. Eine federleichte Odyssee durch die Gehirne einer Generation.

Lesend, in eine freudige Besorgtheit verflechtet, aber mit offenem Gemüt und Gewehr bei Fuß, rammte ich mein Wissen in die unheilvollen Worte, die als Spiegelbild meines geschundenen Selbst die Nicht-Erfahrung als Wert propagierten.

Aber auch Lichtschweife.

Ich drohte innerlich an, mahnte, stellte mich auf den Podest der abgetragenen Ruine und rief die schreibende Revolution aus. Sodann ein Gedanke, den festzuhalten ich für immer ich schwor, bevor die sanfte, in die Tiefe gehende Struktur vom Holpern des Satzbaus in eine Rinne von Tränen mündete.

Entschlossen, aber trostlos, müde und larmoyant.

Inzwischen der Herbst des Schreibens als Abgesang auf die Jahreszeiten der Wortkultur. Ich, schlendernd. Blätter aufhebend und meine mahnenden Worte in ihnen erkennend, aber als Ganzes nur noch im braunen Abglanz des abschätzigen Kopfnickens. Schon die Winterstimmung zwischen fehlenden Kommata erschauend. Suchend nach einem Partizip als Anker für die Tonlage der ins Nichts schwindenden Gedanken. Ein weiterer Stapel fällt zu Boden und reißt mehr Luft mit als Atem ausgeatmet wird durch das Dickicht des sich wiederholenden Schreis nach dem Ende des Sitzens.

Die Drohung hatte sich angebahnt. Es hatte nicht so lange gedauert, das weiß ich nun, da ich hier sitze und schreibe. Das Monstrum ist tot. Ich habe es getötet. Mit einem roten Stift. Ich stehe zwischen Ruinen und rufe in die Leere. Keiner steht hier. Keiner hört mich, weil jeder weiß, dass das nächste Monstrum nur auf einen wartet: auf mich. Und auf einen Moment des Innehaltens.

Es muss Neugierde gesammelt werden. Neugierde auf das dichte Netz der schauervollen Ahnungslosigkeit und der lichten Augenblicke honiglicher Begierde. Zwischen den Zeilen lese ich weiß. Welch ein Abenteuerland!

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LITERATUR: Herr K. geht in die Stadt  

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Stellen wir uns einen Ort vor, an dem viele Menschen vorbeigehen. Vielleicht den Anfang einer Einkaufsstraße. Wenn man den ersten Schritt über die roten Pflastersteine macht, sieht man auf der rechten Seite einen Bäcker. Daneben einen Tchibo-Kaffeeladen und vielleicht ein Geschäft für Frauenmode. Auf der rechten Seite ist ein Laden für den modischen Jugendlichen. Daneben ein Friseur.

Nehmen wir weiter an, dass ein Herr K., der ungerne Brecht liest und nicht weiß, dass er als Weiterführung einer literarischen Figur missbraucht wird, diese Läden zwangsläufig passieren muss, weil er als Fotograf in einem Laden etwas weiter wohnt. Er hat also ein örtliches Abonnement. Er könnte auch von der anderen Seite kommen, aber das will Herr K. nicht. Herr K. ist über 50, männlich, weiß, hat Bluthochdruck, Glutenintoleranz und eine Weizenallergie. Und eine Glatze.

Herr K. ist außerdem stadtbekannt. Manche sagen, er terrorisiere die Menschen hier. Dabei will er nur seine Meinung sagen.

Er geht also jeden Morgen eine halbe Stunde früher los.

Er geht in die Bäckerei. Noch ist sein Gesicht nicht rot.

Er wartet, bis er drankommt. Dann ruft er: „Ich habe Allergie! Und Sie verkaufen hier Brot, nichts als Brot. Wissen Sie, was mit mir passiert, wenn ich das esse? Schämen sollten Sie sich.“

Er geht weiter und in den Tchibo-Laden. Wartet. Erhebt seine Stimme: „Ich habe Bluthochdruck! Und Sie verkaufen hier Kaffee, nichts als Kaffee. Wissen Sie, was mit mir passieren würde, wenn ich das trinke? Wollen Sie meinen Tod? Sie sind mitschuldig!“

Wenn er herauskommt, atmet er schon stärker.

Er geht in den Laden für Frauenmode.

Er wartet.

Er schreit: „Glauben Sie, dass ich das nicht merke. Früher mag hier ein Männerladen gewesen sein. Heute nur noch der Tand für das schwache Geschlecht. Unsereiner will auch leben! Sie werden es schon noch merken, was passieren kann.“

Er schäumt vor Wut, geht in den Laden für Jugendliche.

Wartet nicht.

Schubst eine Kundin um.

„Damals hatten wir das nicht! Nichts! Und nun, da ich alt genug bin, da ich so alt bin, gibt es die Sachen, die nur für Junge sind. Wir töteten und wurden getötet und Sie verkaufen hier diese Dinge?“

Er hat einen roten Kopf, er schnaubt, die Spucke läuft an den Rändern seines feuchten Mundes entlang.

Als letztes geht er in den Friseurladen. Er schnaubt, heult, schlägt seine Faust in die Hand. Er brüllt: „Was glauben Sie, wer Sie sind? Schauen Sie an, was dort oben bei mir ist? Keine Haare! Glauben Sie, deshalb bin ich ein Mensch zweiter Klasse?“

Der Friseur kann nicht mehr antworten. Herr K. ist hinausgestürmt.

Er geht langsam zu seinem Laden. Er hat einen wichtigen Gedanken. Es kann ja nicht nur ihm so gehen. Er bräuchte mehr Leute, über 50, männlich, weiß, mit Bluthochdruck, Glutenintoleranz und Weizenallergie. Und mit Glatze. Er würde sie mitnehmen und irgendwann gäbe es hier keine Ladengeschäfte mehr, die ihn gezielt abhielten ein Mensch zu sein.

Dann geht er in seinen Laden. Ein kleines Kind kommt herein. Er macht Passbilder. Lächelt.

Herr K. gibt es natürlich nicht in Wirklichkeit.

Sondern nur in Kommentarspalten.

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LITERATUR: Ode an die Inkarnation des Teufels

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Du! Langatmiger, der du im Ausatmen die ewigen Töne

In meine Richtung pfeifst und mich an den Rand

Des nervlichen Zusammenbruchs führst

 

Du! Hydragestalt, der du nachwächst in Schlangenlinien

Die in zischender Freundlichkeit von Erlösung faseln

Bis der Tränenüberfluss heiß von meinen Wangen rinnt.

 

Du! Du überzeitliches Wesen, mal nah, mal fern

In melodiöser Vielgesprächigkeit in meine Ohren

Die blutenden, die Schönheit nur erahnen können

 

Du! Lebenssaftentzieher! Scharfrichter der Ratio!

Kratzend an meiner dünnen Haut

Du nervenzerfetzendes Ungeheuer!

 

Du lässt mich niemals los.

Du, meine Mobilfunkunternehmenshotline

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LITERATUR: Eine Nacht

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„Werden wir diesen Abend jemals vergessen?“, fragte sie wie in die Nacht hinein, deren tiefes Schwarz nur vom dunklen Grün des über ihnen thronenden Baumes unterbrochen wurde. Er wartete eine Weile zu lange, bevor er die Antwort gab, die nicht nötig gewesen wäre. „Jemals“, dozierte er, „ist ein großes Wort. Keiner kann…“ Er sprach nicht mehr weiter; er wollte die Stimmung nicht zerstören, nicht jetzt.

„Weißt du“, sagte sie nun in seine Richtung, „manchmal ist es besser, wenn man nicht so viel zu wissen glaubt. Erfahrungen behindern die Hoffnung auf Überraschungen.“ Er nickte unmerklich und strich mit seinen Händen über das dicke Gras. Nach diesem Tag voller unverständlichen Wisperns über das, was der eine und die andere über Liebe dachte, dicken Schweißtropfen auf dem Weg zur Lichtung, einem ausgedehnten Picknick mit Früchten und geschmierten Broten auf einer zu kleinen Decke – nach diesem Tag war der Abend nicht als Ende geplant worden. „Jemals“ wiederholte sie, dieses Mal weder in die Nacht noch zu ihm. Er versuchte, seine Hand über ihre zu streichen, zog aber im letzten Moment zurück. Eine Unsicherheit hatte Besitz von ihm ergriffen, obwohl er selbst wusste, dass es nur die Kälte war, die langsam unter ihre Kleidung kroch.

„Wir können nochmal hier her kommen“, sagte er, als wolle er sich selbst beschwichtigen.

„Nein“, sagte sie und lächelte.

Viele Jahre später ging er den Weg zur Lichtung; nichts kam ihm bekannt vor und er fühlte sich unsicher. Kam zum Baum. Setzte sich. Versuchte irgendein Gefühl heraufzubeschwören. Es war weg. Nur eine Traurigkeit blieb wie an einen verstorbenen Bekannten. „Jemals“, hauchte er in die Luft und kam sich lächerlich vor.

Irgendwo anders lachte eine Frau ein lautes, unbeschwertes Lachen. Sie dachte nie wieder an diese eine Nacht unter dem Baum. Sie hatte ihn vergessen.

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PERSÖNLICH: Warum ausgerechnet Schalke?

Ge Schalke

Schon lange wollte ich darüber schreiben, was einen Menschen veranlasst, sich sportlich einem chronischen Sadismus hinzugeben. Und das ausgerechnet im Süden dieser Republik, wo Schalke-Fans allenfalls dann angetroffen werden, wenn sie mit ein paar Hopfen-Smoothies durch den Schwarzwald wandern, weil „et da so nett is“. Ob Zufall oder Tradition, einen Verein wie Schalke sucht man sich eigentlich nur aus, wenn man nicht alle Latten am Zaun hat. Und das ist auch gut so.

Im Gedächtnis von Restdeutschland kommt man, wenn man sagt, dass man aus dem Ruhrgebiet kommt, quasi gerade frisch aus der Grube. Man hat noch die Kohle im Gesicht und braucht einen Trockner, damit die frisch aufgehängte Wäsche nicht auf dem Balkon einschwärzt. Lachen Sie nicht, das war schon so, nur ist es ein paar Jährchen her. Die Menschen sind, nett gesagt, eigen. Aber wenn dich der Busfahrer anschreit, weil du ihn mit Fragen nach dem Weg nervst, anstatt auf den Plan zu schauen, hat er ja auch irgendwie Recht. Und wenn einer mal was Nettes sagt, dann meint er es auch so. Immer.

Ortszeichen Hagen-Haspe

Ortszeichen Hagen-Haspe

Und genau da, irgendwo zwischen Bochum und Hagen stehe ich mit einem anderen kleinen Dötzken direkt am in meiner Erinnerung riesigen Eingang des Kindergartens. Es ist Herbst, aber wir waren gerade draußen, haben Fangen gespielt und sind klitschnass. Ich habe jetzt schon ein wenig Schiss, dass Frau Kirsten wieder einen Anfall kriegt bei dem die Augen zur Seite zucken. Wir laufen die drei, vier Treppen zu der Tür, da fällt mir noch eine wichtige Frage ein, die ich unbedingt geklärt haben möchte, bevor uns die Kindergärtnerinnen wieder zu irgendwelchen Beschäftigungen zwingen (außer natürlich Frau Milz, die ich heiraten will und bei deren Namen ich immer an Zimt denken muss, den ich liebe).  Ich schaue Benny an.

„Was für ein Fan bist du eigentlich?“

„Schalke 04, und du?“

„Ich auch.“

Das war’s. Kein Mythos wie der von Schalke 04, sondern eine schnelle, kindliche Reaktion, sich aus einer schwierigen Situation zu entwinden. Was hätte ich auch sagen können? Weiß ich nicht? Das wäre nicht gegangen, außerdem waren wir kurz auf dem Weg zur Schule. Ob das alles genau so verlaufen ist, ist nicht 100%ig gesichert. Mein Opa, den man im Pott Oppa ausspricht war jedenfalls auch Schalke-Fan, hatte in seinem Erziehungsauftrag aber insofern versagt, als dass meine Onkel alle Anhänger dieses komischen Vereins in Lüdenscheid-Nord sind. Sie wissen schon, die anderen. Genug davon. Von Benny konnte ich lernen.

Benny war in meiner Klasse und hatte auch eine Alliteration als Namen, bei der man nicht ernst bleiben konnte. Sein Vater hatte in aus einer Laune heraus und mit dem Wissen, dass mit dem FC Schalke 04 in den 90ern nun wirklich nichts zu holen war, versprochen, dass, wenn die Königsblauen einmal international spielen werden, er mit seinem Sohn solange zu den Spielen gehen werden, bis sie rausfliegen würden. Ich schätze, dass der Papa damals dachte, dass dies schnell so sein würde. Der Ausgang der Geschichte ist für jeden Schalker bekannt. 1997, Elfmeterschießen, Wilmots, linke, untere Ecke. Uefa-Cup-Sieger.  Die Spieler wurden zu Legenden, der Trainer zum Jahrhunderttrainer.

Auch wenn sich im Internet, dass in den 90ern natürlich noch nicht so ausgeprägt war, nicht mehr die Geschichte über Benny findet, bin ich mir sicher, dass Jahre später in der Westfälischen Rundschau ein Feature über diesen komischen Kauz herauskam, der über mehrere Jahre kein Spiel von Schalke verpasste. Keins. Er folgte Schalke in den Urlaub in die Türkei, nach Dubai – ja, ich würde mich nicht wundern, wenn er auch in China dieses Jahr dabei gewesen wäre. Eben nicht mehr alle Latten am Zaun. Wunderbar.

Jahre davor war es mir ernst mit Schalke. Ich sammelte während der Sportschau (denn live spielten sie ja so gut wie nicht), Ecken, Flanken, Torschüsse mit meinem damaligen besten Freund. Die Freundschaft sollte mit 12, also 1994 auf die bis dahin härteste Probe gestellt werden, als der feine Herr ein Training vom Erzrivalen besuchte und sich danach entschloss, die Vereine zu wechseln. Aber davor waren wir blau-weiße Seelen. Wir rechneten aus, ob es noch auf den 13. Platz reichen würde, oder ob es doch wieder nur nahe am Tabellenkeller sein sollte. Meine Onkel, man kann es sich vorstellen, zelebrierten damals den Spruch: Willst du Schalke oben sehen, musst du die Tabelle drehen. Schlimm.

Tabellenplatzierung des FC Schalke 1964-2011

Tabellenplatzierung des FC Schalke 1964-2011

 

Ich erlebte die Herrschaft von „Sonnenkönig“ Günter Eichberg Anfang der 90er, die Jahre in der 2. Liga und den Sprung zurück in die Bundesliga. Es war immer was los. Vor allem aber werde ich nie mein erstes Spiel vergessen, auf das viele weitere im ehrwürdigen Parkstadion in Gelsenkirchen-Buer folgen sollten.

Zusammen mit meinem Vater ging es „auf Schalke“, wie man bei uns sagt. Das Spiel ging 2:0 aus, wir jubelten. Aber das, was am meisten in Erinnerung blieb, war die angespannte Stille, die durch eine Trompete, die kaum zu hören war, durchbrochen wurde und ein markerschütterndes „ATTACKE!“ aus 60.000 Kehlen. Wie ich zusammenzuckte, dachte, ein Meteorit habe eingeschlagen, panisch durch die Gegend schaute und merkte, dass dies genauso ein Ritual war, wie die vielen anderen Gesangseinlagen der Schalke-Fans. Spätestens da hatte mich der Verein.

Was danach kam, waren verschiedenste Erlebnisse, die ich nur noch punktuell zusammenreimen kann. Das lange Yves, das bei dem später leicht intellektuellen Eigenrauch, einem Fußball-Arbeiter, durch das Stadion kroch und für Gänsehaut sorgte. Ingo Anderbrügges linker Fuß, der einen Ball so wuchtig gegen die Hände des Torhüters schoss, dass der Ball samt Händen ins Tor ging. Oder beim 3:3 gegen Mönchengladbach, als der Ball, nachdem er gegen die Latte gezimmert wurde fast bis zur Mittellinie zurücksprang. Oder als es 0:1 stand und mein Vater in der 86. Minute gegen die Bayern sagte, wir sollten losgehen, damit wir schneller heraus kommen könnten und ich sagte, wir bleiben und dann Youri Mulder das 1:1 schoss. Oder die Schlägereien mit dem Erzfeind auf dem großen Feld vorm Parkstadion. Massenschlägereien. Ich hatte Angst, aber es war aufregender als alles, was ich kannte. All die Skandale. Das Siegt gegen Bayern durch Kopfball Andreas Müller 1996. Olaf Thon sorgt dafür, dass Schalke wieder einen Nationalspieler hat. Das Tor von Torhüter Lehmann in der verbotenen Stadt.

Irgendwann im Mai stehe ich am Beckenrand eines Schwimmbades. Ich leite Jugendgruppen und mache mein Rettungsschwimmerabzeichen. Mein bekloppter Freund, der wie ich die Gruppe leitet, hat mir einen Tag vorher Bescheid gesagt und gemeint, dass das nicht so schwer ist. Die Leute, die auch da sind, sagen, sie haben wochenlang geübt. Toll! Irgendwie schaffe ich es aber, mit weißen Anziehsachen meine Runden zu drehen und jemanden zu „retten“ (auch wenn ich das Gefühl habe, beinahe selbst drauf zu gehen). Nur noch tauchen muss ich. Das Radio ist ein wenig an und was ich höre, kann ich nicht glauben. Schalke ist kurz davor, Meister zu werden. Es ist der 19. Mai 2001. Ich renne zum Bademeister, RADIO LAUTER!, es sind ja nur ein paar Personen da. Abpfiff. Schalke ist Meister. Ich hüpfe, renne, schreie – die Leute müssen denken, ich habe den Knall nicht gehört. Habe ich auch nicht. Denn das nächste, was ich höre ist, dass es noch einen Freistoß gibt in Hamburg, wo Bayern spielt. Und dann höre ich den Reporter schreien, kapiere nichts, alles ein Missverständnis. Bayern macht das Tor, aus, Schluss, vorbei. Ich bekomme mein Abzeichen und bin traurig bis auf die Knochen. Die nicht gewonnene Meisterschaft, auf der aufbauend so viele böse Gehässigkeiten anderer Bundesligisten beruhen, ist ein Brandmal auf der Schalker Seele, aber es bedeutet auch etwas anderes: Wenn Schalke jemals Meister werden sollte. Wenn, ja wenn. Dann wird das die größte Feier, die Deutschland je gesehen hat. Entschuldigung, da kenne ich nichts. Und der Trainer, der dies schafft, wird mit einer Statue geehrt werden. Das ist keine Metapher.

Nebenbei gesagt, hat mir mein ehemaliger Chef in einem schwachen Moment zugesagt, mit mir auf die Feier nach Gelsenkirchen zu gehen. Ich werde dieses Versprechen einzulösen wissen.

Ich bin lange, lange nicht zu so vielen Spielen gegangen wie der legendäre Benny Hagen, dessen Banner jedes Mal in der Arena sowie bei Spielen der Nationalmannschaft hängt (Nebenbei: Als ich das große schwarz-weiße Banner mit der Aufschrift „Wir trauern um Benny!“ las, dachte ich, er sei verstorben. Hektisch telefonierte ich herum, bis sich herausstellte, dass es „nur“ um das Banner selbst ging, das von verfeindeten Fans gestohlen wurde). Aber ich bin Fan, im Guten wie im Schlechten.

Ich fiebere jedem Spiel hin und habe beschissene Laune, wenn Schalke verliert. Mehr noch: Ich genieße kein einziges Spiel. Ich habe eher die Schalke-Krankheit, erkläre, warum dieser und jener Gegner ganz besonders schwer ist, warum wir dieses Mal nicht gewinnen oder warum ich ein mieses Gefühl habe. Ich schwitze, zittere, wenn sie spielen. Ich kann nichts machen. Wenn Schalke ein Tor schießt, dann schreie ich nicht, ich brülle (das bekam ein ehemaliger Kollege am eigenen Leibe zu spüren. Er sagte über sich, er sei Fan, aber nachdem er mit mir ein Spiel gesehen hatte, war er merkwürdig still. Er kam nicht mehr vorbei). In den Freiburger Kneipen war ich der einzige, der das tat. Die Blicke auf mir, ich, schreiend, was soll’s! Schalke! Meine komplette Nachbarschaft wird nach dem Sieg gegen Porto gedacht haben, dass sie mich abholen müssen.

Heutzutage sauge ich die Nachrichten auf wie ein blau-weißer Staubsauger. Ich weiß alles, alles, was wahr ist und alles was falsch ist (zumindest glaube ich das). Und ich habe einmal mehr eine Schalker Krankheit: Die Hoffnung, dass alles anders wird. Aber gepaart mit dem Schalker Pessimismus kommt dabei immer etwas Undefinierbares heraus.

Vielleicht ist Schalke die Erinnerung an den Herbsttag. Mich schüttelt es bei dem Gedanken, mir vorzustellen, dass Benny einen anderen Namen und ich trotzdem „ich auch“ gesagt hätte.

Vielleicht ist Schalke aber auch all das, was mich an meine Heimat erinnert. Die Leidenschaft, die derbe Ausdrucksweise, die Menschen, die zwar vielleicht nicht alle viel haben, aber eines sicher wissen: Einmal Schalke, immer Schalke!

 

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DISKUSSION: Internetdiskussionen: Ein Lehrstück

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Diskutieren und Argumentieren sind schwierige Angelegenheiten. Nicht, weil sich nicht genügend Belege oder Beweise für die eigene Meinung finden lassen würden, sondern weil eine echte Diskussion auch immer bedeutet, dass man sein Gegenüber ernst nimmt, zuhört und die Aussagen einbezieht. Das ist schwierig, sowohl bei der Argumentation in der Schule, als auch und umso mehr „in freier Natur“, da sich dort die vermeintlichen Experten nur so tummeln. Eine heutige Diskussion möchte ich als kleine Lehrstück nehmen, um zu zeigen wo und wie Diskussionen aus dem Ruder laufen und was eigentlich schief gegangen ist. Dabei ist deutlich zu sehen, dass das, was der Schriftsteller Ortheil über deutsche Meinungen sagt, zutrifft: Sie würden oftmals einfach nur abgestellt, ohne dass man auf den anderen einginge.
Die Diskussion beginnt, wie immer, mit einem „harmlosen“ Tweet:


Obwohl man vermuten würde, dass dies allein nichts Schlimmes wäre, geht es hier los. Aber kümmern wir uns nicht um die wütenden Antworten. Zunächst sehen wir: Da ist ein Kind, das sich Lehrer wünscht, nicht nur Computer.
Jetzt kommen wir zum Kandidaten:

 

Bis dahin ist noch alles verständlich. Da ist also jemand, der ein neues Thema beginnt (das sagt er nicht explizit, tut es aber, indem er über „die Digitalisierung“ schreibt, also einen außerordentlich großen Themenkomplex, in dem es um deutlich mehr geht als um Lehrer und Computer. Soweit lässt sich die These auch bestimmen: Viele Verfechter der (wie auch immer gearteten) Digitalisierung sind „betriebsblind“ geworden. So weit könnte man dem zustimmen, dann folgt aber ein Beleg, der es in sich hat:

Nun muss man wissen, dass der erwähnte Herr für die meisten Leuten, die sich mit der Digitalisierung befassen ein rotes Tuch ist. So auch für mich. Deshalb folgt die Antwort:

Es sollte dem Gegenüber klar sein, dass ich durch mein kommunikatives Verhalten (also das Favorisieren der ersten Tweets und den direkten Bezug ausschließlich auf die beiden letzten) nicht generell ablehnend reagiere, sondern nur auf den letztgenannten „Beweis“. Das wäre in dieser Form auch in einer Texterörterung möglich. Man erkennt ein Argument an, lehnt aber Teile davon aus bestimmten Gründen ab. Was nun folgt ist im Prinzip schon der Abbruch einer gelungenen Kommunikationssituation.

Diese Form der Nicht-Argumentation zieht sich durch das gesamte Internet und ist einer der Gründe, warum das Miteinander-Reden so schwer ist. Das Gegenüber gibt dem Gesprächspartner zu verstehen, dass es an dessen Intelligenz zweifelt. Meine Reaktion ist dementsprechend:

Das hätte ich natürlich kunstvoll machen können. Aber wie schon gesagt, darum geht es nicht mehr. Anstatt darüber zu reden, was eigentlich das Thema war, nämlich die durch einen umstrittenen Autoren angeblich bewiesene These, dass die Digitalisierung große Nachteile hat – was man diskutieren könnte -, sind wir nun auf der Ebene des Persönlichen. Durch meine Reaktion folgt demnach prompt ein weiterer Angriff:

Auch dies ist sehr typisch. Zuerst wurde die Intelligenz in Frage gestellt, nun die Fähigkeit des „richtigen“ Diskutierens. Die Frage, was angemessen gewesen wäre, erübrigt sich. Denn, wie gesagt, es geht nicht mehr um Inhalt. Dementsprechend meine Reaktion:

Also: Anstatt in die Spirale zu geraten, gebe ich dem anderen Recht: Ich bin, sagen wir, sensibel. Und offeriere eine weitere Gelegenheit, über das Thema zu reden. Jedoch sollte nun jedem klar sein, dass es nun nicht mehr darum geht. Nach einem Versuch durch den Hinweis auf einen längeren Text die Diskussion auf das Thema zurückzulenken, geht es weiter in die Beleidigung:

Wie man oben sieht, habe ich mittlerweile selbst keine Lust mehr, weshalb, bestätigt sich hier. Aus den ersten beiden Angriffen es fehle a) die Intelligenz und b) die angebrachte Kommunikationshaltung, wird nun ein pauschaler Angriff der Fähigkeit des Gegenübers.

Das, was die hier nur in Teilen angegebene Diskussion zeigt, ist ein Lehrstück dessen, wie „Diskussionen“ im Internet funktionieren. Anstelle eines Austausches über Inhalte wird dem Gegenüber die Fähigkeit abgesprochen, überhaupt diskutieren zu können. Dabei hat das Ganze eher wenig mit guter Argumentation zu tun:

Letztlich hat eine gelingende Kommunikationssituation, von der die Argumentation eine besonders schwierige Sorte ist, weil man per definitionem verschiedene Ansichten hat, immer mit Respekt zu tun und mit dem Willen, auch die eigene Ansicht zumindest andeutungsweise zu hinterfragen. Ist das nicht der Fall, geht es irgendwann nicht mehr darum, welche Argumente ausgetauscht werden, sondern wer mehr oder weniger in der Lage ist, dem Gegenüber die Kompetenzen abzusprechen. Aber wenn selbst jemand, der nach eigenen Angaben 16 Jahre Erfahrung mit digitaler Arbeit hat und zudem lange in politischen Parteien unterwegs war, wie gezeigt, schon nach wenigen Worten das Thema verlässt, zeigt das den aktuellen Zustand des Diskurses.

P.S. Da ich es wichtig finde, auch andere an diesem Blog partizipieren zu lassen, möchte ich einem Ehrentroll den Platz bieten, den er sich verdient hat. Bitte sehr!

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LITERATUR: #diegutendinge

Es muss nicht immer alles schlecht sein, oder?

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POLITIK: Pestbeulenapologie

Zombie_Walk_Essen_2014_20141031_0005_1280pxIch wünsche euch einen schlechten Tag,

ich bin die seelenlose Verrohung der deutschen Kommentarkultur, der durch den After ausgepresste, stinkende Pudelskern, die vor Wut aufgeplatzte Halsschlagader des Fliesentischapologeten, ich bin der Kot auf der Königsallee, die moralische Nachgeburt des unverständlichen Rechtsverdrehers. Ich hasse Menschen. Alle.

Wenn ich zu Fleisch werde, stelle ich mich vor die Schlange, in der du wartest, zerkratze dein Auto, fordere Tempolimits auf deutschen Autobahnen – nur in deinem Kopf.

Ich bin das Kratzen in deinem Hals, wenn du siehst, wie die Menschen, die du nicht kennst, etwas wegnehmen, das du nie haben wolltest. Ich bin die triefende Spucke, die hasserfüllt auf dem Bürgersteig vor den Fremden landet.

Ich bin ein rhetorisches Genie.

Ich ergieße meinen heißen Schleim in jede Zeile und Pore des winselnden Mediums und warte zu Hause, ganz leise und heiß atmend darauf, dass irgendjemand anbeißt. Und dann schmeiße ich mich mit meinem durch fehlende Einsicht und verfaultes Mitgefühl aufgeblähten Bauch auf jedes bisschen erbärmlicher Menschlichkeit, die sich noch regt. Ich hasse Menschen. Erwähnte ich das schon?

Und dann, wenn die bösen Guten, die Welt-Versteher und Gutwichtel, die moralisch-perfekten Puppen, die ich so hasse, weil sie mich vor 30-100 Jahren nicht mitspielen ließen, wenn diese schweigende Masse plumper Intellektueller ausholt, werde ich zur Schlange. Du kannst nicht gewinnen.

Weist du auf die Menschlichkeit, spreche ich von Geld.

Sprichst du von Geld, hast du verloren.

Sprichst du von Menschen, spreche ich von Marionetten.

Sprichst du von Marionetten, hast du verloren.

Sprichst du von Einsicht, spreche ich von Hass.

Sprichst du von Hass, hast du verloren.

Sprichst du vom Guten, hast du verloren.

Sprichst du von dir, von mir, von den anderen, hast du verloren. Sprichst du davon, dass ich ein wenig Recht habe, hast du verloren. Sprichst du nicht mehr mit mir, hast du verloren. Verstehst du?

Ich suche nur das, was ich finden kann. Und wenn ich nicht finde, was ich suche, dann suche ich weiter. ICH KANN NICHT FINDEN, WAS ICH NICHT GESUCHT HABE! VERSTEHST DU?

Ich bin hundert Ausrufungszeichen am Ende eines nur für mich verständlichen Satzes. Ich bin die hundertfache Faust auf dem Auge der Gerechtigkeit. Ich bin das ewig fehlende Komma. Denn was ich sage, ist richtig, weil ich es sage. WEIL! ICH! ES! SAGE!

Ich bin die nach faulenden Eiern und ewig gestrigem stinkende, die verkotete, unrühmliche, sich selbst gefallende, die rechthaberische, ekelerregende, eiternde Pestbeule an der deutschen Seele.

Ich hasse euch.

Das wird man ja wohl noch sagen dürfen.

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HUMOR: Erlass zu Präsenzzeiten: Vorverurteilung per Beschluss

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“Wäre ich doch Lehrer geworden”, schalmeit es mit großer Regelmäßigkeit über die Lippen der “arbeitenden Bevölkerung”. Denn das Lehrer eigentlich nicht arbeiten, sondern sich die Zeit nur spaßig mit Kindern vertreiben oder wahlweise nach den Worten des Ex-Bundeskanzlers Gerhard Schröder “faule Säcke” sind, ist jedem klar, der irgendwann schon einmal eine Schule von innen gesehen hat. Dass Lehrer nur dann arbeiten, wenn sie auch wirklich vor der Klasse stehen, ist eigentlich ein Klischee. Dass nun aber die so genannten Präsenzzeiten eingeführt werden, ist ein Eingeständnis, wo eigentlich nichts eingestanden werden darf. Und das macht mich sauer.

Mit einer solchen Gelassenheit wie der Kollege Riecken könnte und kann ich auf den Beschluss zu den “Präsenztage”, die von Jan Martin Klinge und Maik Riecken schon eingehend besprochen wurden, nicht umgehen. Ich finde es, um es deutlich zu machen, eine Frechheit, die ihresgleichen sucht. Was soll ich davon halten, dass ich als Lehrer gezwungen werde, meine Arbeit innerhalb bestimmter Mauern zu machen? Wer überprüft das? Und was ist mit jenen, die eine Familie haben, die sie aufgrund immer größerer Belastung sowieso sehr wenig sehen? Eine “persönliche Lebenssituation”, wie sie bei Klinge zitiert wird, tatsächlich zu berücksichtigen, ist doch völlig utopisch.

Die ganze “Idee” (nebenbei: Wer hat sich das bitte ausgedacht?) ist absoluter Nonsens. Dabei geht es nicht nur um offensichtlich nur mit größtem logistischen Aufwand zu betreibende Verteilung mit allem, was an Konsequenzen anfallen würde (Mehrarbeit für die Kollegen, ja ganze Stellen, die sich zukünftig mit einer Verteilung auseinander setzen müssten, wenn man die Stundenplaner nicht komplett überfordern wollte).

Es geht darum, welches Bild in der Gesellschaft geschaffen wird von einem Berufsstand, auf den in den letzten Jahren immer wieder Mehraufgaben übertragen wurden. Die Nachricht, die bei nicht mit dem Beruf Befassten ist doch, dass die viel kritisierten Ferien tatsächlich eine komplett freie Zeit seien, in der nichts weiter geschehen würde als der Genuss von Urlaubsreisen.

Die Präsenzzeit ist die Vorverurteilung aus Prinzip.

Ich habe die letzten Jahre keine einzige Ferienwoche gehabt, in der ich nicht korrigieren oder vorbereiten musste. Und nun würde das heißen, dass ich zudem noch an einen Arbeitsplatz fahren müsste, an dem ich dann – ja, was eigentlich? Denn sowohl Urlaub als auch Ferien zeichnen sich ja dadurch aus, dass man einmal fernab von der Institution, in die man tagtäglich geht, arbeiten und sich auf die Dinge konzentrieren kann, die sonst liegen bleiben.

Und wie sollen diese “Tage des Erscheinens” gestaffelt werden? Könnte ich verlangen, dass ich von den bisher in Aussicht stehenden 5 Tagen alle am Stück nehme? Kann ich sie einmal in den Sommerferien und dann in den Herbstferien nehmen? Oder kann ich meine Mehrarbeitsstunden aufrechnen?

Egal, wie man es sieht, es ist nicht tragbar. Nicht, weil man in den Präsenztagen “institutionell gebunden arbeiten” muss, wie es in dem kaum zu ertragenden Beamtendeutsch heißt, sondern weil der Eindruck entsteht, man habe vorher nichts geleistet.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Form von politischem Aktionismus irgendetwas bringt, außer dass die Lehrer wieder einmal am Pranger der Gesellschaft stehen. Aber was sage ich? Das ist durch den Erlass jetzt schon der Fall. Und ich bin mir sicher, dass schon die ersten Reaktionen auf die Artikel, die sich damit befassen, zeigen werden, dass das Verständnis für den Lehrerjob wieder auf dem absteigenden Ast ist.

Vielleicht sollte man dem Kultusministerium vorschlagen, dass das nächste Mal Überlegungen genauer durchdacht werden sollten.

Vielleicht im Rahmen von 5 Tagen Präsenzzeit. Das dürfte ja kein Problem sein.

 

Was meint ihr? Sollten Lehrer gezwungen werden, 5-7 Tage in der Schule zu bleiben?

 

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