DIGITAL: Weltaneignungsassistent, kleine Abhandlung

Wenn man als digitalaffiner Pädagoge viel mit Menschen spricht, die nicht viel mit der digitalen Sphäre zu tun haben, sind griffige Begriffe eine wichtige Grundlage, um pointiert die eigene Ansicht, Einstellung und Position zu beschreiben. Dies ist im Positiven sowohl mit dem „zeitgemäßen Lernen“ wie es im Negativen mit der „digitalen Demenz“ der Fall ist. Als Arbeitsbegriff für das, was wir unzureichend und verkürzt als „Smartphones“ beschreiben, schlage ich den Begriff „Weltaneignungsassistent“ vor. Trotz seiner Sperrigkeit bietet er all das, was für mich diese hochkomplexen Geräte vor allem ausmachen. 

Bisher war ich mit der Dichotomie der Begriffe nicht zufrieden. Obwohl sogar Schülerinnen und Schüler Manfred Spitzers Begriff der „Lernverhinderungsmaschinen“ (Spitzer 2014) in einigen Umständen unterschreiben würden, fokussiert sich der Begriff – ganz im Sinne seines Erfinders – ausschließlich auf das Negative der Geräte. Das verkürzt und bietet den „Gegnern“ der digitalen Öffnung höchstens eine polemische Spitze.

Das Pendant dieses Begriffs – das Kulturzugangsgerät (Rosa 2014) – beinhaltet diese Verkürzung ebenso. Nur eben im positiven Sinne. Der Begriff der Kultur, auf dem diese durchaus nachvollziehbare Wortneuschöpfung beruht, ist zum einen sehr weit gefasst und zum anderen gleichsam zu sehr auf anthropologische und gesellschaftliche Dimensionen ausgerichtet.

Man braucht aber griffige, herzuleitende Begriffe. Vor allem, um in der täglichen Arbeit, jene zu überzeugen, die vor allem mobile Geräte immer noch marginalisieren und nicht verstehen, nachvollziehen oder wahrhaben wollen, dass der Umgang mit, die Reflexion über und der Gebrauch von Handys Teil zeitgemäßer Bildung (Dejan Mihajlović) sein muss.

Vor dem Hintergrund der Ausgangsfrage, welcher Begriff gleichsam die Vielschichtigkeit des Zugriffs auf der einen und den Prozess des Teilhabens auf der anderen Seite verdeutlichen könnte, kam ich bei dem Begriff  „Weltaneignungsassistent“ an. Diesen werde ich zukünftig als Gegensatz zur Lernverhinderungsmaschine nutzen, um die vielen Dimensionen des Hochleistungscomputers alias Smartphone zu verdeutlichen.

Die Zusammensetzung ist dabei nicht willkürlich, sondern beruht auf einigen wichtigen Konnotationen der Begriffe.

Welt

Im Gegensatz zur Kultur, ist das Präfix deutlicher vager, schließt dafür aber auch jene Dinge ein, die mit Kultur nicht (oder nur teilweise) angerissen werden. Das Smartphone bietet eben nicht nur die Möglichkeit, an der Gesellschaft teilzunehmen, sondern auch die persönliche Reflexion mittels Bild, Text und Sound die politische Partizipation, das gesellschaftliche Mit- aber auch Gegeneinander. Und natürlich die kulturelle Teilhabe. Da die Entscheidung darüber, welche dieser Bereiche der menschlichen Organisation durch das Smartphone erblickt werden, beim einzelnen User ist, kann es nicht bei einer Verkürzung bleiben. Der Teil des Begriffs umfasst so alles für den Menschen, seine Identität und seine Umwelt Wahrnehmbare.

Aneignung(s)

Der Mittelteil des Wortes ist für mich im wahrsten Sinne des Wortes zentral. Geht es zuvor nur darum, Wahrnehmbares als Teil des Ganzen zu verdeutlichen, ist hier die vielfache Auslegungsmöglichkeit des Begriffs „Aneignung“ ein fruchtbarer Boden für das, was ein Mensch mit, über und durch seine Umwelt tun kann.

Auf den Begriff kam ich zunächst über den eher profanen, alltäglichen Sinn des Wortes, dass das Studium oder die Durchdringung eines Fachgebietes oder Textes meint. In diesem Sinne wäre also das Gerät das Mittel, sich einer Sache zu nähern. Das allein würde schon Sinn ergeben.

Da der Begriff der Aneignung aber in vielen Gesellschaftswissenschaften eine Rolle spielt, lohnt sich der kurze Exkurs und die – hoffentlich für Experten des Fachgebiets zulässige – Übertragung auf unseren Technikgegenstand.

In der Kultur- und Kommunikationswissenschaft bezeichnet der Begriff im weitesten Sinne die Bedeutungszuweisung. Und zwar jene, die ein Rezipient dem Medium zuweist. In diesem Sinne ist die Aneignung also das „Sinn ergeben“ durch den, der den Sinn sucht. In Bezug auf digitale Kommunikation eine sehr präzise Darstellung dessen, was mittels der Geräte auf sozialen Medien passiert.

In der kulturhistorischen Perspektive, die auch bei Lisa Rosas Begriff einbezogen wird, bezeichnet der Begriff der Aneignung (auch im weitesten Sinne) die Internalisierung von Erfahrung. Auch eine sehr treffende Beschreibung – und zwar auch im negativen Sinne. Statt eines bloßen Zugangs wird das Smartphone in vielen Fällen identitätsbildenden Medium. Die Aneignung als Internalisierung kann sowohl mit wertschätzenden Gesprächen als auch mit Hardcore-Pornographie geschehen. Sie kann im kreativen Umgang passieren als auch beim täglich wiederholten Ansehen von unmenschlicher Gewalt in einem viel zu jungen Alter.

Der Wikipedia-Artikel, der einige verschiedene Wissenschaftsbereiche auflistet, in denen der Begriff „Aneignung“ eine Rolle spielt, gibt den Begriff auch als einen der Dialektik an. So verstehe man als Prozess der Aneignung die bewusste Gestaltung der menschlichen Lebensbedingungen. Gerade für die persönliche und die gesellschaftliche Ebene von Welt, die zuvor genannt wurde, ist dies eine furchtbare Perspektive.

Allen Auslegungen des Begriffes der Aneignung ist gemein, dass es sich um einen aktiven Prozess handelt, der mal reflektiert mal nicht reflektiert eine Sache in den Fokus und die Handlung des Individuums rückt. Eine Aneignung kann auch ohne technische Geräte stattfinden. Aber es gibt Formen der Aneignung, die nicht ohne ein Gerät möglich sind, weil die Entfernung zu weit ist oder die Darstellungsweise ein Gerät braucht.

Assistent

Was aber bei der Aneignung mittels Geräten immer wichtig ist, ist, dass das Gerät selbst nicht ohne seinen User funktioniert. Zumindest so lange nicht, wie künstliche Intelligenz kein Bewusstsein entwickelt hat. Insofern ist die Weltaneignung in dem hier vorgestellten Sinne immer nur möglich, wenn ein Individuum sein Gerät intentional benutzt.

Man könnte meinen, dies sei offensichtlich. Die Wichtigkeit des dritten Teils zeigt sich jedoch vor allem dann, wenn es um die Verantwortung des Einzelnen gegenüber anderen geht. Konkret: Es wurde schon darauf hingewiesen, dass Cybermobbing, obwohl im Netz, immer noch eine Form von Mobbing ist. Durch den Begriff der Assistenz wird deutlich gemacht, dass das, was auch ohne Gerät möglich wäre, durch den Benutzer seine erweiterte Dimension erhält. Ohne den Benutzer ist der Assistent nutzlos. Die Verantwortung bleibt also bei demjenigen, der hinter dem Gerät sitzt.

Schluss

Und nun? Es sollte klar geworden sein, dass mit dem Begriff des Weltaneignungsassistenten viele Dimensionen dessen, die heutige Smartphones umreißen oder berühren, einbezogen werden. Eine Verkürzung auf eine ausschließlich negative oder positive Ebene oder einen Teilbereich der Gesellschaft findet nicht statt. Wenn ich zukünftig pointiert erklären möchte, warum man Handys nicht einfach aus dem Klassenraum ausschließen kann, werde ich diesen Begriff nutzen.

Natürlich freue ich mich, wenn auch andere einen Nutzen erkennen. Es ist als Impuls und Diskussionsbeitrag zu verstehen.

 

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13 Kommentare zu DIGITAL: Weltaneignungsassistent, kleine Abhandlung

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  3. Beat Rüedi sagt:

    Nein, „Welt…“ geht nun grad gar nicht. Das Smartphone ist ein Gerät und bleibt ein Gerät, welches uns tatsächlich aber auch Welten ausserhalb dieser Welt erschliesst. Und ich will diesen Welten mindestens soviel mit- und übergeben, wie ich mir daraus aneigne. Und ich stimme Philippe Wampfler zu: Das Smartphone ist ein Gerät, und kein Assistent.
    Allerdings werde ich auch mit dem Begriff „Kulturzugangsgerät“ nicht warm. Ich bezweifle jeden Tag von Neuem, ob >90% dessen, was täglich konsumiert wird, Kultur ist. Vielleicht hoffe ich aber darauf, dass dereinst unter Kultur nicht mehr das verstanden wird, was ich darunter verstehe.

  4. Lisa Rosa sagt:

    1. Der Begriff der Aneignung, den du benutzt, stammt aus der Kulturhistorischen Schule der Psychologie und beruht tatsächlich genau auf demselben marxistischen Kulturbegriff wie der meine, den du hier als „zu weit“ ablehnst.
    2. Gesellschaft, Politik u Kultur sind in dieser Konzeption nicht (wie in d bürgerlichen Ideologie) Begriffe auf der Parallelebene, der „Welt“ untergeordnet. Gesellschaft bzw Kultur sind dort Komplementärbegriffe zur Natur, die, seit der Mensch da ist (und sich die Erde „untertan“ gemacht hat) nur noch als gesellschaftlich/kulturell bedingt zu haben ist.
    3. Die Kulturhistorische Perspektive erschöpft sich nicht in der Internalisierung (Vygotiskij „Interiorisierung“) von Erfahrung. Sie ist viel mehr als Interiorisierung, und Interiorisierung bringt mehr nach innen als bloß Erfahrung.
    4. Dialektik ist eine Denkweise, die mit Komplexität umgeht (die einzige Vor-Luhmannsche) und die Wechselwirkung zwischen Individuum und Gesellschaft auf spezifische Weise konzeptualisiert. Negation der Negation wäre ein Stichwort, nicht das einzige. Nicht so wirklich versteht man, wie der Zusammenhang bei dir mit der „bewussten Gestaltung der menschlichen Lebensbedingungen“ damit zusammenhängt.

    Mit anderen Worten: Dein Modell da oben ist v.a. begrifflich sehr ambitioniert,scheint aber (noch nicht) so genau zu wissen, was es mit den Begriffen denken/machen soll. Immerhin sind sie ja schon mal in deiner mindmap arrangiert. Sie warten noch darauf, richtig erklärt und in einen konsistenten Zusammenhang gebracht zu werden. Man darf gespannt sein.

    • Bob Blume sagt:

      Danke für die Ergänzungen und das Feedback. Ich bin immer hin- und hergerissen, wie komplex es sein kann und darf, um praktikabel zu bleiben. Ich werde sie beizeiten anfügen und das Modell und dessen Erweiterung weiter bearbeiten.

      • Lisa Rosa sagt:

        Es ist also keine Frage von Komplexitätsreduktion. Es ist eine Frage von Inkonsistenz. Wie deutlich muss ich oder darf ich bei dir werden?

      • Lisa Rosa sagt:

        Es ist keine Ergänzung. Es ist Kritik. Es ging dabei darum, dass sich dein Modell intern widerspricht. (Aber vllt macht dir das nichts aus?)
        Ich dachte, es wäre als sachliche Kritik verstanden worden.
        Das ist immer mein Problem: Wenn ich höflich bin, wird es nicht verstanden. Wenn ich verstanden werde, fühlen sich die Leute gekränkt. Was soll ich tun?

        • Bob Blume sagt:

          Ich habe es als Kritik verstanden (aber das haben wir ja auf Twitter erklärt). Und: In der Tat: Ich fühlte mich des öfteren gekränkt. Das ist aber unter anderem auch mein Problem.

  5. Ich verstehe den Ansatz nicht. »Kulturzugangsgerät« scheint mir in jedem Wortbestandteil präziser und nicht positiver gewertet als »Weltaneignungsassistent«. Die Medialität schwingt bei Kultur klarer mit – Welt gibt es ohne Medien, Kultur nur in Medien. Was über das Smartphone zugänglich ist, ist also Kultur, nicht Welt. Ob ich mir das, was ich auf dem Smartphone wahrnehme, aneigne oder nicht, ist offen: Aber ein Zugang besteht. Das Gerät ist ein Gerät und kein Assistent.
    Die Begriffswahl ist frei. Ich spreche in 99% der Fälle von einem Smartphone und erwähne gelegentlich, dass es eigentlich ein Kulturzugangsgerät sei. Weshalb es hier einen neuen Begriff bräuchte, erschließt sich mir nicht.

    • Bob Blume sagt:

      Eine genauere Antwort: Wenn sich nach der Lektüre für dich nicht erschließt, welchen Mehrwert der Begriff hat, bedeutet das schlicht, dass ich es nicht geschafft habe, meinen Punkt klarzumachen. Dies werde ich auch im weiteren nicht präziser können. Die Vorteile dieses Begriffs gegenüber den bestehenden für meine Arbeit in Workshops stehen in dem Artikel. Deshalb habe ich ihn vorgestellt.

      • Vielleicht geht das nicht – ich kann’s nicht beurteilen. Ich wollte einfach meine Kritik ausformulieren. Wie unten ausgeführt suche ich in diesem Bereich generell keinen Begriff.

        • Bob Blume sagt:

          Und deine Kritik schätze ich sehr, das weißt du. Ich suchte nach einem Begriff, der sprechend ist und gleichsam einen ersten Inhalt transportiert, weil mir auffällt, dass viele von denen, vor denen ich spreche oder mit denen ich Workshops halte, vor allem die positiven Eigenschaften des Smartphones gar nicht reflektieren. Das „Kulturzugangsgerät“ ist ein solcher Begriff, der für mich persönlich aber zu kurz greift. Ich werde mit Sicherheit nicht ab jetzt ganze Abhandlungen halten, wann immer es im Smartphones geht. Jedoch denke ich schon, dass es bereichernd sein kann, die Verbindung zwischen Mensch und Maschine in einem Begriff zu reflektieren, der weiter greift als „intelligentes Telefon“. Das war zumindest der Ansatz.

    • Bob Blume sagt:

      Schade.

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