Anmerkungen zu dem 4K-Modell des Lernens

Jede Zeit hat ihre eigene (progressive) Didaktik. Wer sich zu ihr bekennt, kann sich und seinen Unterricht als zeitgemäß beurteilen. Alle anderen sind dann entweder altbacken oder auf dem Weg; oder sie sollen und müssen sich auf den Weg machen. Diese Einteilung hat per se nichts Schlechtes, im Gegenteil. Impulse für eine neue Didaktik vermischt mit dem schon Bestehenden machen Bildung und deren Prozesse flüssig, was ob einer sich in stetigem, schnellen Wandel befindlichen Zeit unerlässlich erscheint. Problematisch wird es, wenn bestimmte Schlagworte zu Axiomen werden, die dann wieder, teilweise völlig subjektiv, zu den „wahren“ Pfeilern von Bildung gemacht werden. Einige Anmerkungen.

Die gespaltene Community

Ob man nun das, worüber sich diejenigen Lehrer, die auch in ihrer Freizeit gerne mit ihrem Handy spielen oder über es Kultur erfahren, „digitale Bildung“, „Bildung in einer digitalisierten Welt“ oder „zeitgemäße Bildung“ nennt – die Frontlinien, die sich zeigen, werden schnell deutlich und (man möge die Gruppierungen erweitern) zeigen sich in vier groben Gruppierungen (die Namensgebung sauge ich mir aus den Fingern).

Die Ablehner halten nichts von digitalen Geräten, Tools und Methoden in der Schule. Vielmehr ist dazu nicht zu sagen.

Die technischen Formalisten haben so lange nichts gegen digitale Bildung, wie sich mit ihr die schon bestehenden Muster reproduzieren lassen. Die Herangehensweise an Bildung, Didaktik, Unterricht bleibt bestehen, nur die Plattform ändert sich. An diese Kategorie kann die Verlags- und Techniklobby am besten anknüpfen, da die Herausforderung, nach „altem Muster“ überprüfbare Inhalte zu erstellen, überschaubar scheint.

Die Gruppe der moderaten Integrierer (zu denen ich mich zähle), versuchen, Kompetenzziele, wie sie im Bildungsplan stehen, kulturelle Inhalte und politische Strömungen so mit der digitalen Sphäre zu koppeln, dass aus der Reibung der beiden Teile Vorteile erwachsen. Die Rolle des Lehrers bleibt dabei jedoch die der vermittelnden Lehrperson.

Die radikalen Digitalisten verfolgen eine völlige Neuorientierung des Wissens, der Bildung und aller an der Bildung Interessierten und in ihren Institutionen Mitwirkender. Sie sehen sich als Ebner neuer Wege, die weg von vorgegebenen Inhalten führen und hin zu kollektiven, kollaborativen, kreativen und kritischen Kommunikationsformen. Ich würde so weit gehen zu sagen, dass diese Gruppe auch dann eine andere Bildung fordern würde, wenn das Digitale noch nicht so ausgeprägt wäre. Grundlegend ist der Wunsch nach einer Veränderung der Bildung vom Horizontalen ins Vertikale, was natürlich insbesondere das Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler betrifft (Bisher sind mir dazu kritische Beiträge jedoch unbekannt).
Aus der letztgenannten Community erfolgen zahlreiche fruchtbare Impulse.

Das 4K-Modell des Lernens

Visualisierung des Frameworks von P21, Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/4K-Modell_des_Lernens

Das vom Medienexperten Philippe Wampfler auf Wikipedia zusammengetragene 4K-Modell des Lernens kann man wohl als den Grundpfeiler – oder die 4 Grundpfeiler – der radikalen Digitalisten sehen. Hier einige – für diesen Artikel – grundlegende Informationen (aus dem Wikipedia-Artikel):

  • Die 4C gehen auf die Partnership for 21st Century Learning (P21) zurück, das ist eine US-amerikanische Non-Profit-Organisation, in der sich Wirtschaftsvertreter, Bildungsfachleute und am Gesetzgebungsprozess Beteiligte seit 2002 für die Bildung in einem digitalen Kontext einsetzen.
  • P21 geht davon aus, dass diese Fertigkeiten in Arbeitsumgebungen des 21. Jahrhunderts besonderes Gewicht erhalten. Jedem der vier Ks ist ein eigenes Forschungsdossier gewidmet.[4]
  • Die 4K stellen (…) eine Reaktion auf die Wissensarbeit in digitalen Kontexten dar.

Für den deutschen Bildungsbereich ist gerade der in dem Artikel folgende Verweis auf die Bildungsforscherin Lisa Rosa besonders wichtig, die drei Gründe für die Orientierung hin zu den 4K liefert:

  1. Immer mehr Arbeiten werden von Maschinen übernommen.
  2. Jede neue Arbeit verlangt mehr komplexes Denken, situierte selbstverantwortliche Entscheidungen und Beziehungsfähigkeit.
  3. Die zu lösenden gesellschaftlichen Probleme sind so komplex, dass sie nur noch mit kollektiver Intelligenz bearbeitbar sind.

Kritik

Teile der Kritik an den 4K richten sich zum einen darauf, ob Wirtschaftsorganisationen „derart prägend in die Formulierung neuer Lehr-Lernkonzepte“ eingreifen sollten. Auch Lisa Rosa nimmt dieses Problem in den Blick, wenn Sie davor warnt, den Bildungslobbyisten in diesem Zusammenhang zu viel Einflussmöglichkeiten einzuräumen.

Insgesamt zeigt sich jedoch gerade bei Rosa, dass das Konzept in einen (nötigen) didaktischen Zusammenhang gerückt wird (der hervorragende Artikel „Welche digitale Bildungsrevolution wollen wir?“ unternimmt diese Kontextuierung, und zwar nicht nur innerhalb eines institutionellen, sondern eines übergeordneten kapitalismuskritischen Rahmens), der im Umkehrschluss eine flache Verwendung der Begriffe als Legitimation alles Digitalen von Vornherein ausschließt.

In einer durch Fettdruck von ihr als zentral markierten Passage, schließt sie die Forderung nach der Übernahme der 4K durch die an der Bildung Beteiligten mit einer Forderung an die Beteiligten selbst:

Diese neuen Lernziele sind die neue Stufe des Humboldt, ein Humboldt 2.0 sozusagen – und wir müssen ihre Umsetzung als Meilenstein auf dem Weg in eine bessere Gesellschaft einfordern und ihre Reduktion auf dieselbe ökonomische Verzweckung durch den Kapitalismus bekämpfen, die schon im 19. Jh. die Humboldtschen Vorstellungen ereilt hat. Dazu müssen wir zeigen, wie.

Bei der Beantwortung der Frage geht es ihr darum,

ob die Menschen lernen, sich weltweit zu vernetzen und diese Vernetzung für die eigenen persönlichen und zugleich der Emanzipation Aller dienenden Ziele zu nutzen.

In einer Gegenüberstellung zeigt sie, welche (wie sie selbst sagt) gar nicht so neuen Ideen umgesetzt werden müssten, um diese übergeordneten Ziele zu erreichen. Weiter bedeutet dies für Rosa eine Umorientierung hin zu einer Anleitung zu Autodidaktik, Überwindung von Fächerorganisation und Individualisierung an den persönlichen Sinn eines jeden Einzelnen (dies alles ist stark verkürzt und sollte bei Interesse nochmals im Originalartikel nachgelesen werden).

Teil des „ideellen Überbaus“ in Anlehnung an Giesecke, Lisa Rosa, Welche digitale Bildungsrevolution wollen wir?

Anmerkungen

Vieles von dem, was bei Lisa Rosa und anderen beschrieben wird, finde ich ungeheuer spannend. Die Probleme, die ich im Diskurs sehe, beziehen sich auf zwei Dinge:

  1. Die Totalität der Grundannahme von guten und schlechten Prozessen.
  2. Die flache Verwendung der Begrifflichkeit samt Loslösung von der eigentlichen Wurzel.

Um den ersten Punkt kurz zu umreißen, lohnt es sich, in die bestehende Geschichtsdidaktik zu schauen. Dort wurde und wird immerzu (zumindest vor ein paar Jahren und innerhalb des Freiburger Seminars – der Föderalismus lässt keine Pauschalisierung zu) Problemorientierung und –bewusstsein, Urteilsfähigkeit und das Wissen um die Konstruktion von Geschichte gefordert, also wenn man so will, eine Dekonstruktion bestehender Hermeneutik. Das ist spannend, nachvollziehbar und würde, ganz im Sinne einer fächerübergreifenden Didaktik, eine medienkritische Perspektive fördern, die nicht nur diachron, sondern auch synchron angewendet werden kann, nur:

Was man dekonstruieren will, muss man konstruiert haben.

Es wäre falsch, nun eine sukzessive Kritik an der Gegenüberstellung von Industrie- und Digitalzeitalter zu unternehmen, nur um Situationen zu kreieren, in denen die eine oder die andere Grundannahme stimmt.

Trotzdem fehlt mir in der Diskussion um die Umorientierung (so wie ich sie verstehe), die Substanz, das Greifbare, der Inhalt. Und zwar ganz und gar so normativ, wie es sich anhört. Dies geht in die Richtung, die in vielen Fächern die Kritiker der Kompetenzorientierung angeführt haben. Wenn Kompetenz losgelöst vom Inhalt ist, dann ist zwar die Fähigkeit eines Prozesses und/ oder einer Methode im besten Falle auf alles anwendbar, aber die Essenz, der Kern der Schlussfolgerung bleibt willkürlich.

Mit anderen und auf ein konkretes Beispiel bezogen: Man kann die (nachträgliche) Selbstverleugnung von Menschen unter kollektiven Zwangssystemen durchaus anhand anderer Quellen analysieren als denen von KZ-Aufsehern in den Nürnberger Prozessen (ein konstruiertes Beispiel). Aber die (auch ex negativo) sinn- und identitätsstiftende Wirkung einer solchen Beurteilung würde nicht gewährleistet werden können.

Ergo:

  1. Das geforderte System geht von einer Zeitlosigkeit aus, die zwar Zukunft miteinschließen kann (was es soll, um nicht im Vergangenen zu verharren), aber Vergangenheit ausschließt.
  2. Das System geht vom idealen Lerner aus, der unter (natürlich auch utopischen) Bedingungen, die sein eigenes Lernen in idealer Weise fördern, auch tatsächlich all das umsetzt, was (trotzdem) von ihm gefordert wird.
  3. Die Entscheidung, was für den persönlichen Wert/ Nutzen/ Gebrauch wichtig ist, ist in diesem System dem Lerner in solch einer drastischen Weise selbst überlassen, dass er/sie sich zur totalen Kulturverweigerer*in morphen könnte.

Die persönliche Erfahrung leitet oft fehl und ist natürlich abhängig von den gegebenen Umständen; dennoch erfahre ich beispielsweise das gemeinsame Lesen und diskutieren von deutscher oder englischsprachiger Literatur für die Schülerinnen und Schüler auf vielen Ebenen als bereichernd. Gerade und insbesondere auch dann, wenn zuvor und während des Lesens Widerstände gebrochen werden müssen, die sich erst nach und nach mit der Erfahrung der eigenen Fähigkeit, Zusammenhänge zu verstehen oder eine schwierige Personenkonstellation zu überblicken, legen. Auch „zwinge“ ich Schüler*innen zum Auswendiglernen von Jahreszahlen, teilweise von epochenspezifischen Merkmalen oder ähnlichem. Und das nicht, weil ich den Gedanken an ein Gespräch auf dem Balkon, ohne dass jemand Google zur Hand hat, so liebreizend finde (was ich tue); sondern weil die Konstruktion eines Wissensnetzwerks Hand in Hand gehen muss mit der kritischen Beurteilung. Ob dafür nun normative Inhalte notwendig sind, bleibt diskussionswürdig. Ich meine, ja.

Der zweite Punkt ergibt sich durch das Vorangegangene. Wenn Grundpfeiler eines Systems wie dem der 4K im besten Fall das absolut reine Destillat, der absolute Kern eines Gedankensystems darstellen, muss dieses im besten Falle mitgedacht werden: Und genau das passiert nicht.
Die Dekontextuierung der 4K, wie sie in den Sozialen Medien (nach meiner Einschätzung) oft verstanden wird, verdeutlicht ironischer Weise genau den Kern der ausgeführten Kritik. Da kann dann jeder „für sich“ entscheiden, was „kritisch“ ist, ob „Kritik“ dasselbe ist und inwieweit eine genutzte Unterrichtsmethode nun „Kritik“, „Kritikfähigkeit“ oder „kritisches Denken“ gefördert oder gefordert hat (Nutzung der Phrase intended).

Schlimmer noch: Zusammen mit der oben genannten totalitären Einteilung in die Dichotomie zwischen industriellem und digitalem Lernen sorgt dies dafür, dass jeder mit den richtigen Kampfbegriffen entscheiden kann, wer dazu gehört und wer nicht; wer außen ist und wer innen; wer es verdient, „guter Lehrer“ genannt zu werden und wer nicht; wer im schlimmsten Falle demokratiefeindlich ist und wer nicht.

Der Diskurs bleibt für mich spannend und oftmals gehen von ihm Impulse aus, die für eine persönliche Reflexion und im besten Fall zumindest experimentelle Neuorientierung sorgen. Aber ich sehe auch die Gefahr, die er birgt. Diese wollte ich mit diesen Anmerkungen zum Ausdruck bringen.

 

 

 

 

 

 

 

 

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26 Kommentare zu Anmerkungen zu dem 4K-Modell des Lernens

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  2. Lisa Rosa sagt:

    „Wer entscheidet, was global-universalen Charakter hat? Wie? Was fällt weg?“ – diese ungeheuer wichtige Frage habe ich eben erst gesehen.
    Das ist immer eine Frage der Aushandlung. Auch die Menschenrechte sind nicht dadurch gültig, dass sie auf der UNO-Menschenrechtserklärung stehen (auch wenn das ein wichtige Ebene ist und ein historisch wichtiger Schritt war), sondern dadurch, dass sie – jeden Tag neu im „wirklichen Leben“ – von denen, die die Macht haben, erklärt, bekräftigt, bestätigt werden.
    Da es nichts objektiv Allgemeingültiges gibt, ist auch die Frage der Universalia immer perspektivisch, oder besser gesagt positioniert. (Das ist noch etwas anderes als bloß „Interessen“-geleitet. Ich kann ja eine Position vertreten, die gar nicht in meinem partikular subjektiven momentanen vordergründigen Interesse ist. Das ist, was sog. „Idealisten“ ja tun. Sie ruinieren sich die Karriere und reißen das Maul für die Unterdrückten auf.) Und was wir daran sehen ist: Es geht bisher nicht gerecht zu bei der Definition, was gelernt werden muss. Es sind ja auch in der nationalen oder länderspezifischen Kanondiskussion bzw. Curriculum-Formulierung nicht etwa alle aktuellen Lehrer, Schüler, Eltern beteiligt, also die, die es persönlich gerade betrifft, sondern die amtlichen Entscheider, die mit „Befugnis“. (Sie sind auch nicht gewählt, sondern eingesetzt, wie halt Behörde die Exekutive in der Praxis ist).
    Ein Curriculum könnte man sich aber auch so vorstellen: Dass es die Lernenden selbst bestimmen (das ergibt sich z.B. in allen EUDEC-Schulen, und ist keineswegs meine radikale Erfindung).
    Und auf einer neuen die ganze Menschheit betreffenden Ebene der Bestimmung von Universalien, die ein Menschheits-Lerncurriculum ausmachen könnten, stellt sich gleichzeitig die Demokratiefrage, und das auf Weltebene. Wer bestimmt. Bestimmen weiterhin wenige und zunehmend weniger über die Vielen? Und wenn wir es anders haben wollen, welche Formen müssen wir dafür haben?
    Kritisch Denken, Kreativität, Kollaboration und Kommunikation sind also nicht bloß „Inhalte“ bzw. Ziele eines Menschheitscurriculums, sondern gleichzeitig Bedingungen. Denn ohne einen wirklich großen Berg von Kritischem Denken, Kreativität und Kollaboration bekommen wir sowas wohl nicht.
    Manches gibt es, woran wir anknüpfen können: Die Commonsbewegung auf allen Ebenen der Wirtschaft und Zusammenarbeit – neben dem noch allseits bestimmenden Marktgeschehen … Oder die Arbeit so vieler genau an solchen Überlegungen wie hier. Die OECD-EDU tut das organisiert und mit viel Befugnis und Mitteln ausgestattet – und gleichzeitig hängt die Wirksamkeit davon ab, ob im jeweiligen Staat überhaupt Kenntnis davon genommen wird. Die OECD besteht übrigens zum größten Teil aus Vertretern der beteiligten Staaten, deren Regierungen sie dorthin entsannt haben. Mehr Demokratie ist auf der offiziellen Ebene kaum möglich. (Das nur mal den Kritikern der OECD-Arbeit).
    Aber ebenso wie bei der EU und auch der Einzelstaaten bin ich keineswegs der Ansicht, dass der derzeitige Stand der Organisationsformen die Krone der Demokratie_Entwicklung darstellt. „Mehr Demokratie“, mehr echte Beteiligung an wichtigen Entscheidungen durch die Betroffenen, das ist was m.E. die Entwicklungsaufgabe überall darstellt, sowohl im lokalen als auch im globalen Maßstab. (Momentan gilt ja nicht mal mehr „one man, one vote“ entscheidet, sondern „one Dollar one vote“. Das ist, was langfristig alle 7-9 Mrd. Menschen in ihrer Existenz bedroht.

    • Bob Blume sagt:

      Wow! Das ist viel mehr, viel umfangreicher und viel allumfassender als ich dachte, als ich den Artikel las. Danke für diesen ausführlichen Kommentar und danke auch dafür, dass du mit mir in eine Konversation gekommen bist. Ich muss ehrlich sagen, dass ich (wahrscheinlich auch, weil ich dafür dass ich öffentlich schreibe) ansonsten oft enttäuscht bin über diejenigen, die den Abbau von Hierarchie fordern, dann aber mit kleinen Bloggern wie mir umgehen, als sei alles, was ich zu sagen habe, nicht bedenkenswert.
      Für mich sind solche Artikel und die anschließenden Diskussionen immer „nur“ Ausflüge in eine Welt, der ich mir nicht 24/7 widmen kann, weil ich einfach auch so vieles am Laufen habe – von „normalen“ Klassen über Theater und Medien-AG. Dennoch: Auch wenn ich mich nicht um alles kümmern kann, ergeben sich für mich immer wieder Impulse für die Weiterarbeit und das Weiterdenken.

  3. Lisa Rosa sagt:

    Weil soviel Missverständliches mit den 4K entstanden ist, möchte ich hier nochmal klarstellen: Ein „4K-Modell des Lernens“ weder als Erklärungsmodell, wie Lernen funktioniert, noch als normatives Modell, wie Lernen funktionieren soll, kenne ich nicht.
    Die sog. 4K sind nichts weiter als die Aufzählung von 4 Kernkompetenzen (oder Fähigkeiten), die im 21. Jh dringend gebraucht werden: Die Fähigkeit, kritisch denken zu können, die Fähigkeit kreativ zu sein, die Fähigkeit zur Kollaboration und zur Kommunikation.
    Was das im Einzelnen heute bedeutet, ist an verschiedenen Stellen bei Andreas Schleicher OECD ausgeführt. Ich habe bisher nur darüber geschrieben, warum wir die 4K als Kernkompetenzen brauchen und was Kritisch Denken genauer bedeutet.
    Die hier aufgeführte Matrix widerum ist etwas ganz anderes, nämlich eine Gegenüberstellung dessen, was Lernen in der Buchdruck-Ära und was es in der Digital-Ära bedeutet, nach der Medientheorie vieler miderber Medien- Kommunikations- u Kulturtheoretiker, besonders M. Giesecke. Es hat mit den 4K, die ich in einer einzigen Schrift von A. Schleicher fand, und die man nach 2012 nirgendwo mehr in den Dokumenten der OECD so explizit genannt findet, erst mal überhaupt nix zu tun.
    Die 4K sind also weder ein Erklärungsmodell, noch eine Theorie, und daher läuft auch alle „Kritik“ an solcher ins Leere. Natürlich kann man darüber diskutieren, ob sie DIE Kernkompetenzen sind, die alle anderen enthalten können.

  4. Herr Rau sagt:

    Danke für die Ausführungen beiderseits, der Dialog ist für mich sehr interessant, und ich kann das meiste nachvollziehen.

    • Finde die Diskussion auch sehr sehr spannend. Für mich als nicht-Deutsch-Lehrer aber oft schwer zu begreifen, obwohl ich (so glaube ich) sehr an solchen Themen interessiert bin. Ich musste einige Begriffe nachschlagen. Ich hab ein bisschen die Befürchtung, dass die Diskussion in Ihrer Tiefe in einem Elite-Diskurs endet. Würde ich diese Seite bei uns im Lehrerzimmer aufhängen, würden wohl die meisten nach den ersten Zeilen abspringen. Wenn es in die Breite gehen soll, dann brauchen wir auch a bisserl mehr Pragmatisches. Wieder a bisserl zurück zu unseren Anfängen. Was meint Ihr?

  5. Lisa Rosa sagt:

    Und ja, auch in Istanbul, Ankara und Izmir haben nicht Muslime muslimisch oder Türken türkisch gestimmt beim Referendum, sondern urbanes aufgeklärtes Weltbürgertum mehrheitlich gegen weitere heftige Entdemokratisierung – und auf dem platten Lande die anderen – ganz wie beim Brexit usw. Um diese kulturellen Unterschiede (die schlussendlich bedeutsam sind), zu erklären, helfen keine ethnisch-territorialen Modelle. ich kenne Nazim Hikmet, der durchschnittliche Türke vom Lande nicht. Der gebildete Inder kennt Kant – der durchschnittliche Deutsche auf dem Land nicht.

    • Bob Blume sagt:

      Na und wir als gebildete Deutsche (wenn ich mich dazu zählen kann), kennen keinen türkischen Philosophen (für dich kann ich natürlich nicht sprechen). Ist es anzustreben, das zu ändern? Ja, klar. Und tendenziell haben die „Leave“-Wähler mehr mit Trump-Wählern und Erdogan-Anhängern zu tun als mit ihren eigenen Stadtbewohnern in, sagen wir, Sheffield. Stimmt schon.
      Und das man diesbezüglich Konsequenzen ziehen muss, gerade was die Bildung angeht, ist auch klar.
      Aber die Konsequenz verstehe ich dann nicht. Muss jeder gezwungener Maßen zum Kosmopolit erzogen werden, der kritisch denkt, aber keine literarischen Besonderheiten seiner Gegend kennt? Warum? Warum ist das schlimm?

      • Lisa Rosa sagt:

        ich denke tatsächlich, dass wir alle Kosmopoliten werden müssen, wenn wir uns als 9 Mill. Mitgliedern der Gattung Mensch auf dem Planeten Erde nicht die Köpfe einhauen und nicht den Planeten unterm A. kaputtmachen wollen.
        Die globalen Kompetenzen und das weltorientierte Wissen (statt der Nationalkulturen) müssen dafür im Zentrum der Bildung stehen. Klar kann man das sowohl an Nazim Hikmet, als auch an Rabindranath Tagore als auch Kant. Aber die globale Dimension muss dabei rauskommen. ich habe ja eben Philosophen bzw. Dichter genannt, die selbst Vertreter dieser aufklärerischen kosmopolitischen Denkungsart sind. Ein Weltkanon kann sie enthalten. Dafür müssen dann natürlich die anderen aus dem ehemaligen Nationalkanon raus, denn es ist nicht Platz für alles, was es gibt. Wenn man Germanistik studiert, dann ist eine genaue Kenntnis der deutschen Literaturgeschichte nötig, klar, das ist ja das Fachgebiet. Aber ob es zur Allgemeinbildung des 21.Jh. auf dem Territorium D gehört, bezweifle ich. Auch die starke Anlehnung des Deutschlernens an die Belletristik (anstatt an Sachtexte) ist ja zu überdenken. Wieso kann man nicht Deutsch lernen an immer schwieriger werdenden Sachtexten über Sachen, die dann sehr persönlich unterschiedlich sein können? (Für den einen die Belletristik, für eine andere die Philosophie, für einen dritten das Klimaproblem …)
        Über all das muss man sich verständigen – und zwar nicht bloß auf Länderebene, auch nicht bloß national, sondern transnational. Eine Weltbürgerbildung ist gefragt. Und ausgerechnet Andreas Schleicher, der genau daran seit Jahren arbeitet, wird hier oft als Neoliberaler beschimpft und ihm gegenüber eine angeblich heile „Bildung“ von anno schneegurke hochgehalten. (Das ist jetzt bitte nicht persönlich gemeint)
        Du darfst gerne die lokalen, regionalen, nationalen Besonderheiten deiner Heimat kennen. Zusätzlich. Und immer noch bleibt offen: Worin bestehen sie? Denn: Dein Deutschland (nationale Besonderheiten, Kultur) ist vermutlich ein anderes als meins. ich bin nicht die erste, die das sagt. Guck bei Saul Friedländer, guck bei Mosche Zuckermann. Gerade wenn du Perspektivität als Begriff führst, müsstest du mir eigentlich zustimmen: Es gibt keine einheitliche Nationalkultur, auf die man sich – irgendwer sich – berufen könnte. Proletarier aller Länder ist Marx-alte Antwort auf die Reklamierung einer gemeinsamen Kultur der feudalen Nationalitätskonstruktion. Der 1. Weltkrieg: Möglich geworden durch die Reklamation „ich kenne keine Parteien mehr, nur noch Deutsche“ in allen beteiligten Ländern. Usw. Nationalstaatlichkeit und die Reklamierung nationaler Kulturgemeinschaften gibt’s heute erst Recht, nach 2 verheerenden Weltkriegen und angesichts einer global aufgestellten Finanz-Bourgeoisie bloß noch als stink-reaktionäre Variante.

  6. Lisa Rosa sagt:

    „Inhalte“ – ich nenne es lieber Lerngegenstände, natürlich gibt es die. Kritisch Denken lernen ist ein Lerngegenstand, der natürlich immer an bzw zusammen mit einem konkreten Gegenstand gekernt werden muss. Abstrakt-allgemein ist das gar nicht möglich. Welche Gegenstände das sind, oder sein sollen, das ist eine Frage, die dringend diskutiert werden muss. Denn in einer global zusammenwachsenden und gleichzeitig hoch diversen Welt können das bestimmt nicht weltweit die Gegenstände des alten europazentrierten oder gar deutschen Kanons sein. Aber ganz sicher die weltweit gemeinsamen Probleme wie zB den Klimawandel und die Plastik -Verschmutzung der Weltmeere. Daher wurde kürzlich auch Global Competency als wichtiger weltweiter Lerngegenstand formuliert.
    https://www.oecd.org/education/Global-competency-for-an-inclusive-world.pdf
    Wenn das kein „Inhalt“ ist, dann weiß ich nicht, was ihr eigentlich immer mit „Inhalten“ meint, wenn ihr deren Fehlen beklagt.

    • Bob Blume sagt:

      Ich schaue mir den Link mal an. Der Kern der Sache ist aber dein Satz zuvor: „Welche Gegenstände das sind, oder sein sollen, das ist eine Frage, die dringend diskutiert werden muss.“ Genau darum geht es mir und genau da sehe ich im Augenblick ein Vakuum, das von allen Seiten, aber vor allem von der Industrie gefüllt wird. In einem wichtigen Punkt kommen wir jedoch nicht zusammen (und damit meine ich nur mich, ich weiß nicht, wen du meinst, wenn du „ihr“ meinst, ich kenne die anderen Kritiker nicht).
      Ich bin fest davon überzeugt, dass es in der Tat normative, national distinguierte, vielleicht auch in Teilen eurozentrierte Lerngegenstände geben muss. Nicht als „Entweder-Oder“, denn ich sehe absolut deine Forderung nach einer globalen Strategie. Jedoch als identitätsstiftende Grundlagen, nicht (um Gottes Willen!) in einem neonationalen Patriotismus, sondern als ganz spezielle Perspektive auf die Welt.
      Ich finde nicht, dass sich das widerspricht. Denn die Konklusion kann ja auch dann eine ähnliche sein, wenn man verschiedene Lerngegenstände hat. Wehren tue ich mich (und vielleicht ist das der Liebhaber der deutschsprachigen Literatur in mir) gegen eine Überordnen, die jedwede Form von kulturspezifischen Besonderheiten in einem Schmelztiegel von „Superkompetenzen“ auflöst. Jedoch weiß ich in dem Fall nicht, ob das so gemeint ist, will dir auch nichts unterstellen, Gott bewahre!
      Ein weiterer Punkt ist: Ob „kritisches Denken“ ein Lerngegenstand ist, dass ist eben die Fragen die ich stelle und die ich bezweifle. Ich habe deinen Text gelesen und verstehe, wie du es meinst. Aber das ist genau der Punkt, an dem es mir zu vage wird. Denn es sollte doch nicht egal sein, ob ich nun an Kant (ja, egozentristisch, ja spezifisch deutsch, aber auch weltphilosophisch relevant) mein Denkvermögen schule oder an Mickey Mouse. Für mich gehört der Inhalt dazu. Welche das sind, inwieweit sie innerhalb verschiedener Kulturen unterschiedlich sein sollten, ob sie einem bestimmten Zweck dienen, Reflexionen über größere Zusammenhänge anstoßen sollen – all das bleiben dann Fragen, die beantwortet werden müssen.

      • Lisa Rosa sagt:

        Kant ist ja nur deswegen unverzichtbar, weil er einen bedeutenden Beitrag für die „Weltphilosophie“, wie du es nennst geliefert hat, nicht, weil er deutsch war. Selbstverständlich lernt man deutsche Literatur an deutscher Literatur und nicht an deutschen Übersetzungen amerikanischer Literatur.
        Die Frage der Gegenstände 1. Ordnung würde ich so lösen: Problemorientierung und Weltrelevanz einerseits und individuelle Auswahl nach persönlichem Sinn andererseits. National-Relevanz (-Geschichte, Literatur, etc) als Kriterium, das eine nationale „Identität“ konstruieren soll, also nicht das Lokale mit dem Globalen verbindet, und ignoriert, dass die Hälfte der Menschheit bereits heute migrationshintergrund und also bi-, wenn nicht polynationale „Identität“ besitzt, halte ich schlicht und einfach für reaktionär. Demie Wertschätzung soezifusch nationaler Kulturgeschichte ist ein (politischer!) Teil von Kulturgeschichte selbst und daher veränderlich und sich tatsächlich verändernd (auch wenn manche es nicht mögen). „Identität“ ist ein ganz schwieriger Begriff, den ich nur sehr vorsichtig anfasse.

        • Bob Blume sagt:

          Da gebe ich dir Recht, es ist in der Tat ein schwieriger Begriff, zumal die dazugehörige Neue Rechte Bewegung ihn ja für sich einnimmt. Ich gebe dir in den meisten Bereichen deiner Antwort Recht, deshalb sprach ich ja auch von deutschsprachiger Literatur, nicht von deutscher Literatur. Gerade in meinem Englischstudium ging es oftmals um die Vielfältigkeit der Englische, wie man merkwürdiger Weise sagte, eben um transnationale Weltliteratur, deren einziges Kriterium die Sprache ist, und nicht zuletzt um die Hegemonie der europäischen Perspektive, die aufgebrochen werden sollte. All das hat meinen Horizont, möchte ich meinen, erweitert.
          Ich sehe aber die Ignoranz nicht, die du einer geographisch oder kulturell definierten Perspektive gibst. Denn Migrationshintergrund bedeutet für mich nichts anderes, als die Erweiterung einer Kultur mit den Teilen einer anderen. Dabei bleiben aber zwei Dinge bestehen: Jene kulturelle Eigenart, die erweitert wird (und damit meine ich Kultur als Prozess, nicht als Leitkultur) und jene, die als Teil eines Individuums erweitert. Mit anderen Worten: Wird die generelle Existenz von Eigenart, sei es staatlicher, geistlicher oder kultureller Natur, abgelehnt (was der Forderung der Linken gleichkommt, in der du dich – ohne Wertung – ja auch zu Hause fühlst), so ist der Begriff von Migration oder Migrationshintergrund unbedeutend, da man weder Anfang noch Ende eines kulturellen Veränderungsprozesses hat.
          Will sagen: Ja, in diesem Sinne bin ich reaktionär.
          Ich glaube nur, dass meine Beurteilung dessen, was inhaltlich spezifisch einer Kultur, auch jener, die im Veränderungsprozess ist (und das duften alle sein, die nicht hermetisch abgeriegelt sind), zu eigen ist, wichtig für die Perspektive auf das Individuum ist, das in dieser Kultur aufwächst. Das ist, was ich meinte, als ich sagte, dass die Lerngegenstände transnationaler Natur sein können, die Ausgangspunkte jedoch ihre Bedingtheit beibehalten sollten. Denn ansonsten sehe ich die Gefahr, dass eben jene Grabenkämpfe um die Wichtigkeit entlang von globalen Linien geführt werden, immer mit der Ungewissheit, ob das, was Lerngegenstand wird, auch globale Relevanz hat, konkret: Muss ein Balinese über den Holocaust lernen? Ein Deutscher? Ein Europäer? Warum? Warum nicht?
          So sehr ich den Ansatz einer nachhaltigen, globalen und somit universalistischen Konzeption von Bildung in seinen Impulsen schätze, so sehr beharre ich auf die (sich verändernde) Eigenheit spezifischer, kultureller Blickwinkel. Wenn das für dich reaktionär ist, dann kann und will ich mich nicht dagegen „wehren“.

          • Lisa Rosa sagt:

            Was ist denn die „kulturelle Eigenart“ von Deutschsein? ich habe als Kind einer überlebenden Deutschen mit jüdischer Herkunft und einem aus Prag stammenden Halbdeutsch-halbtschechen mit Migrationsgeschichte, beide Akademiker 1. Generation, zusammengetroffen zufällig in Süddeutschland, undswoweiterundsoschön meinen Stempel der 1. und 2. Sozialisation abgekriegt. Und? ist das jetzt deutsch? Und wie ist dein deutsch? Ach, was genau die kulturelle nationale Eigenartist, ist unergründlich und ständig in Veränderung! Willst du dann auch noch genau bestimmen, was eigentlich europäische Identität ist? Und gegen wen? In Abgrenzung gegen die USA, gegen die Türkei, Russland oder China? Ist es nicht viel sinnvoller, einfach alle Individuen so zu nehmen, wie sie halt grade sind, und sich ansonsten um das zu kümmern, was allen 7-9 Mrd. Menschen gleich eigen ist? Es geht um die Individuen (die einzelnen Menschen) und um die Menschheit als ganzes. Alles dazwischen sind Konstruktionen, die nur möglich sind durch Ausschluss anderer. Gemeinschaft ist nicht Gesellschaft. Zugehörigkeit zur Menschheit ist das Ziel. Nicht „meine ethnische Kultur“ gegen „deine ethnische Identität“ sondern: hast du eine universelle Ethik oder eine partikulare? Wie denkst du? Was ist dein Weltverständnis? Gibt es da welche, die drin und welche die draußen sind?

          • Bob Blume sagt:

            So sehr ich einen solchen Austausch fruchtbar finde, finde ich es sehr schwierig, wenn mir die Worte so im Munde verdreht werden, dass ich in eine Ecke gerückt werde, die ich selber ablehne. Mir ging es nicht um Deutschsein; ich denke, dass wird auch klar, wenn man mein unten stehendes Argument nochmals genau liest. Bevor ich dir deine Fragen beantworte, würde mich zunächst deine Antwort auf meine Fragen interessieren, ansonsten sehe ich mich in einer Rechtfertigungsschiene, in der ich nicht sein möchte.
            Ich habe mehrfach versucht, zu erklären, was ich mit der Perspektive AUS der kulturellen Eigenheit HIN zu einer gemeinsamen, globalen Gesellschaft meine. Auf diesen Punkt gehst du in keiner deiner Ausführungen ein, sondern versuchst mich immer mehr, in eine geradezu identitäre Ecke zu drängen (oder besser: Ich fühle mich dort hinein gedrängt). Was sollen diese Fragen, was nun deutsch ist oder nicht? Darum geht es mir nicht. Ich bin weder ein Nationalist, noch ein Patriot.
            Es geht mir EBEN NICHT darum, Diversität als Kriterium zu nutzen, andere auszuschließen; es geht mir darum, Diversität, und zwar historisch gewachsene, reflektierte und auch durchaus dekonstruierte, anzuerkennen.
            Während ich allerdings sage, dass ich in der Tat eine Form der normativen Bestimmung will (du nennst diese Forderung reaktionär), tust du so, als sei dein Verständnis für alle gleichermaßen freiheitlich. Das sehe ich nicht so.
            Aber da wiederhole ich mich: Ich sehe das Streben nach Universalität in bestimmten Bereichen als anzustrebendes Ziel. Dennoch bleibe ich dabei, dass der Ausgangspunkt, von dem man aus die Welt betrachtet, reflektiert werden muss durch gewachsene kulturelle Strukturen.

          • Lisa Rosa sagt:

            Ich nehm dich schon ernst u wörtlich mit dem, was du sagst. Deine „gewachsenen kulturellen Strukturen“, bzw weiter oben spezif. kulturellen Eigenheiten, darf ich aber doch mit Fragen und realen Tatsachen konfrontieren. Es gibt m.E. zunehmend weniger nationalkukturelle Gemeinsamkeiten. Die urbane Intelligen hat weltweit mehr kulturelle Gemeinsamkeiten, als die einzelnen ihrer Individuen mit dem Nachbarn im Haus, der meinetwegen Klempner ist, oder mit hemandem aus ländlichen Gebieten. Überall sind die inner-nationalen kulturellen Unterschiede, basierend auf ökonomischem, beruflichem und Stadt-Land-Gegensatz inzw größer als sig ethnische Unterschiede. Das ist ein Faktum, empirisch nachweisbar nicht zuletzt auch am Wahlverhalten: weltweit wählt das kosmopolitische, oft nicht religiöse Großstädt. gebildete Bürgertum liberal/lingsliberal – die ländliche u kleinstädtische weniger gebildete u ökonom mit Abstieg konfrontierte Bevölkerung reaktionär. Brexit, Trump, Modi …
            Wie baust du diese sich weiter verstärkende Tendenz in dein ethnisch-territoriales Kulturmodell ein? Den Schuh, ich steckte dich in Schubladen, wo du nicht sein möchtest, zieh ich mir nicht an. Deine Selbstauskünfte, was oder wo du gern gesehen werden möchtest, liegen ja auf einer anderen Ebene, als deine Sachaussagen. Nur die konfrontiere ich mit meinen.
            Ich sage, es gibt keine deutsche Perspektive, ebensowenig wie eine britische, europäische, jüdische, muslimische oder russische. Und ich kann diese Aussage mit einem Überfluss an Evidenz belegen.
            Du hast bislang nichts belegt. Gerne nehme ich Belege zur Kenntnis.

          • Bob Blume sagt:

            Persönliche Ebene: Du musst dir keinen Schuh anziehen. Ich habe dir nur geschrieben, wie es auf mich gewirkt hat, weil deine Fragen nach dem Deutschsein in meinem Verständnis nicht zu dem gepasst haben, was ich gesagt habe. Ich bin nicht beleidigt, wollte das nur rückmelden.
            Sachliche Ebene: Wir brauchen nicht über Evidenzen zu sprechen, die sich empirisch belegen lassen. Du bist die Expertin, du kennst dich besser aus. Ich zitiere mich mal selbst:

            „Es geht mir EBEN NICHT darum, Diversität als Kriterium zu nutzen, andere auszuschließen; es geht mir darum, Diversität, und zwar historisch gewachsene, reflektierte und auch durchaus dekonstruierte, anzuerkennen.“

            Daraus machst du ein „ethnisch-territoriales Kulturmodell“. Finde ich gewagt, finde ich zu viel.
            Ich schließe aber nicht aus, dass ich dir hier intellektuell einfach nicht mehr folgen kann, da ich den theoretischen Diskurs, in dem du dich bewegst, nur an der Oberfläche kenne. Mit anderen Worten: Bitte sei so gut und belege du mir, als Laien (und das soll nicht so polemisch sein, wie es klingt, wenn ich es schreibe), dass es keine kulturbedingten Perspektiven gibt. Ich nehme sie gerne zur Kenntnis und versuche, deinen Standpunkt besser zu verstehen als ich es wohl jetzt gerade tue.

            Auch ohne Belege würde mich allerdings interessieren, wie die inhaltliche Bestimmung, von der ausgehend wir ja begonnen haben zu sprechen, dann aussieht: Wer entscheidet, was global-universalen Charakter hat? Wie? Was fällt weg?

  7. Hokey sagt:

    Hi Bob,
    stolpere gerade im Feedreader über deinen Beitrag und habe ihn sehr gerne gelesen, gerade auch, weil endlich mal jemand trotz positiver Grundhaltung ein paar kritische Punkte anmerkt.
    Mein Kopf ist beim Lesen gleich schon wieder voll mit Widersprüchen (zur Matrix – Lernen habe ich nie so empfunden, aber dazu müsste ich erst einmal den Giesecke und erneut Lisas Text lesen)und ich werde auch meinen Buzzword- bzw. Reformpädagogik-mit-digitalen-Tools-Eindruck nicht los. Vielleicht schaffe ich es endlich ja, mal einen Beitrag dazu zu schreiben. Habe aber immer mehr den Eindruck, ich bin so weit dem Diskurs hinterher, dass ich so viel lesen müsste, dass es mindestens die kompletten Sommerferien dauern wird …

    • Bob Blume sagt:

      Hallo Heiko. Das freut mich zu hören. Ehrlich gesagt, überlege ich mittlerweile immer zwei Mal, ob ich in diese Diskussionen einsteigen will. Vor allem, weil ich tatsächlichen Druck verspüre, mich dafür rechtfertigen zu müssen, das Momentum aufzuhalten, indem ich Fragen stelle oder auf Leerstellen verweise, die durch den Diskurs nicht beantwortet werde. Ich bleibe dabei, dass ich mich auf die allerkleinsten Kreise meines Schaffens fokussiere, aber immer dann einen kleinen Einwurf schreibe, wenn meine TL (zu) voll ist von glattem Enthusiasmus. Ob ich dabei wirklich noch auf der Höhe bin, weiß ich auch nicht.

  8. Lisa Rosa sagt:

    Danke für die ausführliche Beschäftigung mit meinen Vorlagen! Wieder muss ich sagen: Glück, ist, wenn andere dein Zeug verarbeiten. (Jedenfalls für Lehrer wie mich ist das so.)
    Ich möchte trotz dieses Glücks zwei Dinge zu bedenken geben, nicht etwa um meinen Kram zu verteidigen, sondern um Missverständnissen in der Rezeption meines Krams vorzubeugen:
    1. Meine vollgestopfte Matrix ist kein normatives Modell. Sie lehnt sich an das analytische Verständnis von Michael Giesecke an bzw. kompiliert und ergänzt, was er in mehreren Matritzen in seinem Buch „Von den Mythen der Buchkultur …“ ausgeführt hat. Insofern besteht eine normative Forderung ausschließlich darin, dieses Verständnis der aktuellen und zukünftigen Realität (außerhalb der Schule) für einen neu zu fassenden Lernbegriff zu berücksichtigen. Dazu kommt, dass ich – wieder Giesecke folgend – eine lange Übergangszeit annehme, in der die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen gilt – in der also manches noch lange im „alten“ Betriebssystem stattfindet, während manches schon im „neuen“ keimt, wieder anderes dort beinahe ausgereift ist, und das Ganze als ein komplexes Knäuel ziemlich spannungsvollen Mit- und Gegeneinanders verschiedener Aspekte und Elemente zu denken ist. Wenn ich diese Matrix in Vorträgen oder Aufsätzen vorstelle, dann IMMER mit einer solchen Erklärung versehen. Die Matrix ist eine Modellierung und Zuspitzung, die historische Paradigmenwechsel bzw. Diskontinuitäten (über lange Zeiträume hinweg) verdeutlicht. Selbstverständlich gibt es dabei auch Kontinuitäten, aber wie gesagt: Ein Modell modelliert etwas Spezifisches, nicht „Alles“.

    2. Unter gar keinen Umständen ist ein ahistorisches Verständnis angezielt. Ganz im Gegenteil: Alles Verstehen ist kulturhistorisch bedingt und positionalisiert.

    • Bob Blume sagt:

      Vielen Dank für deinen Kommentar. Beide Punkte sehe ich nicht als Verteidigung, sondern als Erläuterung. Meine Anmerkung sollte auch nicht von deinem Modell als „normativ“ ausgehen, sondern eben als allumfassend. Das ist ja auch wichtig, wenn es um ein so komplexes System geht. Wenn ein Modell nur so allumfassend ist, dann hat es jedoch eventuell auch Lücken, und eine Lücke sehe ich eben in der Beschäftigung mit (von mir als normativ geforderten) Inhalten.
      Zu deinem zweiten Punkt: Da ich weiß, wie sehr du historische Aspekte in deine Erwägungen einbeziehst, ist mir klar, dass du das ahistorische Verständnis nicht anzielst. Dennoch meine ich, dass es eben aufgrund einer fehlenden inhaltlichen Zielorientierung, nicht zwangsläufig, aber gefährlicher Weise auch zufällig in ahistorische Betrachtungsweisen von Welt hinauslaufen kann.

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