DISKUSSION: Die Dropboxisierung des Lehrernachwuchses

Zwischen Kollaboration und dreistem Plagiat führt heutzutage ein schmaler Grat. Schlimmer als Arbeitsblätter abzugreifen und nichts selbst zu produzieren ist aber der Gedanke, der dahinter steht. Ein Kommentar. 

Eine Anekdote

Als ich in mein erstes Jahr als Lehrer startete, ging es mir schon nach nicht einmal drei Jahren schlecht. Das hatte viele Gründe, die man in das Schlüsselwort „Überforderung“ zusammenfassen kann. Dennoch: Kollegen halfen mir oder versuchten es. Eine Kollegin, der ich im Nachhinein besonders viel zu verdanken habe, da sie sich um mich kümmerte, wo sie nur konnte, erreichte aber einige Male das Gegenteil. Anstatt mir mit den vielen Einzelblättern, die sie mir gab, zu helfen, fühlte ich mich schlechter, hatte das Gefühl, das Chaos bräche über mich hinein. Ich hätte etwas anderes gebraucht, eine Leitlinie, eine Struktur. Aber dahingehend konnte mir keiner helfen. So boxte ich mich durch und versuchte, selbst Wege zu finden, wie ich zwischen fachfremden Unterricht, drei Mal so vielen Stunden wie im Referendariat und den vielen weiteren Anforderungen der Institution Schule und ihrer Mitwirkenden Licht am Ende des Tunnels sehen könnte. Irgendwie schaffte ich es, mit Hängen und Würgen. Mittlerweile glaube ich eine wichtige Lektion gelernt zu haben. Dazu später mehr.

Eine Anmerkung

Eine wichtige Anmerkung: Je länger ich im Schuldienst und im Netz unterwegs bin, desto mehr muss ich feststellen, dass viele Probleme in der Diskussion und der Kommunikation zwischen den (ambitionierten) Lehrern auf einer simplen Grundlage fußen: Jeder will, dass die anderen so sind wie man selbst. Mal wird dies ganz offen formuliert, mal scheint es zwischen den Zeilen hindurch. Letztlich ist die Prämisse aber: Ich tue dies, weil es richtig ist und wenn man es richtig machen will, macht man es so wie ich. Dies stelle ich voran, um sicherzugehen, dass der Leser weiß, dass es mir nicht darum geht. Auch wenn ich vernünftige Gründe anführen könnte, warum jeder Lehrer schreiben, bloggen oder twittern sollte, erkenne ich an, dass viele sagen, dass das „nichts für sie ist“, dass sie keine Zeit, keine Lust oder andere Prioritäten haben. Nun, da das geklärt ist, zum Thema:

Die Dropboxisierung der Facebookgruppen

In den Facebook-Gruppen, in denen ich mich tummele und deren Austausch ich auch immer mal wieder schätze, werden tausende von Fragen gestellt. Viele dieser Fragen veranlassten mich dazu, Blogartikel zu schreiben, deren zugehörige Kommentare und Rückmeldungen zeigen, dass sie durchaus Hilfestellungen geben können. Dennoch bleiben solche Artikel so etwas wie eine Bauanleitung, eine Architekturskizze von Unterricht, Ordnung oder Kommunikationssituationen. Mehr kann es nicht sein, da Unterricht und Schule – kurz: alles, was mit Bildung zu tun hat, dynamischen Prozessen unterworfen ist, die sich verändern, ja verändern müssen. Und trotzdem wissen wir, dass Schule sich wahrscheinlich am langsamsten verändert, was zahlreiche Gründe hat, die hier keine Rolle spielen sollen.

Die meisten Kommentare neben Diskussionsbeiträgen, die sich kritisch zur Grundhaltung der Referendarinnen und Referendare äußern, haben die Fragen nach Dropboxes (dazu gibt es mittlerweile ganze Gruppen). Das System ist einfach: Jemand fragt nach einer Dropbox und hunderte Interessierte schreiben ihre E-Mail unter den Thread. Einfach so. In Gruppen mit 20.000 Mitgliedern.

Dass dies nicht die einzigen Probleme sind, zeigt folgende Beobachtung, die auf Facebook unter die Diskussion gepostet wurde.

Probleme mit der Medienkompetenz.

Rechtliche Probleme

Dass dies nicht nur eine moralische bzw. arbeitsethische Frage aufwirft, mir der sich dieser Beitrag beschäftigt, sondern auch rechtliche, zeigt folgender Beitrag über Twitter:

In einem Artikel dazu heißt es:

Das Inhalte-Teilen ist allerdings nicht per se illegal. Entscheidend ist, ob die Dateien lediglich dem privaten Umfeld oder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Hier gebe es eine alte Grundregel, sagt Lampmann. „Öffentlichkeit sind diejenigen, die nicht durch eine persönliche Bande miteinander verbunden sind.“

Jeder, der Dropbox häufig nutzt, sollte den ganzen Artikel lesen und sich den Gebrauch in dieser Form nochmals genauer überlegen.

Eine wohlwollende Perspektive

Man könnte nun mehrere Perspektiven darauf haben. Man könnte beispielsweise sagen, dass das doch gut ist. Das es eine Form von Austausch ist, dass jeder vom anderen profitiert (wenn es nicht so ist, wie man in der Gruppe oft lesen kann, dass jemand einfach sämtliche Daten auf seinen Computer zieht und nicht daran denkt, sie zu kopieren, was nach sich zieht, dass wieder eine andere Dropbox aufgemacht wird, bis dasselbe passiert).

Und in der Tat: Heutzutage kann jeder von jedem profitieren. Wenn dies in die Schule weitergetragen würde, ich hielte bezüglich dieses Themas meinen Mund. Wenn also jene, die sich über diese Art von „Arbeit“ den Schülern zugestehen würden, auch so zu arbeiten, also in der WhatsApp-Gruppe die Hausaufgaben zu teilen, sie von GuteFrage.net abzugreifen oder eine Facebook-Gruppe zu nutzen. Das hört sich polemischer an als es ist, denn diejenigen, die digitale Bildung besprechen und darin nicht einen Transfer von analoger Struktur auf digitale, sondern einen grundsätzlich neuen Ansatz sehen, denken in der Tat, dass hier Möglichkeiten bestehen. Aber das Ziel ist ein anders.

Das Ziel eines solchen Austausches unter Schülern wäre es, Fragen zu finden, die nicht vorgegeben sind, Antworten zu diskutieren und abzugleichen und selbst Impulse zu geben, die dann wieder weiterführen. Im besten Fall folgte daraus ein ganz eigenes, neues Produkt.

Aber so ist es nicht. In den Facebook-Gruppen zeigen viele Fragen und eben auch das Verlangen nach Dropboxes für den eigenen Unterricht ein besonderes Verständnis von Unterricht.

Eine ablehnende Perspektive

Unterricht ist da eine Aneinanderreihung von auszuteilenden Blättern, deren Vervollständigung mittels Sammlertrieb dafür sorgt, dass man irgendwann autark ist. Der Schüler wird zu Ausfüllmaschine degradiert, deren Ziel es ist zunächst im Unterricht, dann in der Klausur Kreuze zu machen und die Fragen zu beantworten, die sein Lehrer ihm zuvor als jene Fragen präsentierte, deren Antworten das richtige Wissen nach sich ziehen. Das geht gut. Noch eine Weile. Irgendwann aber, wird – so meine These – der Zeitpunkt kommen, an dem das nicht mehr funktioniert.

Es ist jetzt schon so, dass Schülerinnen und Schüler durch die vielen Möglichkeiten anders lernen als vor ein paar Jahren. Wenn Schüler einmal wissen, welcher Lehrer seine Materialien von wo holt, wird Lernen nichts anderes als ein Detektivspiel. Das ist das Gegenteil von den 4K, die gerade (zu Recht, wenn auch etwas verkürzt) als das Non-Plus-Ultra in der Bildungsdiskussion gelten.

Auf den Punkt gebracht: Jemand, der heutzutage Lehrer werden will, muss zwangsläufig ein Thema selbst aufbereiten können.

Muss eine Einheit planen können. Muss Unterricht so gestalten, dass er auf die jeweilige Klasse, das jeweilige Fach, die Schule und die Zeit zugeschnitten ist. Das ist verdammt viel Arbeit, aber wenn man es geschafft hat, sich reinzubeißen, zu scheitern, neu zu probieren und es jedes Mal ein bisschen besser zu machen, dann ist es das wert.

Eine Relativierung

Zum Abschluss noch zwei Dinge: Jeder, der sich durch einen Blog oder YouTube zu Wort meldet, muss ich zwangsläufig gefallen lassen, dass man ihm oder ihr eine gewisse Arroganz vorwirft. Was hast du zu sagen? Machst du etwa alles perfekt? Vor allem zu dem zweiten Punkt kann ich nur sagen: Um Gottes Willen nein! Auch ich stelle Fragen, plane und bin mir unsicher, Frage Kolleginnen und Kollegen und Schüler. Darum, und ich hoffe, das ist herausgekommen, geht es mir nicht.

Zum anderen: Ist das jetzt der (sowieso zum Scheitern verurteilte) Versuch, alle Fragen, die jemand stellen könnte, als bösen Plagiatversuch hinzustellen? Auch das nicht. Wenn man Schwierigkeiten hat und Impulse sucht, klar kann man dann, ja sollte fragen. Aber irgendwo hört es auch auf, und zwar da, wo jedem klar ist, dass es darum geht, nicht selbst denken zu müssen.

Lehrerinnen und Lehrer sind Menschen, die nach bestem Wissen und Gewissen Kindern und Jugendlichen einen Zugang zu einer Welt geben sollen, in der sich alles immer schneller verändert. Deshalb sollten sie zumindest versuchen, Teil dieser Veränderung zu sein, anstatt ausfüllbare Zettel zu sammeln, die zwar Sicherheit, aber keine Möglichkeiten zur Entfaltung geben.

Der Artikel beruht auf einem kurzen Thread, den ich auf Twitter veröffentlichte.

Wie immer freue ich mich auf eine faire Diskussion. Mir geht es nicht darum, jemanden an den Pranger zu stellen, sondern Impulse zur Selbstreflexion zu geben.

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15 Kommentare zu DISKUSSION: Die Dropboxisierung des Lehrernachwuchses

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  4. Fontanefan sagt:

    Meiner Einschätzung nach ist die Überforderung der Referendare inzwischen so weit gediehen, dass sie, um zum eigenen Reflektieren zu kommen, notgedrungen für einen Großteil ihrer Unterrichtstätigkeit auf Vorreflektiertes zurückgreifen müssen.
    Dass du auf die innewohnende Gefahr aufmerksam machst, halte ich für sehr wichtig.

    • Bob Blume sagt:

      Das freut mich von dir zu hören. Ja, mit geht es um diese Form der falschen Sicherheit. Dass es viel zu tun ist, ist absolut klar…

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  7. Murd sagt:

    Ein sehr guter Beitrag, in welchem ich mich selbst sehr gut im negativen Sinne wiedererkenne. Ich bin im zweiten Jahr des Referendariats und habe schon seit Mitte des ersten Jahres extreme Probleme mich aufzuraffen und eigene Unterrichte zu erstellen. Dies liegt vor allem daran, dass ich mich bei einer komplett selbstständigen Planung total im Detail verzettele und manchmal 6 Stunden für eine Doppelstunde extrem ineffektiv verschwende und manchmal erst am Abend vorher um 23 Uhr die ersten Buchstaben aufs Papier bekomme.
    Die daraus resultierende Angst vor eben dieser Situation verleitet einen sehr schnell, einfach zur Dropbox zu greifen um sich nur noch um die methodische Umsetzung Gedanken machen zu müssen – ein Teufelskreis.
    Ich weiß, dass das eine sehr unreife Verhaltensweise ist und ich eigentlich meine Probleme angehen sollte, jedoch ist die Angst vorm Scheitern und der Blamage sehr groß.

    Meine 2 Cents aus der Sicht eines „Betroffenen“ mit recht hohem Leidensdruck und einer ordentlichen Prise Scham.

    • Bob Blume sagt:

      Ich kenne dieses Verzetteln nur zu gut. Und auch den Stress, ja die Angst, die das mit sich ziehen kann. Ein älterer Lehrer sagte mir mal, dass er in den jungen Jahren in jeder Woche eine Stunde sehr gut gemacht habe. Eine! Aber die dann so, dass er sie (variiert) auch danach noch nutzen konnte. Ich finde nicht, dass du dich schämen musst, im Gegenteil. Dein Kommentar zeigt ja, dass du dein Verhalten reflektierst und die Gründe kennst. Aus dieser Schlaufe kommt man wieder raus und zwar dann, wenn man merkt, dass manchmal mit sehr einfachen Mitteln Stunden anstehen können, die einen selbst und die Klasse motivieren. Und zwar ohne einen Zettel aus einer Box. Darauf lässt sich dann aufbauen.

  8. Landei-NRW sagt:

    Meiner Erfahrung nach hängt es auch sehr von der biografischen Situation des Lehrenden ab.

    Als neuer Lehrer habe ich auch angefangen, alles an Material zu raffen, was es nur gab. Völlig wahllos und frei nach dem Motto: „Am Material soll es nicht scheitern.“

    In den ersten zwei Jahren ging es dann um die Anpassung und Ausarbeitung für die notwendigen Unterrichtsreihen. Leider zu oft schlecht dokumentiert, entsprechend schwimme bis heute noch in zu viel Material, das ich ohnehin kaum sichten kann. Zu diesem Zeitpunkt merkt man dann auch langsam, wie sehr man sich mit diesem Materialberg selbst ausbremst; Stichwort Effektivität.

    Heute(4 Jahre Berufserfahrung) bin ich dabei, den Wust an Material auch gezielt zu entsorgen. Das erfordert dann aber auch entsprechende Erfahrung und Mut, um einfach loszulassen. Mittlerweile halte ich auch die eine oder andere Reihe zum 2. oder gar dritten mal, da weiß man schon sehr gut, was man braucht und was nicht.

    Vermutlich werde ich in 10 Jahren nur noch punktuell austauschen und ergänzen.

    Da ich regelmäßig neue Fächer fachfremd unterrichten darf, geht das ganze Spiel im Grunde bei mir regelmäßig von vorne los, nur dokumentiere ich mittlerweile besser, sodass ein Berg von Material eher im Müll landet.

    Entsprechend halte ich das „Dropboxen“ für eine punktuelle Situation im Laufe einer langen beruflichen Entwicklung.

    • Bob Blume sagt:

      Hallo Landei, ich kann alle deine Erfahrungen 1 zu 1 bestätigen. Der Artikel steht unter dem Eindruck davon, dass Fragen mittlerweile so weit gehen, dass man das Gefühl hat, dass gar kein Versuch der eigenen Erarbeitung mehr unternommen wird. Natürlich ist es legitim, Stoff zu sammeln. Aber dein Beispiel zeigt ja gerade, dass es darauf nicht ankommt. Worauf es aber ankommt, fällt nicht vom Himmel. Das kann man sich nur erarbeiten, indem man eben nicht nur in Dropboxes, sondern auch in aktiven Communities unterwegs ist, diskutiert und Interesse an didaktischen Zugängen hat. Du magst Recht haben und es ist eine Durchgangsstation. Meine Befürchtung ist aber, dass es ein operant konditioniertes Verhalten ist, was man nach dem Referendariat schwer wieder los wird.

      • Landei-NRW sagt:

        Meiner Erfahrung nach besteht die beste und effizienteste Vorbereitung daraus, sich mit ein paar parallel unterrichtenden Kollegen an einem Nachmittag zusammenzusetzen und die Köpfe rauchen zu lassen.

        Nach 2 Stunden stehen in der Regel Reihe, sowie die Grobkonzeption jeder Unterrichtsstunde – ohne stundenlange Recherche in den Materialbergen.

  9. *Danke*
    für klare Worte und die selbstreflexive Selbstbeschränkung: Du sagst was *und* hast nicht den Anspruch, dass es unhinterfragt für alle anderen und immer stimmen muss.

    Deine Gedankengänge decken sich in weiten Teilen mit meinen Wahrnehmungen und Deutungen.

    In diesem Zusammenhang bekommt ein gepflegtes Fachkollegium vor Ort und im Netz Bedeutung für Austausch über Unterrichtskonzepte und kritische Rückmeldungen (die ich gerne erfrage).

    Wünsche weiter fröhliches Unterrichten, lehrreiches Scheitern und Lernen!

    Grüße aus Süddeutschland

    • Bob Blume sagt:

      Sehr gerne. Das ist richtig. Wobei ein kritisches Kollegium eben durch den Input auszeichnet, nicht nur durch den Nutzen. Gruß zurück (in Süddeutschland bin ich doch auch).

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