BLOGPARADE: Im Zwang des Aberglaubens

Beitrag zur Blogparade „Aberglaube“

In der zweiten Staffel der US-Amerikanischen Erfolgsserie „Game of Thrones“ erklärt der ewig nach Macht und Erfolg im Schatten seiner Geschwister strebende kleinwüchsige Adelige Tyrion Lannister in einer Allegorie die Kraft des Glaubens an vermutliche Machtstrukturen:

In einem Raum mit nur einer offenen Tür befinden sich ein König, ein Händler und ein Geistlicher. In der Mitte des Raums befindet sich ein schwerbewaffneter Söldner. Für wen wird er sich entscheiden, oder: Wer wird überleben?

Die Antwort ist so naheliegend wie überraschend. Für jeden und für keinen; der Söldner wird sich für denjenigen Vertreter einer weltlichen, geistlichen oder wirtschaftlichen Macht entscheiden, wenn die Stellvertreter der Macht ihn davon glauben machen, dass die ihre die mächtigste ist.

Dies erscheint simpel, ist es bei genauer Betrachtung aber nicht. Denn die erhoffte Macht, die der Bewaffnete nach seiner Entscheidung erlangt, funktioniert nicht vor der Entscheidung selbst. Durch die Entscheidung zu einer Seite gibt der Söldner so derjenigen Seite die Macht, von der er eine Vermutung hat, die erst zur Gewissheit wird, als er sich entscheidet. Insofern kann sich der Söldner nur für die richtige Seite entscheiden. Dabei ist es aber wichtig, dass er Söldner ist und kein Philosoph oder mündiger Bürger. Denn der Antrieb bleibt ja das Verlangen nach Macht. Die Entscheidung, sich nicht zu entscheiden, ist nicht gegeben, solange der Antrieb über die Erlangung fehlt.

Was hat diese lange Vorrede nun mit dem Aberglaube zu tun?

Kurz zusammengefasst gibt es drei Herangehensweisen an den Aberglauben; diese fasst der Brockhaus[1] so zusammen:

In seiner allgemeinen Bedeutung ist der Aberglaube ein „Führwahr-Halten“ von Anschauungen, oder an „naturgesetzlich unerklärliche Kräfte“ bezeichnet.

In der Religionslehre hingegen hat der Aberglaube auch Züge von „Abwertungsaussagen“ über andere Glaubensformen.

Die Volkskunde beziehe den Begriff in den Volksglauben ein. Sie treten als tradierte Überlieferungen über Zauberei und Hexen in Fabeln, Märchen und ähnlichen literarischen Texten auf.

Die letzte Bezugnahme kommt aus der Psychologie:

„(Sie) sieht die Begründung für die mannigfaltigen Formen des modernen A. (sic) der modernen Gesellschaft in den Motiven der Angst und des Glücksverlangens und versteht sie als Ausdruck des Wunschdenkens und des Sicherungsbedürfnisses.“

Alle vier Herangehensweisen sind auf das „Söldnerbeispiel“ anwendbar. Erst das „Fürwahr-Halten“ lässt den aufgrund seines „Wunschdenkens“ beeinflussten Söldner eine Entscheidung treffen, die ihn an eine Macht glauben lassen, die zumindest gesetzmäßig nicht fassbar ist. Höchstwahrscheinlich beruht eine jede Argumentation der Stellvertreter der verschiedenen Mächte auf der „Abwertungsaussage“ der anderen Macht. Vorstellbar ist auch durchaus die Entscheidung, die durch „Motive der Angst“ katalysiert wird.

 

Die im Titel der Blogparade enthaltene Aussage, die den Aberglauben als Antithese gegen die „Welt des Zufalls“ stellt, ist als Behauptung insofern in doppeltem Maße zutreffend. Der Wunsch nach einer auf einen selbst zurückfallenden Wirkung dessen, an das der Abergläubige glaubt, lässt ihm die Hoffnung, die Willkür der Begleitumstände entgegenwirken zu können. Ist die erwünschte Wirkung des Aberglaubens erfolgt, ist dem Zufall oder dem Schicksal ein Schnippchen geschlagen. Zumindest scheinbar. Denn ob eine irgendwie geartete Wirkung tatsächlich meinen Aberglauben als Ursache hat, dass kann ich nicht nachprüfen; mehr noch: Aberglaube ist in einem solchen Maße opportun, als dass jede Wirkung begründet werden kann.

Die Zwickmühle zeigt sich deutlich in mitteralterlichen „Hexentests“ wie sie im Hexenhammer des Dominikaners Heinrich Krämer legitimiert werden: Ist die Hexe eine Hexe kann sie auch gefesselt schwimmen – und stirbt. Kann sie es nicht, ist sie keine  – und stirbt auch.

Die Macht des Aberglaubens liegt in der Schwierigkeit, ihn für denjenigen, der ihm nachhängt, zu widerlegen. Das ist es auch gleichzeitig, was den Aberglauben gleichzeitig so attraktiv wie gefährlich macht.

Gefährlich ist der Aberglaube, weil er suggeriert, dass etwas als Ursache einer Überzeugung zutrifft, die nicht nachweisbar ist. Seine Monokausalität lässt keinen Platz für alternative Möglichkeiten.

Dies macht ihn aber auch attraktiv, nämlich für diejenigen, die von dem auf sie gerichteten Aberglaubens profitieren. Und das sind in der modernen Gesellschaft viele. Es sind nicht mehr (nur) die Könige, Geistliche und Händler, die versuchen, die nach Macht und Gewinn strebenden Söldner davon überzeugen wollen, dass der auf sie ausgerichtete Glauben der einzig richtige ist.

Der moderne Aberglauben baut auf der tiefen Überzeugung von einer durch Kapital erworbenen Macht auf, sei diese hergestellt durch neue Mobiltelefone oder eine Vermehrung des Kapitals.

Im zweiten Teil des Faust weist Mephistopheles auf diese Kunst der Einflussnahme hin:

Mephistopheles:

Wie sich Verdienst und Glück verketten

Das fällt den Toren niemals ein;

Wenn sie den Stein der Weisen hätten

Der Weise mangelte dem Stein.

Der Scherz des bösen Teufels ist, dass sein Verdienst eben die ungünstige Verkettung ist, um die Toren von dem Glauben an den Schein zu binden. Auch hier zeigt sich die Attraktivität des Aberglaubens gegenüber eine streng abwägenden Ratio, die versucht, aufgrund von Vernunft ein Urteil zu fällen, dass es auch Ereignisse in Erwägung zieht, die sich dem Einfluss des Einzelnen entziehen.

Der Abergläubige lässt sich von der Macht des Scheins, von wo auch immer er kommt, blenden und sorgt so für die Erfüllung seiner eigenen Prophezeiung. Insofern widerspricht sich Vernunft und Aberglaube zutiefst. Denn derjenige, der  nicht an die Formen des Aberglaubens glaubt kann nicht gleichzeitig gezwungener Söldner sein.

Man könnte einfach die Tür nehmen und die drei Mächtigen an mangelnder Unterstützung ihres erfundenen Aberglaubens zugrunde gehen lassen.

 

 

 

 

 


[1] Dtv-Brockhaus-Lexikon in 20 Bänden. Band 1: A-Auf. Wiesbaden 1984.

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Ein Kommentar zu BLOGPARADE: Im Zwang des Aberglaubens

  1. Hallo,
    vielen lieben Dank für den Beitrag zur Blogparade. Passt gut zur Ausstellung, wo auch alle drei Aspekte – die Psychologie, die Religion und natürlich die Volkskunde behandelt werden. Interessant ist natürlich, dass man die Objekte nicht ausschließlich einem Feld zuordnen kann. Beinahe alle ausgestellten Objekte haben sowohl einen psychologischen als auch einen religiösen oder volkskundlichen Hintergrund.
    Liebe Grüße
    Christoph

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