REZENSION: Digitaler Deutschunterricht

 

Medienexperte, Dozent und Lehrer Philippe Wampfler

Zunächst das Wichtigste: Philippe Wampflers „Digitaler Deutschunterricht. Neue Medien produktiv einsetzen“ ist vor allem eines: Erkenntnisreich, durchdacht und gewinnbringend zu lesen. Für diejenigen, für die Begriffe PLN, Filterblasen oder die 4K Fremdwörter sind, ist es zunächst auch eine Herausforderung. Und überhaupt: Die Herausforderung, die sich nach der genauen Lektüre ergibt, ergibt sich vor allem darin, seinen eigenen Unterricht nicht auch nur ein wenig zu verändern. 

Eine Vorbemerkung

Schon als bekannt wurde, dass der Medienexperte Philippe Wampfler ein neues Buch veröffentlichen wurde, war ich interessiert. Dies liegt nicht nur daran, dass schon Bücher wie „Generation Social Media“ einen unverkrampften, sachlichen und vor allem lustvollen Zugang zu den digitalen Medien und den in ihnen zu findenden Sphären gewährten, sondern vor allem deswegen, weil man Wampfler bei seinem Tun über die Schulter schauen kann – man kann also das tun, zu dem Wampfler selbst  alle Deutschlehrer auffordert: Lurken, also jenen, die sich in den Medien bewegen wie Fische im Wasser, über die Schulter schauen.

„Effekte nicht addieren, sondern in der Verschmelzung einen Zusatznutzen finden.“

Insofern las ich das Buch zunächst zweidimensional: Während eine Perspektive aus der Erinnerung an zahlreiche Diskussionen entsprang, die auf Twitter und Facebook zu den verschiedenen Themen geführt wurden, versuchte ich die andere aus der Warte eines der digitalen Kultur gänzlich fremden Deutschlehrers zu imaginieren (was zugegebener Weise aufgrund der eigenen Social-Media-Nutzung nicht besonders leicht ist).

Lange ging dies nicht gut. Denn neben der theoretischen und der imaginierten Perspektive, kam schnell der Praktiker hinzu, der sich von dem Buch inspirieren ließ. Und das nicht nur vor dem Hintergrund der zahlreichen Vorschläge, wie man die digitalen (Jugend-)Welten gewinnbringend in den Deutschunterricht integrieren, ja, einen gänzlich anderen Deutschunterricht kreieren kann. Sondern auch, was die Herangehensweise und die theoretischen Grundlagen des Buches betrifft.

Digitale Medien stehen im Zentrum des Deutschunterrichts, sie sind es, worum es geht.

Struktur des Buches

Das Buch, welches mit etwa 150 (allerdings prall gefüllten) Seiten innerhalb weniger Stunden zu lesen ist, ist in drei Kapitel aufgebaut. Während in den einleitenden Bemerkungen vor allem Bezug auf die zahlreichen Kritiker und den, wie es dort heißt, noch vorherrschenden „Verhinderungsdiskurs“ Bezug genommen und die wichtigsten (und vor allem lähmenden) Argumente entkräftet werden, werden im zweiten Artikel die „Grundlagen digitaler Arbeit im Deutschunterricht“ besprochen und dienen als Rahmen, um die folgenden „Projekte und Unterrichtsideen“ in eine Konzeption zu betten, bei der die Arbeit mit, über und durch digitale Medien mehr ist als eine Erweiterung.

Eckpunkte

Wampflers Buch bildet das ab, was es vom Deutschunterricht fördert: Indem  seine Beschreibungen des Status Quo und der neuen Zielrichtung, auf die sich ein der Gegenwart entsprechender Deutschunterricht orientieren sollte, auch Dimensionen und Zugänge von Kulturtheorie und Gesellschaftstheorie einbinden, ist das Buch selbst eine Art best practice Beispiel. Deutschunterricht und dessen Gegenstände sind und sollen mehr sein als die Abarbeitung an einem tradierten Normenkanon.

Kurzfristig müssen Lernumgebungen demokratischer und unter Einbezug der Lernenden gestaltet werden.

Dabei ist Wampfler kein Dogmatiker. Es geht ihm nicht darum zu zeigen, dass alles Digitale besser ist. Es geht aber eben auch um mehr als um den Nutzwert von Tools. Indem er die Nutzung digitaler Plattformen, Werkzeuge und Methoden normalisiert, die Kritik relativiert, bestehende Axiome dekonstruiert und in klarer, sachlicher und auf neuesten empirischen Grundlagen beruhender Argumentation systematisiert kann man zu jeder Zeit die Gedankengänge nachvollziehen, die weniger auf den Wunsch nach Tabletklassen hinauslaufen, sondern auf einen gänzlich neuen Zugang, eine zeitgemäße Bildung, die digitale Möglichkeiten insofern ernst nimmt, als dass sie nicht eine Erweiterung eines starren Unterrichtskonzepts folgen, sondern den Unterricht selbst nach außen und innen öffnen und in ein individuelles Lernnetzwerk überführen.

Warum kein Spiel als Erweiterung von Literatur?

 

Kritik

Durch die schon angesprochene sehr saubere Argumentation gelingt es Wampfler, Kritik an seinem Ansatz zu erschweren. Das ist durchaus positiv gemeint. Gerade wenn man Wampflers Ansatz einer offenen, auf Eigenverantwortung, Kollaboration und Kreativität beruhenden Bildungsbegriff ein wenig kennt, weiß man, dass es hier um mehr geht als um Computer im Deutschunterricht. Das bedeutet aber gleichsam, dass sich Wampfler eben nicht bei der Endlosdiskussion darüber aufhält, ob nun die Nutzung von WhatsApp problematisch sein könnte (eine Diskussion, bei der er klar auf der Anwenderseite argumentiert).

Lernende dürfen zur Toilette, wann sie wollen, sie dürfen tragen, was sie wollen – und sie dürfen sich Notizen machen und recherchieren, wie sie wollen.

Wenn man kritische Aspekte herauspicken sollte, würde man wohl dort ansetzen müssen, wo es darum geht, was eine durch seine Anforderungen modellierte Lehrperson zu leisten hat. Sind alle im Stande, sich den digitalen Gegebenheiten anzupassen? Muss sich jeder online exponieren? Ist eine Unterrichtsführung auf Augenhöhe, wie Wampfler sie fordert, für jeden leistbar oder überhaupt erstrebenswert?

Aus zumindest einem persönlichen Gespräch weiß ich, dass Wampfler es leid ist, sich den ewigen „Nörglern“, die es zwangsläufig gibt, zu ergeben. Hier argumentiert jemand, der weiß, dass das digitale Zeitalter begonnen hat und dass es nicht darum ankommt, ob das durch einige immer noch ignoriert wird. Sondern darum, Schülerinnen und Schülern mit einem alle Bereiche des Lernens umfassenden Konzepts auf ein Leben vorzubereiten, bei dem die Unterscheidung zwischen on- und offline zunehmend redundant wird.

Und sonst?

Das Buch ist utopisch und revolutionär. Beides im positiven Sinne der Begriffe. Es werden sich viele Abers finden, doch es wird darum gehen, die Trotzdems zu finden.

Die verschiedenen Themen, die Wampfler in diesem eigentlich dünnen Büchlein streift, würden es allesamt verdienen, sich noch eingehender mit ihnen zu befassen. Ob es nun die Kritik an den Verhinderungsdiskursen geht (denen alle digital affinen Lehrer ausgesetzt sind), das Erlernen von Kulturtechniken (im Gegensatz zu einer Verengung auf Schullektüren)

„Dieses Buch geht davon aus, dass die Digitalisierung den Kern sprachlichen Lernens betrifft und verändert.“

oder eben zahlreiche praktische Ansätze, die das Buch liefert – vom Twittern aus der Perspektive einer Literaturfigur oder der Analyse von YouTube-Videos: Das Buch ist eine -durchaus streitbare – Fundgrube.

Nach nunmehr der Lektüre von einigen (Standard-)Werken der Digitalisierung, meine ich sagen zu können: Dieses Buch sollte nicht nur in jeder Lehrerbibliothek stehen, sondern Bestandteil der Lehrerausbildung sein, da es einen grundlegenden neuen Ansatz erprobt und sich nicht davor fürchtet, Altbewährtes zu hinterfragen oder sogar komplett abzulehnen.

Und falls man tatsächlich nicht von den Thesen, den Ansätzen und den praktischen Beispielen überzeugt ist, die sich hier finden, kann man den Autor immer noch persönlich kritisieren oder nachfragen. Das ist nicht nur möglich, sondern auch immer wieder gewünscht in dieser „post-digitalen“ (Vgl.S.24) Gesellschaft, in der wir leben.

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4 Kommentare zu REZENSION: Digitaler Deutschunterricht

  1. Yara Ohrt sagt:

    Deine Rezension klingt danach als ob dieses Buch für jeden Lehrer und nicht nur Deutschlehrer interessant wäre. Stimmt das?

    • Bob Blume sagt:

      Der dritte, also der praktische Teil, ist schon auf Deutsch- oder zumindest Sprachenunterricht ausgelegt. Aber auch für den Rest lohnt es sich und der ist, in der Tat, für viele Lehrer interessant…

  2. Janek sagt:

    Wenn ich dich richtig verstehe, sollte man also die Bezugnahme auf den Deutschunterricht nicht als Einschränkung ansehen, sondern es als überfachlich bedeutsames Werk begreifen? Es hört sich jedenfalls im Allgemeinen interessant für verschiedenste geisteswissenschaftliche Fächer an! Danke für die aussagekräftige Rezension. 🙂

    • Bob Blume sagt:

      Ja, richtig. Wampfler begreift das Fach eher als eine Art Kulturwissenschaft, deren Schwerpunkte sowohl innerhalb literarischer Werke, Geschichte und Epochen als eben auch auf gegenwärtige Tendenzen der Gesellschaft gesetzt werden können. Danke!

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