Der Titel mag dem einen oder anderen merkwürdig vorkommen. Eine Deutungshypothese für einen ganzen Roman? Nun, in dem Fall ist dieses Schaubild organisch aus einer Diskussion mit dem Deutschleistungskurs entstanden und ist fürs Erste in der Tat nicht mehr als eine Hypothese, mit der der Roman im besten Fall besser verstanden werden kann. 

Seit Kurzem gibt es hier ein Beispiel einer literarischen Erörterung anhand von „Der Verlorene“.

Anmerkung zum Prozess

Die Eigentliche Aufgabenstellung war eine handlungsfähige- und produktionsorientierte: Es ging darum, auf der Grundlage jener Bilder, die der Ich-Erzähler beschreibt, aus der Ich-Perspektive über die Gefühle zu schreiben. Die Erkenntnisse aus dieser Arbeit, auf auf Skizzen dieser Bilder basierte, waren vielfältig:

  • Alle Ergebnisse zeigten einen Ich-Erzähler, der seine Marginalisierung bemerkt.
  • Unterschiede lagen in der Art und Weise der Reflexion: In einigen Versionen vermag der Ich-Erzähler seine Randstellung in der Familie zu reflektieren, in anderen beschreibt er (wie im Roman) nur einen Zustand, nicht aber dessen psychologische Auswirkung.

Die Aufgabe führte also zu zwei grundlegend unterschiedlichen Gegenstand: Der eine war die Erkenntnis darüber, dass der Ich-Erzähler von Wut und Traurigkeit beherrscht wird (Was). Der andere war, dass der Ich-Erzähler in den meisten Fällen nicht in der Lage ist, diese zu artikulieren (Wie).

Aus diesem Grund war die weiterführende Fragestellung, inwiefern nicht den gesamten Roman eine Folge von Andeutungen bestimmt, die den Kern des Gesagten aussparen. Mehr noch: Ob nicht die Handlung angetrieben und vorangetrieben wird durch eine sich bedingende Systematik.

Die Antwort auf diese Frage ergab das folgende Modell, das an dieser Stelle kurz erläuterte werden soll:

Das Modell heißt „Handlungsspezifische Deutungshypothese“, weil es eben nicht um Motive oder Themen, sondern um den Fortgang der inhärenten Geschichte geht. Der Konflikt in der Mitte ist eben jene Suche nach dem Verlorenen, die aber gleichzeitig auf dem Trauma der Vergewaltigung der Mutter basiert. Die damit  behaftete Scham kann nicht artikuliert werden. Mehr noch: Jede der Figuren hat Probleme damit, ihre eigenen Unzulänglichkeiten überhaupt zu sehen. Sie scheitern also in der Reflexion. Dies führt dazu, dass sie ihre Probleme nicht ansprechen können. Das Kommunikationsdefizit wird durch das Reflexionsdefizit bedingt.

In der Folge brechen sich Handlungen bahn, die als Kompensationshandlungen verstanden werden können. Ob es nun passive Handlungen sind (z.B. dass sich der Ich-Erzähler erbricht, also eine psychosomatische Störung) oder aktive Handlungen (das stetige Weinen der Mutter): Es geht immer um Prolemlösungsstrategien. Diese wirken sich allerdings auf die anderen Figuren aus, haben also wieder die Form eines neuen Konfliktes.

Ein Schüler fügte an, dass das Dominanzverhältnis innerhalb der Familie zusätzlich problematisch ist, weil der Ich-Erzähler gar nicht die Möglichkeit hat, dieser Spirale aus Konflikten und gescheiterten Lösungsprozessen zu entweichen.

Das also die Hypothese: Die Handlung wird durch einen sich selbst bedingenden Prozess vorangetrieben und ist ein stetiges Scheitern an diesem Prozess. Wir werden sehen, ob dich diese These inhaltlich bestätigen lässt oder sogar als äußerer Rahmen der Machart des Romans genutzt werden kann. Der Kurs und ich freuen uns über Rückmeldungen, ob unserer Erarbeitung vielleicht neue Erkenntnisse anstößt.

 

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