Leistung einzufordern erscheint schon ultrakontrovers. Und mit dieser These reiht mich so mancher Leser wahrscheinlich in die Riege der konservativen Bildungsbewahrer. Mittlerweile bin ich mir gar nicht mehr so sicher, ob das vielleicht stimmt. Der Punkt ist: Wenn wir weiter so tun, als sei Schule der Ort, an dem es jedem Recht gemacht werden müsse, erziehen wir Kinder zur Verantwortungslosigkeit.

Bildungsgerechtigkeit, Noten und G8

Obwohl einige meiner schärfsten Kritiker nicht mehr mit mir diskutieren, erscheinen einige Anmerkungen angebracht, bevor es um die Hauptthese geht. Nur um sicherzugehen, dass ich nicht der Teufel persönlich bin. Zunächst einmal: Bildungsgerechtigkeit sollte die Bedingung von schulischer Bildung sein. Stark verkürzt bezieht sich das auf das pars pro toto des Elternhauses. Der soziale Kontext sollte nicht für den Bildungserfolg der Schüler*innen verantwortlich sein. Wie das zu schaffen ist, entzieht sich sowohl meiner Kenntnis als auch einer vorsichtigen Vision: Da Konsens in der Forschung darüber herrscht, dass es an der frühkindlichen Bildung liegt, ob ein Kind später gut genug lesen, schreiben, rechnen und kommunizieren kann, ist die Förderung der Ausgangsvoraussetzung wohl aber auch nicht die Aufgabe von weiterführenden Schulen.

Dass diese dennoch fördern müssen und sollen, sofern sie können, ist auch ein Allgemeinplatz. Dennoch steht nach all der Förderung, Erklärung, Ergänzung und dem Lernen die Zensur am Ende jeglichen Prozesses. Viele Lehrpersonen, die sich „progressiv“ geben, lehnen diese ab. Dazu zähle ich mich auch (paradoxer Weise trotz einiger eher konservativer Ansichten). Der große Unterschied liegt darin, was die Konsequenz einer solchen Ablehnung ist. Während die einen sagen, dass dies bedeutet, mit guten Noten zu klotzen, erklären die anderen, und dazu zähle ich mich, dass Fairness auch in Benotungen liegt, die weit unter dem sind, was schulisch als „ausreichend“ gilt. Wenn wir Noten in ihrer Rückmeldefunktion ernst nehmen und wenn die bloße Zahl nicht die einzige Rückmeldung ist, die Schüler*innen erhalten, dann sollten sie das volle Spektrum abbilden können. Und dazu gehört, dass man ein Produkt, eine Aufgabe, einen Aufsatz komplett ungenügend bewertet.

Verkürzt könnte man sagen: Selbst wenn man Noten ablehnt, ist es falsch, diese nicht so ernst sie möglich zu nehmen. Auch dieser Satz ist heute schon kontrovers. Auf Twitter gab es die Antwort, dass jemand immer versuche, das bestmögliche für seine Schüler „rauszuholen“. Ja, was denn sonst? „Rausholen“ kann aber nicht ersetzen, dass eine eigene Leistung erbracht werden muss. Aber dazu später mehr.

Und schließlich das G8: Mittlerweile glaube ich, dass die verkürzte Schule die schlimmste Entscheidung ist, die getroffen werden konnte. Alles, was unter die Bereiche der ganzheitlichen Persönlichkeitsbildung fällt, kann im Prinzip nur noch durch AGs und Kurse abgebildet werden. In den Fächern heißt es: Reinhauen, damit alles, was lehrplanmäßig vorgeben wird, thematisiert werden kann. Und auch das ist nur dann möglich, wenn in den Jahren zuvor die Grundlagen gelegt worden sind. Wenn man sich vor Augen hält, dass ein Drittel der Studenten den Bachelor abbrechen und viele Abiturienten, wenn die Geldbörse (der Eltern) es hergibt, ins Ausland gehen oder ein freiwilliges soziales Jahr machen, dann fragt man sich, inwiefern dieses verkürzte Jahr wirtschaftlich von Nutzen sein soll.

Alles in allem kann man also durchaus konstatieren: Es geht nicht gerecht zu, wozu Noten beitragen und der Druck wird durch die Verkürzung noch völlig unnötiger Weise erhöht.

Leistung und Ehrgeiz

Zur möglicherweise kontroversen These, die, wieder einmal, auf anekdotischer Evidenz begründet ist: Wer ehrgeizig ist, schafft auf jeder deutschen Schule das Abitur. Weder Talent noch Motivation ist vonnöten, wenn man letzteres überhaupt vom Ehrgeiz abziehen kann. Sehr wahrscheinlich gibt es weitere Grundlagen, aber nehmen wir diese drei: Talent, Ehrgeiz, Motivation. Da, wo sie vorhanden sind, wird ein sehr gutes Abitur herauskommen. Dort, wo sie nicht vorhanden sind, wird es schwierig. Damit auch hier so wenig Missverständnisse wie möglich aufkommen: „Talent“ bedeutet an dieser Stelle so viel wie „Veranlagung“. Manche „können“ einfach besser rechnen als andere, ohne dass sie lange dafür üben müssten. Wenn aber diese Veranlagung nicht gegeben ist und auch nicht der Wunsch besteht, sich zu verbessern, dann kann man nicht erwarten, bis zum Abitur zu spazieren.

Der Punkt ist: Auch Jugendlichen muss etwas zugemutet werden. Jeder, der weiß, wie Essen schmeckt, wenn man zuvor einen Berg bestiegen hat; der weiß, wie man die Sicht genießen kann, wenn die Anstrengungen des eigenen Körpers einen an den Punkt der Betrachtung gebracht haben. Kurz: Jeder der das Glück der süßen Erkenntnis kennt, weiß, dass Anstrengung nicht nur wichtig, sondern überhaupt nötig ist, um das eigene Bewusstsein zu schärfen und zu neuer Erkenntnis zu kommen. Dass diese Bewertung gerade mit Noten schwierig ist, davon brauchen wir nicht zu sprechen. Oder anders: Ich unterstütze jeden, der über Alternativen nachdenkt. Dennoch bietet das Leistungsspektrum von mündlichen Noten einen wichtigen Punkt ab.

Er kann als Beispiel dienen, mit welchem Missverständnis (manche/ viele) Schüler*innen und Eltern (ihre) Leistungen beurteilen. In der Beschreibung einer ausreichenden Note heißt es beim Lehrerfreund:

„Nur gelegentlich freiwillige Mitarbeit im Unterricht. Äußerungen beschränken sich auf die Wiedergabe einfacher Fakten und Zusammenhänge aus dem unmittelbar behandelten Stoffgebiet und sind im Wesentlichen richtig.“

Wir halten fest: Bei einer ausreichenden Note, die in der Oberstufe 5 Punkten entspricht, handelt es sich um eine Leistung. Zwar ist es eine „Wiedergabe“, aber diese ist eben vorhanden und richtig. Und zwar „gelegentlich“. Mit anderen Worten: Wenn jemand aktiv am Unterrichtsgeschehen beteiligt ist und sich wie es hier dargestellt wird bemüht, erbringt er eine Leistung, die mit 5 Punkte bewertet wird. Bloße physische Anwesenheit und gelegentliches Atmen sind dabei nicht eingeschlossen.

Das Problem an Kompetenzorientierung und Agilität

Sowohl Kompetenzorientierung als auch agiles Arbeiten sind, wenn sie erst genommen werden, sehr gute Ansätze für eine prozessorientierte Arbeit. Aber man kann sich nicht nur hinter beidem verstecken, sondern beides kann auch problematische Konsequenzen haben.

Zunächst eine problematische Konsequenz der rhetorisch geschulten Lehrkraft: Jeder, der online und offline mit Schule, Unterricht und Bildung beschäftigt ist, so mutmaße ich, ist in der Lage, schlechten Unterricht rhetorisch so aufzuplustern, dass es sich nach einer gewinnbringenden Sache anhört. Das ist fatal und erfordert von Lehrkräften sich zu hinterfragen: Ist das, was ich tue, tatsächlich gewinnbringend? Oder hört es sich nur so an? Ist meine Konzeption nur als Idee gut? Oder erbringt sie tatsächlich erfolge? Eine solche Selbstreflexion ist nötig und kann schmerzhaft sein.

Diesem möglichen Schmerz muss man sich aber stellen, gerade dann, wenn man als Experte für eine bestimmte Unterrichtsform gilt, die gerade in Mode ist.

Nehmen wir das Beispiel Agilität: Agiles Arbeiten kann, wenn man es richtig umsetzt – man muss sagen: umsetzen lässt – ungemein produktiv und sinnvoll sein. Selbstständiges Arbeiten wird gefördert, Verantwortung übernommen, Zusammenarbeit gestärkt. Gleichzeitig könnte man schlechten Unterricht aber auch einfach agil nennen. Schwups, mit der neuen Marke lässt es sich besser verkaufen, dass ich nichts mehr vorbereite.

Neben diesen rhetorischen Finessen hat die Kompetenzorientierung aber noch eine ganz andere Problematik. Sie führt teilweise in so starke Partikularisierung, dass nichts Ganzes mehr entsteht. Beispiel: Sprachen. Die in den Schulbüchern abgebildete Kompetenzorientierung führt dazu, dass jeder noch so kleine Text „nutzbar“ gemacht werden muss. Das „unnütze“ Wissen, jenes also, das ganz zufällig zum Gedanken anregt, fehlt. Das „Wissen“, das vielleicht Jahre brach liegt, aber dann aufgenommen werden kann, wenn man es gar nicht mehr vermutet. 

Es fehlt die schöne Redundanz, die sich ergibt, wenn man beispielsweise ein ganzes Werk liest. Und damit sind wir bei der nächsten Kontroverse, erscheinen doch kanonische Werke vielen als Überkommen. Entweder will man den „Faust“ ganz abschaffen, oder man schreibt über den Werther, indem man in „ganz modern“ lächerlich macht:

Werther versinkt langsam im eigenen Gesülze über die Frage, ob er eines Ehrenmannes Frau ausspannen soll oder nicht.

„So geht Deutschunterricht!“ heißt es dann in dem Titel Der NZZ. Wer diesen Blog kennt, der weiß, dass es bei der kritischen Bewertung von solchen Zugängen per se ist. Aber der Punkt ist: Schüler*innen haben das Recht darauf ge- und überfordert zu werden. Sie haben das Recht darauf, Dramen, Romane und lyrische Texte in ihrer Historizität kennenzulernen. Sie haben das Recht darauf, das Gefühl kennenzulernen, das sich nur ergibt, wenn man sich in etwas hereingebissen, es unter Anstrengung umgewälzt und es dann verstanden hat.

Die übernommene Verantwortungslosigkeit

Ganzheitlichkeit, Zusammenhänge, Struktur – all das gerät in Verruf, ist nicht mehr modern. Oder anders gesagt: Alles wird in Kompetenzschnipsel zerstückelt, die auf dem Silbertablett serviert werden: Herr Schüler mag keinen ganzen Text lesen? Hier ein Snack, da ein Video und bitte nicht überfordern, denn beides ist sowieso schon so alt, das es schon gar nicht mehr lohnt.

Überhaupt: In vielen Ansätzen über die „digitale Bildung“ scheinen die Ausführungen seltsam entkernt. Die wichtigste Frage: Warum überhaupt? versinkt in Geschwafel über 21. Century Skills, deren Konkretisierung ein weiteres Mal entkernt sind. „Kritisches Denken“ kann man nur lernen, wenn Substanz vorhanden ist. Und Substanz bedeutet der Umgang mit Neuem, Schwierigen, Widersprüchlichem. Das Lesen eines zusammenhängenden Textes, der schwierige oder „altbackene“ Wörter beinhaltet, von vorne bis hinten, schult nicht nur die Lesekompetenz. Er erweitert den Geist, macht Neues fassbar. Dabei ist es übrigens herzlich egal, in welcher Form ein solcher Text vorliegt.

Modern ist aber das Schnipseln. Die visualisierte Täuschung mithilfe von digitalen Vorlagen. Konkret: Einer Schülerin, die über 12 Jahre Texte gelesen habe, kann ich in 5 Minuten zeigen, wie ich einen kurzen Text mithilfe von Adobe Spark visualisiere. Aber andersrum geht das nicht.

Hätte ich freie Hand würde ich das Experiment wagen, zwischen allen Schulwochen, die ein Schuljahr hat, ein Buch zu lesen. Natürlich altersangemessen, natürlich geschlechtergerecht, natürlich global relevant. Aber eben: Keine herausgearbeiten Kompetenzen, nichts weiter. Auch hier: Ich würde sicherlich Filme machen lassen, Hörspiele, Memes – all das! Geschenkt! Aber ab und an würden wir in Englisch, auf Deutsch in Geschichte über Passagen sprechen und schreiben. Und nach einem Jahr würden wir schauen, wie gewinnbringend das war. Diese Zeit haben wir nicht.

Stattdessen wird alles kleiner und kürzer. Schnipsel bis zu dem Punkt, an dem es für Schülerinnen im Deutschkurs geradezu eine Anmaßung wird, wenn sie als Hausaufgabe eine ganze Interpretation schreiben müssen.

Wenn ihr über Jahre in der Schule lerne, dass es nur um das Abarbeiten von Schnipseln geht, die dann bewertet werden, dann ist jede Form der ernsthaften Beschäftigung redundant. Und dann kommt die Frage nach dem Nutzen: Wofür brauche ich das? Ein so offensichtlicher Frame, dass er nicht mehr hinterfragt wird. Wenn die Kompetenz wichtiger ist als der Inhalt, dann geht es nur noch ums Können. Holocaust, egal, ich KANN eine Quelle interpretieren. Also eine andere, aus einer anderen Zeit, egal.

Der Bildungsbegriff wird zur Geisel der Nutzbarmachung. Der Gedanke, dass Bildung auch dafür da ist, etwas zu tun, NACHDEM man nach Hause kommt, scheint abwegig. Dass Bildung bedeutet, Möglichkeiten zu haben, gegen die man sich entscheiden kann. Das Kennenlernen der Vielfalt, der Setzung des eigenen Ichs in einen größeren Zusammenhang. Stattdessen glauben wir die Mär der „Beschreibung dessen, was ist.“ Wir setzen und mit dem Auseinander, was die Jugend uns vorgibt, um sie ja nicht mit Komplexität oder Menge zu überfordern.

Dazu passt digitale Bildung ganz gut. Als letzten Schritt müssen wir nur noch die Inhalte komplett von den Formen ablösen: Gestalte ein Slow-Motion-Video über irgendwas. Was ist egal.

Die Entfernung schreitet voran mit Sätzen, die angeben, dass man ja heutzutage alles googeln könne. So naiv dieser Irrtum ist, so richtig ist er in seiner Falschheit. Wenn ich nicht weiß, was ich nicht kenne, kann ich es zwar nicht googeln. Aber wenn ich nicht weißt, dass ich es nicht kenne, weiß ich auch nicht, dass ich es nicht googeln kann. Praktisch.

Referenzierung ist out, genau wie das Lernen des sogenannten „toten Wissens“. Das Propagieren sogar jene, die sich dann später darüber echauffieren, dass Studenten nicht zitieren können. Verzeihung, nicht mal sinnentnehmend lesen. Keine Daten wissen. Kann man googlen. Mit solchen Behauptungen stärkt man eine Verantwortungslosigkeit, die dann übernommen wird und Lehrerinnen und Lehrern auf die Füße fällt.

Die Noten sind zu schlecht, die Texte waren zu schwer, zu alt, zu komplex und überhaupt, wieso gab es kein leckeres Dessert für alle, die die Hausaufgaben gemacht haben?

Anstelle eines Fazits

Zwei Fragen bleiben unbeantwortet: Was zum Teufel ist eigentlich der Punkt dieses ausschweifenden Essays? Und: Kann man nicht beides miteinander versöhnen, das Komplexe und das Neue?

Zunächst: Essays haben per definitionem keinen einzelnen Punkt. Deshalb steht man als Leser immer vor der Frage, ob man selbst, wenn man nicht alles verstanden hat, zu blöd ist oder der Autor es nicht geschafft hat, sein Anliegen klar zu machen. Ein kleiner Tipp: Damit, dass die anderen Schuld sind, kann man heutzutage immer ganz gut fahren. Insofern verspreche ich, mich beim nächsten Mal zu bessern. Vielleicht schreibe ich eine Liste oder mache ein schönes Schaubild.

Zum anderen: Puh, schwierig. Wir brauchen auf sehr vielen Gebieten Mut. Wir brauchen Mut, den Kontrollverlust, der durch die digitale Transformation zwangsläufig entsteht, anzunehmen. Wir brauchen Mut, uns auf neue Formen von Unterricht und Bildung einzulassen.

Aber, das große Aber, wir brauchen auch Mut uns daran zu erinnern, das die Erkenntnis in den meisten Fällen nicht von den Bäumen fällt. Und dass man als Lehrperson neben der Förderung eben auch fordert. Und das fordern beinhaltet, dass man scheitert. Und das Scheitern Möglichkeiten des Lernens beinhaltet.

Fröhliches Scheitern miteinander.

3 KOMMENTARE

  1. Danke dir für diesen wertvollen Beitrag, er artikuliert viele meiner Gedanken gegenüber Bildung und Schulsystem, die häufig unterbewusst in mir schwirren.

    Ein paar kleine Ergänzungen aus meiner bescheidenen Perspektive:

    Dass 4er fast überall verschenkt werden, ist meiner Beobachtung nach leider gängige Praxis. Ich selber ertappe mich aber auch dabei, vielleicht zuweilen zu gnädig zu sein und auch bei Schweigern noch ein ausreichend zu geben, wenn sie zumindest in Arbeitsphasen mitschreiben und mitzudenken scheinen. Abgesehen davon glaube ich, dass das stetige Durchwinken bei mangelnder Mitarbeit und Motivation (ich rede nicht von schüchternen SuS, die zumindest gut aufpassen und solide Ergebnisse abliefern) für die langfristige Bildung und auch das Bildungsverständnis eines Schülers/einer Schülerin sinnvoll und hilfreich ist. Letztlich führt es dazu dass Bildung als ein Ab- bzw Aussitzen und von Klassen verstanden wird; keine eigene Anstrengung scheint mehr nötig zu sein, wenn gerade in Nebenfächern wie Geschichte eine 4 als Mindestnote fast schon garantiert wird.

    Damit ganzheitliche Bildung, vernetztes Denken etc. bei SuS angeregt wird, muss ich mich zwangsläufig als Lehrer – gerade in den sprachlichen und gesellschaftswissenschaftlichen Fächern – auch im Alltag ganzheitlich bilden und vernetzt denken. Das heißt konkret: Nachrichten lesen (nicht nur Überschriften). Hintergrundreports hören. Bücher lesen – Romane, Sachbücher etc. – und reflektieren. Im Gespräch mit intellektuell anregenden Menschen bleiben.

    Das reicht aber leider noch nicht. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich jeden Tag als Info-Junkie wahnsinnig viele Gedanken bewege, Reports lese, Podcasts höre etc.; und dann – das ist die Ironie – vor lauter Zeitnot und vielleicht auch aufgrund einer Denk- und Arbeitsfaulheit teilweise sehr schlichten Unterricht vorbereite und durchführe, der auf ein paar „richtigen Antworten“ – oder wie du es sagst – Schnipsel – hinausläuft.

    Die eigene Bildung reicht nicht: ich muss mir ganz konkrete und durchdachte Gedanken machen, wie ich in 45 oder 90min eine tiefe Durchdringung eines Gegenstands erreiche, dazu gehört die Auswahl der Materialien (das Buch liefert da häufig wenig Anreize), geschickte (nicht zu platte) Impulse, Lernarrangements, Medien etc. Ein Teufelskreis ist leider auch, dadurch dass SuS häufig nicht in diesen Sachen gefördert werden, ist es nicht einfach, mit diesem herausfordernden Unterricht anzufangen. SuS, die 11 Jahre kaum Texte durchdrungen haben, müssen erstmal an Neues gewöhnt werden. Und da, wo wenig vernetztes Denken vorhanden ist, weiß man manchmal gar nicht, wo man anfangen und -setzen sollen und wie viel Hintergrundwissen erforderlich ist, um ein Thema zu behandeln. Man will seine SuS ja auch nicht verlieren.

    Dafür brauche ich, wie du schreibst, Mut. Mut, das Gewohnte zu durchbrechen, eventuell peinliche Stille in Kauf zu nehmen, wenn die SuS nicht folgen können; Mut, die SuS zu fordern; Mut, an seine eigenen Materialien und Stunden zu glauben, auch wenn sie noch nicht erprobt sind.

    Und ich brauche leider auch Zeit. Es ist ein ausgeleiertes Argument, aber bei mir als Berufsanfänger trifft es zu: Bei über 20h pro Woche ist es nicht einfach, Reihen und Stunden zu planen, die herausfordernd, ganzheitlich und referentiell sind.

    Trotzdem regen mich Beiträge wie deiner dazu an, es zumindest punktuell zu versuchen. 🙂

  2. Danke für diesen wertvollen Essay. Irgendwo habe ich mal die Gleichung gelesen:

    Leistung = Potenzial – Ablenkung

    Ich denke, dass der Subtrahend stetig größer geworden ist, auch dank der vielen digitalen Gadgets. Will man sich den SuS anpassen, bleibt nur die Verkürzung, Verknappung, Entkernung. Einen zusammenhängenden Gedanken zu formulieren ist dann schon anspruchsvoll, weil die Zusammenhänge in den vielen Puzzleteilen und Wissensschnipseln nicht mehr verfügbar sind.

    G. Hüther hat es mal so schön formuliert: Wissen ist nichts. Jeder kann irgendwas wissen. Es kommt auf das Verstehen an, erst wenn man etwas verstanden hat, wird man glücklich. Und in diesem Sinne spricht mir dein Beitrag aus der Seele. Wir müssen die Anstrengung fordern, um unsere Kinder und Jugendlichen zu helfen, glücklicher zu werden. Das ist unsere Anstrengung, die wir als Lehrer leisten müssen. das geht nicht mit Instant-Pädagogik. Da braucht es unser Verstehen der Welt und des Lebens. Und dieses Verständnis finden wir im Faust (wo lustiger und präziser?) aber auch in den Naturwissenschaften, den Sprachen, den Geisteswissenschaften und der Mathematik, der Informatik – nicht als Fachinseln, sondern als Ausdruck des Denkens und Erlebens der Welt.

  3. Herzlichen Dank für diesen Beitrag. Mir kam beim Lesen eine Gleichung in den Sinn, die ich mal irgendwo aufgeschnappt habe:

    Leistung = Potenzial – Ablenkung

    Das Potenzial hast Du mit der Dreieinigkeit von Talent, Motivation und Ehrgeiz gut beschrieben. Mit der allgegenwärtigen Ablenkung umzugehen, ist für Schüler stets eine Herausforderung gewesen. Und man muss dabei gar nicht mal die „bösen“ digitalen Medien aus der Gesellschafts- und Kulturkritik-Schublade hervorzaubern. Früher war es MTV, davor das Radio, davor war es die Begeisterung für anstößige Musik und verruchte Lokalitäten, davor waren es verkorkste Dichter, welche die Jugend verdarben. So ist es ja die Aufgabe der Jugend, sich aus der Fülle des Lebens alles herauszunehmen, auszuprobieren, anzueignen, um sich selbst finden zu können. Und das braucht die Gier nach Neuem, nach neuen Reizen, nach dem Aufschnappen aller möglichen Ideen, Gedankenhäppchen und „Schnipsel“.

    Aber klar, die Ablenkung hat zugenommen, weil sie heute um Aufmerksamkeit bettelt und sich mit Piepen bei jeder neuen Nachricht lautstark bemerkbar macht. Der Werther piept nicht. Das Mathebuch ebenso wenig. Und schon ist die Aufmerksamkeit von diesen Werken abgezogen, die Ablenkung vom schweren Stoff, der Vertiefung und Hingabe erforderte, hin zu schnell konsumierbaren Wort- und Bildhäppchen ist omnipräsent. Wer könnte ihr widerstehen? Können wir es?

    Ab der 9. Klasse versuche ich, den Schülern anhand Lewins Feldtheorie nahe zu bringen, dass sie sich ihr eigenes Feld mit den jeweils wirksamen Valenzen erschaffen, dass sie selbst Verantwortung übernehmen können, wie sie mit all den Ablenkungen umgehen. Und wie glücklich es machen kann, wenn man einen eigenen Gedanken vertieft, eine eigene Lösungsidee verfolgt, ein Wow-, Flow- oder Aha-Erlebnis kreiert. Wir probieren es aus und reflektieren gemeinsam unsere Erfahrungen. Wichtig ist dabei, dass es kein Richtig oder Falsch gibt. Das Ausprobieren muss angstfrei möglich sein. Fehler sind nicht nur erlaubt, sondern werden angestrebt, um aus ihnen neue Erkenntnisse zu ziehen. Das ist das größte Problem der Schule – die permanente Suche nach Fehlern, die unsinnige Kategorisierung in Richtig und Falsch, die unsicher und ängstlich macht und damit eigene Erkenntissuche hemmt.

    Ich weiß nicht, ob das nachhaltig ist. Die Berichte der SuS schwanken zwischen „Hab es nicht geschafft, weil…“ bis „Wow, ich habe es selbst erlebt, ist schon geiler als das übliche Stoffreinprügeln für die nächste Klassenarbeit…“ Aber es muss zur inneren Haltung gegenüber den Lernstoff werden. Und das kann man nur erreichen, wenn man es selbst vorlebt und immer wieder zeigt, wie man selbst damit umgeht (auch mit Fehlern, auch mit manchmal nur schlecht vorbereiteten Unterricht). Was hat es mir als Dein Lernbegleiter gebracht, dass ich mich immer wieder erneut auf die Suche mit euch mache, was lerne ich daraus und warum ist es für mich so wertvoll, euch auf der Suche nach Erkenntnis zu begleiten. Nur zu fordern ist vergeblich.

    Liebe Grüße

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