Zugegeben: Es hat etwas gedauert, bis die Konsequenz einer Entscheidung der baden-württembergischen Kultusminister eingesickert ist: Der Essay im Fach Deutsch soll ab dem nächsten Abitur „domänenspezifisch“ sein. Das beschneidet nicht nur das Fach Deutsch, sondern die gesamte Oberstufe. Ein Kommentar.

Zunächst einmal zu den (vagen) Fakten: Für das kommende Abitur 2018/19 gab es einige inhaltliche Entscheidungen, die nur zum Teil ausgeführt worden sind. Zum einen wird beim Essay das Dossier obligatorisch. Schüler können also nicht mehr „ins Blaue“ schreiben, sondern müssen das vorliegende Material nutzen. Tun Sie dies nicht, führt es zu Punktanbzug.

Zum anderen werden die Themen für den Essay – wie es im Bürokratendeutsch heißt – „domänenspezifisch“. Was genau das bedeutet, wurde bisher aus dem Ministerium nicht weiter ausgeführt. Es heißt lediglich, dass die Themen des Essays nun „mit dem Fach“ zu tun haben. Es wird also um Sprache, Medien und Kommunikation gehen.

In früheren Essays spielte die Sprache auch schon eine Rolle. Im letzten Jahr ging es um die sogenannte „Einfache Sprache“, also die Vereinfachung komplexer Sachverhalte, um allen Menschen die Teilhabe zu ermöglichen. Im Jahr davor sollte es schlicht um die „Macht der Sprache“ gehen. Davor aber fanden sich ganz unterschiedliche Themen in den Abiturprüfungen. Es ging um Sport, das Gefühl der Sehnsucht oder die Beziehung zwischen Maschine und Mensch.

Ich halte die nun in Kraft tretenden Veränderungen für grundlegend falsch.

Zunächst zur obligatorischen Verarbeitung des Dossiers: Wenn SchülerInnen nun Material verarbeiten müssen, wird ihnen die Möglichkeit genommen, sich frei mit einem (vorgegebenem) Thema zu befassen. Das, was den Essay ausmacht und das seit 2014 in zahlreichen Fortbildungen betont wurde, wird hinfällig. Der Essay wird zu einer Art textgebundenen Erörterung. Natürlich können Schüler weiterhin interessante Ideen einfließen lassen, aber die Freiheit der Entfaltung, die den Essay ausmacht, geht verloren. Dabei ist dies die einzige übriggebliebene Textart, in der sich Schüler entfalten konnten. Man kann nur mutmaßen, dass dies an der Überprüfbarkeit liegt. Essays sind schwer zu bewerten, das wird nun natürlich einfacher.

Die noch gravierendere Veränderung verbirgt sich in dem Wort „domänenspezifisch“. Wer würde es schon ablehnen, dass es in dem Fach Deutsch auch um die Sprache geht? Aber das ist nicht der Punkt. Die Welt wird zunehmend vernetzter, sodass die Schule auch der Ort ist, wo das interdisziplinäre Arbeiten erlernt werden kann. In der Arbeitswelt werden die verschiedenen Arbeitsbereiche auch nicht mehr fein säuberlich in Fächer sortiert. Problemlösungsorientierte Zusammenarbeit wird überall wichtiger. Das Fach Deutsch konnte und musste in den letzten Jahren die Brücke zwischen den Disziplinen sein. Der Essay konnte den Bereich Sport einbeziehen oder sich der Flüchtlingsthematik zuwenden und so eine Verbindung mit der Gemeinschaftskunde eingehen (in anderen Ländern ist die Fachbezeichnung „Politik“).

Durch die Entscheidung wird das Fach Deutsch aber isoliert. Was ao vermittel wird: Das Fach wird für das Fach gelernt. Das ist fatal.

Meine Befürchtung ist, dass das kleine Wörtchen „domänenspezifisch“ sich auch auf die Texterörterung ausdehnen wird. In den letzten Jahren wurde dort Schönheit, Fürsorge, Moral und Tugend thematisiert. Im letzten Jahr sollten die Schüler einen (meiner Meinung nach) unterkomplexen, stilisitisch verödeten Text erörtern, in dem es darum ging, dass Boulevard-Medien die Demokratie fördern würden. Steile These!

Wenn die Entscheidungsträger weiterhin in diese Richtung gehen, handeln sie anachronistisch. Anstatt Anknüpfungspunkte der Fächer zu nutzen, isolieren sie sie. Der übergeordnete Bildungsauftrag wird so schwieriger. Und es wird schwieriger Schülern zu vermitteln, dass das, was sie tun, auch für den eigenen Lebenslauf relevant ist.

Ich hoffe sehr, dass diese Entwicklung nochmals überdacht wird. Denn im späteren Beruf wird der gerade eigestellte Arbeitnehmer schlecht zum Chef sagen können: „Das bearbeite ich nicht. Das ist nicht domänenspezifisch.“ Denn das wäre lächerlich.

2 KOMMENTARE

  1. Beim Essay und dem Zwang zur Materialnutzung bin ich nicht auf dem neuesten Stand, aber für die Erörterung wurde auch bei uns in Bayern das Domänenspezifische angekündigt. Grund: Die anderen Bundesländer, sprich Vereinheitlichung der Formate. Ich bin da zwiegespalten. Einerseits umfasst das Fach Deutsch wirklich sehr viel; sinnvoll gehandhabt, ist eh viel in unserer Domäne drin. Andererseits gibt es vielleicht irgendwo tatsächlich noch Lehrkräfte, die Aufsätze zu Fachthemen stellen, von denen Lehrkräfte und Schülerinnen keine Ahnung haben.

    • Der zweite Punkt ist mir nicht ganz klar. Ehrlich gesagt, habe ich auch ein wenig an dich denken müssen, da wir vor Jahren über das Problem sprachen, dass sich ergibt, wenn man versucht inhaltlos zu argumentieren. Dennoch: Ich sehe gerade die Stärke im Fach Deutsch, über diese domänenspezifischen Themen hinaus zum Denken anzuregen.

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