DIGITAL: Besseres Lernen mit digitalen Medien oder: Den Arsch zum Mond recken

 U-Bahn_Oskar-Hoffmann-Strasse_20140531_0003_smallChristian Ebel ruft in seiner ersten Blogparade dazu auf, über den „Mehrwert“ von digitaler Bildung zu sprechen, ihn zu reflektieren und zu einem Schluss zu kommen. Dieser Artikel hat eine einfache These: Es geht nicht darum ob, sondern wann und wie digitale Medien schulisch eingesetzt werden.

Ist man ein wenig länger in der digitalen Community, wird es schwer, nicht etwas von sich zu geben, was nicht schon allseits bekannt ist, frei nach dem mittlerweile geflügelten Motto: Es wurde alles gesagt, aber noch nicht von jedem. Es ist eben dieser Tanz ums scheinbar goldene Kalb der digitalen Bildung, der prominente Vertreterinnen eines digitalen Wandels wie Lisa Rosa zum Ausstieg aus dem deutschsprachigen Diskurs gebracht haben.

Und während der Rest der 800.000 Lehrer fernab der digitalen Community bei einer Blogparade wohl eher an einen Karnevalsumzug in Ostberlin denken würde, zerfleischt sich die digitale Community von innen, indem sie entweder die Worte der anderen so lange auf die Goldwaage legt, bis diese stöhnt (geschehen nach dem Artikel von Herr Larbig) oder die gegenseitigen Angriffe der scheinbar verhärteten Positionen so ins persönliche reichen, dass es einem Kindergarten in Neukölln gleicht (so geschehen nach Saskia Eskens Artikel über digitales Lernen, Christian Füllers Replik und Martin Lindners Volte). Der anschließende Google-Hangout, der einmal mehr zeigte, dass das Eigentlich (im Sinne von „eigentlich funktioniert die Technik“) der technischen Funktion nicht zu unterschätzen ist, verlief dann eher wie der Nichtangriffspakt von Gijón. Hauptsache, man spielt sich die Bälle ein wenig zu, gesagt wurde sowieso schon alles.

Der eigentliche Grund der Blogparade sollte es sein, zu erklären, ob es einen Mehrwert gäbe, den man bezeugen könne – quasi als schöne subjektive Beweisführung die die Gegner auf die Knie und um Gnade flehen lassen könnte, als wenn William Wallace mit seinem mannshohen Schwert über ihnen stünde. Das ist natürlich Quatsch. Denn diejenigen, um die es geht (also die Lehrer_Innen), werden von dieser Blogparade entweder nichts mitbekommen oder so lange an ihrem egozentrischen Weltbild festhalten (Es dreht sich um den Lehrer), bis sie per päpstlicher (aka kultusministerieller Bulle) dazu gezwungen werden, einen Wandel anzuerkennen (also nie).

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Verzichten wir also darauf, darüber zu reden, wann Unterricht mit digitalen Medien einen Vorteil brachte. Denn das mag zwar stimmen, aber wenn ich so aufwiege, wie oft Unterricht gelang (dessen einzelne Teile die Schüler im Feedback positiv bewerteten), der nichts mit digitalen Medien zu tun hatte, dann zieht hier die schöne neue Welt den kürzeren.

Stattdessen ein Beispiel aus dem weiten Feld der Astronomie, von der ich genau so wenig Ahnung habe, wie die meisten Lehrerkollegen von Youtube-Stars (was ja immer ein schlechtes Zeichen für einen Vergleich ist). Denken wir uns, dass es für jeden Menschen Fernrohre gäbe, die auf ferne Planeten schauen lassen würden. Denken wir uns weiterhin, dass auf dem einen Planeten wundersame Sirenen stünden, die mit bezaubernden Gesängen dazu verleiteten, etwas zu konsumieren. Auf einem anderen Planeten stünde die gesammelte schottische Schlachtarmee und streckte einem den Hintern entgegen. Wird es schon zu absurd?

braveheart

Das ganze Spektakel wäre natürlich so unglaublich, dass jeder ein Fernrohr haben müsste. Was wären die Folgen?

Sie merken schon, wohin das führt.

 

Die Fernrohre sind überall.

Und überall Dinge, die man sehen und hören kann, die auf einem Planeten sind, den man vielleicht nicht sehen sollte. Und überall die schönsten Dinge, die zu entdecken Geist und Intellekt weiterbilden könnte. Und überall die Möglichkeiten, Menschen zu kontaktieren, Kultur auszutauschen, teilzuhaben.

Und was machen wir?

Wir reden über Ferngläser.

Wir reden über das Entweder-oder anstatt anzuerkennen, dass es nicht darum gehen kann zu entscheiden, ob die Ferngläser (aka Smartphones, Tablets, Uhren) genutzt werden können, sondern eben wie.

Und um das noch für diejenigen Kritiker (irgendwo da draußen im All), die mich gerne mal lesen, aber dann doch der Meinung sind, ich sei nicht ernstzunehmen:
Natürlich brauchen wir Verbote.

Aber wie soll ich etwas verbieten, von dem ich keine Ahnung habe?

Es sind schon Nazis auf dem Mond!

ironsky

Lasst uns verdammt nochmal nicht mehr darüber reden, ob das eine Vorteile gegenüber dem anderen hat. Wenn Schule auf ein Leben vorbereiten soll, das nicht hinter dem Mond stattfindet, dann führt gar kein Weg daran vorbei, digital aufgeklärt zu sein. Und dabei geht es nicht um irgendeine nette App, sondern um demokratische Erziehung, moralische Werte und Handlungskompetenz.

So sollten wir es machen – das sagt selbst der Captain der Enterprise.


Ansonsten können wir es auch so machen, wie das österreichische Wunderkind in seinem Lied „Bona Nox“ (1788) beschreibt und den Arsch zum Mond recken. Vielleicht rettet uns ja jemand (oder irgendeine außerirdische Mutter entreißt ihrem Kind schreiend das Fernrohr).

tl;dr Es geht nicht um die süßen Gadgets und schönen pädagogischen Nettigkeiten der digtitalen Bildung, es geht darum, die bestehende Realität anzuerkennen und die Kinder und Jugendlichen darauf vorzubereiten. Und irgendwas mit Mozart um Gesäßen. 

P.S. Es sind einige kulturelle Anspielungen vorhanden. Wer der Jugendlichen hätte sie alle erkannt? Warum nicht? Man kann doch alles googlen?

 

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6 Kommentare zu DIGITAL: Besseres Lernen mit digitalen Medien oder: Den Arsch zum Mond recken

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  3. Herr Rau sagt:

    Mich irritiert hingegen der postulierte Gegensatz von „digitaler Lehrer“ und Lehrer mit „egozentrischen Weltbild (Es dreht sich um den Lehrer)“. Das ist es auch, was mich an der digitalen Heilslehre stört, dass da ein völlig neues Schülerbild propagiert wird, das ich so nicht kommen sehe.

    • Bob Blume sagt:

      Verstehe ich. Im Prinzip hast du Recht. Das eine hat mit dem anderen wenig zu tun (wobei ich denke, dass viele „progressive“ Lehrer ein ähnliches Ideal haben).

  4. Mich stört enorm die Verwendung des Begriffs „Mehrwert“. Gemeint ist doch „Nutzen“. Mehrwert ist seit über 150 Jahren von Karl Marx besetzt: Es ist der über den Wert der Arbeitskraft hinausgehende Teil der Wertschöpfung, sprich das, was „Fabrikbesitzer“ einstreichen.

    • Bob Blume sagt:

      Ich glaube, der Begriff ist hier komplett aus dem historischen Kontext gegriffen, meint aber mehr als Nutzen. So, wie er verwendet wird, soll er (so zumindest mein Eindruck) eine Art von zusätzlichem (Mehr-)Nutzen zum Ausdruck bringen, den man ihne die digitalen Medien nicht hätte. Schlicht „Nutzen“ bringt das nicht zum Ausdruck.

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