In einer Facebook-Gruppe (es mag die Gruppe zu Unterrichtsideen oder die Referendarsseite gewesen sein) kam die Frage nach (Binnen-)Differenzierung im Unterricht auf. Zwar versuche ich, differenziert zu arbeiten, aber nach diesem Impuls las ich nochmals im Leitfaden Schulpraxis nach – einem Buch, das ich sehr empfehlen kann. An dieser Stelle also einige Gedanken zu Differenzierung im Unterricht und warum diese ein Argument für digitales Arbeiten ist. 

Kleines Update: Die Sonderpädagogin Anne Vrancken hat folgenden Literaturtipp gegeben, der über den Link abrufbar ist.

Beginnen wir zuerst mit der traurigen Wahrheit: In der Praxis der Lehrerausbildung ist echte Differenzierung eigentlich nicht möglich. Es kann allenfalls eine Annäherung sein. Dies liegt daran, dass eine Differenzierung, die es Schülern ermöglicht, Methoden, Inhalte und Themen selbst auszusuchen, sich also nach der eigenen Neugierde, den eigenen Neigungen und Interessen zu richten, einem durchstrukturierten Unterricht zuwider läuft.

Echtes differenziertes Arbeiten ist im besten Falle offen, agil und losgelöst von vorgefertigten Inhalten. Ich wurde schon gefragt, ob man mich in dieser Form von Unterricht besuchen kann. Das ist natürlich möglich, nur werden die Besucher dann nicht das sehen, was man normalerweise von „Unterricht“ kennt. Nutzen wir dafür ein Bild: Während der streng-formalistische Unterricht eher eine Belehrung nach militärischen Gleichschritt ist, bedeutet differenzierter Unterricht gerade eher das, was man vom Orchester kennt. Jeder spielt ein Instrument, aber vorne steht der Dirigent und leitet das gesamte Lied. Das ist nicht schlecht. Echte Differenzierung bedeutet aber, um im Bild zu bleiben, eher Straßenmusik. Ortsungebunden, in der eigenen Geschwindigkeit, mit den eigenen Mitteln, mit eigenen Zielen. Dies auszuprobieren, sei jedem ans Herz gelegt. Für das Referendariat bedeutet Differenzierung aber eher eine Binnendifferenzierung, die sich innerhalb des vorgegebenen Rahmens ausführen lässt.

Formen der Differenzierung

Hierzu gibt es zahlreiche Zugänge. Es sei angemerkt, dass Differenzierung auch immer mit den Sozialformen zu tun hat. So ist Einzelarbeit als Sozialform eine Art der inneren Differenzierung. Denn selbst wenn alle Schüler die gleiche Arbeit tun, können sie dies in ihrer eigenen Geschwindigkeit tun. Dies spricht freilich für einen Flipped-Classroom-Ansatz, bei dem die Einzelarbeit vorbereitend zu Hause erledigt werden kann.

Über die Sozialform kann dann ein methodischer Zugang zu einer weiteren Differenzierung führen. Das Lerntempoduett, von dem es verschiedene Ausprägungen gibt, ist ein gutes Beispiel dafür. Sobald ein Schüler mit einer Aufgabe fertig ist, meldet er sich. Der nächste, der fertig ist, arbeitet mit diesem Schüler zusammen an der weiterführenden Aufgabe. So müssen die Schüler nicht aufeinander arbeiten und können in ihrem eigenen Tempo arbeiten.

Dennoch zeigt sich schon bei dieser kleinen Form der Differenzierung der didaktische Rahmen, der mitgedacht werden muss. Denn die Mitarbeit zwischen gleich schnellen Schülern setzt ein gutes Klassenklima voraus, bei dem jeder bereit ist, mit jedem zu arbeiten. Dies sei an dieser Stelle aber nur angemerkt.

Angelehnt an den zuvor erwähnten Leitfaden gibt es weitere Formen der Differenzierung:

Weiterführende Aufgaben

Wenn man in sein Arbeitsblatt sogenannte Expertenaufgaben einfügt, können diejenigen, die schneller sind, sich an einer Herausforderung abarbeiten. Gleichzeitig haben die anderen jedoch nicht das Gefühl, nicht zu genügen.

Generell kann die Aufgabenstellung unterschiedlich schwer gestellt werden.

Lernhilfen

Man kann es aber auch andersherum machen. Es können auf der Rückseite des Blattes unterschiedliche Hilfestellungen gegeben sein, die dann entweder abgerufen werden können oder eben nicht. Auch dies ist eine Form der Differenzierung, die es dem Einzelnen ermöglicht, sich zu entscheiden.

Lehrer und Lernbegleiter

Insgesamt basieren die hier angerissenen Differenzierungsmöglichkeiten auf einem guten analytischen Blick der Lehrkraft. Denn bestimmte Formen der Differenzierung können von Schülern auch als unfair wahrgenommen werden.

Lehrer/Innen brauchen antennen und müssen spüren, wie die methoden schüler- und situationsgerecht umzusetzen sind, denn sie dürfen natürlich nicht blind „exekutiert“ werden. in einer situation kann die penible beachtung des methodischen vorgehens für das lernen sehr förderlich sein, in einer anderen kann sich atmosphärisch eher eine gewisse augenzwinkernde relativierung der starren abfolge anbieten.

(volker huwendiek, „Unterrichtsmethoden“, IN: leitfaden schulpraxis, 2008, s.106). 

Digitale Erweiterungen

In der Lehrerfortbildung wird gerade das Thema digitale Bildung fokussiert. Das stellt Referendarinnen und Referendare vor neue Herausforderungen. Gerade im Hinblick auf die Differenzierung bietet die digitale Erweiterung des Unterrichts aber auch massive Vorteile, die sich sehr schön in den Unterricht implementieren und begründen lassen.

So kann beispielsweise ein einfaches Etherpad dafür sorgen, dass Schüler in gleichem Tempo miteinander schreiben können. Der Alleskönner Learningapp bietet Pinnwände und Chatrooms, mit denen im Unterricht einfach gearbeitet werden kann.

Abschluss

All dies sind freilich nur erste Impulse. Für das Referendariat bleibt wichtig, dass der oder die Auszubildende reflektieren kann, inwiefern Differenzierung nötig ist und wie diese umgesetzt wird. Das Beispiel mit den Sozialformen zeigt, dass Unterricht oft auch schon dann differenziert ist, wenn es zunächst gar nicht den Anschein macht.

Ein nächster Schritt, wenn man als Lehrer nicht dem Druck einer peniblen Struktur unterliegt, kann dann sein, den Schülern mehr Verantwortung zu übertragen und echte Differenzierung auszuprobieren.

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