In Baden-Württemberg werden die Lehrproben durch digitale Prüfungsgespräche ersetzt. Die Frage, die sich momentan alle stellen, ist: Wie kann eine solche Prüfung aussehen. Ein paar Überlegungen ohne Anspruch auf Vollständigkeit und Gewähr. 

Grafische Darstellung von Karl-Heinz Hellwald, Biologielehrer, Lehrkraftausbilder, Seminarleiter HRSGe ZfsL Siegburg

Zur Ausgangssituation

Das Kultusministerium Baden-Württemberg hat am 3.April eine Änderung im Prüfungsablauf bekannt gegeben. Es gibt keine Lehrproben vor der Klasse:

Modifizierte Form für Zweite Staatsprüfung 

Nach sorgfältiger Abwägung der Gesamtsituation hat das Kultusministerium nun entschieden, dass die Zweiten Staatsprüfungen in modifizierter Form durchgeführt werden. Zentrale Änderung ist dabei, dass noch ausstehende unterrichtspraktische Prüfungen – so genannte Lehrproben – in diesem Jahr nicht als Lehrprobe stattfinden werden. Als Ersatz für die Lehrprobe wird es eine mündliche Präsentation einer geplanten Unterrichtsstunde mit Reflexionsgespräch geben. Das Prüfungsformat wird sich inhaltlich und auch vom Ablauf her an der ursprünglichen Lehrprobe orientieren und analog zu einer Unterrichtsstunde 45 Minuten dauern. Diese Prüfungen werden im Zeitraum 18. Mai bis 1. Juli 2020 unter Einbeziehung der Pfingstferien an den Seminaren für Ausbildung und Fortbildung der Lehrkräfte durchgeführt.“

Hinweis: Vor dem Hintergrund der hier zu lesenden Informationen des Kultusministeriums bin ich wie selbstverständlich davon ausgegangen, dass die Lehrproben digital stattfinden. Zu merkwürdig erschien es mir, dass man sich in einer solchen Situation für eine Prüfung trifft. Aber in der Tat: Von „digitalen Prüfungen“ ist nirgendwo etwas zu lesen. Das macht aber die Ausführungen für die mündlichen Prüfungen nicht redundant, da die Tipps sich generell auf ein Prüfungsgeschehen beziehen – egal ob dieses in Präsenz oder über die Ferne verhandelt wird.

Ein Kurzkommentar und eine Anekdote

An dieser Stelle solle es nicht darum gehen, die hier vom Kultusministerium angeboten alternative Prüfungsform zu beurteilen. Es lässt sich schon sagen, dass es den Versuch darstellt, dass die wichtigen Prüfungen nicht ausfallen.

Auf der anderen Seite ist die Situation natürlich neu für alle. Allerdings nicht ganz so sehr, wie man sich denken kann: In den sogenannten Kolloquien in Baden-Württemberg war es seit jeher so, dass se um eine funktionale Reflexion anhand einer fiktiven Unterrichtssituation ging (das wurde damals nicht so genannt, aber es stellte sich heraus, dass es genau das war). Deshalb die Anekdote: Als ich damals mit einer Mitreferendarin zum Lernen verabredet war, echauffierte sie sich über meine Art der Fragen. Ich wollte nämlich nicht wissen, inwiefern sie in der Lage war, etwas zu definieren. Sondern inwiefern sie in der Lage war, dies anhand einer Unterrichtssituation zu erläutern und quasi nebenbei zu definieren. Damals wollte sie das nicht, ich fragte sie also ab und als sie aus der Prüfung kam (die nicht schlecht lief), meinte sie genau das: Hätte sie es nur so gemacht. Genau das ist nun meines Erachtens der springende Punkt für eine digitale Prüfungssituation.

Abprüfbares Wissen

Um dies kurz zu erläutern, sollte man sich nur vor Augen führen, was eine Prüfung, wie sie in Baden-Württemberg nun anstehen wird, nicht ist: Sie ist keine Präsentation von reproduziertem Wissen. Wenn die Prüfung so wäre, dass sie jeder sehr gute 8.Klässler mit drei Wochen auswendig lernen durchführen könnte, dann wäre etwas falsch.

Worum geht es also dann?

Funktionale didaktische Überlegungen

Wie es oben schon anklang: Wie in einem Unterrichtsentwurf auch, geht es darum, dass man seine didaktischen Entscheidungen bis auf den Kern reflektieren und anhand der praktischen Schritte (und vor dem Hintergrund theoretischer Grundsätze) präsentieren kann.

Das bedeutet: Der Prüfling ist in der Lage, den Einstieg, die Überleitungen, die Erarbeitungsphase, die Sicherungsphase – kurz – den gesamten Unterricht in einer Form zu reflektieren, die es den Prüfern ermöglicht nachzuvollziehen, inwiefern ein vollumfängliches Verständnis der zu berücksichtigen Faktoren vorhanden ist.

Die Entscheidende Frage, ist nach meiner Einschätzung: Wieso so und nicht anders?

Das bedeutet, dass man – wie gesagt: alles nach meiner Einschätzung der Dinge – in der Lage sein sollte, zu erläutern, wieso man jeden einzelnen Schritt vor dem Hintergrund der Bedingungen genau so und nicht anders geplant hat und durchgeführt hätte. Aus meiner Sicht wären auch Fragen legitim, die sich daran orientieren, was bei einer anderen Klassengröße, Klassenzusammensetzung oder einem anderen Vorwissen anders gewesen wäre.

Konkretisierung

Für alle, die es bisher noch nicht so gemacht haben, sollte meiner Ansicht nach eine solche Lehrprobe von innen nach außen geplant werden. Es versteht sich von selbst, dass diese Planung dann geübt werden muss. Aber, und das ist die gute Nachricht, auch geübt werden kann. Denn Übung heißt hier, dass man mit Referendar*innen zusammen alles durchspricht, die im besten Fall besonders kritisch sind und jede der einzelnen Entscheidungen aufs Zahnfleisch betrachten.

Wie kann das konkret aussehen?

An dieser Stelle nur so konkret wie es eben geht. Nehmen wir einen klassischen Einstieg über ein Bild. Schon bei einer solchen eher konventionellen Entscheidung, müsste ich wissen, ob das Bild

a) Gegenstand der Betrachtung

b) Impuls

und in beiden Fällen c) mit oder ohne Impuls und wenn, mit einem mündlichen oder schriftlichen Impuls durchgeführt werden würde.

Um das aber zu wissen, muss ich im Sinne einer ganzheitlichen Planung in der Lage sein, zu erkennen und nachvollziehbar zu begründen, inwiefern der hier als Beispiel genutzte Einstieg auf das Herz meiner Stunde, die Erarbeitung des Gegenstandes, um den es geht, überleiten würde. Will sagen: Zu erklären, dass „das Bild halt ganz schön passt“ oder „die Schüler*innen motiviert“ würde vor diesem Hintergrund natürlich viel zu kurz kommen.

Fazit

Natürlich fällt viel weg. Die gesamte Lehrerpersönlichkeit, die soziale Zuwendung (auch und vor allem jene, die sich zeigen würde, wenn etwas unvorhergesehenes passiert), kann unter den neuen Bedingungen nicht 1:1 übertragen werden. Das bedeutet: Analytisch begabte Lehramtsanwärterinnen sind hier meines Erachtens im Vorteil, weil die Prüfer*innen wohl nicht umhin kommen, von einer minutiös durchdachten, bis in die Einzelteile funktional begründeten, präzise vorgetragenen Stunde beeindruckt zu sein. Und das eben, ohne zu wissen, ob diese auch erfolgreich gewesen wäre. Aber hier liegt natürlich auch der Vorteil für die Referendare.

Es wird aus meiner Sicht, und wie ich hier versucht habe zu begründen, sehr stark darum gehen, eine reflektierte Verknüpfung zwischen Theorie und Praxis zu leisten, die eine intensive Durchdringung der relevanten Aspekte wohl formuliert auf den Punkt bringt.

Ich wiederhole noch einmal: Es ist für alle eine neue Situation und diese Angaben sind als Impuls und Anregung zu verstehen. Ich freue mich über Kommentare, Erweiterungen und Kritik – auch und vor allem von Fachleiter*innen, die auf der anderen Seite des Bildschirms sind.

2 KOMMENTARE

Schreibe einen Kommentar zu REFERENDARIAT: Wie geht es weiter für Lehramtsanwärter*innen? | Bob Blume Antwort abbrechen

Please enter your comment!
Please enter your name here