UNTERRICHT: Homo Faber: Eine ganzheitliche Deutung

Quelle: Anonym (mit freundlicher Genehmigung)

Auf diesem Blog werden immer wieder Textanalysen gesammelt und veröffentlicht, die im Unterricht der verschiedenen Schularten eine gewichtige Rolle spielen. Darunter waren die  Interpretation einer Kurzgeschichte, Möglichkeiten der Interpretation von Gedichteneiner Parabel und einer gesamten Deutung von Peter Stamms Roman Agnes

Gleichsam als prozessorientiertes Protokoll der Kursarbeit werden hier einige Anmerkungen zum bekannten Roman „Homo Faber“ von Max Frisch veröffentlicht, der schon seit einigen Jahren und nächstes Jahr das letzte Mal Sternchenthema im Abitur ist Wie immer wird mit einigen grundsätzlichen Anmerkungen begonnen, die genau gelesen werden sollten. Obwohl zu empfehlen ist, alles in einem Durchgang zu lesen, kann über interne Links auf die verschiedenen Abschnitte zugegriffen werden.

Hier geht es zu den wichtigen Grundlagen der Epik, die für einen Umgang mit erzählender Literatur gebraucht werden.

Übersicht

Anmerkungen

Warum Homo Faber?

Der Inhalt des Romans

Was der Romananfang verrät

Motive

Exkurs: Der Erzähler

Reiseroute und Schauplätze

Aufbau und Zeitebenen

Fabers Geräte

Figurenkonstallationen

Das Männer- und Frauenbild Fabers

Faber und Sabeth

Faber und Ivy

Faber und Hanna

Sprache und Stil

Bezüge zur Mythologie

Fazit

Bezüge zu Stamms Agnes

Quellen

Und jetzt?

Anmerkungen

Anmerkung I: Diese Interpretation ist, wie Interpretationen im Allgemeinen, eine besondere Sicht auf den Stoff. Der Autor ist zwar Gymnasiallehrer für das Fach Deutsch, hat also ein Germanistikstudium hinter sich, das mit Staatsexamen beendet wurde, ist aber weder promovierter Doktor noch Professor der Literaturwissenschaft. Das, was hier geschrieben steht, ist also ohne Gewähr und sollte mit Vorsicht genossen werden. Der Vorteil mag sein, dass bei Schwierigkeiten in den Kommentaren nachgefragt werden kann. Das ist bei Lektürehilfen weniger der Fall. Trotzdem ist der hier gewählte Fokus auf den Text immer nachzuprüfen. Bei offenen Fragen sollte vor einer so wichtigen Prüfung wie dem Abitur immer der jeweilige Lehrer hinzugezogen werden.

Anmerkung II: Was dieser Artikel und Lektürehilfen gemein haben, ist, dass sie die eigenständige Arbeit am Roman nicht ersetzen. Was offensichtlich erscheint, ist es ganz und gar nicht. Denn für eine hohe Punktzahl im Abitur, reicht es eben nicht, dass man Interpretationsansätze herunterbeten kann, ganz im Gegenteil: Als Erst- und Zweikorrektor ist es ein Leichtes zu sehen, an welchen Stellen stupide auswendig gelernte Passagen aneinandergereiht werden, anstatt die Interpretation aus dem vorliegenden Textmaterial zu kreieren. Das bedeutet, dass sowohl Lektürehilfen als auch diese vorliegende Interpretation nur Impulse sein können, die letztlich am Text überprüft werden müssen.

Wie man ein Textstück sinnvoll einbettet, kann man am Beispiel von drei Zitaten aus Agnes hier sehen:

Anmerkung III: Um diesen Artikel nicht allzu lang werden zu lassen, wird nur an einigen Stellen auf direkte Seitenzahlen hingewiesen. Des Weiteren kann nicht jeder einzelne Aspekt gedeutet werden, da der Roman gerade durch ein sehr dichtes intertextuelles, metaphorisches und inhaltlich vielschichtiges Geflecht besticht.

Das bedeutet, dass jeder, der mit dieser Interpretation etwas anzufangen gedenkt, den Roman[2] gelesen haben sollte. Außerdem sollte man bei einer Interpretation im Abitur (oder auch innerhalb eines anderen Prüfungsrahmens) darauf achten, dass man nahe am Text bleibt und nicht bloße Behauptungen aneinanderreiht. Eine gute Interpretation geht immer zunächst vom vorliegenden Text aus, deutet ihn, stellt Verbindungen her und geht erst dann in abstrakte Themen über.

Was man bei einer Interpretation auf jeden Fall beachten muss, steht hier. Wie genau man eine Romanstelle einbettet, wird in diesem Video erklärt.

Warum Homo Faber?

Es lohnt sich immer, genau darauf zu schauen, welchen Titel ein Roman (oder auch andere literarische Texte) hat, da dieser einen ersten Impuls gibt, wohin man blicken soll. Während bei Peter Stamms Roman „Agnes“ den Fokus auf die Frauenfigur richtet, ist bei „Homo Faber“ ein doppeldeutiger Verweis zu erkennen. Auf der einen Seite verweist der Titel auf den Erzähler, Walter Faber, also den Menschen, aus dessen Sicht der „Bericht“ (wie er seinen Text selbst nennt) geschrieben ist.

Auf der anderen Seite liegt bei dieser Bezeichnung eine anthropologische  (also den Menschen betreffende) Begriffsbestimmung vor, die in einigen Ansätzen bei Wikipedia wie folgt erklärt wird:

Der Begriff Homo faber (lat., ‚der schaffende Mensch‘ oder ‚der Mensch als Handwerker‘) wird in der philosophischen Anthropologie benutzt, um den modernen Menschen von älteren Menschheitsepochen durch seine Eigenschaft als aktiver Veränderer seiner Umwelt abzugrenzen.

Verwendung findet diese Bezeichnung 1928 bei Max Scheler in der Schrift Die Stellung des Menschen im Kosmos. Scheler wollte damit die Anthropologie bezeichnen, die von den Evolutionisten der Darwin- und Lamarckschule vertreten wurde. Demnach bezeichnet homo faber einen Menschen, der sich nicht wesentlich vom Tier unterscheidet – sofern man dem Tier Intelligenz zubilligt –, sondern der nur eine ausgeprägtere (praktische) Intelligenz und damit ein höheres handwerkliches Geschick aufweist.

Zwei Stichworte dieses Artikels sind für das Verständnis des Romans von besonderer Relevanz:

  1. Der des „aktiven Veränderers“, der auf Fabers Beruf zu verweisen scheint. Als Maschinenbauingenieur, der bei der UNESCO in einer Führungsposition verantwortlich für die Installation von Turbinenanlagen und die Leitung von Kraftwerken ist, verändert er durch seine Arbeit aktiv die Umwelt.
  2. In seinem Selbstbild ist er auch immer der Mensch, der die Umwelt und sich selbst mit „praktischer Intelligenz“ zu erfassen sucht, dem also das Funktionieren der technischen Dinge, die sein Leben ausmachen (Flugzeuge), es strukturieren (Rasierer) und erlebbar machen (Kamera). Mit dem Zusammenbruch der Technik wird die praktische Intelligenz auf sich selbst zurückgeworfen.

Der Titel des Romans verweist in einer scharfen Abgrenzung zu anderen Möglichkeiten, das Menschsein zu definieren, also auf eine schon zu Beginn vorhandene Monodimensionalität. Will sagen: Wer sich unter einer bestimmten Perspektive definiert oder von der Umwelt definiert wird, hat genau dann Schwierigkeiten, wenn die Identität aufgrund von Konfliktsituationen aus diesem Rahmen herausfällt. Genau das geschieht mit Faber. Insofern ist eine Leitfrage, die für das Verständnis des Romans wichtig ist, auch folgende:

Inwiefern entspricht Walter Faber dem Bild des „Homo Faber“, das ihm durch den Romantitel gegeben wird?

Der Inhalt des Romans

Durch die verschiedenen Zeitebenen des Romans ist das Gesamtverständnis des Romans zunächst erschwert, zumal auch die ständigen Ortswechsel ihr Übriges tun. Aus diesem Grunde kann man an dieser Stelle eine sehr kurze Inhaltsangabe des Romans nachlesen.

Der Unesco-Ingenieur Walter Faber steht kurz vor seinem 50. Geburtstag. Von New York startet er zu einem Flug nach Caracas. Offensichtlich hat die Zwischenlandung in Houston/Texas etwas mit einem technischen Problem an den Motoren der Super-Constellation zu tun, wie sich später herausstellt, als die Maschine in der Wüste vor der Kulisse der Sierra Madre oriental notlanden muss. Hier schreibt Faber auf seiner Reiseschreibmaschine einen Abschiedsbrief an seine Freundin Ivy aus New York. Während des Flugs lernt Faber einen Deutschen kennen, der – wie sich nach der Notlandung in der mexikanischen Wüste herausstellt – Bruder seines Studienfreundes Joachim ist, der im Dschungel Guatemalas eine Tabakplantage unterhält. Gemeinsam mit seiner Reisebekanntschaft unternimmt Faber eine Reise zu Joachim, den sie allerdings nicht lebend antreffen. Nach seiner Rückkehr nach New York trennt sich Faber von seiner Freundin Ivy und reist – erstmals mit dem Schiff – nach Europa. Auf dieser Schifffahrt lernt er die 20-jährige Sabeth kennen und offensichtlich auch lieben. In Paris treffen die beiden sich wieder. Faber, obwohl an Kunst gänzlich desinteressiert,, besucht mit Sabeth die Opera. Schließlich reist er mit ihr per Auto nach Griechenland. Bei einer Mondfinsternis in Avignon kommen die beiden sich näher. In Florenz besuchen Sabeth und Faber, der – wie er selbst betont – von Kunst keine Ahnung hat, die Uffizien. Später in Griechenland kommt es zu einem tragischen Unfall am Strand. Sabeth wird von einer Schlange gebissen, stürzt einen Abhang hinab und schlägt mit dem Hinterkopf an einen Stein. Im Krankenhaus in Athen trifft Faber Sabeths Mutter Hanna, die er auch von früher kennt. Sie waren einst ein Paar. Sabeth stirbt. Faber, dessen Gesundheitszustand wegen einer Magenkrankheit sich dramatisch verschlechtert, fasst den Vorsatz, Hanna zu heiraten. Bevor er sich in Athen operieren lässt, führt ihn eine letzte Reise nach New York, Guatemala, Caracas, Kuba und Düsseldorf. Er beendet sein Entwicklungsprojekt und kündigt seine Stellung bei der Unesco. Ob die Operation in Athen erfolgreich verläuft, lassen Fabers Aufzeichnungen offen, die an dieser Stelle abbrechen.

Hier das Ganze in einer etwas humoristischeren Version:

 

Was der Romananfang verrät

Genau wie beim Roman Agnes, in dem der Leser die Behauptung liest, dass Agnes tot ist (was sich später als zumindest nicht beweisbar herausstellt), ist auch schon bei Homo Faber zweifelhaft, ob es sich tatsächlich um einen, wie der Ich-Erzähler Faber (dessen Egozentrik sich schon zu Beginn in zahlreichen Wiederholungen des Personalpronomen „Ich“ zeigt) erklärt, „Bericht“ handelt.

Ein Bericht, wie man ihn aus der Zeitung kennt, erweckt bestimmte Erwartungen an die Erfüllung bestimmter Merkmale: Er sollte objektiv sein, nüchtern, unparteiisch, logisch, strukturiert und distanziert. Obwohl Faber immer wieder Verweise einstreut, die diese Merkmale suggerieren (vortäuschen) – so zum Beispiel auf S.22, als er wissenschaftliche Werke auflistet, die sich mit Wahrscheinlichkeiten befassen, ist Fabers „Bericht“ all das nicht. Im Gegenteil. Der „Bericht“ ist zwar dort, wo über Technik schwadroniert wird, sehr detailliert, bricht aber dort, wo es emotional oder persönlich wird, immer wieder ab (Aposiopese, Anakoluth). Schon zu Beginn zeigt sich auch Fabers Unwissen über eigentlich selbstverständliche Dinge, die andere Menschen betreffen. Auch ergibt sich ein scharfer Widerspruch zwischen dem, was Faber über sich selbst sagt und dem, wie er sich verhält. Zudem zeigt sich, dass sein immer wieder geäußerter Wunsch nach Kontrolle schon zu Beginn nicht der Wahrheit entspricht. Die für ihn – so könnte man sagen – geradezu heilige Technik versagt. Und auch er bekommt einen Kreislaufzusammenbruch.

In kurzen Sentenzen (Abschnitten) erfährt der Leser, dass Faber in einem Ausnahmezustand ist. Er ist schon nach dem Beginn in medias res (der Roman beginnt mitten im Geschehen„nervös“ und „todmüde“ und kommt sich vor „wie ein Blinder“ (S.7). Abgesehen von dem mythologischen Verweis, den diese Blindheit verdeutlicht, sind dies alles Anzeichen für Kontrollverlust. Und obwohl Faber „kein Bedürfnis (hat), diesen jungen Herrn näher kennenzulernen“ (S.10), wie er selbst sagt, redet er geradezu auf ihn ein, als das Flugzeug dabei ist, abzustürzen. Und so geht es weiter. Er schwört, „nie wieder zu rauchen“ (S.11) und „zündete (…) eine Zigarette an“ (S.12). Im Gegensatz zu seinen Beteuerungen, an die Wissenschaft zu glauben, desavouiert (entblößt) sich Faber selbst, indem er sagt:

Ich weiß nicht, wieso ich mich eigentlich versteckte. Ich schämte mich; es ist nicht meine Art, der letzte zu sein (S.13).

Hier spricht jemand, der zutiefst verunsichert ist und jemand, dessen Aussagen mit Vorsicht zu genießen sind. Dies umso mehr, als dass Faber „erleichtert, geradezu vergnügt“ ist, kurz nachdem das Flugzeug endgültig auf dem Weg ist, abzustürzen. Hier spricht jemand, der, wie es scheint, ein endliches Ziel – selbst wenn es der Tod ist – einer diffusen Orientierungslosigkeit vorzieht.

Motive

Nicht nur die Blindheit ist als Motiv schon im Romananfang angelegt. Zahlreiche Motive, die auch im weiteren Verlauf des Romans wiederkehren, sind schon zu Beginn angelegt.

  1. die Technik und ihre Wahrnehmung durch Faber (Z.3, 10f., 16f. usw. }
  2. das Motiv der Blindheit (Z.32f.)
  3. Fabers Fixierung auf das „übliche“ (Z.51) und seine Grundsätze (Z.23}
  4. Fabers ablehnende Einstellung gegenüber anderen Menschen und dem Leben schlechthin (Er überhört den Namen seines Sitznachbarn)

Das Heiratsanliegen seiner Geliebten (die „drei Stunden lang … auf (ihn) eingeschwatzt“ hat, Z.21f.) lehnt er kategorisch ab; Er sei, so sagt er, grundsätzlich gegen Eheschließung, hat keinerlei Bedürfnis nach Bekanntschaft und will seine Ruhe haben.

Die Bedeutung dieser Motive lässt sich anhand anderer Romanstellen darlegen und erläutern.

a) Zum Motiv der Technik sind folgende Textstellen interessant:

– technischer Defekt am Flugzeug (S.19}

– technischer Defekt am Rasierapparat (S.63)

– Verlust der Omega-Uhr (S.129}

– Defekt an Hannas Uhr (S. 134}

– Defekt am Geländewagen (S.167ff.)

– Verlust der Schreibmaschine (S.198)

Die Analyse des Technik-Motivs quer durch den Roman zeigt, dass nicht alle technischen Geräte so leicht beherrschbar, kalkulier­bar und zuverlässig sind, wie Faber das im vorgegebenen Text­auszug zu Beginn seines Berichts andeutet. Ganz im Gegenteil: Die Technik versagt fortwährend und symbolisiert damit sowohl die Unzulänglichkeit von Fabers Weltbild wie auch die Ver­fehltheit seiner Existenz. Zudem kann man sagen, dass Fabers Versuch, die Welt mittels dieser technischen Geräte unter seine Kontrolle zu bekommen, scheitert. Das Scheitern der Technik ist so das Scheitern eines sich über die Technik definierenden Menschen.

b) Dem Motiv der Blindheit kommt im Roman eine zentrale Bedeu­tung zu: Faber versucht sich einzureden, er sei „ja nicht blind“(S.24), wenn er glaubt, für alle Begebenheiten oder Sachverhalte eine technisch-rationale Begründung finden und damit die Vielschichtigkeit des Lebens, vor allem die affektiven und emotionalen Bereiche, aussparen zu können. Auch Hanna wirft ihm ebenso wie allen anderen Männern außer dem Blinden Armin – vor, „stockblind“ (S.144) zu sein. In der Tat lassen sich zahlreiche Beispiele für die „Blindheit“ des Technikers Faber im Roman feststellen.

c) Faber geht dem Leben, dem „Erleben“ aus den Weg, wohl um nicht mit seiner eigenen – unvollkommenen – Existenz konfron­tiert zu werden. So macht er sich ein Bild von der ihn umgeben­den Realität, stets darauf bedacht, die Stimmigkeit dieses Bil­des überprüfen und feststellen zu können. Deshalb bedeutet es für sein Leben Sicherheit, wenn er wieder auf bekannte Sachverhalte, Verhaltensweisen, Vorgänge usw. stößt und sich nicht mit der Vielfalt der menschlichen und irdischen Existenz auseinan­dersetzen muss. So startet er in New York nach Caracas, „wie üb­lich auf dieser Strecke (Z.2f.), mit einer „Super-Constellation“, nach der Zwischenlandung in Houston erfolgt der „Start wie üblich“ (S.24), und er registriert „das reglose Pneu-Paar in der Luft, wie üblich vor einer Landung.“ (S.19) Der Sitz­nachbar macht natürlich, „wie üblich nach dem zweiten Welt­krieg, sofort auf europäische Brüderschaft“ (Z.51f.).

Während der ereignisreichen Wochen und Monate im Frühjahr/Sommer 1957 geht in Faber jedoch eine Wandlung vor. Er ist im weiteren Romanfortgang dein Leben gegenüber zunehmend aufgeschlossener. Dies zeigt sich bereits darin, dass die stereotyp gebrauchte Wendung „üblich“ in der „Zweiten Station“ seltener verwendet wird, vor al­lem aber an seinem veränderten Verhalten (vgl. seine vorüberge­hende Rückkehr in die amerikanische Gesellschaft und seine Cuba-Reise (S. 172ff.). Die Frage bleibt, ob seine Aufgeschlossenheit und seine Offenheit, die durch Sabeth initiiert wird, eine tatsächliche ist oder ob Faber vielmehr überwältigt von den auf ihn einströmenden Wahrnehmungen ist und somit vom einen ins andere Extrem schwankt.

d) Fabers ablehnende Einstellung gegenüber anderen Menschen und dem Leben schlechthin wird im Umgang mit seinem Nachbarn im Flugzeug deutlich: seinen Namen überhört er, er behandelt ihn abweisend, ja unhöflich, da er ihm „auf die Nerven“ (Z.60) geht, denn „Menschen sind anstrengend.“ (Z.45)

Exkurs: Der Erzähler

Dieser Exkurs richtet sich an jene, die schon ein sehr gefestigtes Verständnis vom Inhalt des Romans haben und sehr sicher im Umgang mit dem Begriff des Erzählers. Die hier geäußerten Gedanken können zwar weiterhelfen, die Konstruktion des Romans zu verstehen, könnten aber auch verwirren. Aus diesem Grund wird empfohlen, die Grundlagen die Epik zu wiederholen und diese auf den Roman anzuwenden.

Die Ausgangslage für diesen Exkurs war eine Frage, die sich der Autor dieses Textes stellte, nachdem er Fabers Gedanken in der Wüste las. So schreibt Faber, von dem man weiß, dass er an einem bestimmten Ort sitzt und einen Bericht schreibt (Rückblick von der Erzählgegenwart der „Ersten Station“) über die erlebte Gegenwart, als würde er sie gerade erleben. Das erscheint zunächst widersprüchlich, da man nicht weiß, wessen Stimme hier eigentlich gerade spricht: Die des in Caracas sitzenden Faber, der einen „Bericht“ schreibt oder der erlebende Faber, der gerade in der Wüste ist und durch dessen Augen man alles, was geschieht, wahrnimmt.

Das Problem der bekannten und in der Schule vorherrschenden Erzählperspektive ist, dass sie diesen Widerspruch nicht auflöst. Hier müsste man nach dem Modell von Franz K. Stanzel davon ausgehen, dass der Ich-Erzähler in erlebter Rede schreibt. Das ergibt aber dann wieder keinen Sinn, wenn wir uns vorstellen, dass er irgendwo sitzt und rückblickend schreibt.

Einen Ausweg bietet ein anderes Modell für die Erzählperspektive. Es ist von Gérard Genette. 

Gérard Genette unterscheidet, im Unterschied zu Stanzel, zwischen Modus (Wer sieht?) und Stimme (Wer spricht?). Die Begriffe Distanz und Fokalisierung beziehen sich dabei auf den Modus, der Begriff der Diegese auf die Stimme. Die Fokalisierung bezeichnet, was der Erzähler über die Figur und die Erzählte Welt weiß, die Distanz (oder Nähe) lässt sich von der Art der Rede (direkte Rede, indirekte Rede usw.) ableiten.

Der Erzähler kann nach Genette in der Handlung als Figur vorkommen, also Teil der Diegese sein, oder nicht. Beide Erzählsituationen können jeweils weiter unterschieden werden in „von innen-analysierte Ereignisse“ und „von außen beobachtete Ereignisse“:[5]

Ohne nun alle verschiedenen Kombinationsmöglichkeiten aufzuzählen, findet sich in diesem Modell doch der „Schlüssel“ für das oben geäußerte Problem der Perspektive – nämlich im sogenannten autodiegetischen Erzähler.

Reiseroute und Schauplätze

Das Wichtigste zuerst: Es wurde plausibel argumentiert, dass die einzelnen geografischen Stationen und Schauplätze, zu denen Walter Faber reist, in enger Verbindung mit der Hauptperson stehen und gerade aus diesem Grunde von zentraler Bedeutung sind. Mit anderen Worten: Während Walter Faber in der Neuen Welt – New York, der Stadt, die er zu seiner Wahlheimat macht – eine enge Verbindung spürt und sich mit dem rasanten, vom Technik bestimmten Leben identifizieren kann, verlässt er sie dennoch, weil sie für ihn nichts mehr zu bieten hat.

Die Reisen sind in seinem Beruf von vornherein angelegt, verdeutlichen jedoch nach und nach eher die Flucht vor einem Leben, das die Struktur und die Orientierung verliert. In den Entwicklungsländern der „Dritten Welt“ fühlt sich Faber zunächst angeekelt von der nackten Natur. Die ihm als Folie dienenden weiteren Charaktere scheitern denn auch als moderne Menschen durch die Unkontrollierbarkeit der Natur. Nur Marcel, der Archäologe, der die Natur mit aller Behutsamkeit beschreibt und wertschätzt und Walters oberflächlichen Amerikanismus ablehnt, fühlt sich im Dschungel am richtigen Ort.

Die „Alte Welt“ Europa schließlich führt Faber zu seinen Wurzeln und gleichsam zu den Wurzeln des Konflikts, der sein Leben verändert, indem er ihm die Erkenntnis seiner Vaterschaft und des Inzests mit seiner Tochter verdeutlicht.

Insgesamt kann konstatiert werden, dass der jeweilige Ort, an dem Faber sich aufhält, in Kontrast oder engem Zusammenhang zu Fabers innerem Seelenleben steht. Insofern ist es plausibel, seine inneren Zustände mit den jeweiligen Orten, an denen der Roman spielt, abzugleichen (Idee nach Wölke, 2012).

Die „Stationen“ – Schauplätze von Fabers erster Reise

Orte Ereignisse Inneres Erleben Fabers

Start in New York:
S. 7

Faber begibt sich auf Geschäftsreise nach Caracas Faber ist froh alleine zu sein, lässt Ivy, die ihn heiraten wollte, allein.
Houston:

S. 11ff.

Zwischenlandung,

Faber erleidet einen Schwächeanfall, will Maschine verpassen, schämt sich. 

Versuch, dem Weiterflug zu entkommen und sich selbst angesichts der leichenhaften Blässe zu beruhigen Angst- und Abwehrreaktion
Notlandung in der Wüste von Tamaulipas Mexiko: S. 24 Auslöser/ Schicksal/ Zufall, dass Faber auf Herbert Hencke trifft und alles beginnt Faber widerspricht sich, wenn er meint, nicht reden zu wollen; tut es doch. Widersetzt sich scheinbar der Romantik des Orts.
Mexiko City:

S. 35f.

Entschluss Fabers, sich Herbert Hencke bei der Suche nach Joachim anzuschließen Sehnsucht danach, mehr über seine einstige Jugendliebe Hanna zu erfahren,

Beginn der Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit

Campeche: S. 36
Palenque, Plantage:

S. 40ff.

Begegnung mit dem Künstler Marcel, Auffinden des erhängten Joachim, Zurücklassen Herberts im Dschungel Abwehr gegen das Künstlerische (repräsentiert in Marcel),

Ekel gegenüber der Vegetation im Dschungel,

Begegnung mit dem Tod (der Erhängte, der Zopilote)

New York:

S. 62ff.

Zusammentreffen mit Ivy,

Beendigung der Beziehung mit ihr,

Treffen mit New Yorker Freunden

Abwehr gegen das Weibliche (repräsentiert in Ivy), letztmaliges Aufleben-lassen des bisherigen Lebens, Abschieds- und Aufbruchstimmung
Schiffsreise:

S.73ff.

Begegnung mit Sabeth, wachsendes Interesse an ihr, Erinnerung an Hanna Verliebtheit, die Faber sich nicht eingestehen will

Die „Stationen“ – Schauplätze von Fabers Reise mit Sabeth

Orte Ereignisse Inneres Erleben Fabers
Paris:

S. 104ff.

Wiederbegegnung mit Sabeth im Louvre;

Entschluss, gemeinsam auf eine Reise zu gehen

Loslassen der bisherigen Dienstbeflissenheit;

Gefühle der Verliebtheit

Avignon:

S. 126f.

Rückblick Fabers: Inzest in einer Nacht der Mondfinsternis Faber wird von seinen Gefühlen überwältigt
Via Appia:

S. 128ff.

Bekanntwerden der Identität Hannas als Sabeths Mutter Hinweis auf eine mögliche Vaterschaft Fabers Faber verdrängt seine Ahnungen bezüglich einer Vaterschaft uns verrechnet sich bei der Datierung von Sabeths Geburt, um sich selbst zu entlasten
Akrokorinth:

S. 162ff.

Rückblick Faber:
Spaziergang und Sprachspiel mit Sabeth
Intensives Landschafts- und Liebeserlebnis
Korinth:

S. 170ff. (Schlangebiss und Sturz)
S. 1
68ff (Faber erinnert sich zurück)

Unfall Sabeths (Schlangenbiss und Sturz),
Fahrt ins Krankenhaus
Versuch der Beschönigung des Unfallhergangs (Leugnung einer möglichen Mitschuld, indem er erst nachträglich vom Sturz berichtet)

 Aufbau und Zeitebenen

Während die zwei Stationen noch relativ einfach nachvollziehbar sind, sind die Zeitebenen, in die der Roman „Homo Faber“ eingeteilt ist, zunächst schwer zu erfassen.
Man kann durchaus sagen, dass es in dem Roman fünf Zeitebenen gibt, die in unterschiedlichen Beziehungen zueinander stehen.

  1. Ältere Vergangenheit des Erzählers (Zeit vor dem 25.03.1957)

Fabers berufliche Aktivitäten und Privatleben in Zürich; Bericht über die Vorgeschichte in knappen Rückblenden.

  1. Jüngere Vergangenheit des Erzählers (Zeit vom 25.03. bis 29.05.1957)

Rückblick von der Erzählgegenwart der „Ersten Station“ (S. 7-160) auf die Ereignisse bis zum Tod Sabeths.

  1. Erzählgegenwart der „Ersten Station“ (Hotelaufenthalt Fabers in Caracas vom 21.06. bis 08.07.1957)

Rückblenden, Vorausdeutungen und Reflexionen.

  1. Jüngste Vergangenheit (Zeit vom 31.05. bis 18.07.1957)

Erzählvergangenheit der „Zweiten Station“ (S. 161-203).

Ereignisse von der zweiten Amerikareise bis zu Fabers Rückkehr nach Athen.

  1. Erzählgegenwart der Zweiten Station:

Bericht über die Zeit im Krankenhaus in Athen vom 19.07.1957 bis zum Tag der Operation.

Aus dieser Einteilung ergeben sich zahlreiche Schwierigkeiten, die im einzelnen zu besprechen den Rahmen dieses Artikels sprengen würde. Für eine weiterführende Interpretation ist dennoch wichtig, sich immer wieder klar zu machen, von welchem Punkt aus zu welchem anderen vergangenen Punkt geschaut wird. Nur so wird klar, in welchem zeitlichen Rahmen sich der Leser gerade befindet.

Fabers Geräte

Fabers Selbstverständnis und sein Weltbild beruhen auf der Annahme, die Nutzung techni­scher Geräte sei wesentlich für den modernen Menschen, der sich in Opposition zu den Gesetzen der Dschungelnatur sieht. Entsprechend ist er zu jeder Zeit mit Geräten ausgestat­tet, welche hohen Symbolwert im Hinblick auf sein Selbstverständnis besitzen und daher genauer in den Blick genommen werden sollten.
Ein markantes Dingsymbol für das Bestreben, sich weitest möglich von der Erde zu entfernen, ist sein bevorzugtes Reisemittel, das Flugzeug. Insofern es für Schnelligkeit und Abstand zum Boden steht, bestätigt es Hannas Vorwurf, der Techniker versuche, die Welt durch Tempo zu verdünnen (vgl. S. 169). Auch weitere technische Geräte, die Faber immerzu bei sich führt und die auf seine Technikmanie hinweisen, werden von ihm letztlich dazu benutzt, Distanz zur Welt herzustellen. Seine Kamera beispielsweise, mit der er beständig Filmaufnahmen macht, verstellt ihm die Fähigkeit, den Augenblick in seiner Unmittelbarkeit zu erleben. Statt beispielsweise einen Sonnenuntergang zu genießen, ist Faber bestrebt, ihn mittels Technik zu konservieren, und er verfehlt dabei den Genuss daran. Die Sinnlosigkeit des Versuchs, schöne Momente einfangen zu wollen und in die fortschreitende Zeit eingreifen zu wollen, wird ihm allerdings erst nach Sabeths Tod bewusst: Als er in Düsseldorf die Aufnahmen ,seiner toten Tochter nochmals ansieht, muss er sich schmerzlich eingestehen, dass das Gesehene schon nicht mehr da ist und man es nicht noch einmal erleben kann.
Im Angesicht der Vergänglichkeit, deren Zwangsläufigkeit er sehr lange geleugnet bzw. verdrängt hat, lässt er nicht nur die Spulen zurück, sondern beschließt auch, nicht mehr zu filmen (vgl. S. 182).
Ein weiteres Gerät, der elektrische Rasierer, zeigt erneut Fabers Bestreben, sich dem Bereich des Kreatürlichen zu entheben, auf. Das Wachsen des Bartes erinnert ihn offenbar an die wuchernde Natur, denn er rasiert sich vor allem aus Angst davor, zu werden wie eine Pflanze (vgl. S. 27). Damit, sowie mit seiner Idealisierung des Roboters, den er als dem Menschen überlegen einschätzt, offenbart er seine Abwehr sowohl gegen die biologische als auch gegen die psychologische Natur des Menschen. Was er am Roboter bewundert, ist dessen Distanz von jeglicher Emotion wie Angst oder Hoffnung und seine Fehlerlosigkeit beim Erinnern und Rechnen (vgl. S. 75). Indem er versucht, ebenso zu funktionieren, entfernt er sich von sich selbst.
Weiterhin ist für ihn seine Schreibmaschine, die er mit dem bedeutungsschweren Namen „Hermes-Baby“ versieht (angelehnt an die Typbezeichnung durch den Hersteller), von großer Bedeutung. Die Bezeichnung beinhaltet den Namen des griechischen Götterboten Hermes, wodurch die Schreibmaschine mit dem Themenkomplex Mythologie in Beziehung gesetzt wird. Nach antiker Auffassung ist Hermes der Gott der Reisenden, welcher zudem die Funktion hat, Nachrichten des Zeus zu übermitteln sowie Kontakt zwischen dem Reich des Todes (dem Hades) und der Welt der Lebenden herzustellen. Die Schreibmaschine Fabers übernimmt im Roman insofern eine ganz ähnliche Funktion, als sie ihn zum Ausdruck der lang verdrängten, aber doch im Innern schlummernden Wahrheiten motiviert. Bei genauerer Lektüre der entsprechenden Textpassagen wird deutlich, dass beim Schreibprozess nicht mehr nur das auf Papier gebracht wird, was Faber bewusst und willentlich steuert, sondern im Gegenteil eher das, was er sonst so mühsam unterdrücken will. So will er in der Wüste von Tamaulipas nach dem Flugzeugabsturz eigentlich an seinen Kollegen Williams schreiben, schreibt aber tatsächlich — wie ferngesteuert — an seine Geliebte Ivy und zieht brieflich einen Schlussstrich unter ihre Beziehung. Es scheint ihm, „als tippte [es] plötzlich wie von selbst“ (S. 30), was auf ein Strömen der Gedanken aus dem Unbewussten hinweist. Auch später, auf dem Hotelzimmer in Caracas, als er die Erste Station seines Berichts niederschreibt, eröffnet ihm die „Hermes-Baby“ und mit ihr das Schreiben die Möglichkeit zur Selbsterforschung. Somit symbolisiert die Schreibmaschine tatsächlich den Götterboten, da sie das Medium ist, mit dessen Hilfe die Botschaften aus dem Unbewussten ans Licht gebracht werden.
Obschon kein technisches Gerät, ist in dem thematischen Kontext zuletzt das Schachspiel Fabers von Bedeutung. Als stark reglementiertes, langsames Spiel mit hohem Konzentrationsaufwand spiegelt es Fabers Neigung zur Präzision und seinen Wunsch nach Kontrollierbarkeit der Abläufe durch Kenntnis ihrer Gesetzmäßigkeiten. Dass während eines Schachspiels nicht gesprochen wird, zeigt sein distanziertes Verhältnis zu den Menschen, die er auch nicht weiter an sich heranlassen will. Faber spielt das Spiel ausschließlich mit den Männern, die er für seine Freunde hält und die ihm ähnlich sind, also mit Joachim und Herbert Hencke und mit dem amerikanischen Bekannten Dick. Da er das Spielen sogar einer intimen Begegnung mit Ivy vorzieht, zeigen sich im Schachspiel sein Bestreben nach ausschließlich männlicher Gesellschaft und sein Chauvinismus.

Figurenkonstellation

Eine durch Schülerinnen entstandene Visualisierung zeigt das Beziehungsgeflecht der Figuren in ihrem Verhältnis zueinander. Wichtig erscheint besonders, dass nicht alle Figuren in derselben Tiefe beschrieben und charakterisiert werden wie Faber selbst, der sich durch seine Widersprüche zu erkennen wird, oder Hanna, die wir im Verlaufe des Romans immer mehr kennenlernen. Selbst Sabeth und Ivy bleiben blass. Die beiden weiblichen Figuren existieren aber innerhalb des wichtigen „inneren Kreises“ um Walter Faber. Andere Figuren sind bloße Folien für Faber selbst.

So zeigt beispielsweise Marcel in seinem vorsichtigen Umgang mi der Natur, wie sehr sich die Perspektiven unterscheiden können. Faber lehnt die Natur ab, betont immer wieder ihre Weiblichkeit und ihre Unkontrollierbarkeit. Einige Interpreten machten daraus eine generelle Ablehnung Fabers gegenüber Sexualität. Sieht man sich die Beziehung mit Ivy an, ist dies durchaus ein ernstzunehmender Interpretationsansatz.

Visualisierung von @mufflkuchen

 

Das Männer- und Frauenbild Fabers

Faber und Sabeth

Das Verhältnis Fabers gegenüber seiner – wie sich später herausstellt – eigenen Tochter kann an einigen Stellen des Romans überprüft werden. Es ist geprägt von einer Bewunderung, die in Faber selbst schließlich zu einer Emotionalisierung und damit zu einer Veränderung seines bisherigen Weltbilds führt. Maßgeblich dafür ist die Situation, in der es zum Inzest kommt, da hier der technisch-rationalistische Faber und der schon in einer emotionalen Offenheit befindliche Faber miteinander „ringen“. In diesem Moment in Avinon, der von Faber rückwirkend entschuldigend erklärt wird, wandelt sich der Ich-Erzähler auch durch die Nähe zur jungen Sabeth.

Modell: Emily Davies, Fotografie: Anna-Lena Habermehl

Die rückblickende Darstellung dieser Momente größter Nähe sind von Vermeidungsstrategien, Ersatz­diskursen, Umschreibungen und Weglassungen gekennzeichnet: Angesichts der trauten Zweisamkeit von Faber und Sabeth („standen eine volle Stunde Arm in Arm“) wirkt die Beunruhigung Fabers über die „verständliche Erscheinung“ der Mondfinsternis unglaubwürdig. Es ist naheliegend, dass seine Un­ruhe andere Ursachen hat (nicht eingestandene Liebe, Begehren, Schuldgefühle). Seine wortreichen Erklärungen über das astronomische Phänomen verdecken seine Ergriffenheit von der und Involviertheit in die Situation und Sabeths Liebesbekenntnis („(…)küßte mich wie nie zuvor“); diese nebensächlichen Er­läuterungen nehmen weit größeren Raum ein als das, was ihn in dieser Situation weit eher beschäftigt haben dürfte: die Liebe zu Sabeth, die rückblickend natürlich schuldbehaftet und inzestuös ist, im Bericht daher nicht das Gewicht bekommen darf, das sie gehabt hat: erst ganz am Ende der Schilderung dieser Nacht ist von Liebe die Rede, dies jedoch sehr reduziert und stets so, als habe die Initiative bei Sabeth gelegen und Faber selbst könne nichts für den Verlauf der Affäre („das Mädchen… küßte mich“; „das Mädchen war in mich verliebt“: „war es das Mädchen, das in jener Nacht in mein Zimmerkam.“). Zu einer Liebesaffäre gehören freilich immer zwei. Zudem sind die eigentlichen Intimitäten nicht Gegenstand der Schilderung oder Kommentierung. Jedwede Zugeständnisse an seinen Part als Verliebter werden vermieden.

Man kann sagen, dass die Beziehung zwischen Faber und Sabeth hierarchisch ist. Allerdings nicht so, wie man vermuten könnte. Denn während Faber Sabeth zunächst belehrt, ihr Dinge erklärt und doziert, ist sie diejenige, die in ihm einen Wandel auslöst. Mit anderen Worten: Den größeren Einfluss auf das Leben des anderen hat Sabeth; freilich nur bis zu ihrem Tod, der in großem Maße durch Faber selbst verursacht wird, indem er sie zunächst so erschreckt, dass sie sich nach hinten fallend den Kopf stößt und dann in zweiter Instanz, indem er im Krankenhaus dieses Ereignis, das ihr Leben retten könnte, verschweigt.

Faber und Ivy

Schon der Name Ivy (engl. für Efeu) soll ihren umklammernden Charakter zeigen. Alles, was wir als Leser über sie erfahren, ist aus den Augen von Faber berichtet. Insofern verwundert es kaum, wenn sie in das Schema seines – für den heutigen Leser anachronistischen – Frauenbildes gepresst wird. In diesem versuchen die Frauen trotz ihrer eigentlichen Schwäche, die Männer zu betören und sexuell gefügig zu machen. Obwohl Ivy als Figur innerhalb des Romans nicht so differenziert gezeichnet wurde wie Hanna oder Sabeth, hat sie sehr wohl eine eigene Stimme. Sie bezeichnet Faber als  „Rohling, ein Egoist, ein Unmensch“ (S. 58/S. 62, Z. 30), kann sich aber nicht von ihm lösen, weil sie ihn tatsächlich liebt.

Ob Faber diese Liebe erwidert, darf bezweifelt werden. Sie scheint ihn als Person nicht zu interessieren, er weiß wenig von ihr. Sein Interesse gilt der Körperlichkeit, zu der er jedoch kein entspanntes Verhältnis hat. Obwohl er ihr in einem drastischen Abschiedsbrief aus der Wüste geschrieben hat, die Beziehung beenden zu wollen, fühlt er sich „durch Trieb dazu genötigt“ (ebd./S. 101, Z. 16) mit ihr geschlechtlich zu werden.

In gewisser Weise ist genau das der Grund, warum Faber gegenüber Ivy eine Art Hassliebe empfindet. Sie zieht in sexuell an, er erliegt ihr, merkt aber immer danach, dass er der beherrschte ist, der seine ihm so wichtige Dominanz aufgeben muss. Man könnte argumentieren, dass Ivy verdeutlicht, inwiefern Faber auch im vorigen Beziehungsgeflecht unfähig ist, die ihm so wichtige Kontrolle gegenüber allem und jedem aufrecht zu erhalten.

Faber und Hanna

Generell kann man sagen, dass Hanna Fabers weibliche Gegenspielerin ist; wenn man die verschiedenen Textstellen betrachtet, in denen sie sich begegnen und die Faber tatsächlich aus seiner erlebten Rede beschreibt, ist sie ihm grundsätzlich überlegen in dem, wie sie die Welt sieht und was sie über sich und die Welt weiß. Im Gegensatz zu Faber reflektiert sie ihr Verhalten und kommt sogar darauf, dass ihr Leben verpfuscht ist, weil sie so naiv war, auf die verschiedenen Männer in ihrem Leben hereinzufallen. Am Ende des Romans bleibt sie aber eine starke Frau, die sich trotz der kaum zu verkraftenden Ereignisse um Faber kümmert, obwohl das Verhältnis der beiden immer doppelbödig bleibt (mehr zu Frischs Frauengestalten und dem Männerblick kann man hier lesen).

Bezüge zur Mythologie

Max Frischs „Homo Faber“ ist auch deshalb so vielschichtig, weil sich neben den Handlungsebenen und symbolisch aufgeladenen Schauplätzen und Gegenständen zahlreiche mythologische Anspielungen und intertextuelle Verweise in ihm verstecken. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit seien an dieser Stelle einige von ihnen aufgeführt.

Mythos von Demeter / Persephone / Hades

Persephone, die Tochter der Fruchtbarkeitsgöttin Demeter, wird von Hades, dem Gott der Unterwelt, der sie zur Frau nehmen möchte, entführt. Mit Hilfe von Helios, dem Sonnengott, findet sie Persephone, doch Hades ist gegen eine Freigabe. Auf Vermittlung ihres Bruders Zeus bewirkt Rhea eine Vereinbarung: Zwei Drittel des Jahres weilt Persephone bei ihrer Mutter Demeter auf der Erde und sorgt für deren Fruchtbarkeit. Im Winter – der unfruchtbaren Zeit – ist sie bei Hades in der Untenwelt.

 Entsprechungen von Mythos und Roman

Mythos Roman
Persephone wird ihrer Mutter von Hades geraubt. Sie sorgt für Fruchtbarkeit des Landes, steht im Dienste des (Über-)Lebens des Menschen. Sabeth wird ihrer Mutter Hanna von Faber geraubt. ruft verborgene (verdrängte) Seinsschichten (Emotionalität, Beziehungsbedürfnis) in Faber wach, die den Weg zu einer neuen Lebenseinstellung ebnen.
Demeter steht in enger Verbindung zu ihrer Tochter und tut alles (bis hin zur Androhung von Unheil), um sie zu retten. Hanna steht in symbiotischer Verbindung zu Sabeth (,meine Tochter‘) und schottet sie von ,Vätern‘ ab; sie opfert sich für sie auf und nimmt dafür ein karges (,verpfuschtes‘) Leben in Kauf.
Hades lebt fern von der fruchtbaren Erde in einer finsteren Unterwelt und ergreift von Persephone als seiner Wunschpartnerin Besitz; nach der Konfrontation mit der ,bestohlenen‘ Mutter endet der Streit in einem Kompromiss. Faber lebt fern von Hanna (und Sabeth) in einer kalten, rationalen Welt der Technik ohne natürlichen Sinn für Leben und Fruchtbarkeit; entgegen seinen anders lautenden Beteuerungen ergreift auch er von Sabeth Besitz und versetzt sie in das ,Reich des Todes‘.

Faber und Ödipus

 

Gemeinsamkeiten

 

Unterschiede

 

Unwissenheit über die tatsächlichen Verwandtschafts­verhältnisse seiner Geliebten

 

Ödipus tötet seinen Vater und heiratet seine Mutter; Faber will seine Tochter heiraten und ist mit schuld an ihrem Tod (sie weicht vor dem nackten Faber zurück und stürzt mit dem Kopf auf den Stein, S. 157).
inzestuöses Verhältnis

 

Ödipus hat mit seiner Mutter Kinder; Faber mit Sabeth nicht.
Die Verfehlung wird durch Zufall (im Sinne Frischs) bzw. durch das Schicksal (Erinnyen) gesühnt.

 

Ödipus‘ Vorgeschichte: Kreons Aussetzen des Kindes und Rettung durch Hirten, Aufwachsen als Stiefkind in Korinth; Fabers Vorgeschichte: gescheiterte Heirat mit Hanna und Flucht in das Techniker-Dasein.
Im Bewusstsein das Richtige zu tun (Lebensglück durch Verhältnis mit Sabeth – Besiegen der Sphinx, Gerichts­verhandlung) befördern beide ihren Untergang.
Klärung der Schuld durch einen systematischen Prozess (Schreibprozess [Faber] – Gerichtsprozess [Ödipus])
beide lösen Probleme durch einen scharfen Verstand und helfen dadurch anderen (Turbinen – Vernichtung der Sphinx) Ödipus ist stets wohlgelitten und den Menschen zugewandt; Faber Einzelgänger mit Tendenz zur Men­schenverachtung.
Reue

 

beide sterben zuletzt

 

Der Erzähler spielt im Laufe der Romanhandlung immer wieder auf den Ödipus-Mythos an:

  • Fabers Teer an den Füßen nach der Rettung Sabeths (vgl. S. 130 ff.)
  • Ödipus und die Sphinx auf einer Vase in Hannas Wohnung (vgl. S. 142)
  • Fabers Gedanke an Selbstblendung im Zug nach Zürich (vgl. S. 192)
  • Faber erscheint vor diesem Hintergrund als eine Variation von Ödipus.

Sprache und Stil

Fazit

Will man Walter Faber und den angeblichen Bericht, den man schreibt, am Ende beurteilen, hängt viel davon ab, inwiefern man seinen Weg vom „Homo Faber“ zum emotionalen, der Kunst zugewandten, nun mehr nicht mehr ausschließlich technisch-rationalen Menschen als Entwicklungsprozess hin zu einem Besseren, Guten sieht oder die Verstrickung in den Tod seiner eigenen Tochter, die uneingestandene Verantwortung gegenüber anderen Menschen und seinen anschließenden Tod als eine Leidensgeschichte und ein letzliches Scheitern sieht.

Dazu drei verschiedene Ansichten aus der Forschung, die alle ihre Berechtigung haben, allerdings nochmals am Text überprüft werden müssten.

Drei Textauszüge zur Entwicklung Walter Fabers:

GERHARD KAISER

„Der biologische Verfall Fabers und die Zerrüttung seiner gewohnten Lebens­form können […] keineswegs nur mit negativen Kategorien erfasst werden; vielmehr erschließt sich in der Auflösung zugleich eine bisher ausgeschaltete Tiefenschicht von Fabers Persönlichkeit. Dass der Zusammenbruch Fabers gleichzeitig als Durchbruch zu verstehen ist, zeigt sich in allen […] Erlebnisfel­dern […]. Ihren Kulminationspunkt erreicht diese seelische Wandlung Fabers während eines viertägigen Aufenthalts in Habana […]“

(a.a.O., S. 847, zitiert nach: Müller-Salget, S.163)

ERNST SCHÜRER

„Aus dem Techniker der ersten Station wird in der zweiten Station ein Mensch. […] Die Entwicklung Fabers, die sich mit seiner Erschütterung in der ersten Station angebahnt hatte, zeigt sich als ein fortschreitender Prozess der Er­kenntnis: Der verblendete Techniker kommt zunächst zu einer Anschauung des naturgemäßen Lebens. Er erkennt dann, dass die wichtigste Komponente der Natur, und damit auch der menschlichen Natur, die Zeit ist, die sich ihm besonders im Alter und Tod manifestiert. Und er erreicht den höchsten Grad der Erkenntnis unter der Helle der griechischen Sonne, als er dieses natürli­che Leben, und mit ihm auch den Tod, bejaht. […] Gerade seine Einseitigkeit und sein Fanatismus verraten Fabers Unsicherheit. […] Bei Faber kommt es zu keiner Synthese der Gegensätze von Technik und Natur, die beiden Welten bleiben getrennt.“
(Ernst Schürer: Zur Interpretation von Max Frischs ,Homo faber‘. In: Monatshefte 59 (1967), S. 332f. u. 342; zitiert nach Müller-Saiget, S.163-164)

WALTER SCHMITZ

„Faber lebt auch in Cuba nicht .wirklich‘ und ist deshalb auch impotent, un­schöpferisch, sodass sein Versuch, „nicht länger als Leiche im Corso der Le­benden zu gehen“, ihn bloß zu zwei Prostituierten führt und in die ,Blamage‘. Demgemäß wird man auch die von Marcel übernommene, einseitige und ste­reotype Amerika-Kritik bewerten […]. Insgesamt präsentiert die Cuba-Episode ein ästhetisierendes Gegenbild zu Fabers wirklich verpfuschtem Leben (vgl. auch die kunstvolle, künstliche Sprache: Rhythmisierung, Alliteration, Ana­phern) […]“

(Walter Schmilz: Max Frischs Roman ,Homo faber‘. Eine Interpretation. In: Frischs ,Homo faber‘, hrsg. v. Walter Schmilz. Frankfurt/M. 1983; zitiert nach: Müller-Salget, S.164)

Bezüge zu Stamms Agnes

Wenn man zwei (oder später drei) Werke miteinander vergleicht, sollte man sich darüber im Klaren sein, was genau das heißt. Es bedeutet, dass man die inhaltliche Ebene gegenüber stellt. Ein Vergleich kann also darauf hinauslaufen, dass man Figuren und deren Handlung miteinander vergleicht, Symbole und Referenzen in Beziehung setzt oder Schauplätze miteinander vergleicht, kurz: Alles, was innerhalb der Handlung passiert kann verglichen werden. Die äußeren Umstände des Werks, also die Entstehungsgeschichte, die Rezeption oder die mögliche Intention vom Autor spielen dabei meist keine Rolle (da oftmals der Entstehungszeitraum viel zu weit voneinander entfernt liegt). An dieser Stelle werden zunächst einige Impulse vorgestellt, von denen ausgehend man weiterarbeiten kann. Eine systematische, an bestimmten Elementen beider Romane orientierte Analyse folgt später.

Impulse

Das Selbstbild Fabers ähnelt dem Selbstbild des namenlosen Ich-Erzählers in Peter Stamms „Agnes“. Während Walter Faber glaubt, die Welt so zu sehen, „wie sie ist“ und sie in ihre technischen Einzelteile unterteilt und beschreibt (ohne wirklich Beteiligter zu sein), ist auch der Ich-Erzähler in Agnes zunächst sehr technisch orientiert. Als Sachbuchautor interessiert er sich mehr für Fakten als für fiktive Geschichten. Das ändert sich erst mit Agnes. Auch bei Frisch ändert sich die nüchterne Betrachtung mit Eintritt seiner Geliebten, die er zu spät als seine eigene Tochter identifiziert. Man kann sagen, dass in beiden Fällen die weiblichen Figuren eine neue Welt für die männlichen Protagonisten eröffnen, eine Welt, mit der sie beide freilich nicht zurecht kommen; sie scheitern am eigenen Unvermögen, sich anderen Personen so zu öffnen, dass wirkliche Bindungen entstehen könnten. Dies zeigt sich insbesondere an den Stellen, an denen die beiden Männer die Chance hätten, Verantwortung zu übernehmen. Mit einer möglichen Vaterschaft konfrontiert, raten beide ihren Partnerinnen zur Abtreibung.

Die weiblichen Protagonisten  auf der anderen Seite sind Figuren, deren Weltbild nicht so zementiert ist wie das ihrer männlichen Gegenüber. Sie schätzen beide die Kunst. Agnes selbst analysiert vor einem Bild stehend besser, mit welcher Person sie es zu tun hat, als der Ich-Erzähler selbst. Auch Faber lernt die Kunst in Griechenland immer mehr zu schätzen, wirkt angesteckt von der Begeisterungsfähigkeit von Sabeth. Ein gleiches Niveau erreichen sie freilich nicht. Sie bleiben sowohl in ihrem Weltbild als auch in ihrer daraus resultierenden Handlungsweise grundverschieden. Grundsätzlich sind beide Frauen emanzipiert, gebildet und bewandert in der Kunst. Während sich Agnes jedoch vom Ich-Erzähler durch die Geschichte unterjochen lässt, emanzipiert sich Hanna von Faber. Dafür betört er freilich seine eigene Tochter, die sich ihm nicht entziehen kann und – in einer drastischen Interpretation – von seinem Geschlecht so angestoßen ist, dass sie sich die tödlichen Verletzungen zufügt. Obwohl die beiden jungen Figuren tendenziell rational sind, ist beiden dennoch eine gewisse Naivität in Beziehungsfragen nachweisbar. Während Sabeth nicht bemerkt, dass Faber ihr im Louvre nachstellt und es sich keineswegs um ein zufälliges Treffen handelt, bemerkt Agnes zu spät, dass der Ich-Erzähler nicht gewillt ist, sich ihr hinzugeben.

Auch bei den weiblichen Nebenfiguren gibt es einige Ähnlichkeiten. Die sechsundzwanzigjährige Ivy, die als Mannequin die typische Amerikanerin verkörpert erscheint ähnlich der Figur Louise, die dem Ich-Erzähler aus Agnes Treffen und Beziehung ohne wirkliches Engagement anbietet.

Generell haben die beiden männlichen Hauptfiguren Probleme, mit ihren Partnerinnen zu sprechen. Diese Kommunikationsschwierigkeiten zeigen sich nahezu in jedem, besonders aber in jenen Gesprächen, in denen es um ihre eigene Verantwortung gegenüber dem Partner geht.

Schuld und Wahrnehmung von Verantwortung

Schuld und Wahrnehmung von Verantwortung

Fabers Fehlverhalten

  • Faber verhält sich Hanna und dem ungeborenem Kind gegenüber falsch, da er sich gegen sie und für den Beruf entscheidet; empfindet keine Vaterfreude
  • Sein sexuelles Verhältnis zu Sabeth, das eine Folge seines früheren Fehlverhaltens ist
  • Er gesteht sich den Inzest zu spät ein und verschweigt den tödlichen Sturz Sabeths
  • Er möchte den irrationalen Bereich nicht wahr haben und beschränkt sich nur auf die Technik
  • „Benutzt“ Frauen nur, um seine sexuellen Bedürfnisse zu befriedigen (Ivy)

→ Handelt unverantwortlich, da er sich der Verantwortlichkeit für sein Kind entzieht

→ Handelt unverantwortlich, da er im Unterbewusstsein weiß, dass Sabeth seine Tochter ist

→ Handelt unverantwortlich, da er den Ärzten vom Sturz berichten hätte müssen

Hannas Fehlverhalten

  • Reduziert sich nur auf das Selbstkonzept „allein stehende Mütter“
  • Enthält Sabeth ihren Vater, was zum Inzest und Tod führt
  • Ebenso wie sie Faber die Vaterschaft verschweigt, das ebenfalls zum Inzest und zum Tod Sabeths führt

→ Handelt unverantwortlich, da sie weder Faber, noch Sabeth von der Vater-Kind-Beziehung erzählt hat, ansonsten hätten der Inzest und der Tod Sabeths verhindert werden können

Der Erzähler (Agnes)

  • Empfindet keine Vaterfreude; würde sich eher wünschen das Kind abzutreiben, als es zur Welt zu bringen; ist erleichtert als Agnes das Kind verliert und schämt sich dafür
  • Liebt Agnes nicht wirklich, „nutzt“ ihre unsozialisierte Art ein wenig aus (→ Louise)
  • Sieht sich nicht für Agnes Tod verantwortlich und besänftigt sein Gewissen mit dem fortführenden der Geschichte, in der er dann sensibler auf das Kind reagiert
  • Agnes nimmt sich vermutlich am Ende des Romans das Leben, er unterlässt jedoch jegliche Hilfe (suchen, der Polizei melden, etc.) und nimmt den möglichen Tod einfach hin
  • ER VERDRÄNGT JEGLICHE SCHULD

→ Handelt unverantwortlich, da er sich der Verantwortlichkeit für sein Kind entzieht

→ Handelt unverantwortlich, da er sich keine Gedanken über Agnes‘ Verschwinden und den vermeidlichen Tod Gedanken macht

Und jetzt?

Im Gegensatz zu vielen anderen Fächern, reicht es leider im Deutschunterricht, insbesondere in der Kursstufe, nicht aus, alles, was man wissen können sollte, einfach auswendig zu lernen. Dies gilt im Besonderen für einen durchaus anspruchsvollen Text. Was kann man also mit all diesen Informationen anfangen. Zunächst sollte man versuchen, alles nicht nur zu lesen, sondern nachzuvollziehen, sich also zu jeder Zeit zu fragen, ob das, was hier steht, auch tatsächlich so ist. Danach kann man nur selbst üben. Das bedeutet, dass man einen Textabschnitt betrachtet, diesen versucht zu strukturieren, ein Thema bzw. einen Konflikt auszumachen und im letzten Schritt auf die größeren Themen hinweisen. Wirklich nachvollziehbar ist dies aber immer nur dann, wenn es sich aus dem Text ergibt. Themen, die sich abzeichnen, sind jene, die oben angeführt werden.

Zu all diesen Punkten finden sich hier einige Informationen. Am Schluss heißt es jedoch wie immer: Man muss es selbst machen, damit man besser wird.

Einleitungen

Da ich gefragt wurde, wie ein Basissatz auszusehen hat, einige Anmerkungen dazu:

Zu Beginn einer Klausur leitet man in das Thema ein und umreißt in groben Zügen die Problemstellung. Diese kann selbstverständlich variieren.

Beispiel für den Anfang einer Klausur

Im Rollenroman „Homo faber“ des Schweizer Autors Max Frisch (1957 veröffentlich) berichtet die Hauptfigur Walter Faber, ein Ingenieur mit streng rationalistischem Weltbild, von Ereignissen seines Lebens, die eben dieses technisch-naturwissenschaftliche Weltbild ins Wanken bringen und entscheidende Grundfragen menschlicher Existenz aufwerfen.

Walter Faber begegnet auf der Schifffahrt von New York nach Paris Sabeth, einer 20-jährigen Kunststudentin, ohne zu wissen, dass sie seine Tochter ist. Der rückblickende Erzähler gibt zwar zu, dass ihn schon nach kurzer Bekanntschaft das junge Mädchen an Hanna, seine Liebe aus Studienzeiten, erinnert hat, aber er bestreitet, dass er jemals den Verdacht gehabt habe, sie könne seine Tochter sein.

Während Walter Faber durch die Beziehung zu Sabeth auf ihrer gemeinsamen Reise durch Frankreich, Italien, Griechenland zunächst ein neues Lebensgefühl erfahren hat, hat sich dieses Lebensglück durch Sabeths Tod ins Gegenteil verkehrt. Schuldbewusstsein, Trauer und Selbstverachtung bestimmen nun sein Denken.

Nach klärenden Gesprächen mit Hanna und erneuten Reisen nach New York, Caracas, Cuba, Düsseldorf und Zürich befindet sich Faber nun, gezeichnet von seiner Krankheit, im Athener Krankenhaus, wo er auf eine Operation wartet und seine Aufzeichnungen handschriftlich fortführt.

Darin berichtet er, dass er von einer Diakonissin auf Wunsch einen Spiegel erhalten hat, um sein äußeres Erscheinungsbild zu taxieren.

Mit diesen Einleitungen gehe ich auf die notwendigen Informationen und einen Aspekt der Thematik ein, der im vorgelegten Textauszug eine Rolle spielen könnte. Was sich daran anschließen muss, ist die Hinführung zum Textauszug.

Welches Thema oder welche Konfliktstellung genau in die Einleitung und den Basissatz muss, ist natürlich abhängig von der jeweiligen Aufgabe. Wenn die Aufgabe selbst nicht präzise formuliert ist, muss der Basissatz als Teil der Analyse das Thema oder den Konflikt erfassen.

Die Einleitung kann in besonderen Fällen mit einer Beschreibung, einem Zitat oder sonstigen Elementen beginnen, die die Aufmerksamkeit des Lesers auf sich ziehen, jedoch ist dies nur dann zu empfehlen, wenn man im eigenen Schreiben sehr sicher ist und eine Idee hat, die sich präzise mit dem jeweiligen Thema verbinden lässt.

Quellen

Johannes, Diekhans (Hrsg.): Einfach Deutsch Unterrichtsmodell. Max Frisch. Neubearbeitung von Alexandra Wölke. Darmstadt 2012.

Walter Schmilz: Max Frischs Roman ,Homo faber‘. Eine Interpretation. In: Frischs ,Homo faber‘, hrsg. v. Walter Schmilz. Frankfurt/M. 1983; zitiert nach: Müller-Salget, S.164

Walter Schmilz (Hrsg.): Frischs ,Homo faber‘. Frankfurt/M. 1983.

Ernst Schürer: Zur Interpretation von Max Frischs ,Homo faber‘. In: Monatshefte 59 (1967), S. 332f. u. 342; zitiert nach Müller-Saiget, S.163-164.

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2 Kommentare zu UNTERRICHT: Homo Faber: Eine ganzheitliche Deutung

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