Auch wenn der Versuch fehlschlägt, möchte ich eine Begrifflichkeit vorstellen, von der ich der Auffassung bin, dass sie ab der Oberstufe einen Schlüssel für das Verständnis von Kurzgeschichten bietet. Von einem Terminus technicus kann ich insofern nicht sprechen, als dass eine tatsächliche “Einführung” als Idee ein Studium der einschlägigen Werke voraussetzen würde, die sich allein in dem Standardwerk “Die deutsche Kurzgeschichte” auf etwas mehr als 20 Seiten Sekundärliteratur erstreckt. 

Anmerkung

Die Begrifflichkeit ist eine starke Verkürzung im doppelten Sinne: Sie verkürzt das, was Kurzgeschichten ausmachen, stark. Und sie ist insofern stark, als dass die Erkenntnis bei vielen Schüler*innen ein Verständnis dafür ergeben kann, was die Relevanz von Kurzgeschichten ist. Obwohl – oder vielleicht gerade weil – es sich um einen nicht aus der Forschung entstandenen Begriff handelt, möchte ich gerne alle Interessierten, gerade aus der universitären Germanistik bitten, kritisch zu kommentieren, was sie von der Begrifflichkeit halten. Für Lehrer*innen des Faches Deutsch soll der Begriff – oder besser – die Begriffe ein Erkenntniswerkzeug darstellen.

Problem

Die nun folgenden Begriffe sollen ein Problem lösen, das sich oftmals in der thematischen Beschäftigung mit Kurzprosa ergibt. Zum einen fällt es Schüler*innen oft schwer, zwischen Kurzgeschichten, Parabeln und den am wenigsten identifizierbaren Erzählungen zu unterscheiden. Oftmals umgehen Lehrpersonen das Problem, indem sie “Merkmale der Kurzgeschichte” einführen. Diese werden dann von den Schüler*innen aber oftmals weniger als Anhaltspunkte einer Kategorie genutzt, sondern werden quasi ohne inhaltlichen Bezug abgearbeitet. “Dieser Text hat ein offenes Ende, was auf eine Kurzgeschichte schließen lässt.” Ein Nullsatz, wenn das Thema der Unterrichtseinheit Kurzgeschichten gewesen sind.

Begrifflichkeit

In der gemeinsamen Arbeit mit meinem Leistungskurs entwickelte sich in der Erklärung zu den Besonderheiten der Kurzgeschichte die einfache Begriffsfolge, um die es hier geht: Kurzgeschichten, so meine These, basieren auf einer

existenziellen banalität.

Dabei sind beide Begriffe auf ihre etymologische Bedeutung, nicht im Hinblick auf epochenspezifische Besonderheiten zu sehen. Was meine ich?

Im Gegensatz zu einer Parabel, in der die in unterschiedlichen Aspekten – Personen, Räumen, Zeiten und anderem – verdeutlichten Handlungszusammenhänge eine meist zu “übersetzende”, abstrakte Bedeutung haben, ist das, was in Kurzgeschichten zunächst ins Auge fällt, zunächst banal. Leute sitzen am Tisch und reden über eine abwesende Person. Jemand betrachtet sich im Spiegel. Ein Mädchen fährt mit dem Bus. Jemand erhält einen Brief aus Amerika.

Würden die Themenbeschreibungen in dieser Weise artikuliert (was sie oft dann werden, wenn Deutungshypothesen noch nicht als erste Deutung des Textes eingeführt worden sind), dann sind sie banal, das heißt: Im wahrsten Sinne so schlicht, dass sie nicht der Rede wert sind.

Leonie Marx zitiert in “Die deutsche Kurzgeschichte” in der Merkmalsbestimmung einen Gedanken, auf dem die beiden Begriffe (nun rückwirkend, denn ich las es erst dann nochmals nach) aufbauen. So zitiert sie Schönbach, der den “Ausschnittcharakter” hervorhebt und eben die “Konzentration auf ein schlichtes Lebensereignis, bis in seine verstecktesten Eigentümlichkeiten”.

Genau das ist es, worauf der zweite Teil abhebt. Nicht der Fakt, dass das Ereignis banal ist, macht es relevant, sondern dass es nicht nur trotz, sondern wegen seiner Banalität existentiell ist, also das gesamte Leben der Protagonisten betrifft.

Die Herausarbeitung der “existentiellen Banalität” erlaubt so zweierlei: Zum einen kann dann, wenn nicht klar ist, ob es sich um Kurzgeschichten oder andere Kurztexte handelt, die Beobachtung der existenziellen Banalität dazu führen, dass anderes ausgeschlossen werden kann (das geht nicht immer trennscharf, wie der Text “Auf dem Balkon” zeigt, der wohl als parabolische Kurzgeschichte gelten kann, also Merkmale vermischt).

Zum anderen kann die Analyse dieser existenziellen Banalität dazu führen, dass weniger nach Merkmalen geschaut wird, die abgehakt werden, sondern nach der Relevanz, die dann in dem Bezug beider eigentlich widersprüchlichen Teile besteht.

Fazit

Die “existenzielle Banalität” herauszuarbeiten führte nach meiner Erfahrung im Kurs neben den angesprochenen Erkenntnissen zu einem weiteren guten Nebeneffekt: Oftmals sind Schüler*innen von Kurzgeschichten deshalb so verunsichert, weil sie zunächst meinen, dass “irgendwie gar nichts richtig passiert”. Verdeutlicht man, dass dies eben quasi konstituierend ist, ergibt das eine zusätzlich bessere Vorbereitung auf unbekannte Texte.

Die Begrifflichkeit anhand verschiedener Kurzgeschichten zu überprüfen, wäre aus meiner Sicht sicherlich eine fruchtbare Aufgabe. Aber auch außerhalb einer Prüfung würden mich die Meinungen von Deutschkollegen sehr interessieren.

P.S.

Im neuen Video erkläre ich das Ganze auch ein wenig schülergerechter. Vielleicht bietet es sich als Impuls für den Unterricht an.

4 KOMMENTARE

  1. Hallo Bob,
    ich finde den Begriff insofern gut gelungen, dass er genau das beschreibt, was ich meinen Schülern oft zu vermitteln versuche. Vielleicht werde ich beim nächsten mal genau diesen Begriff verwenden und schauen, ob sich das ganze den Schülern besser erschließt. Zumindest für den Einstieg denke ich, erfüllt die Begrifflichkeit ihren Zweck.
    Weiterführend gibt es meines Erachtens nach jedoch zuviele Kurzgeschichten, denen die Begrifflichkeit nicht gerecht wird.
    Während man bei Borcherts Brot oder Küchenuhr diese Banalität noch findet, glaube ich nicht, dass sie auf die meisten seiner übrigen Geschichten noch zutrifft, gleiches zB bei Böll.
    Auch viele moderne Texte verschließen sich gegenüber diesem banalen Alltagsgeschehen (zB Nacht von Berg).
    Hier würde mich mal eine Untersuchung in der Breite interessieren, wieviele und welche Geschichten man wirklich mit dieser Begrifflichkeit verbinden kann. Klingt nach einem spannenden LK Projekt.

    • Hey, ja, das stimmt. Das könnte man wirklich als Projekt machen. So hätte man eine übergeordnete Kategorie, an der man sich orientieren kann. Was dein Beispiel angeht, sehe ich das nicht so. Zwei Jugendliche gehen im Trubel der Stadt abends auf einen Turm. ¯\_(ツ)_/¯ Das Existenzielle kommt dann ja noch dazu. Ich denke schon, dass man Kurzgeschichten finden kann, die dem nicht entsprechen, aber bei dieser meine ich, dass es gut trifft.

  2. Euer geschriebenes Buch „Endlich Kurzgeschichten verstehen“ interessiert mich. Ich möchte aber nicht bei Amazon kaufen. Kann man es noch woanders erwerben?

    • Hey! Dadurch, dass das Buch “on-demand” ist, also nicht schon gedruckt besteht, kann es leider nur über Amazon gekauft werden. Tut mir leid. Liebe Grüße

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