Obwohl noch nicht klar ist, für wie lange, ist in den meisten Bundesländern digitaler Fernunterricht angesagt. Die vielleicht einigen bekannte 4+1-Regel ist oftmals dann nicht durchführbar, wenn nach Stundenplan unterrichtet werden muss. Für diesen Fall versuche ich über die nächste Zeit eine Alternative, die ich hier erläutern möchte. Es geht etwas, das ich Standardsetting und 2+2-Regel nennen möchte. 

Allgemein

Nach einigen Monaten digitalem Fernunterricht ist vielen klar, dass digitales Lernen nicht bedeutet, dass dieselben Aufgaben, die in der Erarbeitungsphase im Unterricht gemacht würden, einfach zugeschickt werden. In einem gelingenden Fern– bzw. Hybridunterricht ändern sich die Phasen, die Struktur und die Funktionalität von Elementen des Unterrichts. In aller Kürze können die wichtigsten Punkte lauten:

  • Unterrichtsphasen können entzerrt werden
  • Sinnvolle Videokonferenzen sollten einen bestimmten Fokus haben
  • Feedback ist zentral (auch als emotionaler Faktor)
  • Die Aufgaben sollten im Umfang der Erarbeitungszeit des Unterrichts entsprechen
  • Der Unterricht sollte, sowohl synchron als auch diachron multimodal sein, sofern dies gewünscht und erlaubt ist

Inwiefern der eigene Unterricht einigen dieser Punkte entspricht, kann beispielsweise mit dem digitalen Schieberegler überprüft werden.

Dienstliche Leitlinien

Nun ist es so, dass in den meisten Ländern die Ministerialdirektoren (Dienst-)Anweisungen gegeben haben, an die sich die Schulen halten (sollten). Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass sich Schulen auf eine verbindliche Regelung einigen. Wie der konkrete Unterricht aber abläuft, ist natürlich unabhängig von der Planung des gesamten Kollegiums. Auf der Grundlage der Leitlinien für Baden-Württemberg werde ich dort, wo dies möglich ist, eine neue „Regel“ anwenden, die ich an dieser Stelle kurz erläutern möchte.

Standardsetting

Ein Standardsetting im Unterricht mag sich abschreckend anhören. Ich verspreche mir von einer solchen konsequent durchgeführten Dramaturgie einen gewissen Halt, an dem Schüler*innen (und Lehrer*innen) sich in einer Zeit der Haltlosigkeit orientieren können. Zunächst also die Planung, wie ich sie in diesem Standardsetting vorhabe mit didaktischer Reflexion (freilich bevor das Ganze zum ersten Mal durchgeführt worden ist). An dieser Stelle das Setting für zwei Doppelstunden. Bei einer anderen Stundenanzahl muss dies freilich angepasst werden.

Doppelstunde: Videokonferenz als Input, Erarbeitung, Besprechung und Aufgabe

  1. Begrüßung und Feststellung der Anwesenheit

Aus meiner Perspektive ist die Feststellung der Anwesenheit zentral (in vielen Bundesländern wurde diese auch zumindest für den Anfang und das Ende der Woche gefordert), damit Schüler*innen sich wahrgenommen fühlen und nicht verloren gehen. Dieser Organisationsaufwand sollte durchgeführt werden.

2. Offene Fragen zur Organisation/ Zustand/ Gegenstand

Eine Fragerunde zu Beginn halte ich für wichtig, vor allem, weil es hier auch darum gehen können soll, wie die Schüler*innen sich fühlen. Nach meiner Erfahrung ist eine solche Äußerung im Videochat, zumal dann, wenn nicht alle ihre Gesichter sehen, nicht immer einfach. Aber angeboten muss er aus meiner Perspektive.

3. Advanced Organizer

Zum Advanced-Organizer heißt es auf der Seite der Lehrer*innenfortbildung in Baden-Württemberg: 

Der Advance Organizer (auch Pre-Organizer oder Advanced Organizer) ist eine von der Lehrperson im Voraus (in advance) gegebene visuelle Lern- und Orientierungshilfe , die neue Lerninhalte gedanklich strukturiert (to organize) und mit (Vor-) Wissen und Kompetenzen ver­knüpft.

Als Vorteile (im „normalen“ Unterricht) werden jene Aspekte genannt, weswegen ich einen solchen Advanced Organizer für sinnvoll halte:

  • Ziel- und Verfahrenstransparenz
  • fokussierte Aufmerksamkeit mit erhöhter Schüleraktivierung und Motivation
  • Planungs- und Mitgestaltungsmöglichkeiten
  • Planungssicherheit und Klarheit
  • langfristiges Behalten durch Anbahnung von eigenständigem Lernen
  • eine Hilfestellung nicht nur für eher schwächere und zurückhaltende Schülerinnen und Schüler.

Mit anderen Worten: Für diese erste (Doppel-)Stunde (deshalb 2+2) halte ich eine sehr klare, gleichbleibende Struktur für wichtig. Im besten Fall (oder, wenn der Lockdown weitergeht, auch im schlechtesten Fall, wie man es sieht) kann diese Halt für das Vorgehen bieten.

4. Aufgabenstellung

In einem solchen Advanced Organizer ist die Aufgabenstellung Teil der Präsentation der Struktur. Aus meiner Sicht sollte sie (für den kommenden Teil) sehr klar und eindeutig sein – soweit dies möglich ist.

5. Erarbeitung (Entweder in Gruppenchats/ Einzelarbeit/ Gruppenkonferenz oder ohne Präsenz des Lehrers/ der Lehrerin, aber mit Möglichkeit für Rückfragen über den Chat)

Der Punkt an dieser Phase ist, dass der/die Lehrer*in hier aus der Konferenz gehen kann und entweder individuell Fragen beantwortet, oder aber für den restlichen Teil der Stunde arbeitet (wie es eben in einer „normalen“ Präsenzstunde auch wäre). Zu einem zuvor ausgemachten Zeitpunkt wird dann die Konferenz wieder weitergeführt.

6. Präsentationsphase/ Rückmeldung

Damit die Präsentationsphase funktioniert (denn auch hier gilt, dass Videokonferenzen nicht immer einfach sind für alle Teilnehmer*innen), sollte die Aufgabe, wie oben erwähnt, so gewählt sein, dass sich möglichst viele Beteiligen können. Möglich ist sicherlich für Experten ein zuvor angelegtes Padlet (oder eine ähnliche Plattform) auf der unterschiedliche Aufgaben angegeben sind. So dass jeder zumindest eine wichtige Aufgabe gemacht hat. Zudem könnten so offene Formate für die „schnellen“ angelegt werden.

7. Bereitstellung einer Sicherung

Solange nicht sowieso auf einer gemeinsamen Grundlage gearbeitet wurde, die digital ja oft bedeutet, dass die Erarbeitung gleichzeitig schon die Sicherung ist, ist es aus meiner Sicht weniger sinnvoll, eine Art synchron ausgeführte Sicherung durchzuführen (an dieser Stelle sei auf zeitgemäße Sicherungphasen verwiesen). Besser ist a) dass die Erarbeitung gleichzeitig zu einem Festhalten der Ergebnisse führt oder das b) die Lehrperson die basalen Inhalte/ Ergebnisse zur Verfügung stellt.

Damit ist nicht zwangsläufig einfach eine „Lösung“ gemeint. Vielmehr könnte es sich um die Grundergebnisse handeln, die individuell angereichert werden könnten von jenen Ergebnissen der Aufgaben, die die Schülerinnen gemacht haben.

Aufgabe als „Hausaufgabe“

Bis zu diesem Zeitpunkt entspricht die Unterrichtsplanung (wie oben erwähnt: zwangsläufig, wenn die Dienstanweisungen von der Anweisung von einer Abbildung des Stundenplans sprechen) fast einer „normalen“ Stunde. Der Unterschied ist, dass die Erarbeitungsphase nicht in Präsenz stattfindet und das die Sicherung digital läuft oder eben bereit gestellt wird (beides führt zu mehr Zeit für die Erarbeitung).

Die Aufgabe, die als Hausaufgabe gestellt wird, kann man sich nun als eine Art zweite Erarbeitungsphase vorstellen. Insofern sollte sie so gestellt werden, dass sie ergiebig für die nächste (Doppel-)Stunde ist. Dann kann diese sich nämlich grundsätzlich unterscheiden.

Doppelstunde: Fokusstunde: Videokonferenz als FAQ + Präsentationsrunde

Wenn wir von der ersten Doppelstunde als eine Art orchestrierte Strukturstunde ausgehen, ist die zweite Doppelstunde eine Fokusstunde. Hier kann nach den ersten zwei Schritten, die schon für die erste Stunde besprochen worden sind, eine genaue Besprechung der Aufgaben der ersten Stunde stattfinden.

1. Begrüßung und Feststellung der Anwesenheit
2. Offene Fragen zur Organisation/ Zustand/ Gegenstand
3. Präsentationen/ Rückmeldungen FAQ

Möglicherweise erscheint die Besprechung der aufgegebenen Aufgabe banal. Das kann man so sehen; es soll aber insofern nicht banal sein, als dass die zweite Stunde Videokonferenz also eine Art gemeinsame Besprechung, eben eine Videokonferenz und kein Videounterricht ist (nebenbei: das ist der andere auch nicht). Das heißt, dass hier sehr genau auf das eingegangen werden kann, was in der ersten Doppelstunde als Hausaufgabe bzw. Erarbeitungsaufgabe erstellt worden ist.

4. Mögliche Transferaufgabe (digital/ kollaborativ)

Eine weitere Hausaufgabe kann nun, wie es so oft für Stunden erdacht wird, eine Transfer- oder Übungsaufgabe sein. Der Punkt ist, dass bei der nächsten Doppelstunde eben keine Zeit für eine lange Besprechung sein soll, sondern es dann wieder von vorne beginnt (sofern man dieses Standardsetting anwenden möchte).

Fazit

Dieser Vorschlag für eine Struktur des Unterrichts im Unterricht beruht auf den Einschränkungen, die durch die Regelungen des Kultusministeriums gegeben wurden und auf der Überlegung, wie man durch Strukturierung des Unterrichts Halt für die Schülerinnen und Schüler schaffen kann.

Das bedeutet gleichzeitig, dass dies natürlich nur eine Idee ist, die verworfen werden kann und deren Teile herausgenommen und neu organisiert werden können. Alles ist mir sehr willkommen.

Wie immer versteht sich der Artikel als Impuls und Anregung. Ich freue mich über Kritik, Rückmeldungen und weitere Impulse.

Grafische Darstellung

 

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6 KOMMENTARE

  1. Einfach nur DANKE für die vielen tollen Artikel, die einen leicht verständlich an das digitale Lehren heranführen – meine treuen Begleiter, vor allem seit März 2020 😉

  2. […] Grundsätzlich sollten immer Nachfragen möglich sein, da diese Aufgabe nicht einfach von Eltern übernommen werden kann. Wenn an dieser Stelle kein Platz für Videokonferenzen ist, sollte man freundlich, sachlich und bestimmt bei der Lehrperson nachfragen, inwiefern dies möglich oder geplant ist. Wie Lehrpersonen dies strukturieren können, ist hier beschrieben. […]

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