Nach einigen Gesprächen mit am Schulleben Beteiligten und nicht zuletzt mit Marc Raschke, dem Leiter der Unternehmenskommunikation im Klinikum Dortmund, möchte ich einige laute Gedanken äußern, welche Möglichkeiten ich bei einer sukzessiven Schulöffnung sehe, um Schlimmeres zu vermeiden und einen einigermaßen sicheren Ablauf zu gewährleisten. Diese Überlegungen verstehen sich, wie immer, nur als Impulse, die selbstverständlich kritisiert, diskutiert und weitergedacht werden können (entsprechende Kommentare werde ich ggf. in den Beitrag einfügen). 

Die hier angegebenen Vorschläge bauen zwar aufeinander auf, sind aber auch in Teilen und/ oder unabhängig voneinander denkbar.

1. Hybride Struktur – analog und digital

Meines Erachtens kann eine Wiedereröffnung der Schulen nicht eine einfache Rückkehr in den Status Quo bedeuten, alleine schon nicht, weil die Beachtung der verschiedenen Maßnahmen bedeutet, dass die außergewöhnliche Situation bestehen bleibt (stetiges Händewaschen, Masken, Abstand – um nur die wichtigsten zu nennen). Es sollte also auch dann, wenn die Schulen sukzessive öffnen, immer auch um eine Kombination von digital und analog gehen.

2. Synchrones vs diachrones Setting

Darauf aufbauend ergibt sich ein Setting, dass sowohl synchrones als auch diachrones Unterrichten sinnvoll macht. Das bedeutet konkret, dass beide Teile, also Unterricht, der in der Anwesenheit der Beteiligten abgehalten wird, und dieser, der über digitale Kanäle funktioniert, aufeinander abgestimmt werden muss. Mit anderen Worten: Auch die Präsenz verändert sich. Präsenzunterricht ist nicht mehr eng orchestrierter Unterricht nach Maßgabe einer „normalen“ Strukturierung, sondern eine Erweiterung/ Ergänzung für das, was im digitalen Fernunterricht geschieht (siehe Nr. 4).

3. Fächertage

Aber auch unter diesen Bedingungen ist eine „normale“, stundenplanmäßige Routine allein deshalb nicht vorstellbar, weil sie – vor allem mit Kurssystemen – für eine heftige Durchmischen sorgen würde (man stelle sich Kurse von 15 Schüler*innen vor, die 4 Mal Raum und Kurs wechseln). Insofern sehe ich Fächertage (zusammen mit der 4+1-Regel) als sinnvolle Maßnahme. Welche Fächer an welchen Tagen „unterrichtet“ würden, ist eine Sache der Stundenplanung und Schulleitung. Die Idee ist aber, dass eine Durchmischung so vermieden wird und die Schüler*innen die Sicherheit haben, an welchem Tag welches Thema eine Rolle spielt.

4. Präsenztage

Die Fächertage würden aber auch bedeuten, dass man von dem normalerweise funktionierenden Stundenplan insofern abweicht, als dass es ausschließlich einen Tag für ein Fach gibt (oder eben so, dass es entsprechend funktioniert). Es versteht sich von selbst, dass in einem solchen Fall die gesamte Stundenzahl nicht an einem Tag abgebildet werden kann, weil beispielsweise im Falle von Leistungskursen zwei Fächer schon 10 Stunden vereinnahmen würden. Das heißt: Die Präsenztage wirken sich auch auf das Deputat aus.

5. Entsprechende Deputierung

Die Unterrichtsstunden von Lehrer*innen sind sowieso nicht an die Präsenz gebunden (Unterricht muss vor- und nachbereitet werden, es wird korrigiert und organisiert). In dem hier darstellten Modell bedeutet das: Das „Präsenzdeputat“ besteht in jedem Fall aus höchstens eineinhalb Stunden. Die restliche Zeit wird dafür aufgewendet, den Unterricht digital weiterlaufen zu lassen.

6. A/B-Woche

In diesem Konzept heißt das natürlich, dass nur eine gewisse Anzahl der Schüler*innen die Möglichkeit der Präsenz bekommen. Da dies zu erhebliche logistische Schwierigkeiten führen kann, bietet sich eine A/B-Wochen-Regelung an. Das würde also, zusammen mit den oben aufgeführten Maßnahmen bedeuten: Der Teil eines Kurses sieht den Lehrer an einem Tag, dort werden Probleme, Herausforderungen und Möglichkeiten besprochen. Am selben Tag, zwei Wochen später, geht es weiter. Die andere Hälfte des Kurses kommt am Tag in dieser Woche.

7.Strukturierung von Unterricht

Dies alles bedeutet, dass der „Unterricht“ kein Unterricht mehr ist, sondern ein Organisations- und Unterstützungsangebot. Das heißt: Lehrerinnen bereiten die Präsenz so vor, dass Sie

  • Die Aufgabenstellung für die nächsten eineinhalb Wochen klären
  • Die Organisation erläutern
  • Probleme und Fragen klären
  • Aufgaben der letzten Woche(n) besprechen
  • Und: Für die Schüler*innen und ihre emotionalen Bedürfnisse da sind

Dies wird eine große Umstellung, aber aus meiner Sicht eine sinnvolle, weil es eben nicht mehr darum geht, einen „knackigen Einstieg“ herzuleiten, sondern direkt in medias res zu gehen und nach Prioritäten zu klären.

8. Entsprechende Aufgabenstellung

Die Aufgabenstellungen, die in gewisser Weise die Präsenzzeiten miteinander verbinden, müssen an diese „hybride Struktur“ (Nr. 1) angeglichen werden. Es bietet sich das SMART-Konzept an. Die Aufgaben sollten also in ihrem Umfang so gestaltet sein, dass sie SMART sind (also: spezifisch, messbar, aktivierend, realistisch, terminiert), wobei ich die Messbarkeit hinten anstellen würde. Der wichtigste Punkt ist: aktivierend und realistisch. Im Präsenzunterricht arbeitet kein Kind und kein Jugendlicher zwei Stunden durch. Die Zeit des eigentlichen Austauschs, der Organisation etc. muss also von einer nackten Aufgabe abgezogen werden. Natürlich bieten sich unter diesen Umständen auch andere, projektorientierte Aufgabenformate an. Dies sei hier aber nur am Rande erwähnt.

9. Emotionale Unterstützung

Neben all diesen Aspekten sollte bedacht werden, dass sowohl analog als auch digital die Beziehungsebene nicht vernachlässigt wird. Das heißt, dass eine Unterstützung stattfinden muss, die über die Klärung von Aufgaben hinausgeht. Das kann beispielsweise auch Video- und Audiobotschaften bedeuten, wichtig bleibt eine emotionale Unterstützung, damit die Strukturierung nicht zu einer Art Technokratie wird, die alles, was nicht mit Aufgaben zu tun hat, in den Hintergrund rückt.

10. Hygienebeauftragte

Aus meiner Perspektive ist auch die personale Änderung Teil der Struktur. Es muss einen Verantwortlichen dafür geben, dass die Hygienebestimmungen beachtet und eingehalten werden. Marc Raschke sprach sogar von einer Struktur wie in Supermärkten, so dass es beispielsweise nur bestimmte Eingänge und Ausgänge gibt, die mit Pfeilen markiert werden. Das Ganze ist eine logistische Anstrengung, könnte aber dafür sorgen, dass Hygieneregeln einfacher eingehalten werden können.

So viel zu den Überlegungen. Ich bin gespannt auf Reaktionen, Ergänzungen und Kritik.

3 KOMMENTARE

  1. Klingt grundsätzlich erst einmal theoretisch stabil, aber ich tue mich schwer damit, mir die Praxis vorzustellen. Nicht, weil es unrealistisch wäre, sondern weil es so von meiner gewohnten Arbeitsweise abweicht. Die Herausforderung ist gigantisch, und ich schreie innerlich nach ordentlichen Fortbildungsangeboten, in denen das überhaupt erst mal vermittelt wird.

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