Dieser Blog besteht nun seit gut 7 Jahren. Er hat sich gewandelt, Themen wurden prominenter, manche fielen weg. Aber eines hat sich nicht geändert: Meine Freude daran, die verschiedenen Bereiche meines Interesses schreibend zu ergründen. Mal, um andere zu inspirieren, mal, um mich selbst zu vergewissern, mal, um ein Thema besser zu durchdringen, mal, um die digitale Vernetzung zu nutzen. Hier sind also schon verschiedene Gründe angedeutet, warum man bloggen kann. Nach einer Frage eines Kollegen versuche ich zu beschreiben, welche Gründe es gibt, als Lehrer*in, aber eben auch als allgemein interessierter Mensch zu bloggen. Weil einige der Ausführungen eben für viele gelten, gelten diese Ausführungen nicht nur für Lehrer*innen. 

Zunächst einmal zu der Ausgangsfrage eines Kollegen aus dem #twitterlehrerzimmer. Da er mir eine private Nachricht schrieb, von der ich noch nicht weiß, ob ich sie – auch anonym – zitieren kann, paraphrasiere ich an dieser Stelle. Sie ging etwa so: Sollte ich bloggen, obwohl ich weiß, dass es viel intelligentere Leute gibt und ich nur einer von tausend wäre? Welchen Mehrwert hat so ein Blog für mich als 08/15 Lehrer?

Für die Beantwortung der Frage und einer Antwort, die einer Unterteilung in irgendeine Elite und 08/15-Lehrer*innen stark widerspricht, vielleicht eine kleine Vorgeschichte.

Wie ich zum Bloggen kam

Bevor ich einen Blog hatte, habe ich im Referendariat lustige Artikel ohne Namen an die Eingangstür gehängt. Die Reaktionen ließen mich daran denken, dass ich doch mal versuchen könnte, „was ins Internet zu schreiben“.

Aber machen wir uns nichts vor: Zunächst einmal interessiert das kein Schwein. Wenn Lehrerinnen oder Lehrer sagen, dass sie Angst hätten, dass man sie findet, kann man getrost sagen: Die Wahrscheinlichkeit ist zunächst sehr viel größer, dass einen eben keiner findet. Und das ist ja völlig in Ordnung. Der Moment, wo man gefunden wird, ist meist jener, wo man schon eine gewisse Schreibroutine oder Expertise hat. Es ist ja nicht so, dass man als Lehrer*in, Unternehmer*in oder Angestellte einen Blog über persönliche Vorlieben unterhält (und selbst wenn: anonyme Blogs, in denen über persönliche Vorlieben in nahezu jedem Lebensbereich geht, gibt es ja wie Sand am Meer.

Der Moment, in dem ich zu einer (dennoch verschwindend geringen) Sichtbarkeit gelangt bin, war jener, in der ich mich mit anderen zusammenschloss, diskutierte und dadurch zu Twitter fand. Das hinterließ verschiedene Eindrücke, die teilweise überraschend, ja sogar erschütternd waren:

  • Es gibt Menschen, die lesen, was ich schreibe!
  • Es kommt also tatsächlich irgendwo an!
  • Im besten Fall schreiben andere, dass sie davon inspiriert, zum Handeln angeleitet oder sonst wie motiviert sind.
  • Menschen antworten.
  • Man entwickelt plötzlich gemeinsam Ideen.
  • Man weckt Interesse.
  • Man bekommt Aufmerksamkeit.
  • Man bekommt eine Stimme.

All diese Aspekte sind gleichsam schön, können aber auch korrumpieren. Denn man bekommt ein Gespür dafür, „was zieht“. Und das kann darin resultieren, dass man an Authentizität verliert. Will sagen: Wenn man etwas schreibt, weil man meint, dass es gut ankommt, schreibt man aus Gründen, die das Schreiben selbst hinfällig werden lassen (nebenbei: Meistens liegt man sowieso falsch. Meine für mich wichtigsten Artikel haben sehr wenige Menschen interessiert, die, die ich nebenbei schreib, gingen plötzlich durch die Decke).

All die oben genannten Aspekte können – und das ist eine Tatsache, der man sich bewusst werden muss – gegen einen verwendet werden. Heißt: Wenn jemand der Meinung ist, man tue etwas nur der Aufmerksamkeit wegen, ist es unmöglich, ihn oder sie vom Gegenteil zu überzeugen. „Beweise, dass mein unsichtbares Einhorn nicht existiert.“ Diese Form des Widerhalls bekommt man aber erst spät, insofern sollte man sich nicht zu früh Gedanken dazu machen.

Warum bloggen?

Egal welchen der folgenden Gründe man für sich findet, alle sind gut, alle sind richtig, alle sind es wert, dass man ins kalte Wasser springt. Der Fragepartikel ist aber wichtig, denn es gibt auch Gründe, die die falschen sind:

Wer

  • denkt, bloggen zu müssen, weil er sich genötigt sieht,
  • damit Aufmerksamkeit erzeugen will, ohne zu wissen für welche Sache,
  • Probleme damit hat, öffentlich auf Kritik einzugehen,
  • oder in erster Linie Geld verdienen will,

der kann zwar durchaus beginnen, eröffnet damit aber viele Möglichkeiten des „Scheiterns“. Wer seinen eigenen Grund kennt, kann nicht scheitern, weil es nicht um Erfolg, Ansehen oder Reichweite geht, sondern um persönliche Gründe. Diese werden hier nun skizziert.

Working out loud

Working out loud bezeichnet ein Konzept der Arbeit, in der es (auch) darum geht, dass man andere am Prozess der Arbeit teilhaben lässt. Das hat auch mit dem Netzwerken zu tun, dass später noch eine Rolle spielen wird. Beim Bloggen kann dieses WOL bedeuten, dass man durch Rückmeldungen, Impulse und Anmerkungen wertvolle Neuigkeiten für seine eigene Arbeit beziehen kann.

Verfestigung der Gedanken

Heinrich von Kleist nennt einen Aufsatz „Über die allmähliche Verfestigung der Gedanken beim Reden.“ Der Artikel wird bzw. wurde in der Aufsatzdidaktik genutzt, um Schülerinnen und Schülern zu erklären, inwiefern ein Essay noch kein feststehendes Gebilde ist, dass einem Schema folgt, sondern eine Art Schmetterlingsflug. Auch das ist ein valider Grund, aus dem man Bloggen kann. So wie dieser Artikel hier, den ich schreibe, ohne dass ich eine Struktur festgelegt hätte (wobei mein Gehirn da anders funktioniert; meine Artikel sind meist fertig, bevor ich sie schreibe), festigen sich die Gedanken schreibend. Es gibt wenige objektive Gründe dafür, eine Zusammenfassung des Faust zu schreiben, wie ich es hier tat. Für mich war es eine Übung, denn eine Zusammenfassung kann man nur schreiben, wenn man eigene Schwerpunkte setzt. Kurz: Man lernt.

Teilhabe

In gewisser Weise sind beide vorherigen Artikel dann, wenn sie anderen zuteil werden, schon eine Form der Teilhabe, eine Form der Gemeinschaftlichkeit und Referentialität, wie Felix Stalder sie in seiner „Kultur der Digitalität“ beschreibt. Denn man wird – so oder so – vom Rezipient zum Produzenten. Ob eine Art der „Wirkung“ erzielt wird oder nicht, ist dabei zunächst einmal nicht von Belang. Der Akt des Mitwirken allein sorgt schon für eine andere Sicht auf die Dinge. Man ist nicht ohnmächtig, sondern bekommt eine Stimme. Das ist einer der Gründe, warum ich (unter anderem) immer wieder mit Schülerinnen und Schülern meines Kurses blogge. 

Verständnis für die digitale Kultur

Auch wenn es nun abstrakter wird: Durch das Bloggen erlangt man Verständnis für die digitale Kultur. Und zwar von allen Seiten (und ja: natürlich nur dann, wenn die Sichtbarkeit Prozesse in Gang setzt). Konkret kann das bedeuten, ein Gefühl dafür zu bekommen, wie es ist, wenn ein Beitrag vielfach geteilt wird (man kann beobachten, dass jene, die mit dem Bloggen beginnen, nach einer ersten solchen Erfahrung wie manisch weiterschreiben. Kein Wunder: Die Erfahrung der eigenen Wirksamkeit gibt es sonst nur bei zwischenmenschlichen Beziehungen. Das kann bedeuten, wie verletzlich man sich fühlt, wenn etwas, in das man Arbeit gesteckt hat, kritisiert wird (je größer die Arbeit, je größer die Verwundbarkeit; der erste Verriss meines ersten Buches machte mir wirklich zu schaffen; aber das legt sich).

Verständnis über sich selbst

Auch wenn es sich ein wenig pathetisch anhört. Blogs sind auch Reflexionsinstrumente, in denen man sich selbst kennenlernt. In der Reaktion auf Reaktionen. Beim Schreibprozess. Beim Prozess der Verarbeitung. Bei der Gestaltung der Artikel. Bei der Veröffentlichung. Schreiben ist sowieso eine Auseinandersetzung mit den eigenen Ansichten und Fähigkeiten. Diese Auseinandersetzung wird zusätzlich gefördert und gefordert, je mehr man in einer Diskussion, einem Diskurs verhaftet ist. Die quasi objektive, zumindest aber objektivierbare Sicht auf sich selbst (im Sinne eines nachprüfbaren Prozesses) kann erhellend und schmerzhaft sein. Sicher aber gewinnbringend für die eigene Entwicklung.

Vernetzung

Aus meiner Sicht ist die aktive Vernetzung aus den Foren in Social-Media übergegangen. Das hat Vor- und Nachteile. In den Anfangsjahren des Bloggens hätte ich die Forumsgespräche wohl als wichtigen Vorteil herausgehoben. Aus verschiedenen Gründen verlagerten sich diese Gespräche über die Jahre in Social-Media. Das bedeutete für die Auseinandersetzungen meistens Intensität, aber auch Kurzlebigkeit. Für mich ist es immer wieder erstaunlich, meinen ersten wirksamen Blogartikel über „Die Versager im Staatsdienst“ unter Berücksichtigung der Veränderungen der Zeit nachlesen zu können. Das ist mittlerweile schwerer möglich, weil die Threads auf Twitter auf Grund der Kürze und der vielfachen Teilung einen konkreten Nachvollzug erschweren.
Dennoch: Die nachhaltige Vernetzung ist immer noch einen Grund dafür, warum man einen Blog starten kann.

Konsequenzen

Ohne diesen Blog würde ich keine Bücher schreiben. Ich würde nicht zu Podiumsdiskussionen eingeladen. Ich würde keine Keynotes halten und keine Workshops geben. Ich würde sehr viel weniger sehr wunderbare Menschen kennen und sehr viel weniger über jene Menschen wissen, die meine Gedanken nicht teilen.

Aber das sind Konsequenzen. Man kann, so behaupte ich mal, keinen Blog starten, weil man ein Buch schreiben will. Das ist das Was, die Konsequenz (an alle, die hier den Urheber der Gedanken erkennen: Ja, ich lese gerade Sinek) ergibt sich daraus, dass man zuvor einen eigenen Grund hat, warum man etwas tut und in dem Tun darin besser, reflektierter, wissender wird. Und selbst wenn nicht: Die oben genannten Gründe sollten ja zeigen, dass es nicht um das Erreichen eines Ziels, sondern um einen Prozess geht, den man selbst steuern kann.

Fazit

Zunächst einmal eine Warnung: Wir alle neigen meines Erachtens zu sehr dazu, uns klein zu machen. Es gibt keine 08/15-Lehrer. Oder anders: Jeder kann etwas, was jemand anderes nicht kann. Und manchmal denkt man, dass etwas so klein ist, dass es gar nicht beachtet werden wird, und plötzlich kommt jemand um die Ecke und umarmt einen (virtuell) für die tolle Idee.

Ich komme nun nicht damit an, dass jeder gleich talentiert ist, das meine ich nicht. Aber jeder, der schonmal in einem zufälligen Gespräch mit einem Kollegen etwas mitbekommen hat, dass er dann einbauen konnte, weiß, dass manchmal kleiste Impulse große Auswirkungen haben. Nur dass beim Bloggen nicht nur der Kollege oder die Kollegin in der Kaffeeküche davon Wind bekommt, sondern vielleicht 7, vielleicht 20, vielleicht 100 oder vielleicht 80.000 Menschen.

Es gibt sehr viele Gründe, warum es sich lohnt zu bloggen. Wer sich nicht sicher ist, der sollte einfach mal damit beginnen, seine Gedanken „ins Internet zu schreiben“. Das habe ich damals jedenfalls gemacht und alles, was danach kam,  war – nicht immer, aber meistens –  sehr unfassbar schön.

4 KOMMENTARE

  1. Vermutlich bloggen die meisten LehrerInnen nicht, weil sie kein Bedürfnis haben, sich im Internet übers Persönliche (SMS = Short Message Services) hinaus mitzuteilen. Sie haben quasi kein Sendungsbewusstsein – zumindest nicht, was die/ihre Schule angeht. Vorallem wollen sie nicht, dass ihr Tun im Internet abgebildet wird. Das bedeutet, dass es beim Bloggen und im weiteren Sinne in den asozialen Medien nicht um die Sache, sondern um die Personen geht. Aussagen wie: „Es gibt sehr viele Gründe, warum es sich lohnt zu bloggen.“ reichen einfach nicht.

  2. Nach meiner mit selbst erlegten Blogpause muss ich zugeben, dass sich in der Zeit ein paar Mechanismen in die Blogging-Welt eingeschlichen haben, die ich bislang so noch nicht kannte. Zum Beispiel, dass die Diskussion über Artikel in der Regel über Twitter und nicht auf dem Blog selbst stattfinden. Das finde ich persönlich sehr schade, weil so die Diskussion abgeschottet stattfindet und viele, die nicht bei Twitter sind, vieles gar nicht mitbekommen. Das war vor vier Jahren meines Erachtens nach ganz anders. Naja, man lernt immer wieder dazu.

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