Im Leistungskurs Deutsch bereiten sich die Schüler*innen anhand ihrer eigenen Schwerpunktthemen auf das Abitur vor. An dieser Stelle kann man eine Interpretation der Schülerin Sophia R. lesen, be der ich mich herzlich für die Bereitstellung bedanke. 

Anmerkung

Aus meiner Sicht ist die Interpretation – neben methodischer und formaler Korrektheit – besonders aufgrund der detaillierten Deutung auf den darauf folgenden Schlussfolgerungen auf der anderen Seite sehr gut gelungen. Die Interpretation wird mit Einverständnis der Schülerin zur Verfügung gestellt, die so mit Ihrer Arbeit nicht nur weiter üben, sondern das Lernen von anderen unterstützen kann.

Weitere Kurzprosainterpretationen

Sibylle Berg „Nacht“ 

Edgar Polgar „Auf dem Balkon“

Günter Kundert „Das Bild der Schlacht am Isonzo“ 

Interpretation der Kurzgeschichte

Die Kurzgeschichte „Kompakt“ von Gabriele Wohmann aus dem Jahr 1993 thematisiert die verheerenden Folgen von gestörter Kommunikation, welche durch Neid, Gleichgültigkeit und Unverantwortlichkeit ausgelöst wird.

Die Kurzgeschichte kann in 4 Sinnesabschnitte gegliedert werden. Im ersten Abschnitt (Z. 1-15) werden drei Frauen, Meline, Susan und Lore beschrieben, die mittags bei glühender Hitze am Strand liegen. Sie unterhalten sich flüchtig über ihre vier Kinder, wobei Susan bemerkt, das eines fehlt. Im zweiten Abschnitt (Z. 16-20) findet ein Orts- und Perspektivenwechsel statt. Aus Sicht der Kinder wird deren Spielen am Strand beschrieben, besonders eingegangen wird darauf auf die Gefühle des Jungen Mickey, dem es nicht gut geht. Der dritte Abschnitt (Z. 21-22) ist erneut aus der Perspektive der Frauen, in der Susan feststellt, dass eines der Mädchen, Evchen, fehlt. Im letzten Abschnitt (Z. 22-28) erfährt man aus Sicht der Kinder, dass diese einen Sandberg gebaut haben, in dessen Inneren sich das verschwundene Evchen befindet.

Die Kurzgeschichte ist in einer Er/Sie-Erzählung geschrieben und weist Züge eines auktorialen Erzählenden auf. So werden die Gedanken und Gefühle der Figuren beschrieben, beispielsweise die des Jungen Fred: „Mickey war ein Angeber, fand Fred.“ (Z. 17); „Er hatte auf einmal Angst, wovor?“ (Z. 19).

Es lassen sich aber auch Hinweise auf einen neutralen Erzählenden erkennen, so ist das Verhalten zunächst beobachtend und distanziert zum Geschehen (vgl. Z. 1-4) und der Erzählende weiß nicht alles über die Handlung (vgl. Z. 19).

Die Kurzgeschichte beginnt in medias res mit einer Aussage von Susan, einer der drei Frauen (vgl. Z. 1). Dabei wird Susan als die „amerikanische Kusine“ (Z. 1) beschrieben, was die Verwandtschaftsverhältnisse der Frauen deutlich macht. Sie sind einerseits miteinander verwandt, werden aber geographisch und kulturell voneinander abgegrenzt, was wiederum zum entstehenden Zwang und damit der gestörten Kommunikation führt. Susans Aussage „Das Meer ist fast grün“ (Z. 1) ist einerseits ein Versuch, ein Gespräch mit den anderen anzufangen und andererseits wird durch die Beschreibung des Meeres als grün, also mit der Farbe der Hoffnung, eben jene Hoffnung auf ein Gespräch geäußert. Dass diese Hoffnung von den anderen beiden zunichte gemacht wird, wird durch die abweisenden Antworten „Wie gestern“ (Z. 1) und „Langweilig langweilig“ (Z. 2) verdeutlicht. Lore und Meline äußern beide ihr Desinteresse und lassen keine Möglichkeit auf eine Kommunikation zu, sondern empfinden die Aussage Susans als unwichtig und störend. Diese unangenehme Stimmung spiegelt sich auch in der Beschreibung der Zeit und des Wetters wider: „Es war gegen zwei und zu heiß“ (Z. 2). Die Hitze führt zu der angespannten Atmosphäre, es ist, als koche die Stimmung zwischen den Frauen, trotz, dass sie im „Schattenparallelogramm“ (Z. 3) liegen. Die mathematische Form des Parallelogramms lässt sich auf die gestörte Kommunikation der Frauen übertragen, so sind sie zwar in gewisser Weise durch ihre Verwandtschaft verbunden, wie die parallelen Seiten, können aber nicht miteinander kommunizieren, was die Verzerrtheit der geometrischen Figur zeigt. Außerdem zeigt der Schatten nach Norden (vgl. Z. 3), wo die Sonne bekanntlich nie zu sehen ist. Die von Susan geäußerten Hoffnungen auf ein beginnendes Gespräch werden so symbolhaft erneut zunichte gemacht und vom Neid und Desinteresse der beiden anderen überschattet. Das unangenehme Gefühl (vgl. Z. 2) spricht auch Meline an (vgl. Z. 4), fehlinterpretiert dieses aber und bezieht es auf die Kinder (vgl. Z. 4) statt auf die angespannte und problematische Kommunikation. Trotzdem versucht Susan erneut auf Melines Aussage zu reagieren (vgl. Z. 4), was allerdings durch den Ärger und Neid auf Susans gute Laune unterbunden wird (vgl. Z. 5). Hier lässt sich also erneut die gestörte Kommunikation durch Neid auf Andersartigkeit erkennen. Dass Lore dieses Problem jedoch nicht sehen möchte, zeigt sich daran, dass sie die Augen schließt (vgl. Z. 5/6), sie verschließt sich also vor der unmittelbaren Realität. Auch Meline kann das Problem nicht sehen, da sie zwar auf das Meer schaut, beim Lesen jedoch eindöst (vgl. Z. 6ff.). Dabei erkennt sie zwar die Kinder beim Spielen, ist sich aber nicht sicher, ob nicht eines fehlt: „sie zählte (…) nur drei“ (Z. 7).  Es ist ihr aber offensichtlich gleichgültig, denn sie liest einfach weiter (vgl. Z. 8). Dies zeigt ihre Unverantwortlichkeit und ihre Distanz zur Realität, was auch durch ihr nicht Weiterkommen verdeutlicht wird (vgl. Z. 7). Als Susan dann aber erkennt, dass es tatsächlich nur drei Kinder sind (vgl. Z. 8), erkennt man auch Lores Gleichgültigkeit in der nonverbalen Kommunikation: „Lore seufzte.“ (Z. 9). Außerdem erkennt man auch Lores Distanz zur Realität, da sie in einer Art Tagtraum an den „Abschiedsku(ss)“ (Z. 10) zurückdenkt. Da es Lore nicht gut geht, seit sie dort ist (vgl. Z. 9), zeigt sich eine gewisse Zwangshandlung, die allerdings auch mit persönlichen eventuellen Beziehungsproblemen Lores, die schon länger bestehen (vgl. Z. 10), einher geht. Genau wie Meline, kommt auch sie nicht weiter, was durch die „Hitze, die sich gleich blieb.“ (Z. 10) verdeutlicht wird. Der Neid und unterschwellige Hass der Frauen nicht nur auf Susan sondern auch aufeinander, zeigt sich an Melines Genugtuung, als sie Lores Krampfader betrachtet (vgl. Z. 12). Sie erfreut sich an den Mäkeln anderer, statt sich mit ihren eigenen Problemen auseinanderzusetzen und schürt so den Neid und die Gefälligkeit zwischen den Frauen.

Wieder scheitert die Kommunikation, als Susan ernste Befürchtungen und fast schon Vorahnungen äußert (vgl. Z. 13) und Lore direkt abblockt und sich über das Wetter beschwert (vgl. Z. 13f.). Sie wünscht sich Regen, möchte also die unerträgliche, jedoch selbstverschuldete Anspannung loswerden. Dass die fehlende Kommunikation aber genau der Grund dafür ist, zeigt sich am unangenehmen Schweißgeschmack auf ihrer „sandigen Zunge“ (Z. 14f.).

In diesem ersten Abschnitt wird also direkt klar, dass die scheiternde Kommunikation Folge von Neid und Gleichgültigkeit ist, die sich in Unverantwortlichkeit gegenüber den eigenen Kindern zeigt. Die aufbauende Spannung durch Susans sich wiederholende Sorgen, dass eines der Kinder fehle, erzeugt eine unangenehme Stimmung, die sich im Inhalt der Kurzgeschichte widerspiegelt. Außerdem fällt auf, dass in diesem ersten Abschnitt überwiegend negativ behaftete Verben, wie „ärgerten“ (Z. 5), „starrte“ (Z. 6) oder „wälzte“ (Z. 11) in Bezug auf Meline und Lore vorkommen, was deren negativen Gefühle betont.

Im Zuge des Perspektivenwechsels findet auch ein Ortswechsel statt und das Geschehen wird nun aus Sicht der Kinder erlebt. Die Gefühle der Kinder ähneln sich denen der Erwachsenen, so findet Fred, dass Mickey ein Angeber sei (vgl. Z. 17), da dieser ihn herumkommandiert (vgl. Z. 16). Noch ist unklar, was die beiden bauen, aber während Mickey Stolz darauf ist (vgl. Z. 17), geht es Fred zunehmend schlechter (vgl. Z. 17f.). Freds moralische Bedenken, ob das denn überhaupt gut für ihn sei (vgl. Z. 17f.) äußern sich in physischen Schmerzen, die er sich durch die überstandene Krankheit „Scharlach“ erklärt (vgl. Z. 18). Obwohl Fred also weiß, dass es nicht richtig ist, was er und Mickey tun, schiebt er den Instinkt zur Seite und versucht das Gefühl rational zu erklären, wie es von Eltern oft getan wird, wenn Kinder physische Schmerzen durch psychologische Ursachen erleiden. In Freds Fall, bekommt er sogar „Angst“ (Z. 19). Durch die rhetorische Frage „wovor?“ (Z. 19) wird zusätzliche Spannung und Ungewissheit erzeugt. Diese werden jedoch nicht aufgelöst, sondern durch die Intervention durch Mickeys „Stoß“ (Z. 19) abgeschüttelt und durch aktive Anstrengung (vgl. Z. 20) ignoriert. Dass Fred diese Gefühle jedoch nicht richtig loswerden kann, zeigt sich an seiner Unfähigkeit zu sehen (vgl. Z. 20). Hier lassen sich Parallelen zu Lore ziehen, die ihre Augen vor der Realität verschließt (vgl. Z. 5f.). Auch Fred kann die Wahrheit unmittelbar vor ihm nicht erkennen, im Unterschied zu Lore geschieht das allerdings nicht durch sein eigenes Handeln, sondern durch das Zutun anderer, hierbei durch die Erziehung und das Blockieren seiner moralischen Bedenken. Während Lore sich also aktiv von der Realität distanziert, wird Fred durch Fremdeinwirkung entfernt und kann deshalb nicht verstehen, was passiert.

Der erneute Perspektivenwechsel lässt die Spannung zum Höhepunkt kommen. Susan erkennt, dass tatsächlich ein Kind fehlt, nämlich „das Evchen“ (Z. 21). Obwohl sie Lore und Meline direkt anspricht (vgl. Z. 21) und sogar aufsteht, werden die beiden anderen erneut von ihrem Neid geblendet und die Kommunikation scheitert aufs Neue (vgl. Z. 22). Sogar als die unmittelbare Gefahr deutlich angesprochen wird und Susan sich direkt an die anderen Frauen wendet, sie mit dem Vornamen anspricht, reagieren die Frauen mit Gleichgültigkeit und sind nur auf das „Gesicht“ (Z. 22) Susans fokussiert, welches die beiden durch das bloße Aussehen in Rage versetzt. Lore und Meline sind durch ihre Eifersucht so weit entfernt von der Realität, dass diese sich in Unverantwortlichkeit gegenüber ihren eigenen Kindern äußert, wovon eines verschwunden ist.

Der nächste und letzte Wechsel macht deutlich, was die Kinder gebaut haben, nämlich einen „kompakt(en)“ Berg (Z. 23) mit einem zuverlässigen Fundament (vgl. Z. 24). Die Beschreibung des Berges ist zusätzlich eine Vorahnung auf das Ende, durch die Personifizierung: „Auf dem Gipfel eine Mütze aus Tang“ (Z. 24), sowie die außergewöhnliche Beschreibung des Fundaments (vgl. Z. 24) wird klar, was die Kinder tatsächlich gebaut haben. Endgültig aufgelöst wird das Ganze dann durch Babette, die sich über die „zwei Bösewichter“ (Z. 26) beschwert und viel lieber mit Evchen spielen würde, die sich allerdings im Innern des Sandberges befindet (vgl. Z. 27).

Durch das Fertigstellen des Berges sind alle Zweifel und Sorgen Freds verschwunden, und er fühlt „sich wieder wohler“ (Z. 24f.). Er ist jetzt auch „eifrig“ (Z. 25) mit von der Partie, was wohl an Mickeys mitreißender Begeisterung liegt. Lediglich Babette, die zuvor nicht erwähnt wird, ist „niedergeschlagen“ (Z. 26). Zwar geht es sowohl Fred als auch Babette nicht gut, sie sind aber beide eher am eigenen Wohlbefinden interessiert, als an Evchens. Fred, weil er Schmerzen hat und Babette, weil sie niemanden zum Spielen hat. Dieser Egoismus hat große Ähnlichkeit mit dem der Frauen, also den Eltern, die den Kindern diese schlechten Eigenschaften vorgelebt und beigebracht haben, ohne die Konsequenzen zu sehen. Auch die Frage „Wie lang war´s noch bis zur Flut?“ (Z. 27f.) verdeutlicht die Gleichgültigkeit und Unfähigkeit die Konsequenzen des eigenen Handelns abzuschätzen, denn die Flut wird Evchens Tod bringen. Das Evchen, symbolhaft für die „begrabene“ Kommunikation, und die Kinder als Abbild ihrer Eltern machen die verheerenden Folgen deren Gleichgültigkeit und Unverantwortlichkeit deutlich. Statt das Problem, entstanden durch Neid und Missgunst, offen anzusprechen, werden Schmerzen und Bedenken beiseite geschoben und die Kommunikation scheitert. Obwohl durch Susan ständig versucht wird, das Problem anzusprechen, wird sie ignoriert und die Spannung aufrechterhalten. Diese Spannung wird durch die ständigen Perspektivwechsel verstärkt und auch die letzten drei Abschnitte sind Vorahnungen auf das Unglück am Ende.

Der Titel „Kompakt“ der Kurzgeschichte spiegelt die Form wider: Sie ist kurz und knapp. Aber auch der Berg wird als „kompakt“ (Z. 23) beschrieben, was die Festigkeit und Verdichtung der letztlich gescheiterten Kommunikation induziert und es somit bereits von Beginn an unmöglich macht, das Problem zu lösen.

Die Kurzgeschichte von Gabriele Wohmann fällt in eine Zeit, in der in Deutschland gesellschaftlich viel passierte. Mit dem Fall der Mauer kamen große Veränderungen auf die Menschen zu, was einerseits für viel Freude, andererseits auch für viel Hass und Neid sorgte. Gerade andersartige Kulturen, wurden als suspekt und verdächtig angesehen, aber gerade Amerikaner:innen für ihren Fortschritt und Einfluss in der Welt bewundert und beneidet. Diese Kurzgeschichte zeigt allerdings, dass Missgunst verheerende Folgen haben kann. Nicht nur die gestörte Kommunikation ist ein Problem, auch der ständige Zwang und die Distanz zur Realität führen zum unverantwortlichen Handeln der Eltern, welches sich auf die Kinder überträgt. All das Unglück hätte verhindert werden können, wenn die Frauen hinter ihre negativen Gefühle geschaut und die Realität wahrgenommen hätten. Stattdessen werden sie von ihrer Gehässigkeit geleitet und scheitern in ihrer Rolle als Erziehungsberechtigte.

Es ist zwar nicht immer leicht, seine Gefühle zu unterdrücken und miteinander zu kommunizieren, sobald es allerdings um die eigenen Kinder geht, ist es notwendig richtig und verantwortlich zu handeln und dabei eben gegebenenfalls Dinge zu tun, die unangenehm sind, denn was für Folgen es hat, dies nicht zu tun, wird in dieser Kurzgeschichte deutlich gemacht.

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