Liest man die Stimmen der Kultusminister bezüglich der nicht bestehenden Konzepte für Schulen, kommt man mittlerweile nicht mehr daran vorbei, diese Aussagen als fahrlässig zu bezeichnen. Im Deckmantel der Phrase „Bildung als höchstes Gut“ wird hier mehr Vertrauen verspielt, als die Verantwortlichen ahnen. Und die Wut wird größer. Ein Kommentar. 

Für Lehrerinnen und Lehrer gibt es zahlreiche Situationen, in denen diese Ruhe und Gelassenheit bewahren müssen. Ein Allgemeinplatz. Dies ist beispielsweise dann der Fall, wenn Schüler*innen darauf beharren, dass ein Thema nicht im Internet zu finden ist. Also gar nicht. Die Beschränktheit dieser Sicht ist offensichtlich: Wenn man zu einer Frage oder einem Gegenstand nichts findet, dann liegt das meist an der Frage oder daran, wie man nach dem Gegenstand sucht. So ganz nebenbei verdeutlicht das auch, wie wichtig Vorwissen ist – man denke an das Matthäus-Prinzip. Umgedreht könnte dies heißen: Man kann nichts googeln, von dem man nicht weiß, dass es existiert.

Jungen Lernenden kann ein solcher Fauxpas verziehen werden. Mehr noch: Solcherlei Probleme verdeutlichen eher, dass scheinbar basale medienbezogene Handlungen geübt werden müssen. Dass aber die Kultusminister dieselben Probleme zu haben scheinen, ist nicht nur erstaunlich, sondern mittlerweile fahrlässig.

Wir erinnern uns: Damals, im März 2020, als die Schulen noch aufgrund von Inzidenzwerten schlossen, bei denen man sie nun fröhlich wieder öffnen würde – wahrscheinlich ohne Maske und Abstandsgebot – damals also hatten die Schulen nur wenige Tage Zeit, Konzepte, Technik und didaktische Fortbildungen für digitalen Fernunterricht zu gestalten. Das dauerte übrigens auch deshalb so lange, weil der vom Bund verabschiedete Digitalpakt erst Ende 2019 auf den Weg gebracht wurde und dann mit einer solche bürokratischen Hürde versehen wurde, dass alleine die zu gehenden Schritte meist Monate dauerten – und dauern.

Innerhalb dieser wenigen Tage wurde viel, aber natürlich nicht alles erreicht. Über die unterschiedlichen Voraussetzungen der Schulen wurde schon viel geschrieben und gesprochen. Aber, und das ist der Punkt, seitdem gibt es im Netz unzählige Ideen für digitalen Fernunterricht, für Hybridunterricht und für alles, was dazwischen ist. Und es sind keine Ideen, die eben mal so aus den Ärmeln der Pädagogen geschüttelt worden sind. Es sind Ideen, die praktisch erprobt und umgesetzt wurden. Und die funktioniert haben. Aber nicht nur in Solingen wurde eher ein Disziplinarverfahren gegen den Schulleiter ausgesprochen, der trotz Verbots zu Hybridunterricht übergehen wollte, um seine Schüler*innen zu schützen, als sich genau mit den Ideen zu befassen.

Dass diverse Zeitungen nun Übersichten erstellen müssen, damit man als Normalsterblicher versteht, für welches Land in der Schulpolitik nun was gilt, ist vor dem Hintergrund eines gemeinsam beschlossenen Lockdowns eigentlich schon nicht mehr vermittelbar. Den Vogel abschießen tun aber jene Länder wie Baden-Württemberg und Bayern, die explizit auf digitalen Fernunterricht verzichten.

Während in Baden-Württemberg die Schülerinnen und Schüler, die nicht in die Notbetreuung gehen (müssen) nun Ferien haben (gestern fragte ein Schüler mich: Herr Blume, warum haben wir denn keinen digitalen Fernunterricht? Es ging doch gut bei uns), werden in Bayern die Lehrerinnen und Lehrer dazu verdammt PDF zu verteilen.

So wird aus digitalem Fernunterricht tatsächlich Homeschooling.

Und was meint ihr denn, liebe Bildungspolitiker*innen, wer am Ende dafür verantwortlich gemacht wird? Die Eltern wundern sich jetzt schon wieder, wieso Lehrerinnen und Lehrer wieder Aufgaben herumschicken, anstatt multimedial zu arbeiten. Weil viele nicht wissen: Wir, die Lehrer*innen, müssen. Und nicht nur das.

Die Konzepte, von denen oben die Rede ist, werden einfach ignoriert. Seit Monaten!

Nun ist es nicht so, dass ich persönlich der Verblendung unterliege, zu glauben, das mittlerweile doch einer größeren Öffentlichkeit bekanntere Twitterlehrerzimmer und dessen zahlreiche Ideen seien so in der Mitte der Gesellschaft angekommen, dass gleich alles bekannt wäre. Aber es ist ja nicht einmal nur das geschehen. Experten aus dem Bereich der digitalen Bildung haben schon längst mit den Ländern zusammengearbeitet. Auf deren Auftrag.

Warum wurden diese Experten konsultiert?

Und warum wurden nicht mehr befragt?

Und warum haben sich in diesem Jahr so viele Schulen um Cloud-Systeme gekümmert?

Warum haben Administratoren alles gegeben?

Warum haben Lehrerinnen und Lehrer sich fortgebildet?

Warum sollen Dienstgeräte kommen?

Warum sollen Schülerinnen und Schüler digital fit gemacht werden?

Warum?
Wenn am Ende all das gar nicht genutzt werden darf? Wenn am Ende die Präsenz, die zweifellos in Zeiten, in denen keine potenziell tödliche Pandemie wütet, wichtig für das Lernen sein kann, zum goldenen Kalb erhoben wird.

Und dann gibt es tatsächlich Kultusministerinnen, die sagen, eine längerfristige Planung sei „leider nicht möglich“. Und so laufen wir von Planlosigkeit zu Planlosigkeit. Es ist absehbar, dass am 10. Januar wieder eine kurzfristige Lösung gefunden werden muss, die die Schulleitungen Deutschlands an die Grenze der Belastbarkeit bringen wird. Und die dafür sorgen wird, dass immer mehr Kolleginnen und Kollegen nicht mehr können. Nicht. Mehr. Können!

Und während des Lüftens, dort, wo die Fenster funktionieren, hören wir uns an, dass alles sei deshalb so, weil die Bildung das höchste Gut sei. Ja? Ist es das? Wieso fehlen dann seit Jahren die Gelder? Und wieso werden die Experten aus diesem Umfeld nicht gehört?

Habt ihr denn, liebe Kultusministerinnen und Kultusminister, nicht mal gegoogelt? Ihr hättet so vieles finden können, um die Situation zu verbessern.

12 KOMMENTARE

  1. Lieber Bob,

    Du bringst es wieder einmal genau auf den Punkt.
    In #Berlin sieht es leider auch nicht anders aus, auch hier sind die Kollegen am verzweifeln.
    https://grosty.de/
    Liebe Grüße aus Berlin. Ich wünsche Euch ein wunderschönes Weihnachtsfet und einen gute Rutsch ins Neue Jah.
    Bleibt gesund und passt auf Euch auf.

    Martina Grosty

  2. Danke für den Beitrag! Gerade in dieser Situation ist es wichtig für Lehrer, die sich seit Jahren um neue Konzepte bemüht haben, dass diese auch wahrgenommen werden.
    Wenn schon nicht von den Kultusministern, so doch zumindest in der interessierten Öffentlichkeit. Zwar hat der Trickle-down-Effekt von Reich zu Arm nicht funktioniert, aber Informationen verbreiten sich schneller als Geld verteilt wird. Und dann …

  3. Ach es wäre doch zu schön, wenn so ein Beitrag einmal Gehör bei unseren Politikern finden würde.

    Bei unserer Landesregierung (BW) sehe ich da leider keinerlei Hoffnung.
    Wir fahren mit Vollgas gegen die Wand. Und hinterher betrauern wir dann die vielen Verletzten und Toten. Hätte man ja unmöglich kommen sehen können! Die Gefahr hat sich nicht Monate vorher schon angekündigt. Einen anderen, sicheren und gut durchdachten Weg zu nehmen – unmöglich.
    Ich bin sauer, frustriert und in Sorge.
    Selbst an einer Grundschule tätig und völlig „ausgeliefert“. Einer Landesregierung die gefühlt immer alles besser weiß als alle anderen und dann – trotzig wie ein kleines Kind – mit dem Fuß aufstampft und um sich schlägt.

  4. Danke für den Kommentar, er spricht mir aus dem Herzen! Es ist echt frustrierend, dass trotz ordentlicher Reichweite und umfangreicher Erfahrung und Kompetenz viele Stimmen dennoch von den Verantwortlichen nicht wahrgenommen werden und seitens KMK kein Dialog angestrebt wird. Sie wollen ihre „Komfortzone“ einfach nicht verlassen, sie müssen ja ihr Büro im Winter nicht alle 20 Minuten lüften.

    Aber man darf nicht aufgeben!!! Vielleicht eine Petition starten mit diesen und weiteren Forderungen: https://twitter.com/ClaudiusC/status/1337878288778338317 ?!

    Ein #twitterlehrerzimmer Manifest verfassen – mit der Stellungsnahmeforderung von KMK?
    Und noch besser – ein „geflippter“ runder Tisch mit Bildungsministern und je einem Lehrer pro Bundesland mit einem erfolgreich umgesetzten Konzept in der Tasche, was man mulitplizieren könnte…

    Prominente Mitstreiter, Lehrer- und Elternverbände ins Boot holen und noch lauter werden?

    Im Januar darf es nicht genauso weiter gehen!

  5. Lieber Bob,
    danke!
    Im März hast du mich in einer Fobi des FriedrichVerlags gecatcht. Ich probierte vieles aus. Hatte wieder Spaß. Leider schaffte es meine SL mich mit Vorgaben und Verboten nicht zum ersten Mal zu demotivieren.
    Mittlerweile mache ich aus vielen Gründen Dienst nach Vorschrift und habe einen Versetzungsantrag gestellt.
    Es offenbart sich aktuell an den meisten Stellen die desaströse Kompetenzfreiheit im Handlungsfeld der Bildungsverantwortung, neben den SL v.a. die KM.
    Bedauerlich für die SuS. Ich werde lernen müssen, damit umzugehen u mich dann als Erwachsene zu arrangieren. Die SuS sind diesem System ausgeliefert.
    Ich. Kann. Nicht. Mehr.

    Gruß aus Hesssen-bleibt alle gesund!
    Cordula
    Meine Töchter sind zum Glück schon fast durch!

  6. Lieber Bob,
    auch ich wünsche diesem Kommentar Reichweite in verschiedene Richtungen. Vielleicht lässt sich so argumentativ Rückenwind dafür gewinnen, dass in konkreter pädagogischen Praxis stehende Menschen (Leherinnen, Erzieher usw.) in einen ernsthaften Dialog mit verantwortlichen Entscheidungsträgern treten können, und zwar so dass praxistaugliche und praxiskundige Ergebnisse entstehen.
    Die Pandemie bringt vermutlich deswegen die Institutionen der Bildungsbürokratie ins Wanken, weil sich dieses Virus als externer Faktor nicht mit administrativ erlernten Methoden wegsimulieren lässt. Vielleicht lässt sich deswegen jetzt besonders viel darüber lernen, wie Schulen und Bildungsprozesse gemanaget (realiter: verwaltet) werden. Schluss mit einem einseitig auf hierarchische Muster festgelegten Organisationsmodell. Sind Planwirtschaften nicht daran gescheitert, dass der verordnete Plan vor der Eigenwilligkeit von Wirklichkeit kapitulieren musste? Inzidenzwerte sind offenkundig nicht aus dem gleichen luftigen und beliebig lüftbaren Stoff wie manche in prozessbezogenen Kompetenzen implizierte Leitperspektiven (vgl. dafür http://www.bildungsplaene-bw.de/,Lde/LS/BP2016BW/ALLG/LP). Bildung als lebendiger Prozess, und eben nicht der ministerielle Wille oder bürokratische Planungsfantasien sollten das mehrfach zitierte höchste Gut sein.
    SL

  7. Ein sehr wertvoller und wichtiger Beitrag, der den Finger in die Wunde legt. Die Bildungspolitik in Deutschland ist eine besondere, da wir hier ein seltsames Gemisch aus Behördenmentalität, Sicherheitsdenken und mangelnder Flexibilität haben, welches Innovation erstickt und sich gerade in Krisenzeiten als unpraktikabel erweist. In diesem Land wird gerne verwaltet und geordnet, gerade auf offizieller Ebene. Gestaltung, Mut, schnelle Reaktion und Innovation scheint viele Minister/innen in ihren Büros zu überfordern. Der neue Beitrag über das Referendariat (20.12.) auf diesem Blog ist ein guter Beleg für diese Unfähigkeit.
    Daher habe ich leider auch nur wenig Hoffnung, dass sich die Situation zum 10.1. signifikant verbessert. Wir werden wohl oder übel bis zum Ende der Pandemie uns „durchwurschteln“ müssen.

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