Sprechen wir ersteinmal über das Offensichtliche. Ich bin weder Journalist, noch bin ich Wissenschaftler. Das heißt für mich, dass ich die Ausführungen des Leopoldina-Gutachtens nur und ausschließlich aus Sicht eines Lehrers beurteilen kann. Und auch hier gibt es Unwägbarkeiten: Denn wie schon die Diskussionen um die unterschiedlichen technischen Voraussetzungen in Schulen gezeigt haben, sind in einem föderalen System auch hier die Unterschiede gravierend. Dennoch erlaube ich mir einen kurzen Kommentar, der einige Tweets, die gerade eine hohe Aufmerksamkeit erfahren in einen größeren Kontext zu bringen. 

Medienperspektiven

Soweit ich das beurteilen kann, sind auch die Schlüsse, die große Medienhäuser nach dem Leopoldina-Gutachten gezogen haben, stark verkürzt. Der Spiegel spricht von einem „konkreten Fahrplan“ und spricht von einer „baldigen Rückkehr an die Schulen.“Diese Rückschlüsse werden wiederum gelobt. Forschungsministerin Anja Karliczek nennt die Empfehlungen eine „exzellente Beratungsgrundlage“. Allerdings fügt sie hinzu: Oberstes Ziel bleibe, die Ansteckungsgefahr zu reduzieren und Risikogruppen zu schützen.

Wunschdenken

Kommen wir zu einer weiteren, hoffentlich offensichtlichen Tatsache: Als Lehrer würde ich mir (und würden auch viele meiner Kolleg*innen) sich nichts mehr wünschen, als dass die Schulen wieder öffnen können. Nicht nur, dass ich ganz einfach meine eigentliche Arbeit vermisse, in der es zuvorderst um den Umgang mit jungen Menschen geht und nicht um eine „Stoffvermittlung“, die ja in der Tat auch via Fernunterricht übermittelt werden könnte. Zudem ist es schlicht so, dass sich die Bildungsungerechtigkeit durch den digitalen Unterricht verstärkt, weil schlicht nicht alle Schüler*innen dieselben Mittel zur Verfügung haben. Und dies gilt nicht nur für die technische Ausstattung, sondern auch Arbeitsplätze oder schlicht Zeit, in der man sich ohne Ablenkung (weil die Eltern im Homeoffice sind oder man auf die Geschwister aufpassen muss) auf das Lernen konzentrieren kann. Auch die emotionale Unterstützung kann nicht immer gewährleistet werden. Sollten die Schulen also so schnell wie möglich wieder öffnen? Ja! Aber die Betonung liegt hier auf dem Möglichen.

Ein überspitzer Tweet

Sowohl bei dem obigen Tweet als auch bei jenem, der im Folgenden zitiert wird, geht es um diese Möglichkeitsform.

Es ist weder ein „Bashing“ der Expertengruppe und ihren Empfehlungen, noch zeigt es, wie es mir unter anderem in einem Kommentar vorgeworfen worden ist, um eine Aussage, mit der ich zeige, dass ich die Kinder nicht respektieren oder ihnen nichts zutrauen würde. Das Gegenteil ist der Fall: Ich traue unseren Kindern und Jugendlichen sehr viel zu. Aber unter welchen Bedingungen hilft dieses Zutrauen?

Kinder sind Kinder sind Kinder. Jeder von uns, der sich mal darauf konzentriert hat, wie schwer es ist, sich nichts ins Gesicht zu fassen, weiß, wie viel Aufmerksamkeit, Willen und Konzentration das erfordert. Und das über den ganzen Tag von jungen Menschen zu fordern, ist, aus meiner Sicht, einfach unrealistisch. Würden diese Regeln einfach so angewandt werden können, dann hätten wir keine Probleme mehr mit Läusen. Oder Unterrichtsstörungen. Oder Hausaufgaben.

Textschnipsel des Gutachtens

Insgesamt zeigt sich also, dass die Reaktionen lediglich darauf hinweisen, dass die Empfehlungen im Kontext von Schule problematisch sind. Zumindest dann, wenn man wie der Spiegel eine rasche Rückkehr in die Schule darauf ableitet. 

Die Autoren der Studie sahen sich jedoch nach dem enormen Echo aus Medien und Zivilgesellschaft dazu benötigt, ihrerseits offensichtliche Hinweise zum Verständnis zu geben.

Dort heißt es unter anderem, dass

„die rasche Eindämmung der Ausbreitung der Pandemie weiterhin höchste Priorität haben müsse.“

Und:

„Voraussetzung für eine solche allmähliche Lockerung sei, so die Stellungnahme, dass sich die Neuinfektionen auf einem niedrigen Niveau stabilisieren, das Gesundheitssystem nicht überlastet wird (…)“.

Zudem heißt es in der ersten Ad-hoc-Stellungnahme (auch unter dem Link zu erreichen):

„Es deutet sich an, dass zum jetzigen Zeitpunkt ein deutschlandweiter temporärer „Shutdown“ (ca. 3 Wochen) mit konsequenter räumlicher Distanzierung aus wissenschaftlicher Sicht empfehlenswert ist.“

Bildungsbereich

Das Problem ergibt sich aus der Empfehlung, die für den Bildungsbereich von der Tagesschau wie folgt zusammengefasst wird:

  • Bildungsbereich schrittweise öffnen: „Im Bildungsbereich hat die Krise zum massiven Rückgang der Betreuungs-, Lehr- und Lernleistungen sowie zur Verschärfung sozialer Ungleichheit geführt.“ Da die Jüngeren stärker betreut werden müssen, sollten zuerst die Grundschulen und die Sekundarstufe I wiedereröffnet werden. Später sollen dann höhere Klassen folgen, die bis dahin noch (teilweise) aus der Ferne unterrichtet werden wollen. Nach Möglichkeit sollen auch Prüfungen stattfinden.

Dazu gibt es weitere Empfehlungen zur Erweiterung des Fernunterrichts und Möglichkeiten, diesen weiterzuführen.

Schlussfolgerung

Das grundsätzliche Problem, das sich an dem Gutachten zeigt, sind meines Erachtens die vielen Variablen, die ich in dem überspitzten Ausgangstweet versucht habe, auf den Punkt zu bringen. Grundsätzlich sind wohl alle einig, dass es immens wichtig ist, dass Schüler*innen weiter lernen müssen, und zwar unabhängig davon, welche technischen, räumlichen und zeitlichen Ressourcen sie haben.

Das große Aber ist jedoch: Wenn selbst eine schrittweise Öffnung bedeutet, dass die grundsätzlichen Prioritäten nicht gewährleistet werden können, in dem Fall nämlich die in dem Gutachten angemahnte räumliche Distanzierung (sowohl im ÖPNV als auch in den Klassenräumen und überall da, wo Kinder Kinder und Jugendliche Jugendliche sind und schlicht nicht dran denken, es vergessen oder kurz unaufmerksam sind), wie kann diese Öffnung dann geschehen?

Natürlich sollte es also weitergehen. Wenn dies nicht bedeutet, dass Menschenleben gefährdet sind. Und nur dann. Und wer kann garantieren, dass dies nicht geschieht? Hier bin ich wie so viele andere überfragt.

1 KOMMENTAR

  1. Die Schlüsse, die viele Medien in ihren Headlines aus den Empfehlungen der Leopoldina ziehen, sind falsch. Es sind Denkanstöße, es wird nicht „gefordert“. Wir müssen darauf hoffen, dass die Politik das richtig liest.
    Ich finde den „Wie ich Leopoldina verstehe“-Tweet perfekt. So meinen die das. Und wir „Insider“ a.k.a. Lehrkräfte wissen, wie weit die Bedingungen für eine Öffnung von der Realität und vom Möglichen abweichen. Wir wissen, dass kleinere Kinder mehr Begleitung brauchen, aber eben auch, dass man sie nicht mit Masken mit 2m Abstand mit 14 anderen in einen Klassenraum setzen kann mit der Erwartung, sie würden so lernen können. Wir sind uns der Ungerechtigleiten in Ausstattung und Unterstützung im Elternhaus bewusst, die durch „Fernlehren“ zementiert werden, und wünschen uns deshalb, unseren Beruf wieder „live“ ausüben zu können, um die Anwesenden bestmöglich zu fördern.
    Die Ziele sind klar, die Wege nicht.
    Nach wie vor sehe ich Abschlussklassen der Sek I (nicht der Grundschulen, die Kinder sind ja schon längst an der weiterführenden Schule angemeldet) und die Oberstufenkurse noch am ehesten als Zielgruppe weiterer Gedanken. Abschlüsse, Qualifikation fürs Abi – das muss in irgendeiner Form möglich gemacht werden. Einheitlich. Fair.

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